Studie: Gesamtschüler ohne Gymnasialprognose schaffen meist ihr Abi – gehören Grundschul-Empfehlungen abgeschafft?

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DÜSSELDORF. Eigentlich waren sie schon früh «ausgemustert» für den Sprung ins Gymnasium. Dennoch schaffen jedes Jahr Tausende Gesamtschüler ihr Abitur auch ohne Gymnasialempfehlung. In NRW wird eine neue Erhebung den Dauerstreit über den Wert der Empfehlungen befeuern.

Gesamtschule
Belegen die Abschlussquoten der Gesamtschulen, dass das gegliederte Schulsystem vielen Kindern zu wenige Chancen gibt? Foto: EnergieAgentur.NRW / Flickr (CC BY 2.0)

Etwa vier von fünf Gesamtschulabiturienten in Nordrhein-Westfalen haben 2020 einer Studie zufolge die Hochschulreife erlangt, obwohl sie keine Gymnasialempfehlung hatten. Das geht aus einer Erhebung von Gesamtschulverbänden hervor.

«79 Prozent der Abiturienten hatten eine andere Prognose und haben ihr Abitur entgegen den Empfehlungen erreicht», heißt es in der Studie der Schulleitervereinigung der Gesamtschulen und der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschulen (GGG) NRW. Die Rücklaufquote von 42 Prozent aller NRW-Gesamtschulen, die zum Abitur führen, lasse repräsentative Rückschlüsse aus dieser großen Stichprobe zu, erklärte der stellvertretende Landesvorsitzende des GGG, Werner Kerski.

Grob falsch: Empfehlungen für Kinder mit Migrationshintergrund

Eine besonders grobe Fehleinschätzung am Ende der Grundschulzeit zeige sich bei Kindern mit Migrationshintergrund und in Schulen an sozialen Brennpunkten. Nur elf Prozent der Abiturienten mit Migrationshintergrund sei am Ende der 4. Klasse eine Gymnasialeignung prognostiziert worden, berichtete Kerski.

Tatsächlich hätten aber 89 Prozent von ihnen trotz einer Empfehlung für die Haupt- oder Realschule in diesem Jahr das Abi geschafft. An Schulstandorten mit besonderen sozialen Belastungen hätten sogar über 92 Prozent der Abiturienten entgegen ihrer ursprünglichen Grundschulempfehlung die Hochschulreife erlangt.

Im Vergleich zu einer Vorgängererhebung aus dem Jahr 2009 habe sich die Ungleichheit der Bildungschancen damit weiter verschärft, bilanzierten die Gesamtschulverbände. Damals hatten demzufolge rund 70 Prozent der Abiturienten an Gesamtschulen entgegen ihrer Grundschulempfehlung das Abitur geschafft.

„Grundschulempfehlungen haben keinen prognostischen Wert“

Die Gesamtschulvertreter sehen damit erneut belegt: «Die Grundschulempfehlungen haben keinen prognostischen Wert» und gehörten daher abgeschafft. Gleichzeitig müsse schnellstens ein «schulscharfer Sozialindex» eingeführt werden, um mehr Ressourcen dahin zu lenken, wo sie am dringendsten gebraucht werden, betonte der stellvertretende Landesvorsitzende der Schulleitungsvereinigung der Gesamtschulen Achim Fischer.

Die Verbände fordern darüber hinaus «ein Abschulungsverbot für Gymnasien und Realschulen», das heißt schwächere Schüler sollten von diesen Schulen nicht mehr an andere Schulen verwiesen werden, sondern auf Gymnasium und Realschule bleiben. Alle Abschlüsse der Sekundarstufe I müssten künftig auch an diesen Schulformen ermöglicht werden. Der Erhebung zufolge schafften 47 Prozent der Schüler, die in der Sekundarstufe I – weit überwiegend vom Gymnasium – zur Gesamtschule wechseln mussten, dort doch noch das Abitur.

Gymnasien sollen sich endlich an Inklusion und Integration beteiligen

Auch die Gymnasien seien künftig im gleichen Maße an der Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen wie Inklusion und Integration zu beteiligen. Perspektivisch empfehlen die Gesamtschul-Protagonisten eine schrittweise Annäherung an «eine Schule für alle mit den Klassen 1 bis 13».

