Unterricht beginnt, Lehrermangel bleibt – Frust an Schulen in Baden-Württemberg

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STUTTGART. Die Schule geht in Baden-Württtemberg erst in knapp zwei Wochen wieder los. Die Debatten starten schon jetzt wieder. Vielerorts fehlen auch in diesem Jahr Lehrer. Verbände sprechen von einem wachsenden Frust an den Schulen. Kultusministerin Eisenmann beruft sich auf Versäumnisse der Vergangenheit.

Zunehmend unter Druck: Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann. Foto: Kultusminsterium Baden-Württemberg

Der Lehrermangel ist auch im neuen Schuljahr das bestimmende Thema an den Schulen. Die Landeschefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Doro Moritz, sagt: «Der Lehrermangel bereitet Schulleitungen und Lehrkräften die größten Sorgen.» Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) beklagte, es könne höchstens der Pflichtunterricht abgedeckt werden. Das Kultusministerium räumte Probleme bei der Besetzung von Stellen ein, wies die Verantwortung dafür aber von sich. Es verwies auf Fehlplanungen der Vergangenheit.

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Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sagte, auch im aktuellen Jahr sei die Lage auf dem Bewerbermarkt angespannt. «Wir suchen noch Lehrkräfte für die Grundschulen, gerne auch Gymnasiallehrkräfte, aber auch Lehrerinnen und Lehrer für weiterführende Schulen in weniger gut versorgten Regionen.» Wiederholt hatte Eisenmann die grün-rote Vorgängerregierung für die Probleme verantwortlich gemacht. Wie viele Lehrer jetzt fehlen, ließ die Ministerin wegen der derzeit noch laufenden Einstellungsverfahren zunächst offen. Am Donnerstag (5.9.) will sie in Stuttgart den aktuellen Stand der Dinge präsentieren.

Für rund 1,5 Millionen Schüler an den öffentlichen und privaten, den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen im Südwesten beginnt am 11. September der Unterricht wieder. Nach vorläufigen Zahlen sind darunter im neuen Schuljahr, das rein formal betrachtet schon seit dem 1. August läuft, rund 94 000 Schulanfänger. Wann genau ihr erster Schultag ist, entscheiden die Schulen aber selbst – das Land macht da keine Vorgaben. Viele Schulen legten den Einschulungstag in diesem Jahr auf den Samstag (7.9.), damit möglichst viele Eltern teilnehmen könnten. Im Südwesten unterrichten nach letzten Zahlen des Ministeriums aus dem Juli 109 323 Lehrer an öffentlichen und privaten Schulen.

Der Vorsitzende des Landeselternbeirats, Carsten Rees, meinte, vor allem den Grundschulen gehe es richtig schlecht. Mit ihrer finanziellen Ausstattung stünden sie mit dem Rücken zur Wand. Wenn dort Unterricht ausfalle, falle dies nicht so deutlich auf, weil die Kinder nicht einfach nach Hause geschickt werden könnten und sie irgendwie mitbetreut würden. Nach den Worten des Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft (Arge) der Elternbeiräte in Stuttgart, Michael Mattig-Gerlach, steht weiter eine Klage von Eltern gegen das Land Baden-Württemberg wegen der Unterrichtsausfälle im Raum – hier geht es aber um die Gymnasien. Die Entscheidung, ob Eltern vor Gericht ziehen wollen, soll nach seien Worten im November fallen.

Eisenmann ist auch Spitzenkandidatin der CDU zur Landtagswahl 2021. Mit Spannung wird erwartet, wie viele zusätzliche Lehrerstellen sie bei den grün-schwarzen Verhandlungen über den Doppeletat für die Jahre 2020/21 rausschlagen kann. Beantragt hat sie mindestens 1080 zusätzliche Stellen. Sie begründete die Zahl vor den Sommerferien unter anderem mit dem laufenden Ausbau der Ganztagsschule, des Ethikunterrichts und der Informatik. Zudem hängt der Ausgang von grün-schwarzen Streitthemen vor allem auch am Geld. Dazu zählt die versprochene Entlastung von Schulleitern und die ebenfalls zugesagte Förderung von flexiblen Ganztagsangeboten an den Schulen.

