Corona-Ferien? Von wegen: Zwei Dritteln der Lehrer bringt der Fernunterricht keine Entlastung – im Gegenteil

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ERUFRT. Durch den wochenlangen Heimunterricht während der Corona-Pandemie werden nach Ansicht der Lehrer vor allem leistungsschwache Schüler weiter abgehängt. Besonders bei Schülern mit geringeren Schulleistungen, mit einem Elternhaus, in dem Deutsch nicht Muttersprache ist, und für Kinder mit Förderbedarf werden deutliche Probleme erwartet, wie eine Umfrage der Universitäten Erfurt und Jena bei Lehrern in Thüringen ergab. Entgegen dem Vorurteil, dass Lehrer durch den Fernunterricht weniger zu tun hätten, ergab die Studie: Zwei Drittel arbeiten mindestens genauso viel wie vorher.

Fernunterricht von zu Hause aus ist für viele Lehrkräfte mit großem Einsatz verbunden. Foto: Shutterstock

Für die am Mittwoch veröffentlichte Studie wurden Thüringer Lehrer in allen Schulamtsbezirken und über alle Schularten hinweg befragt. Daran haben sich mehr als 1200 Pädagogen vom 30. März bis 5. April beteiligt.

Die meisten von ihnen befürchten wachsende Leistungsunterschiede zwischen ihren Schülern. Demnach stimmten zwei Drittel der Aussage «Die Leistungsunterschiede zwischen meinen Schüler*innen werden sich durch den Distanzunterricht vergrößern» deutlich zu; 22,5 Prozent stimmten «teils-teils» zu, nur knapp jeder Neunte (10,8 Prozent) beurteilte die Aussage mit «trifft nicht/kaum zu». Die Lehrer wünschten sich, nach dem Neustart des Unterrichts an den Schulen, solche Defizite adressieren zu können, erklärten die Autoren der Studie, Benjamin Dreer und Bärbel Kracke.

Trennung vom Privatleben fällt vielen Lehrern schwer

Eine generell höhere Belastung der Lehrer durch den Fernunterricht konnten die Wissenschaftler nicht feststellen – in Einzelfällen aber schon. Zum Arbeitsaufwand ergab die Befragung, dass etwa jeder dritte Lehrer weniger arbeitet als vor den Schulschließungen, knapp jeder Vierte (23,5 Prozent) gab an, mehr zu arbeiten; knapp 43 Prozent arbeiten so viel wie vorher. Rund die Hälfte der Befragten gaben außerdem an, dass es ihnen durch die Distanzbetreuung schwerfällt, die Arbeit als Lehrkraft von ihrem Privatleben zu trennen.

„Die Befragung zeigt, dass Lehrer*innen grundsätzlich verschiedene Kontakte während der Schulschließungen pflegten. Eine Minderheit hat weder zu Schüler*innen, noch zu dem Kollegium oder der Schulleitung Kontakt gehabt. Mehr als die Hälfte (60%) der Lehrkräfte stand in einer Woche drei bis fünf Mal in Kontakt zu den Schüler*innen. Mit dem Kollegium wird genauso häufig Kontakt gehalten“, so heißt es in der Studie.

Nach Angaben der Wissenschaftler nutzen Thüringer Lehrer auch beim Fernunterricht vor allem klassische Arbeitsmittel wie Bücher und Arbeitshefte sowie digitale Standardangebote von Verlagen. Den Kontakt mit Schülern halten sie vor allem per E-Mail oder telefonisch; Video- und Audio-Chats spielten eine weit geringere Rolle. Mehr als die Hälfte der Lehrer gab demnach an, drei bis fünf Mal pro Woche in Kontakt mit den Schülern zu stehen.

Viele Lehrer sind den Herausforderungen gegenüber aufgeschlossen

Die Schließung der Schulen habe in vielen Fällen eine «Digitalisierung über Nacht» bedeutet, hieß es. Mehr als jeder vierte Lehrer (27,5 Prozent) bezeichnete die Digitalkultur an seiner Schule als eher gering ausgeprägt; etwa die Hälfte beurteilte sie als mittelmäßig und 22,5 Prozent sprachen von einer ausgeprägten Digitalkultur. Nach Ansicht vieler Lehrer müssen die Digitalisierung beschleunigt und mehr Fortbildungen hierzu angeboten werden.