Derzeit sei der Übergang von den Grundschulen zu den weiterführenden Schulen sozial selektiv und benachteilige besonders «Schüler aus nicht privilegierten Schichten», bilanziert die Studie. An integrierten Schulen gelängen Förderung und Schulerfolg dagegen «in einem besonderen Maße».

Laut amtlicher Schulstatistik besuchten im abgelaufenen Schuljahr über 326 000 Mädchen und Jungen eine der 346 Gesamtschulen in NRW. Rund 503.000 besuchten eines der 624 Gymnasien. dpa

Frontalangriff: Philologen fordern Kultusministerin auf, den Gemeinschaftsschulen Mittel zu streichen – und sie Gymnasien zu übertragen

 

 

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32 KOMMENTARE

    • Übrigens haben die Länder, die am weitesten vorne in Sachen Bildungsniveau mitspielen, nämlich BY und BW, verpflichtende Grundschulübertrittszeugnisse und ein mehrgliedriges Schulsystem.

  1. Abi ist nicht gleich Abi! Kommt auf das Bundesland an. Im Studium zeigt sich, wer wirklich sein Abi verdient hat. Es gibt dort sehr viel Abbrecher wegen Überforderung! Lieber das Geld in die Berufsschulen stecken,auch diese führen zum Abi! Grundschulempfehlungen finde ich sinnvoll, da es den momentanen Stand des Kindes zeigt. Dieses entwickelt sich aber weiter und kann dann trotz allem später das Abi machen. Auch ein sehr gutes Abi!

  2. Sicherlich gibt es einige Spätzünder, die aufgrund der Grundschulempfehlung zunächst an der Realschule oder der Hauptschule landen und später sich bewusst werden, dass sie mehr wollen und das Abi schaffen. Aber: Das ist im dreigliedrigen Schulsystem (HS, RS, GY) oder im zweigliedrigen (SeSch oder OBS, Gym) gut möglich. Das belegen die vielen Realschüler, die den Abschluss mit Quali schaffen und dann erfolgreich Abitur machen. Tendenziell ist das Abi, abegesehen von den zentralen Abschlussprüfungen an den meisten Gesamtschulen jedoch einfacher, was an der sehr stark differenzierten und nicht zu stark fordernden Arbeitsweise liegt. Ob solche SuS, die unter diesen Bedingungen Abi machen, wirklich ein Studium schaffen und in akademischen Berufen zurecht kommen, werden wir in den nächsten Jahren sehen.

    • Ja, und die Erde ist eine Scheibe.

      Bei den ZP10 gibt es drei Anforderungsniveaus (GY; RS/GE-E-Kurse; HS/GE-G-Kurse).
      Beim Zentralabi gibt es keine Unterscheidungen mehr, da schreiben die SuS an den BK, den GY und den GE die gleichen Arbeiten. An den GE ist das Angebot an Fächern, in denen ein LK eingerichtet wird in der Regel kleiner als an GY.

      Die durchschnittlich erreichtenen Punktzahlen von Gymnasiasten in der GOSt liegen in der Regel über denen der Gesamtschüler. Je nach Fach sind das 3 bis 4 Punkte Abweichung bei den durchschnittlich erreichten Punktzahlen. – Nur auch das mit der Mindestpunktzahl erreichte Abitur ist ein bestandenes.

      Btw aufgrund des derzeitigen Arbeitkräftemangels stehen die Betriebe bei den 10ern auf der Matte, um ihnen trotz FOR-Q, der ihnen den Übergang in die GOSt sichert, ein attraktives Angebot für eine Berufsausbildung zu machen. Ebenso heftig wird um die 12er geworben, um ihnen ein Duales Studium schmackhaft zu machen.

  3. Da ist für die kommenden Jahre überhaupt gar keine Gefahr einer weiteren Aufweichung des ABIs zu befürchten.

    Schon jetzt umschmeichelt die Wirtschaft jeden Lehrling, lockt teils bereits mit Führerscheinbezahlung bis hin zur Autoschenkung, wenn man nur eine Lehre antritt.

    Kurz: Das schaut sich die deutsche Wirtschaft nicht mehr lange an, weil es letztlich ein gewaltiger Schaden wird. Vielleicht war die Krisensitzung sogar bereits?

  4. Jetzt wird es wieder unpopulär:

    Seit Jahren passen wir uns am Gymnasium ja auch immer stärker den vielen schwächeren Schülerinnen und Schülern (oft sogar gut 50% einer Klasse) an. Wir wollen ja, entgegen der Behauptungen ebenfalls versuchen, alle mitzunehmen.

