Lorz: „Nullrisiko kann es nicht geben“ – Schulschließungen weiter möglich

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WIESBADEN. Fünf Monate nach Beginn der coronabedingten Zwangspause sollen die Schulen in Hessen Mitte August zu einem weitgehend regulären Präsenzunterricht zurückkehren. Dies gelte für alle Kinder und Jugendlichen zu Beginn des neuen Schuljahres, wie Kultusminister Alexander Lorz (CDU) am Dienstag in Wiesbaden ankündigte. Im Unterricht soll das Abstandsgebot dann nicht mehr gelten. Dafür gilt dann wieder die – bis zu den Sommerferien ausgesetzte – Schulbesuchspflicht.

Beruft sich auf „medizinische Empfehlungen“: Hessens Kultusminister Alexander Lorz. Foto: HKM/ Patrick Liste

«Wir gehen diesen Schritt aus Überzeugung – wohlwissend, dass es ein Nullrisiko nicht geben kann und dass im Bedarfsfall lokal oder auch flächendeckend erneut Einschränkungen erforderlich werden können», erklärte der Minister. Er berief sich auf „medizinische Empfehlungen“ (ohne zu erwähnen, dass diese durchaus umstritten sind – hier berichten wir ausführlich darüber) sowie die Ergebnisse einer Konzeptgruppe, in der Vertreter von Schülern, Eltern, Lehrern, Ministerium und Schulämtern mitgearbeitet hätten.

Schüler halten sich mit großem Ernst an die Corona-Regeln

Seit Wiederaufnahme des Unterrichts in Hessen nach der coronabedingten Zwangspause, die Mitte März begonnen hatte, sind die Schüler abwechselnd in kleineren Gruppen unterrichtet worden. In den Grundschulen hat bereits am 22. Juni wieder normaler Präsenzunterricht begonnen, allerdings können die Eltern bislang noch selbst entscheiden, ob ihr Kind zur Schule geht oder zuhause lernt. Die bisherigen Rückmeldungen zeigten, dass sich die Kinder mit großer Ernsthaftigkeit an die Corona-Regeln hielten, sagte Lorz.

Im neuen Schuljahr gilt wieder Präsenzpflicht für alle Schüler und Lehrer. Ausnahmen seien nur mit einem ärztlichen Attest möglich, teilte Lorz mit. Lehrer könnten sich bei Bedarf kostenlos auf das Coronavirus testen lassen. Die Schüler, die nicht am Präsenzunterricht teilnehmen könnten, sollen digital zugeschaltet werden. Bei Bedarf werde ihnen ein entsprechendes Gerät geliehen.

„Das Wichtigste: Schüler können wieder täglich in die Schule“

Das Wichtigste sei, dass die Kinder wieder jeden Tag in die Schule könnten, sagte Lorz. Es habe sich gezeigt, dass die soziale Interaktion dort nicht zu ersetzen sei. Es werde weitgehend regulären Unterricht geben – allerdings unter Pandemie-Bedingungen. So können Schulen je nach Möglichkeit vor Ort feste Lerngruppen einrichten, die sich untereinander nicht mischen. Hygieneregeln müssten eingehalten werden – dazu gehören Flächendesinfektion, häufiges Händewaschen, Vermeidung von Körperkontakt und Mund-Nasen-Bedeckungen außerhalb der Unterrichtsräume. Für den Fall steigender Infektionszahlen lägen alternative Szenarien vor.

Grundsätzlich soll es bei den bestehenden Lehrplänen und Curricula bleiben. Einzelne Anpassungen seien aber möglich. Auch das Sitzenbleiben werde wieder eingeführt. Damit Schüler Wissenslücken auffüllen können, sind Ferienangebote geplant, auch digital. An diesem Freitag (3.7.) ist der letzte Schultag vor Beginn der sechswöchigen Sommerferien. Auch Musik- und Sportunterricht sollen unter Einschränkungen wieder angeboten werden, sagte der Minister. Mehrtägige Klassenfahrten sind hingegen untersagt.

