Mit Schnupfen in Kita und Schule? Vage Empfehlungen sorgen für Verunsicherung

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BERLIN. Dürfen verschnupfte Kinder in Corona-Zeiten in Kita oder Schule? In vielen Bundesländern gibt es dafür inzwischen Vorgaben, die die Eltern entlasten sollen. Meist heißt es schlicht: Ja. Schwierig wird es allerdings, wenn weitere Symptome wie Halsschmerzen hinzukommen. Erzieher und Lehrer werden durch die uneinheitlichen Regelungen zusätzlich verunsichert. Zumal auch Eltern mit den Info-Grafiken, die Bildungsbehörden herausgeben, nicht glücklich sind.

Schulbesuch erlaubt oder verboten? Schwer zu sagen. Foto: Shutterstock

«Das Kind hat Schnupfen!» – über Monate hieß das für viele Eltern automatisch, ihren Nachwuchs daheim betreuen zu müssen. Kitas und Schulen schickten Mädchen und Jungen auch bei nur leichten Erkältungssymptomen aus Sorge vor einer Corona-Infektion wieder nach Hause oder nahmen sie gar nicht erst auf. Inzwischen können Mütter und Väter bundesweit etwas aufatmen: In den meisten Bundesländern dürfen Kinder auch mit einer Schnupfennase in Schule und Kita. Für Erzieher und Lehrer bedeutet das aber zusätzliche Unsicherheit.

„Abwägung zwischen Infektionsschutz und pädagogischem Auftrag“

Es gibt inzwischen in vielen Bundesländern Empfehlungen, die für Klarheit sorgen sollen. In Sachsen-Anhalt heißen diese beispielsweise «Schnupfenpapier». Das soll für Entlastung bei Eltern sorgen, denn Erkältungen kommen bei Kindern häufig vor: «Im ersten Kitawinter machen Kinder 10 bis 15 Infekte durch, im zweiten sind es immer noch 5 bis 10», erklärt Jakob Maske, Berliner Kinderarzt und Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Es müsse abgewogen werden zwischen Infektionsschutz und dem pädagogischen und sozialen Auftrag, hatte Bremens Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) in den Sommerferien betont. Leichte Erkältungssymptome seien kein hinreichender Grund, um zuhause bleiben zu müssen. Was aber sind „leichte“ Erkältungssymptome – und was sind „schwere“.

Nur scheinbar sind die Vorgaben eindeutig, zum Beispiel in Berlin. Dort sollen Eltern anhand eines Schemas erkennen, wie sie vorgehen sollten: Kinder, die Schnupfen oder Husten, aber kein Fieber haben, dürfen weiter Kita oder Schule besuchen. Ist die Temperatur bei diesen Symptomen bis 38,5 Grad erhöht, muss das Kind mindestens 24 Stunden zu Hause bleiben. Bei weiteren und/oder verstärkten Symptomen wird der Gang zum Arzt empfohlen. Dort werde dann eventuell ein Corona-Test veranlasst, so die Bildungsverwaltung.

„Indikation stellt der Arzt – nicht der Pädagoge“

Jakob Maske erlebt in seiner Praxis aber, dass nicht alle Erzieher und Lehrer sich an dieses Schema halten: «Auch jetzt sind unsere Wartezimmer ziemlich voll. Es werden Kita- und Schulkinder vorgestellt mit meistens nur Erkältungssymptomen.» Trotz der Vorgaben der Senatsverwaltung würden häufig Attests oder negative Abstriche verlangt – was beides nicht notwendig sei, so der Arzt. «Die Indikation für einen Test stellt immer nur der Arzt und nicht ein Pädagoge.»

Allerdings bleibt so manche medizinische Einschätzung im Hin und Her der Kompetenzen auf der Strecke. Was ist zum Beispiel mit einem Kind, das Schnupfen und Halsschmerzen hat? Ein Fall aus Nordrhein-Westfalen: Die Kinderärztin empfiehlt einen Corona-Test – und meldet den Fall dem örtlichen Gesundheitsamt. Das werde sich kurzfristig melden, um die Eltern über den weiteren Weg zu informieren, heißt es. Der Anruf kommt nie. Das Kind geht nach einem Tag Karenz wieder in die Schule.