    Dabei leidet natürlich die Qualität, ist doch klar. Zeit kann man nicht mehrmals aufteilen.

    Die Diskussion um die deutlich einfacheren Abi-Prüfungen im Rahmen des Zentralabiturs kennt sicherlich jeder mittlerweile…

    Bestes aktuelles Beispiel NRW: Jetzt bekommen die Schüler ab 2021 eklatante Zeitverlängerung in den Klausuren und im Abi. Der Inhalt soll dabei nur marginal erhöht werden. Noch fragen?
    Im LK sollen die Klausuren nun pauschal 5 Schulstunden umfassen (vorher waren es 3-4 Schulstunden). Die Abiprüfungen sind dann 6-stündig… Da kommt natürlich dann viel Besseres raus, als vorher 😉

    Der Korrekturaufwand steigt hingegen deutlich. 22 Schüler im LK und dann also 22 x 2 Seiten mehr Korrekturaufwand…. Aber hey, Arbeitszeiten von Lehrern waren ja eh schon immer egal…

    • Bei der Schreibzeit liegen Sie falsch:

      LK von 255 auf 270 min
      GK von 180 auf 225 min

      (ggf. Zzgl. 30 min Auswahlzeit)

      Grund ist eine Angleichung an andere Bundesländer. Der Lehrplan wirkt aber eher ausgedünnt statt erweitert. Wir werden sehen…

      Der GTR wird im Abitur ab 2026 oder so verschwinden oder durch eine App ersetzt werden.

  5. Gerade in NRW, wo ich selbst unterrichte, wird aber auch fast jeder noch zum Abi durchgewunken. In der Oberstufe gibt es viele Abwahlmöglichkeiten, in vielen Fächern muss man keine Klausur schreiben (das heißt dann „mündliches Fach“) und selbst in der Abiturprüfung wird für meinen Geschmack mehr durchgewunken als nötig. Ich habe von befreundeten Gesamtschullehrern gehört, die mündliche Englischabiturprüfungen mit 4 abgesegnet haben, obwohl der Schüler kaum Sätze in Englisch bilden konnte und zu kompletten Themen wie Shakespeare gar nichts sagen konnte.
    Das passiert häufig, wenn in der Sek 1 alles mit Gnaden-4s durchgewunken wird, eine Praxis die ich allzu häufig selbst beobachte.

  6. Zu meiner Zeit haben diejenigen ein (Fach-)Abi gemacht, die mehr draufhatten als der Durchschnitt.

    In einer immer weiter nach links driftenden Gesellschaft ist offenbar gewünscht, dass ALLE Kinder stolz ein Abiturzeugnis in die Kamera halten können. Kann man machen, nur dann ist ein Abi eben nichts mehr wert und zeigt auch nicht, ob jmd. voraussichtlich in der Lage ist, ein Studium oder eine höherwertige Ausbildung zu schaffen.

    Vielleicht sollten wir auch einfach die Bundesjugendspiele abschaffen und jedem Kind eine Ehrenurkunde in die Hand drücken. Und es würde Familien erheblich finanziell entlasten, wenn man keinen Führerschein mehr machen müsste…

    • Was hat das denn mit einer „nach links driftenden Gesellschaft“ zu tun? Ist es am rechten Rand mit einem Schulsystem nach Kaiserzeiten besser? Wohl kaum.

      Die gesamte Diskussion ist absurd. Keines der Argumente macht Noten objektiver. Auch in Bayern bewerten Lehrer unterschiedlich. Die Frage ist doch eher, ob stellenweise Schüler „durchgewunken“ werden, um soziale Missstände/Nachteile abzufedern. Arbeiten wir mit Kindern und Jugendlichen, oder führen wir nur Steuer-IDs im Klassenbuch?
      Es kann doch nicht sein, dass es eine Diskussion um die Qualität der Abschlüsse gibt und sich die Schulformen gegenseitig den schwarzen Peter zuschieben wollen. Diese Diskussion wird in Zukunft leider noch viel intensiver geführt werden, da die Missstände bereits in der Krippe ersichtlich werden und mit den 70%+ Quereinsteiger in Berlin endet. Ja, jedem Kind soll das Recht und die Möglichkeiten gegeben werden, den höchstmöglichen Abschluss zu erwerben. Es KANN aber nicht jedes Kind dieses „Ziel“ erreichen und dies bedeutet für mich auch, dass ein Mensch mit einer geistigen Behinderung nicht am Gymnasium partizipieren muss. Ähnliches gilt für den sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf im Lernen.
      Es gibt individuelle Gründe aber auch externe Einflussfaktoren, die die Kinder nicht beeinflussen können (wie bereits zuvor erwähnt). Es muss auch nicht jedes Kind sein Abitur machen. Ohne Abitur kann man ebenfalls mehr Geld verdienen, als mit einem Dr. Titel (wenn dies das große Ziel sein soll).
      Das verstehen wiederum sehr viele Eltern nicht und eben für diese werden dann die Zeugnisse in die Kamera gehalten. Sind die Noten nicht entsprechend, nehmen diese Eltern dann auch noch den Rechtsweg. Der Kreis schließt sich.