Nach Angaben des Ministeriums waren Ende Juli 217 Schulleiterstellen in Baden-Württemberg vakant. In rund 70 Fällen sei zu dem Zeitpunkt aber schon ein Besetzungsverfahren gelaufen. Es gibt im Südwesten rund 4500 öffentliche Schulen. Nach einer im Oktober 2018 veröffentlichten Statistik der Kultusministerkonferenz hat Baden-Württemberg voraussichtlich noch bis zum Jahr 2022 mit einem Lehrermangel zu kämpfen. Das betrifft vor allem die Grundschulen.

GEW-Chefin Moritz geht die Behebung der Mängel nicht schnell genug. Sie kritisierte: «Seit zwei Jahren hat die Kultusministerin ein Konzept zur Stärkung von Schulleitungen versprochen.» Jetzt starteten die Schulleitungen in die Vorbereitungen für das neue Schuljahr. «Sie sind frustriert, dass die dringend notwendige Unterstützung durch ihren Arbeitgeber weiter ausbleibt.» Auch der VBE berichtete von einer gewissen Resignation unter Lehrern. Sie seien von der Politik enttäuscht, weil Versprechen nicht eingehalten worden seien. So sei das versprochene Zwei-Pädagogen-Prinzip in inklusiven Klassen für die meisten Schulen in weiter Ferne. (dpa)

Lehrermangel: Deutscher Lehrerverband rechnet aktuell mit 15.000 unbesetzten Stellen

Neuerungen im neuen Schuljahr in Baden-Württemberg

STUTTGART. Im neuen Schuljahr, das rein formal betrachtet schon seit dem 1. August läuft, gibt es einige Neuerungen – mit unterschiedlich großen Auswirkungen für die Schüler:

NEUE OBERSTUFE: Die neue Oberstufe an den Gymnasien geht an den Start. Es wird künftig zwischen Leistungsfächern mit fünf Wochenstunden und Basisfächern mit zwei bis drei Wochenstunden unterschieden. Zwei der drei Leistungsfächer müssen Deutsch, Mathematik, eine Fremdsprache oder eine Naturwissenschaft sein. Auch bei der Zusammensetzung der Basisfächer gibt es Vorgaben.

FACH ETHIK: Wer nicht am Religionsunterricht teilnehmen will, muss den Ethikunterricht besuchen – wenn es ihn denn gibt. Das Land baut ihn nach und nach aus. Jetzt wird das Fach auf die Klassen 7 an den weiterführenden Schulen sowie den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren ausgeweitet. Bisher gibt es Ethik an den Gymnasien ab Klasse 7 und allen anderen weiterführenden Schulen ab Klasse 8.

FACH INFORMATIK: Es wird das Wahlfach Informatik an den Haupt-, Werkreal- und Realschulen eingeführt, den die Schüler in den Klassen 8 bis 10 freiwillig belegen können. Das Wahlfach knüpft an den bereits existierenden Aufbaukurs Informatik in der Klasse 7 an. An allen weiterführenden Schulen gibt es zudem bereits in der Klasse 5 den verpflichtenden Basiskurs Medienbildung.

ABSCHLUSSPRÜFUNG HAUPTSCHULNIVEAU: Die Schüler der Hauptschulen, Werkrealschulen, Realschulen und Gemeinschaftsschulen legen nach der Klasse 9 oder 10 zum neuen Schuljahr die Hauptschulabschlussprüfung nach einer neuen Prüfungsordnung ab. Die Prüfung ist dann abgestimmt mit dem neuen Bildungsplan.

DEMOKRATIEBILDUNG: Ein Leitfaden tritt in Kraft, der Lehrer bei der Vermittlung des Themas Demokratie unterstützen soll. Der Leitfaden stellt etwa kompakt dar, welche Bedeutung die Verfassungsprinzipien im Grundgesetz für ein freies und gerechtes Zusammenleben haben und welche Beteiligungschancen es in einer Demokratie gibt.