Die Empfehlungen für Eltern widersprechen sich zum Teil

Ähnlich wie in Berlin gibt es auch in anderen Bundesländern Empfehlungen – die aber widersprechen sich: Während in der Hauptstadt beispielsweise anhaltender Husten als Ausschlusskriterium gilt, spricht man in Hamburg oder Baden-Württemberg von „trockenem“ Husten, sofern er nicht von einer chronischen Krankheit verursacht wird. Und während in Berlin die Regeln für Kitas und Schulen gelten, differenzieren andere Länder hier.

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In Sachsen-Anhalt etwa müssen Eltern von Kita-Kindern einmal eine schriftliche Erklärung abgeben, dass sie ihr Kind nur ohne typische Covid-19-Symptome in die Kita schicken (was immer das sein soll). In der Vergangenheit habe es viele Beschwerden gegeben, weil Kitas Kinder mit laufender Nase nach Hause geschickt hätten, sagte Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD). Seit der Neuregelung gebe es diese bisher nicht mehr. Für Grundschüler hat das Bildungsministerium ein «Schnupfenpapier» mit Empfehlungen veröffentlicht.

In Nordrhein-Westfalen wiederum müssen Kinder mit Schnupfen zunächst 24 Stunden zu Hause beobachtet werden. Bessert sich ihr Zustand und treten keine zusätzlichen Symptome auf, dürfen sie in die Schule. In Bayern dürfen Kinder bei leichten Symptomen wie Schnupfen und gelegentlichem Husten dann in die Schule, wenn sie binnen 24 Stunden kein Fieber entwickelt haben – wobei bei Grundschülern eine Ausnahme gemacht wird.

Welche Symptome haben Kinder mit Corona denn überhaupt? Unspezifisch

Laut Robert Koch-Institut zählen bei Kindern mit Sars-CoV-2-Infektion Fieber und Husten – wie bei Erwachsenen auch – zu den häufigsten Symptomen einer Corona-Infektion. Eine aktuelle Studie in Großbritannien bestätigt allerdings, dass bei Kindern auch vielfach andere Symptome prägnanter sein können. So hätten rund die Hälfte kein Fieber, keinen Husten und keinen Verlust des Geruchs- oder Geschmackssinns, berichten Forscher im Fachblatt «BMJ». Recht häufig seien Magen-Darm-Probleme wie Durchfall, Appetitlosigkeit oder Erbrechen. Auch Hautausschlag und Kopfschmerzen werden als mögliche Symptome genannt. Bei solchen recht unspezifischen Anzeichen sei Eltern dazu zu raten, die Kinder bis zum Abklingen der Symptome daheim zu lassen, erklärte Tim Spector vom King’s College London. In der Hälfte der für die Studie berücksichtigten Fälle hatten die Kinder allerdings gar keine Symptome.

Vor Einführung der neuen Empfehlungen hatte es bundesweit noch mehr Wildwuchs gegeben: Manche Einrichtungen verlangten von den Kinderärzten ein Attest, das eine Infektion mit dem Coronavirus auszuschließen sei. Andere wollten gar ein PCR-Test-Ergebnis sehen. Kinderärzte schlugen Alarm und warnten vor überfüllten Praxen. Eltern bangten um ihre Jobs, da sie sich nicht mehr in der Lage sahen, ihre Kinder nach den coronabedingten Schul- und Kitaschließungen noch länger zu Hause zu betreuen. Die Länder reagierten und veröffentlichten ihre Handlungsempfehlungen.

Der Herbst könnte aus Sicht von Ärzten dennoch schwierig werden. «Jetzt treffen die Kinder in den Schulen und Kitas wieder aufeinander. Da ist es ja nicht zu vermeiden, dass Keime ausgetauscht werden und die Kinder krank werden», sagte die Vorsitzende des Hausärzteverbandes Brandenburg, Karin Harre. Im Verband überlege man deshalb, ob Kinder ab sechs Jahren auch zum Hausarzt gehen, um die Kinderarztpraxen zu entlasten.