      Und ja, die Bundesjugendspiele benötigt kein Mensch. Meine Ehrenurkunden haben mich schon damals nicht interessiert. Die sportliche Leistung wollte ich schon immer mit Freunden und Kontrahenten messen, die sich für die gleiche Sportart begeistern konnten. Öffentliche Zurschaustellung benötigt kein Kind, wenn es 15 Sekunden länger für die 100m benötigt, als die/der Erste. Und so erging es dem talentierten Schachspieler in meiner Klasse.

    • Erstens driftet die Geselllschaft nicht immer weiter nach links, stattdessen kommen immer mehr rechtere Gesinnungen zu Tage.
      Zweitens haben politische, teilweise auch Verfassungsfeindliche, extreme Ansichten bisher quasi keinen Einfluss auf die Schulbildung.

      Darüber können auch Sie im übrigen sehr froh sein, denn wie ich aufgrund ihres Namens vermuten würde, hätten auch sie bei einer rechteren Politik keine vollumfängliche Bildung erhalten, sondern würden jetzt zu Hause vor dem Herd stehen und sich um ihre zahlreichen Kinder kümmern. Wenn das natürlich das Ziel ist, dass man mit Hilfe von physischen Gegegenheiten die Abituranzahl verringert, dann bitte.

  7. Ich stelle bei etlichen unserer LAAs an einer RSplus in RP ziemliche Mängel in Allgemeinbildung und Rechtschreibung fest. Peinlich, wenn ein Tafelanschrieb vor den SuS korrigiert werden muss, weil sachlich falsch oder falsch geschrieben. Die haben nicht nur Abitur, sondern irgendwie auch ein Examen gemacht und werden auch irgendwie das zweite noch schaffen. Lehrer werden schließlich gesucht. Die Nivellierung nach unten kommt eben irgendwann auch oben an.

  8. Eine Empfehlung fürs Gymnasium schließt eben nicht aus, dass das Abitur an einer anderen Schulform abgelegt werden kann. Eine Empfehlung fürs Gymnasium sagt nur aus, dass das Kind die kognitive Reife besitzt, das Abitur auf einer fordernderen und häufig auch „schnelleren“ Schulform zu erlangen. Zumindest gilt das inzwischen soweit für alle Länder, die Gesamtschulen (und deren „derivate“) mit Oberstufen haben.

    Das Schüler heute gefühlt das im Abitur machen, was wir um die 2000er für einen Realschulabschluss leisten mussten, ist eine andere Geschichte. Das das Abitur von Linken politischen Kreisen für die Agenda der Gleichmacherei geopfert wird, sollte bekannt sein und ist eigentlich unter vielen Lehrern common sense.

  9. Gehören Grundschul-Empfehlungen abgeschafft?
    Ja, das sollte schnellstens passieren.

    Da ich selbst das Abi erst mit 30 nachgeholt habe, möchte ich hier als betroffener Schüler kommentieren.

    Zum einen hatte ich als Kind bei weitem nicht den Einblick in das Schulsystem und wusste daher auch nicht was es bedeutet auf die Hauptschule zu kommen oder nicht. Es wurde für mich entschieden und ich musste mich fügen. Eine Beratung oder ähnliches war nicht gegeben.
    Ob ich mich auf der Hauptschule wohl fühlte oder ob mich der Schulstoff interessierte war egal.
    Kurz um, ich war frustriert und widmete mich daher auch nicht weiter dem Unterricht.