ISLAMISCHER RELIGIONSUNTERRICHT: Der islamische Religionsunterricht läuft im neuen Schuljahr in einer neuen Organisationsform. Bislang war er ein Modellprojekt – jetzt läuft er unter dem Dach einer Stiftung des öffentlichen Rechts, an der zwei von vier islamischen Verbänden beteiligt sind. Für die rund 6000 Schüler dieses Faches wird sich aber praktisch nichts ändern. (dpa)

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9 KOMMENTARE

    • Allerdings glaube ich nicht, dass Sie viele Studenten finden, die den Job danach in Vollzeit für 3000€ brutto machen würden. Dafür sind die Bedingungen zu schlecht.

    • Ein dreijähriges Duales Studium schließt mit einem Bachelor-Degree ab. Entsprechend der Eingruppierungsregel führt das zu einer A9-Besoldung (Stufe 2 rd. 2700 EUR) bzw. zu einer Anstellug zu E9a Stufe 1 (rd.2900 EUR). Die genannten beträge sind Brutto-Beträge ohne Zulagen. Wer glaubt, dafür Personal an Grundschulen und Schulen der sekI zu bekommen, zieht sich vermutlich auch die Hose mit der Kneifzange an.

      Dann sollte man lieber pädagogische Fachwirte ausbilden, also staatlich anerkannte Erzieher mit Schmalspurfachbesohlung in Deutsch und Mathematik, die gibt es zu A8/E8. Das wird dann nicht wirklich preiswerter – aber in jedem Fall billiger. Noch besser – die gesamte schulische Bildung bis Klasse 10 wird in die Ausbildungsbetriebe verlagert. Kindergarten bzw. vorschulische Bildung bis zum 8. Lebensjahr, dansch berufliche Vorbereitung in Rechtschreibung, Lesen und Rechnen bis zum 14. lebensjahr, zwei jahre berufliche Grundausbildung und anschließend Start der fachspezifischen Berufsausbildung. Kann allerdings nur funktionieren, wenn wieder “lehrgeld” an die Unternehmen gezahlt wird. Weil ohne zusätzliche Einnahmen, machen die auch keinen Finger krumm.

  1. Ich bin nicht für den Vorschlag des Krokodilstreichlers, weise aber darauf hin, dass in der DDR die Lehrer nicht gut bezahlt wurden (sie klagten zu meiner Schulzeit gelegentlich darüber und dann gab es kurz vor “Schluss” mal eine signifikante Erhöhung), jedenfalls hatte die DDR trotzdem keinen Lehrermangel und andere Länder, wo Lehrer deutlich schlechter verdienen, auch nicht.

    Ich denke, die meisten suchen sich ihren Beruf eben nicht nur aus, weil sie damit reich werden können – gerade auch die meisten Lehrer nicht. Es gibt solche auch, natürlich, aber eigentlich sehe ich dir gar nicht so gerne im Lehrerberuf. Was sollen das für Vorbilder für unsere Kinder und Jugendlichen sein.

    Die Vorstellung, die ich nicht unterstütze, ließe sich auch schwerlich durchsetzen, denn wir hätten dann ja in den Kollegien “Altausgebildete” mit super Verdienst und “Neuausgebildete” mit deutlich weniger. Schon jetzt herrscht großer Unmut, wenn die einen als Beamte einige hundert Euro mehr bekommen als die anderen als Angestellte (siehe auch A-13-Debatte). Oder man müsste ja Gehälter aller senken. Welche Partei will damit Wahlen gewinnen? 🙂

    • Das System mit Altverträgen und Neuverträgen zu deutlich schlechteren Bedingungen ist im Journalismus gang und gäbe. Die Neuen, mit Masterabschluss verdienen locker bis zu 1000 Euro weniger als die Altgedienten, die noch nichtmal ein Studium absolvieren mussten. Ich denke, dass wir das wirklich nicht wollen. Die Unterschiede zur Zeit in der Lehrerbesoldung sind schon schlimm genug. Und die Arbeitsbedingungen sind übrigens nicht nur im Lehrerberuf unterirdisch. Es ist insgesamt eine Katastrophe. In viel zu vielen Berufen sind die Leute desillusioniert, teilweise inzwischen demotiviert.

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