Tonne zieht Pläne für größere Schulklassen zurück – nach Empörungssturm

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HANNOVER. Die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Schulbetrieb sind noch nicht überstanden, da drohen Schülern und Lehrern in Niedersachsen schon die nächsten Herausforderungen. Nach einem Sturm der Entrüstung lenkt das Kultusministerium ein – zumindest ein bisschen.

„Verständlicher Wunsch nach Verlässlichkeit“: Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD). Foto: „File:Tonne, Grant Hendrik crop.jpg“ by Foto-AG Melle, derivative work Lämpel is licensed under CC BY 3.0

Die Schüler in Niedersachsen müssen sich anders als zwischenzeitlich von der Landesregierung geplant doch nicht auf eine neue Einteilung ihrer Klassen nach den Sommerferien einstellen. Ursprünglich hatte das Kultusministerium die Schulen angewiesen, größere Klassen als bisher zu bilden, wenn die Zahl der Schüler in einem Jahrgang unter einen Grenzwert fällt. Nach heftigem Gegenwind aus der Opposition sowie von Lehrern und Schülern nahm das Ministerium diese Entscheidung am Donnerstag aber wieder zurück.

Der Erlass hätte nach Darstellung der Gewerkschaft GEW dazu geführt, dass beispielsweise in einem Jahrgang mit bisher 92 Kindern in vier Klassen nur noch drei Klassen übrig geblieben wären, wenn drei Schüler etwa durch Sitzenbleiben oder Umzug wegfielen. «Schulklassen werden durcheinandergewürfelt, was fatal ist», hatte GEW-Landeschefin Laura Pooth befürchtet. Wenig später revidierte das Ministerium den Erlass. «Der Wunsch nach Verlässlichkeit in den Klassengemeinschaften ist verständlich», sagte Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD).

Poolstunden müssen für den Pflichtunterricht genutzt werden

An einem zweiten Erlass hielt das Ministerium allerdings fest. So bekommen die Lehrer nach den Sommerferien weniger Zeit für wahlfreien Unterricht und Arbeitsgemeinschaften. Rund 7000 der 37.000 sogenannten Poolstunden müssen in den Klassen 5 bis 10 im Schuljahr 2020/21 für den Pflichtunterricht genutzt werden. Vor dem Hintergrund der Corona-Krise und der Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren soll das diesen Unterricht sicherstellen.

«Auch mit der Umschichtung der Poolstunden werde ich keinen Beliebtheitspreis gewinnen, das ist mir sehr bewusst», sagte Minister Tonne. «In der Abwägung finde ich es aber notwendig, einen Teil dieser Stunden vorübergehend zur Absicherung der Stundentafel einzusetzen, um Wissenslücken zu schließen oder zu verhindern, dass neue aufreißen.»

„Taschenspielertricks zulasten der Schulen“

Die Fraktionschefin der Grünen, Julia Willie Hamburg, warf dem Kultusministerium Chaos vor. «Im Hause des Ministers Tonne weiß die eine Hand nicht, was die andere tut», sagte sie. Die Schulen würden händeringend auf das Konzept warten, wie es nach den Ferien unter Corona-Bedingungen weitergehen soll. «Erst das Konzept – dann die Personalplanung. Das wäre die richtige Reihenfolge», so Hamburg. Der FDP-Bildungspolitiker Björn Försterling hatte Tonne vor der Rücknahme des Erlasses vorgeworfen, die Unterrichtsversorgung schönzurechnen.

Auf dem Rücken der Schülerinnen und Schüler werde versucht, die Kosten zu senken, sagte der Vorsitzende des Lehrerverbands VNL/VDR, Torsten Neumann. Der Philologenverband PHVN sprach von «Taschenspielertricks zulasten der Schulen», der Landesschülerrat (LSR) von einem völlig falschen Signal der Landesregierung. «Nicht weniger Klassen, sondern mehr Lehrkräfte sind der Weg zu einem besseren Lernen in Niedersachsens Schulen», sagte der LSR-Vorsitzende Ole Moszczynski. dpa

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5 KOMMENTARE

  1. Jahrelang keine Lehrkräfte eingestellt, alles zusammengestrichen, was ging, Inklusion mit Minimalausstattung, die nur im Erlass zu finden ist, Zusatzbedarfe werden zusammengeschrumpft oder gestrichen. Jede Landesregierung streicht noch etwas, um die Zahlen zu schönen.

    Zwar wurden etliche Stellen ausgeschrieben, diese reichen aber nicht aus, den Bedarf zu decken. Da hätten es weit mehr sein müssen, wie man an diesen Maßnahmen nun sehen kann. Viel besser ist aber doch die Pressemeldung, dass alle Stellen besetzt werden können. Da fragt dann auch keiner mehr, wie viele schon in der Ausschreibung fehlten und für eine gute Ausstattung notwendig wären.

    Jetzt müssen noch die Poolstunden dran glauben, also keine zusätzliche Förderung in Klasse 5-10 an den GHR-Schulen. Damit setzt die Landesregierung um, was die CDU im Wahlprogramm hatte: alle Lehrkräftestunden in den Kernunterricht.

    Arbeitszeit- und Belastungsstudie? Entlastung wie von der Kommission empfohlen? Nicht einmal im Ansatz begonnen!

    Aber die Arbeit der Lehrkräfte ist so herausragend, dass nächste Woche das große Bittebitte für Förderkurse in den Sommerferien kommt, weil Bildung doch so wichtig ist!

  2. Aus Sicht von Tonne ging der Deal politisch auf: Er stellt zwei große unangenehme Dinge in den Raum von denen er weiß, dass er die Eine so oder so in diesen Zeiten nicht umgesetzt bekommt. Das Ziel ist aber eh nur die Umsetzung von Ziel zwei (Poolstunden verringern), weil er damit nicht Wahlpflichgunterricht und Lehrer spart, die er nicht hat. Für die Hauptfächer und einige Naturwissenschaften gibt es, mit Ausnahme von Mathematik, nämlich sehr wohl genug Lehrer.

    • Ja, die Taktik ist offenbar aufgegangen, sicher auch, weil die Gymnasien wieder einmal Außenbordmotor sind und der Philologenverband dann nicht mitzieht.

      An den anderen SekI-Schulen fehlen schon lange Lehrkräfte, die Einstellungszahlen waren angesichts des Mangels gar nicht so hoch. An IGSen werden seit Jahren nur SekII-Stellen ausgeschrieben, um die GHR-LuL an die Oberschulen und verbliebenen HS/RS zu bringen. Da warten viele neue SekII-LuL lieber ein halbes Jahr auf die nächste Runde oder nehmen eine Stelle am Gym mit Abordnungsverpflichtung aber anschließender Gym-Garantie an.

      Also ein weiteres Jahr mit vielen Abordnungen, wieder eine neue Klassenlehrkraft, wieder neue Teams, wieder viele Aufgaben im Kernkollegium verteilen … oder hatte Herr Tonne schlicht vergessen, die mit den Poolstunden einhergehenden Aufgaben für das Jahr zu streichen?

      Angesichts der schon angeordneten Mehrarbeit wird man keine weiteren Aufgaben in die Schulen geben können. Die Digitalisierung und die Vorbereitung auf Präzenz/Haus-Unterricht müssen dann wohl andere übernehmen. Das hat die Landesregierung sicher bedacht und Personal dafür eingestellt.

      • Der Außenbordmotor bedeutet „außen vor“.

        Schade, dass man unveröffentlichte Kommentare nicht verändern kann.

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