    Zum anderen sprechen studierte Pädagogen diese Empfehlung aus. Sollten diese nicht wissen welche gewaltige Entwicklung die Pubertät mit sich bringt. Die Entscheidung wird nur leider davor getroffen und viele Chancen komplett vertan. Auch ist der Vergleich hier zwischen wohlhabenden Familien und denen der Arbeiterschicht wichtig. Die frühe Förderung der reicheren ist besser gegeben. Dieser Vorteil sollte aber in der staatlichen Schule, die Gleichheit fördert, keinen Einfluss haben. Nimmt man allein die Zahl der Fach,- und Berufsoberschulen in Deutschland, müsste man doch erkennen, wie oft diese Entscheidung für die Kinder falsch getroffen wurde.

    Ein weiterer Punkt wäre, dass es dieses System weltweit nur in zwei Ländern gibt. Kein anderer Pädagoge auf der Welt ist auf eine vergleichbare Idee gekommen.
    Aber wieso stecken wir Deutschen unsere Kinder in drei verschiedene Schulen? Soweit ich weiß, stammte die Idee aus dem alten Preußen, das Nachwuchs für den Staat brauchte. Bauern, Beamte, Wissenschaftler. Eine eindeutige Einteilung in Klassen die von der Politik und der Wirtschaft so sehr kritisiert wird. Hier ist es aber völlig in Ordnung. Eine längst überholte Ansicht.

    Könnte man nicht mehr Zeit zur Entwicklung der Kinder gewähren? Wäre eine Einteilung nach der siebten Klasse nicht besser für die Jugendlichen? Oder wie wäre es, wenn alle Schulen bis zur neunten Klasse gleich behandelt werden und für begabte Schüler höhere Klassen eingerichtet sind?
    Jeder Schüler bekäme so die gleiche Chance und könnte in einem reifen Alter für sich entscheiden ob eine Lehre oder ein Studium für ihn besser ist.

  10. Jede Schulart von weiterführenden Schulen hat in den letzten Jahrzehnten an Anforderungen Federn gelassen. Ich bin gerade am Ausmisten von alten Unterlagen.Klassenarbeiten und Prüfungen im Zeitraum seit 1980 ungefähr bis heute. Was ich noch vor 20 Jahren problemlos in 45 Minuten in einer KA an Stoffmenge abgefragt habe ist in der Zwischenzeit auf die 1/2 Fragemenge, welche aber heutzutage viel oberflächlicher bearbeitet wurde, geschrumpft und zusätzlich in jetzt 60 Minuten zu bearbeiten! Das was früher in der zweijährigen Berufsfachschule ( macht nach 2 Jahren die mittlere Reife) gelernt und abgefragt wurde ist jetzt schon für das Berufskolleg ( hat die mittlere Reife schon!)zu schwer.Schüler dieser Schulart ( BKH) wären 2020 total mit der damals in der 2 BFS ( schliesst mit der mittleren Reife ab! ) durchgeführten Leistungsanforderug überfordert!! Alle Schularten haben in den letzten Jahrzehnten ihre Anforderungen gewaltig heruntergeschraubt. Alles andere ist Augenwischerei! Das was heute für das Abi zu leisten ist ,war zu meiner Schulzeit WAHRSCHEINLICH mit der mittleren Reife vergleichbar. Den meisten älteren Lehrern ist das sehr wohl bekannt, nur weiter oben will man es nicht hören und sehen. Die jungen Lehrer/ innen können leider nicht vergleichen so wie ich, jetzt beim Ausmisten. Dieser augenscheinliche Leistungsverfall hat mich dann doch sehr überrascht !

  11. Ich hatte mit einem 1,3er Schnitt in der Grundschule keine Empfehlung fürs Gymnasium. Meine einzige „realistische“ Begründung: Weil meine Eltern bzw. niemand sonst in meiner Familie weder einen Abitur oder einen respektablen/gutverdienenden Job gemacht haben? Ich kann verstehen, dass die Lehrer meinten sie „sorgten“ sich um mich, weil ich niemanden gehabt hätte, der mir hätte helfen können…(bei den Hausaufgaben oder sonstigen schulischen Fragen die aufkamen) Aber naja, selbst ohne Empfehlung ein 1,0er Abi gemacht xD

  12. Klar, dass jetzt wieder einige Schlaumeier eine „Schule für alle“ wollen, zum Glück entspricht dies nicht der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung.