„Ein großer Teil der befragten Thüringer Lehrer*innen ist der aktuellen Situation und den damit verbundenen Herausforderungen gegenüber aufgeschlossen und bereit, auch bislang unbekannte digitale Werkzeuge auszuprobieren sowie die eigenen Kompetenzen weiterzuentwickeln“, so heißt es in der Studie, „Es gibt aber auch Lehrer*innen, die sich gegenwärtig stärker zeitlich gefordert und belastet fühlen, insbesondere, wenn sie nicht über die notwendigen Voraussetzungen für die digitale Distanzbetreuung (Kompetenzen, Technik und Software) verfügen.“ News4teachers / mit Material der dpa

Hier geht es zur kompletten Studie.

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

 

Fernunterricht läuft weiter – und unter Eltern reift die Erkenntnis, dass das Unterrichten potenziell unwilliger Schüler ein ganz schön harter Job ist

 

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6 KOMMENTARE

  1. Diese Entwicklung der Benachteiligung von Schülern aus den Risikogruppen war von vorn herein real vorstellbar.
    Man muss auch bei allen politischen Entscheidungen berücksichtigen, dass Kinder und Lehrer nicht zur Risikogruppe gehören, so keine Zivilisationskrankheiten ernährungs- und bewegungsbedingt erworben wurden oder ein Rauchverhalten diese Erkrankungen in ihrer Entwicklung beschleunigt hat.

    • Ach so! 100.000sende Lehrer gehören pauschal nicht zur Risikogruppe, es sei denn sie sind natürlich selbst schuld. Hervorragende Ferndiagnose. Wie war das eigentlich noch mit einem gewissen ärztlichen Ethos? Der scheint dem Zeitgeist geschuldet verloren gegangen zu sein….

  2. Nur kurz dazu: Samstag+ Sonntag, austragen der neuen Lernpakete. Montag: Elterngespräche am Telefon, Lösungen für die Kinder per email, Schülergespräche an der Haustür, Onlinefortbildung am Ipad, Brief von der SL zur möglichst schnellen Einarbeitung in ein Videokonferenzportal (ohne Fachwissen – bin nur verzweifelter Anwender, kein Informatiker). Versuch das ganze zu lernen und anzuwenden …kostet mich drei Tage und viele Nerven. Meinen Sohn (9), muss ich völlig missachten, um die Ansprüche von SL, Eltern und Schule zu erfüllen. Seit den Tagen vor der Schulschließung bis heute, arbeite ich (mit einem 3/4 Deputat) so viele Extrastunden (inklusive Notversorgung in den Osterferien), und habe das Gefühl nicht zu wissen wohin es geht… Ich vermisse die täglichen Routine, den Unterricht und vor allem meine Schüler. Meine Kinder leiden unter den Umständen, vor allem die fehlendem Kontakte zu Freunden machen zu schaffen.
    Aufgrund so vieler unterschiedlicher Nachrichten zu Corona bin ich verunsichert, wie gefährlich es denn nun wirklich ist.
    Ich finde es nicht weiter schlimm, viel zu arbeiten, denn ich habe keine Geldsorgen und bin (noch) gesund. Doch ich möchte wissen in welche Richtung es geht.

  3. Aber geil auch:
    Die Befragten äußerten, dass sie sehr viel tun….. Hahahahaha, das würd ich auch sagen…
    Am härtesten tun mir die Kollegen leid, die allen Ernstes versuchen, die hier in Berlin herrschende laissez-faire und Wegkuckpolitik aufzufangen und sich dabei voll verausgaben. Wir haben hier keine Struktur, keine Unterstützung und ne Menge gefährlicher Anregungen à la „benutzt mal zoom“.
    Eine Kollegin hat rechtlichen Stress, weil sie die Eltern in nem CC- Verteiler und nicht in nem BCC-Verteiler organisiert hat und alle sichtbar waren, was wohl den Datenschutz verletzt. Ein Kollege hat auf einer von der Schule so halb empfohlenen Plattform Videokonferenzen gemacht, bis beim Matheunterricht mit seiner 5. Klasse jemand von außen nen Porno abgespielt hat – Anzeige…

  4. Die Arbeit als Lehrer in Corona-Zeiten ist deutlich aufwändiger als im Regelbetrieb. Ich muss ja alles korrigieren, was die Schüler von mir an Aufgaben bekommen, denn Rückmeldung wird gefordert. Viele haben zu Hause keinen Computer oder Tablet oder Laptop. nur ein Smartphone, fotografieren ihre Aufgaben damit und schicken sie mir per E-Mail. Das kann man oft kaum lesen. Ich korrigiere sie und sende sie wieder ans Smartphone. Wie die Schüler das dann auf dem kleinen Smartphone lesen sollen, das ist eine Herausforderung. Manche Schüler haben nicht einmal ein Smartphone, denen muss ich die Aufgaben per Post schicken oder hinfahren und in den Briefkasten stecken.

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