Tarifkampf der Erzieherinnen: Nicht nachgeben! Unsere Forderungen sind berechtigt

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POTSDAM. Geht der Tarifstreit im öffentlichen Dienst des Bundes und der Kommunen – und damit für die Kita-Beschäftigten – in seine entscheidende Phase? Am heutigen Freitag sollten die Gespräche fortgesetzt werden. Die Arbeitgeber bieten 3,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt für drei Jahre, die Gewerkschaften fordern 4,8 Prozent für ein Jahr. Unsere Autorin Angelika Mauel ist selbst gelernte Erzieherin und weiß, wie es in vielen Fachkräften im Sozial- und Erziehungsdienst brodelt. Sie fordert in ihrem Kommentar von den Gewerkschaften Standfestigkeit. Und: Kämpft endlich konsequent für bessere Arbeitsbedingungen!

Es reicht! Zeit für eine Kurskorrektur. Illustration: Shutterstock

Während des ersten bundesweiten Streiks der Erzieherinnen 2009 schaffte es eine charismatische Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen auf einer Großkundgebung auf dem Kölner Heumarkt die lange schrill pfeifenden Erzieherinnen dazu zu bringen, ihr zuzuhören. Immer wieder hieß es: „Ihre Forderungen sind berechtigt! Ich stehe hinter Ihnen!“ Aber sie stand nicht hinter uns, sondern vor uns. Seitdem nahm ein Betreuungsplatzausbau ohne Rücksicht auf die Qualität Fahrt auf! Versprechungen, Schaumschlägerei – und die vom Tempo des Ausbaus überrumpelten Erzieherinnen schafften es nicht, rechtzeitig als Notbremse für eine Kurskorrektur zu sorgen.

Streik der Erzieherinnen und Erzieher zur Unzeit? Von wegen

Von einem „Streik zur Unzeit“ ist in den Medien derzeit oft die Rede. Wir sollten wegen Corona auf einen Streik verzichten. Der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeber erschien es angebracht, verdi mit der „moralischen Keule“ zu kommen.

Und nun das: 342.000 Betreuungsplätze für die Jüngsten fehlen – so hat es das Institut der Deutschen Wirtschaft errechnet. Die Anzahl fehlender Erzieherinnen wurde dabei allerdings nicht präsentiert. Ein Rechtsanspruch auf die Betreuung der Grundschüler soll auch noch umgesetzt werden. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund fordert eine Betreuungsoffensive. Hat man vergessen, dass bereits die Schleckerfrauen wenig Interesse daran hatten, sich umschulen zu lassen? Und dass Erzieherinnen nicht mit pädagogischen Laien im Schlepptau für eine Ausweitung unzureichender Betreuungskonditionen sorgen wollen? Als Fachkräfte wollen sie endlich allen Kindern gerecht werden können. Kleinere Gruppen! Keine neuen Aufstockungen, zumindest übergangsweise…

Attraktive Angebote sollen nun denen unterbreitet werden, die in der Corona-Krise ihren Job verloren haben oder in Kurzarbeit sind. In NRW hat man schon früher angefangen, „Alltagshelfer“ für Kitas zu suchen. Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes Gerd Landsberg setzt immerhin auf „Ausbildungen“ zur Tagesmutter oder zum Tagesvater. Das ist vorausschauend. Erzieherinnen könnten ansonsten sagen: „Es reicht! Wir arbeiten nicht mehr mit Ungelernten oder mit denen, die nur einen ‚Crash-Kurs mit Zertifizierung‘ flott hinter sich gebracht haben.“ Wenn es um Kitas geht, scheinen Qualifikationen allzu oft keine Rolle zu spielen. Studierte Kindheitspädagogen in Kitas verdienen oft nicht mehr als Erzieher. Wo bleiben die attraktiven Angebote für sie?

Allzu oft gilt in den Kitas: Gute Miene zum bösen Spiel machen!

Leicht ist es nicht, aus der Beschönigungskultur auszubrechen. Ein Beispiel: Fachkräfte aus anderen Ländern wurden angeworben. In einer Fremdsprache brabbelnde Kleinkinder zu verstehen, ist aber besonders schwer. Manchmal misslingen Teamabsprachen. Die Bildungsdokus mussten dann meist die Muttersprachlerinnen verfassen, die dadurch noch weniger Zeit für die Kinder hatten.

Doch sobald man nette Kolleginnen hat, schimpft man nicht so leicht über die Fehler des Systems. Kitas gaben sich einen multikulturellen Touch. Vor der Presse wurden die aus Griechenland, Spanien oder anderen Ländern in deutsche Kitas geholten neuen Kolleginnen gebührend gelobt. Über die vielen Fälle, wo sie bald wieder die Heimreise antraten, wurde geschwiegen. Anstelle nur gute Miene zum bösen Spiel zu machen, hätten Kindergartenleitungen schon früh auf die enorme Überforderung von Arbeitsmigrantinnen und vieles mehr aufmerksam machen können. Auf Gefahrenmomente, Missverständnisse und Schrecksekunden…

Lob der Erzieherinnen wird genutzt, um Forderungen kleinzuhalten

Lob hat viele Facetten: Je schneller Erzieherinnen erkennen, dass Lob als Instrument der Machtausübung ihnen gegenüber benutzt wurde, um so nüchterner werden sie. Es regt sich zunehmend Widerspruch. Die Vorsitzende des Verbands Kita-Fachkräfte Rheinland-Pfalz Claudia Theobald schrieb einen sachlich-provokanten und angemessenen Brief an Malu Dreyer, der auf der Webseite des Verbands gelesen werden kann. Der Verband bekommt immer mehr Mitglieder.