Lorz sagte, er rechne mit einer Ausfallquote bei den Lehrern von zehn Prozent. Der Verband der Lehrer Hessen hatte bereits einen besseren Schutz gefordert: Neben Masken und Visieren für Lehrkräfte brauche man Plexiglas-Schutzwände für die Pulte und Desinfektionsspender in jedem Klassenraum (News4teachers berichtete ausführlich über den Forderungskatalog). Das Ministerium kündigte erneute Lieferungen von Mund-Nasen-Schutzmasken, Desinfektionsmittel, Schutzhandschuhen, Kitteln und Gesichtsschutzschilden an.

GEW: Wo ist der Plan B für die Schulen, falls die zweite Welle kommt?

Die GEW kritisierte das Konzept. Die Devise des Ministeriums sei «Es wird schon alles gut gehen», doch die Pandemie sei noch nicht vorbei. Es fehle ein Plan B im Fall einer zweiten Welle von Infektionen im Herbst. Die Schulen müssten darauf vorbereitet werden, dass auch im kommenden Schuljahr ein Wechsel aus Präsenzunterricht und angeleitetem Lernen zu Hause notwendig werden könne. Die Schule solle weitergehen, doch müssten Arbeits- und Gesundheitsschutz beachtet werden. «Hier sind die Spielräume nicht wahrgenommen worden», kritisierte der Landesverband der Gewerkschaft. News4teachers / mit Material der dpa

Philologen verlangen von Hubig eine ehrliche Debatte um Corona-Risiken für Schüler und Lehrer – und: einen Milliarden-Pakt für die Schulen!

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7 KOMMENTARE

  1. Nullrisko gibt es natürlich nicht, aber zwischen Nullrisiko und Vollrisiko muss es doch noch etwas geben! Wenn Abstand und Maskenpflicht nicht gelten, wie soll dann das Infektionsrisiko überhaupt eingegrenzt werden? Flächendesinfektion und Händewaschen werden an der Aerosolbelastung in voll besetzten Klassen nichts ändern. Und was nützt die Maske im Flur, wenn sie im Unterricht nicht getragen werden muss, da, wo man viel Zeit zusammen mit vielen Menschen in schlecht gelüfteten Räumen verbringt. Einfach lächerlich, das als Hygienemaßnahme zu verkaufen.

  2. Komme aus NRW…würde mitgehen….da wir ja im Föderalismus nur im jeweiligem Land etwas erwirken können, würde ich für bzw. gegen die hier getroffene Entscheidung mit vorgehen.

  3. Hamburg wird seinen Plan noch vorlegen. Vermutlich der gleiche Quatsch. Schön ist auch, dass der staff weiter Abstand voneinander halten soll. Das Kuscheln imstaff room wird unfreiwillig erfolgen, da dann wieder zu viele auf zu engem Raum ihre Pause miteinander verbringen. Oder wir fangen alle das Rauchen an. Dann sind wir wenigstens im Freien (Satire Ende). Ach, und Belüftungskonzepte zum Austausch viraler Luft kommen in dem neuen Hygieneplan auch nicht vor – wäre ja auch richtig teuer für den Schulträger!

  4. Es muss nur ein Schüler gehen die Video-Schalte sein und schon darf das Bild nicht mehr aus dem Klassenraum übertragen werden. Audio ggf. auch nicht.

    Außerdem kann der Dienstherr nicht einfach anordnen, dass es eine Live-Übertrung des Unterrichts geben kann, ohne vorher das Einverständniss der Lehrkraft zu holen. Allenfalls könnte er an die Freiwilligkeit appellieren. Einen Rechtsstreit würde die Behörde so oder so verlieren, das Schulgesetz gibt Aufzeichnungen in dem Stil nämlich gar nicht her.

    Aber auch hier wird die Aufzeichnung vermutlich nur ein Ablenkungsmanöver sein, damit Fortbildungen in der Freizeit durchkommen usw. Passt gut auf euch auf, Kollegen.

    Es wird halt durch solche Dienstherren wie Lorz versucht, dass Problem an die Lehrer auszulagern. Also eigentlich mehr die Versäumnisse im eigenen Amt. Er sollte nicht vergessen, dass Lehrer auch Wähler sind.

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