    Wir haben hier allenfalls ein statistisches Problem, das auch der Artikel leider nicht beantwortet. Meine Frage wäre:

    Entspricht die Quote der Gymnasialempfehlungen eines Jahrgangs der Quote an (späteren) Abiturienten?

    Ich vermute mal ganz starkt: Nein! Das würde also bedeuten, dass entweder die Grundschulkollegen zu wenige Gymnasialempfehlungen aussprechen, weil sie nicht berücksichtigen, dass die Anforderungen an ein Abitur gesunken sind, oder aber die Gesamtschul- und Gymnasialkollegen jedem, der unfallfrei seinen Namen schreibt, ein Abitur ausstellen (Achtung: Ironie).

  13. Abi und Führerschein haben eines gemeinsam, um sie nicht zu erlangen, muss der Aspirant erhebliche geistige oder körperliche Beeinträchtigungen haben.
    Folglich ist das Gymnasium die „neue Hauptschule“ und die GE die Förderschulen auf dem inkludierten Weg zum „Abgang“ (nur für die, die noch gelernt haben, wie „abire“ dekliniert wird).

    Die Hochschulzugangsberechtigung – und nichts Anderes ist das Abiturzeugnis – kann sowohl auf dem schulischen Weg als auch auf dem beruflichen Weg beschritten werden.
    Der schulische Weg führt über das Fachabitur (FHR) oder das Abitur (AHR) an den GOSten von GY, GE oder BK an eine Hochschule – und damit sind alle Hochschulen gemeint, die einem akademischen Abschluss vergeben wie z.B. TU, TH, Uni, FH, FHöV, medizinische Hochschule, PH oder Hochschulen für angewandte Wissenschaften etc.
    Der berufliche Weg führt ausgehend vom MSA und der Berufsausbildung über die Quualifikation als Meister bzw. Fachwirt oder Techniker sowie Berufserfahrung im erlernten Beruf an eine der genannten Hochschulen.

    Lediglich bei Juristen, Medizinern (ja selbst bei den Chirurgen) und Theologen – also den klassischen Fakultäten – ist der Weg über ein GY erforderlich. Aber selbst den Juristen, die lediglich ein erstes Staatsexamen haben, stehen die Legal-Law-Master auf den Fersen und den Lehrkräften mit zweitem StEx die Seiteneinsteiger.

    Ehrlich, ich halte den Führerschein für anstrebenswerter, da der lediglich Mittel zum Zweck ist. Was zählt ist doch die getunte, PS-starke individuell gestylte Protzkarre mit der man durch die City cruisen kann. Macht auch mehr her als die Diplom-Urkunde oder das Hochschulzeugnis, das lediglich gerahmt als Verzierung des stillen Örtchens von Nutzen sein kann, wenn man es denn nötig hat.

    • FHR = Fachhochschulreife, auch wenn der ungebildete Volksmund gerne Fachabitur sagt. Das Fachabitur selber ist nur ein abgewandeltes Abitur, welches inzwischen fast verschwunden ist. Es berechtigte zum Studium an einer Universität in eben der belegten Fachrichtung. Da viele ihren Abschluss gerne durch Sprache aufwerten (Siehe mittlere Reife = Realschulabschluss) wurde im Volksmund eben aus der FHR das Fachabitur. Gleiches würde aber gelten, wenn man die FHR einfach „Not-Abitur“ nennen würde. Ist es nicht? Richtig, ein Fachabitur ist und bleibt sie, die FHR, aber auch nicht. Und bekanntermaßen berechtigt die FHR zur Aufnahme eines Studiums an einer Fachhochschule. Die sich inzwischen aber gerne Hochschule für Angewandte Wissenschaften nennen. Auch wieder so eine Lügerei mit dem Namen.

  14. Meiner Meinung nach, könnte man Grundschulempfehlungen abschaffen, wenn nicht mehr als 15 Schülerinnen und Schüler in einer Klasse unterrichtet werden.
    Corona hat gezeigt, dass mit dieser Anzahl von Schülerinnen und Schüler optimal in einem Bruchteil der Zeit gearbeitet werden kann, und auch viel mehr Rücksicht auf alle genommen werden kann.