„Eltern werden mit der Entscheidung alleingelassen“

Hamburger Eltern, die sich in der Initiative „Sichere Bildung“ zusammengeschlossen haben, kritisieren zudem, dass die Vorgaben immer noch zu vage gefasst sind. „Die Infografiken zum Umgang mit Atemwegs-Symptomen müssen überarbeitet und klarer gefasst werden“, so fordern sie. „Es kann nicht sein, dass einerseits die Eltern mit der Entscheidung alleingelassen werden, wie bei Anzeichen eines Infekts verfahren werden soll, eine laufende Nase ausdrücklich als harmlos bezeichnet wird – und der Schulsenator den Familien dann aber indirekt den öffentlichen Vorwurf macht, es seien Schüler*innen trotz Symptomen zur Schule gekommen.“ News4teachers / mit Material der dpa

„Kein Ausschlussgrund“: Kinder mit Rotznase dürfen in Kitas und Schulen

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16 KOMMENTARE

  1. Das Flussdiagramm von NRW…

    https://www.schulministerium.nrw.de/system/files/media/document/file/Erkrankung%20Kind%20Schaubild.pdf

    … enthält vor allem das interessante Detail, dass im Fall stärkerer Symptome der Arzt aufgesucht werden soll. Danach gibt es aber nur noch die Fortsetzungen „Corona-Test negativ“ und „Corona-Test positiv“. Der viel häufigere Fall „Arzt hält Corona-Test aus irgendwelchen Gründen nicht für nötig bzw. weist die Eltern schon am Telefon ab“ kommt gar nicht vor. In dem Fall drängt sich die Frage auf, was dann geschieht und vor allem, wer die Verantwortung dafür trägt.

    Mit dem Ansatz „Kinder teste ich nicht, es sei denn, das Gesundheitsamt weist das an“ vermeidet man natürlich ganz viele Tests, die ohnehin negativ ausgehen, aber eben auch die, die dann wirklich positiv sind. Da die Corona-Symptome bei Kindern schwach und unspezifisch sind, ist die Chance, dass mit diesem Vorgehen infizierte Kinder in die Schule gehen, während sie noch ansteckend sind, sehr hoch.

    Letztlich müsste an der Stelle derjenige, der einen Test für unnötig hält, ganz klar die Verantwortung für sämtliche Folgen tragen.

    • Genau diesen (offenbar typischen) Fall hatte ich. Kind hatte Symptome, Arzt wollte Kind weder sehen noch testen.

      Die Schule hatte aber ausdrücklich verlangt, dass ärztlich abgeklärt und gegebenenfalls auch ein Attest vorgelegt wird.

      Dieses Dilemma kommt erst gar nicht im Flußdiagramm vor und man kriegt auch nirgendwo eine Antwort, wie man denn nun verfahren solle.

      • Das dann einsetzende Verfahren ist doch auf der Rückseite des gedruckten und laminierten Flussdiagramms beschrieben.
        Wie, da steht nichts – na, dann muss ja auch nichts gemacht werden.
        Folge, das Kind bleibt so lange zuhause, bis es einen negativen Test nachweist. Besser lässt sich die Schulpflicht auf Forderung der Schule doch gar nicht umgehen. Die Schule ist es doch, die das Kind vom Unterricht ausschließt.

        Also, was will man mehr?

        Und was den Bildungszuwachs angeht, in der Zeit, in der man nicht zum Präsenzunterricht wegen der schulischen MAßnahme kann, da ein Test von ärztlicher Seite verweigert oder nicht für medizinisch indiziert gehalten wird, kann man sich doch eine eindeutige Meinung zum Schul- und Gesundheitswesen sowie den politischen Entscheidungsträgern bilden.

        Und der Fachkräftemangel, der von der wegen COVID 19 am Tropf staatlicher Unterstützung hängenden deutschen Wirtschaft beklagt wid, bezieht sich doch lediglich auf Personengruppen, die kein Infektionsrisiko darstellen und wegen Corona bereit sind, auf Lohnzuwächse zu verzichten. Wer also braucht in dieser Situation gut ausgebildete und motivierte Schulabgänger, die bis zum 25. Lebensjahr ohnehin zur elterlichen Bedarfsgemeinschaft ohne nennenswerten Anspruch auf staatliche Transferleistungen gezählt werden.
        Es müssen Arbeitsplätze und nicht Arbeitsplatzinhabende gerettet werden.
        Es werden also nicht die Schiffsbrüchigen gerettet sondern deren Kabinen – oder so ähnlich.

      • Da kann man wohl nur noch direkt zum Arzt gehen, sich mit „unspezifischen“ Symptomen ins Wartezimmer setzen.. und warten, bis man dran ist.

