Mikrobiologin Charpentier holt Chemie-Nobelpreis nach Berlin

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BERLIN. Der Chemie-Nobelpreis geht auch nach Berlin, wo die französische Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier tätig ist. Über eine mobile Forscherin.

Kommt aus Frankreich, forscht und lehrt in Berlin: Emmanuelle Charpentier. Foto: Bianca Fioretti, Hallbauer & Fioretti / Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0

Emmanuelle Charpentier strahlt. Gelöst wirkt die Französin nach der Bekanntgabe des Chemie-Nobelpreises, als sie in Berlin vor die Kameras tritt. Die Mikrobiologin posiert neben einer Büste von Max Planck – schließlich ist sie Direktorin der Max-Planck-Forschungsstelle für die Wissenschaft der Pathogene in der Hauptstadt und der Physiker ebenfalls Nobelpreisträger. Auch ein Maskottchen zeigt sie vor: ein Püppchen mit der Flagge Schwedens. Dort forschte sie 2012 bei der Veröffentlichung ihrer bahnbrechenden Arbeit. «Überwältigt» sei sie, sagt Charpentier am Mittwoch in einer Videoschalte, sie werde bombardiert mit E-Mails und Handynachrichten.

Nein, eine Überraschung ist es nicht, dass die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften der Mikrobiologin den Chemie-Nobelpreis zuerkennt: Charpentier wurde als Mitentwicklerin der Genschere Crispr/Cas9 schon seit Jahren als Kandidatin gehandelt. Für die Verhältnisse der Wissenschaftswelt ist um sie und ihre Mit-Nobelpreisträgerin, die US-Amerikanerin Jennifer A. Doudna, in den vergangenen Jahren ein echter Hype entstanden. Charpentier bleibt aber auf dem Boden: «Das wird mich nicht ändern. Ich werde die Person bleiben, die ich die Jahre über war», sagt sie.

Wenn Charpentier, wie in den vergangenen Jahren mehrfach, öffentliche Vorträge über ihre Arbeit hielt, war das Interesse groß: Zu erleben war die heute 51-Jährige mit dem Lockenkopf dabei als konzentrierte, stets auf die Sache fokussierte Wissenschaftlerin. Dass sie niemanden mehr für sich einnehmen muss, konnte man ihren nüchternen Auftritten mit Präsentationen voller komplexer Schaubilder ablesen. Das von ihr mitentdeckte Verfahren hat Forschern weltweit unglaubliche neue Möglichkeiten eröffnet.

Im In- und Ausland erhielt die Forscherin in den vergangenen Jahren zahlreiche Preise. Darunter waren etwa der Leibniz-Preis und der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. 2015 zählte das «Time»-Magazin sie und Doudna zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten. Häufig wurde in der Publikumspresse über die Geschichte der relativ jungen Frauen in der oft noch von älteren Männern dominierten Wissenschaft berichtet. Als sie vor Jahren einmal mit Kittel und Ausrüstung im Labor fotografiert werden sollte, wehrte sie sich dagegen, weil sie so einfach nicht arbeite.

Charpentier studierte Mikrobiologie, Biochemie und Genetik an der Pierre-und-Marie-Curie-Universität in Paris. Es folgten mehrere Forschungsstationen in den USA, in Wien und Schweden. Von 2013 bis 2015 war sie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig tätig. Dann der Wechsel in die Bundeshauptstadt: Dort war die Französin zunächst Direktorin am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie. Seit 2018 ist sie Gründungs- und kommissarische Direktorin der Max-Planck-Forschungsstelle für die Wissenschaft der Pathogene in Berlin – einem unabhängigen Institut, das sie gemeinsam mit der Max-Planck-Gesellschaft gründete. Zudem ist sie Honorarprofessorin an der Humboldt-Universität.

Der bewegten Laufbahn entsprechend ziehen sich unausgepackte Kisten im Büro wie ein Charakterzug durch Artikel, die über Charpentier geschrieben wurden. Als sie am Mittwoch in einer Videoschalte nach ihren Zukunftsplänen gefragt wird – bleibt sie in Berlin? – , weicht die Wissenschaftlerin aus: Das sei eine politisch unkorrekte Frage, sagt sie und lacht. In ihrer Berliner Anfangszeit hatte sie sich in einem Zeitungsinterview einmal nicht gerade glücklich angesichts der Bedingungen geäußert.

„Unser ganzer Wissenschaftsstandort freut sich mit“

«Wir sind sehr stolz darauf, eine so herausragende Forscherin in Berlin zu haben, unser ganzer Wissenschaftsstandort freut sich mit und für Prof. Charpentier», erklärte Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD) am Mittwoch und gratulierte. Charpentier und ihrem Team habe man im Herzen Berlins «die auf ihre Ideen und ihre Forschung zugeschnittenen Gebäude bereitstellen können».

«Sie ist so erfinderisch, sie könnte sich ein Labor auf einer einsamen Insel einrichten», wurde Charpentiers Doktorvater Patrice Courvalin 2016 in einem Porträt zitiert. Dirk Heinz, Wissenschaftlicher Geschäftsführer am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig, beschrieb sie am Mittwoch als sehr konzentrierte und fokussierte Forscherin, die extrem hart arbeite. «Man möchte fast schon sagen: 24 Stunden arbeitet».

Woher sie all die Energie nimmt? Wie Charpentier dem Berliner «Tagessspiegel» vor zwei Jahren sagte, lasse sie sich ihre vier bis fünf Stunden Sport pro Woche nicht nehmen: Laufen, Schwimmen, Radfahren, Funktionstraining und Boxen. Von Gisela Gross, dpa

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