    Solange wir aber Klassen mit mehr als 15 Schülerinnen und Schülern haben (also immer), ja sogar Klassen bis zu 33 Schülerinnen und Schüler, kann man sich um Individuen im Unterricht und außerhalb des Unterrichts nicht ordentlich kümmern. In dem Fall leiden alle anderen Schüler mit unter total überforderten Kindern, die dann alle anderen vom Lernen abhalten.
    Man kann also meiner Meinung nach die Empfehlung nicht abschaffen. Jetzt schon nimmt eine Schulform sowieso quasi alle Schülerinnen und Schüler mit einer schlechteren Empfehlung auf (NRW), dies geschieht fast immer zu einem großen Nachteil von allem am Schulleben beteiligten, auch den entsprechenden Kindern mit der schlechteren Empfehlung selbst.

  15. Es ist für mich unverständlich und erschreckend, dass trotz erdrückender Evidenz der Befunde verschiedener Auswertungen Internationaler Assessment Studien, wie TIMSS, PISA, IGLU, Education Policy Analysis, Reading for Change, u.a., nach wie vor an der sozial selektiven Verteilung von 10-jährigen Kindern, insbesondere im Bildungsbürgertum, festgehalten wird. Die Studien stellen übereinstimmend fest: Je früher die selektive Trennung erfolgt, je früher junge Menschen auf verschiedene Ebenen eines hierarchisch gestuften Bildungssystems verteilt werden, umso größer sind die Leistungsunterschiede zwischen den Kindern und Jugendlichen aus den oberen und unteren Bereichen des Schichtgefüges.
    Schulleistungen spielen bei den Bildungschancen durchaus eine wichtige Rolle, aber sie sind lediglich die halbe Wahrheit bei der Erklärung der schichttypischen Schulbesuchsquoten. So sind zum Beispiel die Chancen von 15-Jährigen aus der Oberen Dienstklasse, ein Gymnasium zu besuchen, um das Sechsfache größer als bei Facharbeiterkindern. Aber auch bei gleichen kognitiven Grundfähigkeiten und Leseleistungen besuchen die statushöheren Jugendlichen immer noch dreimal häufiger ein Gymnasium. Die Hälfte dieser Unterschiede beim schichttypischen Besuch von Gymnasien hat also mit der Auslese nach Leistung nichts zu tun; im deutschen Bildungssystem existiert ein leistungsfremder sozialer Filter. Wer diesen Filter ignoriert, unterliegt einer „meritokratischen Illusion“ und übersieht die verschenkten Ressourcen.
    Der leistungsfremde Filter hat seine Wurzeln sowohl in den Familien als auch in den Schulen. Viele Studien belegen, dass ein Teil der Eltern aus sozial schwachen Familien ihre Kinder auch bei guten Schulleistungen und bei Gymnasialempfehlungen der Grundschule nicht auf ein Gymnasium schickt. Die statushöheren Eltern verhalten sich genau umgekehrt: Ihre Kinder besuchen häufig auch bei schwächeren Leistungen und gegen den Rat der Lehrerinnen und Lehrer erfolgreich ein Gymnasium. Dieser familial bedingte soziale Filter wird in den Schulen unzureichend kompensiert, sondern durch teilweise nicht leistungsgerechte Lehrerbeurteilungen weiter verstärkt. Intellektuelle Ressourcen gehen insbesondere am Ende der Grundschulzeit verloren, weil die Laufbahnempfehlungen der Grundschule erheblich gegen das meritokratische Modell der schulischen Auslese verstoßen.
    IGLU hat wiederholt gezeigt, wie früher schon die Hamburger LAU-Studie, je niedriger die Klassenzugehörigkeit der Schülerfamilien ist, umso höher sind die Leseleistungen, welche die Lehrkräfte ihren Kindern abverlangen, um sie als gymnasialtauglich einzustufen. Bei Kindern aus der Oberen Dienstklasse genügt eine unterdurchschnittliche Leseleistung. Facharbeiterkinder müssen dagegen erheblich besser sein als der Durchschnitt.
    Bei diesen Verstößen der Lehrerinnen und Lehrer gegen das meritokratische Prinzip muss es sich nicht von vornherein um schichtspezifische Voreingenommenheiten oder gar um bewusste und gezielte Diskriminierungen handeln. In vielen Fällen dürfte es eher eine „wohlwollende Diskriminierung“ sein – ein gut gemeinter Schutz vor antizipierten Misserfolgen auf Grund von vermuteten Defiziten an ökonomischen und psychologischen Ressourcen im Elternhaus. Angesichts der Vielzahl an schulischen Abstiegen in der Sekundarstufe I, von denen Jugendliche aus bildungsfernen Familien besonders häufig – z. T. wiederum unabhängig von ihren Leistungen – betroffen werden, sind derartige schichttypische Bedenken durchaus realistisch. Folge dieses Wohlmeinens ist u.a., dass zu viele Potenziale nicht ausgeschöpft werden.
    Das immer noch verwandte Argument „Die langsamen bremsen doch die schnellen Lerner!“ ist schon lange widerlegt. Eine spätere Trennung der Schüler kollidiert nicht mit dem Leistungsprinzip. Die Kompetenzentwicklung der Leistungsstarken wird nicht beeinträchtigt. Im Gegenteil: In vielen Gesellschaften mit einem Sekundarbereich I ohne Niveaustufen, in denen alle – von den Lernbehinderten bis zu den Hochbegabten – neun oder zehn Jahre lang gemeinsam in einer Klasse lernen, ist nicht nur die Bildungsungleichheit erheblich kleiner, sondern auch das durchschnittliche Leistungsniveau höher. Die bessere Kompetenzentwicklung bei den Leistungsschwachen erfolgt nicht zu Lasten der Leistungsstarken. Das Mehr an Inklusion wird nicht mit einer Absenkung des Leistungsniveaus erkauft.
    In Deutschland ist die Kultur des Förderns stark unterentwickelt. Beim PISA-Index „Lehrerunterstützung“ belegt Deutschland unter den OECD-Ländern stets hintere Plätze. Im deutschen Schulsystem besteht nur wenig institutioneller Druck, jungen Menschen mit Lerndefiziten spezifische individuelle Hilfen anzubieten. Stattdessen existieren allgemein akzeptierte, institutionalisierte „Abschiebemechanismen“ für leistungsschwache Schülerinnen und Schüler. Klassenwiederholungen und schulische Abstiege in einen Schultyp mit niedrigerem Niveau, die zu den Selbstverständlichkeiten des deutschen Schulalltags gehören, ermöglichen es den Lehrkräften und Schulen, sich ihrer Problemkinder „zu entledigen“, statt sie zu fördern.
    Es stellt sich die Frage: Warum steht in unserem Schulsystem das Sortieren und Auslesen so sehr im Vordergrund? Warum ist den in unserer Gesellschaft bestimmenden Menschen und Mächten die gesellschaftliche Schichtung so wichtig, dass wir sie unbedingt auch in unserem Schulsystem bis hinein in die Lehrerbesoldung abbilden müssen? Cui bono?
    Wer hat einen Vorteil davon, dass Oberschichtkinder in der Regel besser und Unterschicht- und Migrantenkinder in der Regel schlechter bewertet werden als sie sind? Wenn man die Frage so stellt, dann liegt eine Antwort nicht fern. Aber sind das bewusste oder unbewusste Prozesse?

