Ein Drittel der Lehrer leidet unter Schlafstörungen – Schlafforscher warnt vor den Folgen

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KLINGENMÜNSTER. Fünf Millionen Menschen in Deutschland klagen über Schlafstörungen – darunter überdurchschnittlich viele Lehrer. Das ist ein großes Problem für die Betroffenen, betont Hans-Günter Weeß. Denn: „Der Schlaf ist das wichtigste Reparaturprogramm des Menschen.“ Weeß muss es wissen: Er ist Schlafforscher. Und als solcher beobachtet er bedenkliche Entwicklungen auch schon in den Kinderzimmern. 

«Nichts ist schlimmer, als das Gedankenkarussell nicht stoppen zu können»: Schlaflosigkeit ist ein ernstes Problem. Foto: Shutterstock

Hans-Günter Weeß hat einen Traumjob – wortwörtlich. Als Leiter des Interdisziplinären Schlafzentrums in Klingenmünster (Pfalz) analysiert der 56-Jährige, was nachts im Kopf anderer Menschen vor sich geht. Dazu klebt er Patienten kleine Plättchenelektroden an die Stirn und misst Hirnströme, Muskelspannung und Augenbewegung. Sein Ziel: ungestörte Nachtruhe für gestresste Geister. Warum sich mancher angespannt im Bett wälze, sei oft nicht leicht zu sagen, sagt Weeß. «Der Schlaf ist für die Forschung im Vergleich zu anderen Krankheitsbildern immer noch eine Black Box.»

Die Schlafforschung boomt. Als das Schlafzentrum am Pfalzklinikum 1989 öffnete, war es erst das 13. Schlaflabor, das von der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) zertifiziert wurde. «Heute gibt es mehr als 300 – plus rund 350 ohne Zertifikat», schildert Weeß. Längst ist Schlaf ein Wirtschaftsfaktor.

Wer unter Störungen leidet, greift oft zu Pillen, Fitnessarmbändern oder Spezialmatratzen. Weltweit habe das Geschäft mit Schlafhilfen laut US-Marktforschern zuletzt rund 70 Milliarden US-Dollar (etwa 63 Mrd. Euro) Umsatz gebracht, berichtete der SWR im vergangenen Jahr.

Lange habe die Medizin den Schlaf quasi verschlafen, sagt Weeß. Die Forschung habe angenommen, im Schlaf fahre der Körper alle Systeme herunter, und das sei eher uninteressant. «Heute wissen wir, dass der Schlaf ein hochaktiver Prozess und das wichtigste Reparaturprogramm des Menschen ist.» Schlafstörungen wurden kaum gründlich untersucht.

«Heute zählen wir etwa 80 Formen von Schlafstörungen, von Schnarchen über unruhigen Beinen bis Schlafwandeln.» Patienten seien schon beim Schlafwandeln aus dem Fenster gesprungen oder Auto gefahren. «Es gibt Menschen, die gehen aus Angst vor Alpträumen voller Furcht zu Bett.»

Lehrerinnen und Lehrer klagen besonders häufig über Schlafstörungen

Schätzungen zufolge klagen fünf Millionen Menschen in Deutschland über Ein- und Durchschlafstörungen. Einer Erhebung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin ergab, dass Lehrerinnen und Lehrer besonders häufig über Schlafstörungen klagen – nämlich 35 Prozent. In Klingenmünster suchen der Psychologe Weeß und sein Team nach den Ursachen. Jeder Patient wird verkabelt und erhält ein Einzelzimmer, das durch je zwei Türen schallgedämpft ist. Insgesamt zwölf Betten stehen zur Verfügung – ein wenig wirkt der Betrieb mit Rezeption gar wie ein kleines Hotel.

Im Analyseraum laufen die Ergebnisse der Kopfmessungen als farbige Zackenlinien über einen Bildschirm. Ein weiterer Monitor zeigt ein Kamerabild aus dem Schlafzimmer. Wie unruhig schläft der Patient?

«Grundsätzlich gibt es zwei große Fehler», sagt Weeß. Erstens: Sorgen mit ins Bett nehmen. «Nichts ist schlimmer, als das Gedankenkarussell nicht stoppen zu können.» Zweitens: Druck. «Wer schlafen will, bleibt wach. Je mehr er sich auf Schlaf fokussiert, desto mehr führt es zur Schlaflosigkeit. Es gibt Menschen, die können allein aus dem Grund nicht schlafen, weil sie Angst haben, nicht schlafen zu können.»

Noch etwas stört Weeß: «Wir sind zur Non-Stopp-Gesellschaft geworden. Immer mehr arbeiten im Schichtdienst oder lesen nachts Mails. Kinder gehen heute mit dem Smartphone statt mit dem Kuscheltier ins Bett.»

Ähnlich sieht es der DGSM-Vorstandsvorsitzende Peter Young. Wie viel Schlaf ein Mensch brauche, sei individuell verschieden und genetisch festgelegt, sagt der Neurologe. Die einen brauchen fünf, andere zehn Stunden. «Dieser Bedarf verändert sich im Alter nicht zwangsläufig», betont Young. Wenn jemand länger wach liege oder gar nicht einschlafen könne, sei vermutlich etwas nicht in Ordnung.

Für viele Schüler ist ein Unterrichtsbeginn um 8 Uhr zu früh

«Genetisch gesehen gibt es unter den Schläfern sozusagen Lerchen und Eulen», sagt Weeß – also Menschen, die von ihrer inneren Uhr her eher früh oder spät aufstehen. Viel schlafen gelte in der Gesellschaft aber als Faulheit – das würden Sprichwörter wie «Morgenstund hat Gold im Mund» und «Der frühe Vogel fängt den Wurm» zeigen. «Wir bräuchten jedoch eine neue Schlafkultur – nur wer ausgeschlafen ist, kann Leistung bringen.» Für viele Jugendliche sei ein Unterrichtsbeginn um 8.00 Uhr zu früh. Für manche Lehrer womöglich auch.

«Klausuren sollten nicht vor 10.00 Uhr geschrieben werden, damit auch Jugendliche, die früh morgens genetisch bedingt noch nicht richtig wach sind, die gleichen Chancen haben», unterstreicht der Buchautor («Schlaf wirkt Wunder») vom Pfalzklinikum in Klingenmünster.

Was ist nun der beste Gang in den Schlaf? «Es gibt nicht die eine Methode. Viele Wege führen nach Rom», sagt Weeß, der aus der Nähe von Heilbronn (Baden-Württemberg) stammt. «Der eine unternimmt abends im Kopf Fantasiereisen, der andere schreibt sich die Dinge im Tagebuch von der Seele.» Es erstaune ihn immer wieder, wie wenig die meisten Menschen über gutes Schlafverhalten wüssten. «Ich plädiere schon lange dafür, das Thema bereits im Biologieunterricht unterzubringen.»

Für Schlafforschung hat Weeß sich schon beim Studium in Landau interessiert. Wo schläft er selbst am besten? Vor dem Fernseher? «Da schläft tatsächlich ganz Deutschland am besten, obwohl es hell und laut ist», sagt der 56-Jährige und lacht. Die Aufmerksamkeit sei dann auf «ein wenig stimulierendes Ereignis» gerichtet, zudem grüble der Zuschauer nicht, was eine schlafförderliche Entspannung hervorrufe. «Empfehlen kann ich es trotzdem nicht», meint Weeß. «Vor dieser Geräuschkulisse ist der Schlaf nicht tief und wenig erholsam.» Von Wolfgang Jung, dpa

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