        Beschwert sich der Arzt, warum man mit Corona-Symptomen zu ihm kommt – einfach entgegenhalten: am Telefon meinten Sie doch, es sei kein Test nötig.

        Macht er einen Test, schon um für sich die Gewissheit zu haben, ob er möglicherweise auch was abgekriegt hat, dann hat man ja den Test.

        Ich rate dringend dazu, den Arzt zu wechseln.

      • Leider dürfen die Schulen keinen negativen Test fordern. Wir haben den Arzt, der zuerst den Test verweigert hat (genau die gleiche Situation) gebeten, uns dann schriftlich zu geben, dass das kein Corona ist und er für mögliche Folgeinfektionen die Verantwortung übernimmt. Da war der Test dann doch möglich – glücklicherweise mit negativem Ergebnis.

  2. In Hessen gibt es eine Empfehlung fuer Schulen und Kitas als Anlage zum Hygiene Plan 5. Leider haben die Autoren die Corona Vo Nr. 3 nicht gelesen öder verstanden. Da bekommen wir jetzt regelmäßig Klarstellung usw. Der Anhang gilt bei uns schon nicht mehr. So langsam gehen einem die Amateure echt auf den Keks

    • Und wer sind hier die Amateure ?

      Mit jedem neuen Beitrag
      wird die Unsicherheit erkennbar,
      es ist kaum benennbar,
      was alles an Unsicherheit sich hier verbarg.
      Vorbei ist die Leichtigkeit
      des unbeschwerten Lebens.
      fort alle Heiterkeit,
      man wartet vergebens,
      auf Leichtigkeit und Normalität,
      allein es folgt nur die Banalität
      des Beschreibens schlimmster Prognosen,
      so manch einer machte sich verbal schon in die Hosen,
      voller Angst,Lähmung und Erstarrung,
      haut man dann wieder in die Tasten,
      sodass andere hier schier ausrasten,
      über Kommentare mit anderer Sicht-
      dann ist bei denen aber wirklich Schicht.

  3. Mal unabhängig von KITA- die Schule darf in Niedersachsen mit Erkältung Symptomen besucht werden. Nur Fieber und „Mattigkeit“ in Kombination mit Erkältungssymptomen ist ein Ausschlusskriterium….bedeutet auf konkretes Nachfragen: die SuS dürfen nur nach Hause geschickt werden, wenn sie Fieber haben und/oder deutlich erschöpft wirken. Auf die LuL bezogen verhält es sich dann wohl ähnlich…
    Im Bekanntenkreis hat man gerade eine Kollegin (Lehrkraft Erwachsenenbildung) für 14 Tage in Quarantäne geschickt- ohne Test, da es mehrere positive Fälle gibt. Der Lebensgefährte darf aber weiterhin seiner Beschäftigung nachgehen. Ein Test soll bei ihr nur durchgeführt werden, wenn sie Symptome zeigt… Der Test kostet halt…. Ich denke die hohen Zahlen in Frankreich sind wohl darauf zurück zu führen, dass dort der Test- sorry Hörensagen- wohl kostenfrei ist…. Auch für Asymptomatische. Aber nun hat der gute Herr Tonne ja gerade ein Schreiben rausgegeben, das uns niedersächsischen Lehrkräften 2 Tests bist zu den Herbstferien zu gesteht. Mit BERECHTIGUNGSSCHEIN und bei gelisteten Ärzten. Also erst mal Schein holen, Vertragsarzt rausfinden, womöglich noch weiter fahren und dann natürlich außerhalb der Dienstzeit den Test durchführen. Dann weiter fröhlich unterrichten und das Ergebnis abwarten…. Wollen wir mal hoffen, daß Herrn Tonnes Strategie nicht nach hinten los geht….

  4. Unser Schultraeger hat mittlerweile festgelegt, dass höchstens alle 45 Minuten fuer dann höchstens 5 Minuten gelüftet werden darf. Die Heizungsanlagen der Schulen werden sonst in die Knie gehen. Ist ja aber noch bzw. Wieder warm.

  5. In SH wird nun gesagt, dass Schnupfen, Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns in Verbindung mit Schnupfen und Fieber unter 38,0 Grad noch kein Grund ist, dass Kinder die Schule nicht besuchen dürfen.

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