    • Im Gegenteil: Alle werden zu lasch bewertet, insbesondere die von Ihnen angeführten „Unterschichtskinder“.

      Die sollen schließlich schnell durchs System geschleust werden, ohne Extrarunden.

      Fragen Sie mal an Gemeinschaftsschulen, wie da die Abschlüsse hinterhergeworfen werden.

      Wollte man diese Kinder wirklich fördern, müsste man sie vor allem erstmal ehrlich bewerten.

      • In der ganzen Diskussion kommen mir diejenigen Kinder zu kurz, die sich während ihrer Grundschulzeit langweilen weil der Stoff an den schwächsten Gliedern ausgerichtet wird und alles bis zum einschlafen wiederholt werden muss.

        Weder wird ihre Intelligenz gefordert noch gefördert, ein paar extra Zettel hin und wieder reichen da leider nicht, um den Kindern die Lust auf Schule nicht zu nehmen.

        Wo könnten diese Kinder nach 4 Jahren stehen wenn sie in ihrem eigenen, schnelleren Tempo lernen könnten, wenn ihre oft breit gefächerten Interessen nicht „verkümmern“ würden in einem System, wo alle gleich sein sollen, es aber nicht sind.

  16. Hat jemand auch das Umgekehrte untersucht?
    Wie hoch ist die Prozentzahl der Schüler:innen mit (eingeschränkter) Gymnasialempfehlung, die das Abitur am Gymnasium schaffen?

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