Vor vielen Zuschauern der Sendung frontal 21 vom 6. Oktober 2020 gaben ein Erzieher und mehrere Erzieherinnen freimütig Auskunft. Unter ihnen Katharina Schröder, die Initiatorin der Petition „Kitagipfel statt Autogipfel“. Mecklenburgs Sozialministerin Stefanie Drese hingegen blieb vor der Kamera eine konkrete Antwort schuldig. Mit bedächtig, fast andächtig gefalteten Händen scheute sie in Erklärungsnot nicht vor einer ungeheuerlichen Behauptung zurück: Die rund 15.000 Erzieherinnen (des Landes mit dem bundesweit schlechtesten Personalschlüssel) wüssten, dass sie in den Kitas des Landes „gute Arbeitsbedingungen“ vorfinden würden.

„Nein, ich würde mein eigenes Kind nicht in meine eigene Kita geben“, sagte eine Kitaleiterin aus Mecklenburg-Vorpommern am Schluss. Ein Statement, dem sich auch in westlichen Bundesländern Erzieherinnen anschließen könnten, wenn auch tendenziell eher für Krippenkinder. Sie tun es nicht. Noch nicht? Lediglich ihre privaten Entscheidungen deuten auf ein weit verbreitetes Unbehagen. Immer mehr Fachkräfte mit eigenen Kindern in Krippen und Kitas entscheiden sich bewusst und unter finanziellen Opfern für eine verlängerte Familienzeit. Manche betreuen zusätzlich zum eigenen Kind stundenweise andere Kinder im Rahmen der skandalös schlecht bezahlten Tagespflege oder arbeiten in Teilzeit. Sie finden es enorm wichtig, dass Kinder Geborgenheit erleben.

Zu wenig Nähe und Körperkontakt für viele Kinder – schon vor Corona

Mehr als früher lassen sich die Fachkräfte auf Erkenntnisse der Bindungsforschung ein, doch von diesem Wissen allein wird die Betreuungsqualität für die ihnen anvertrauten Kinder nicht besser. Allenfalls das schlechte Gefühl der Betreuerinnen wächst. Schon vor Corona gab es zu viele Missstände in Krippen und Kitas. Zu wenig Nähe und Körperkontakt für viele Kinder, besonders aber für die Jüngsten, die ihn und viele innige Blickkontakte wirklich gebraucht hätten. Das ist das Schlimmste. Und dass sich alle scheinbar daran gewöhnt haben. News4teachers

Tarifkampf der Erzieherinnen: Lasst Euch nicht länger mit billigem Lob abspeisen!

 

 

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6 KOMMENTARE

  1. 3,5 % auf 3 Jahte sind bei 1,4 % Inflation ein (Milchmädchen-Rechnung) Minus von 0,7%. Wer macht so einen Unfug denn mit?

    • Leider muss ich dem Satz “ Ich würde mein eigenes Kind nicht in meine Kita geben …“ aus eigener Erfahrung schmerzlich zustimmen.Und es waren mehrere Kitas, die hinter den Kulissen alles andere als Qualität erreichten.Der Personalschlüssel ist einfach noch zu schlecht.Jede Erzieherin versucht mit “ Dauerschnupfen“ die Krankheitstage gering zu halten und sich über den Tag zu quälen.Kleinere Gruppen und feste Bezugserzieher, aber keine Alltagshelfer/Kurzeinsatzkräfte sind für unsere Kinder wichtig.Da helfen ein paar Euro mehr Gehalt auch nicht, da die meisten Teilzeit arbeiten.

      • Als unsere Einrichtungsleiterin (Krippe und Kita) schwanger wurde und sich in den Mutterschutz verabschiedete, gingen einige Mütter davon aus, sie spätestens in einigen Monaten wiederzusehen. Es herrschte betretenes Schweigen, als sie mitteilte, dass sie die Elternzeit voll ausschöpfen würde. Eine Mutter sprach aus, was die anderen wohl nur dachten: „Bekommen Sie als Mitarbeiterin hier denn nicht bevorzugt einen Krippenplatz?“ „Weiß ich nicht“, erwiderte die Mitarbeiterin fröhlich. „Ich will ja keinen!“

        • Hallo Isabell!
          In meinem Umfeld haben sich einige ältere Erzieherinnen entschieden, nicht mehr oder nur kürzer als Erzieherin zu arbeiten, weil sie viel lieber ihre Enkelkinder betreuen wollen. Und sobald diese Kinder in die Kita kommen, hat die Oma immer noch Zeit, so dass die Kleinen nicht wie viele andere Kinder krank gebracht werden.
          Leider fehlt vielen Familien eine derartige Unterstützung und seit Corona ist es noch stärker zu merken als vorher. – Deshalb auch die „Schnupfenpapiere“ und der „Schnupfenerlass“.

      • Hallo!
        Was du geschrieben hast, könnten „Anonym 2, Anonym 3 und so weiter ebenfalls unterschreiben. (Nur zu!)

        Aufschlussreich finde ich auch, wie vehement auf der Erfüllung ihrer Sonderwünsche bestehen, wenn es um das eigene Kind geht. Eltern können sich nur selten aussuchen, in welche Gruppe ihr Kind kommt. Aber ERzieherinnen legen nicht selten großen Wert darauf, in welcher Einrichtung ihres Trägers und in welcher Gruppe ihr Kind aufgenommen wird. Wenn es wonaders hin müsste, würden sie eben nicht anfangen…
        Sobald es um das eigene Kind geht, lassen Erzieherinnen klar erkennen, was ihnen wichtig ist. Leider reden sie nicht offen darüber.

    • Hallo Gümmnasiallehrer a.D. !

      Danke für die Frage, auf die zunächst mal ebenso wenig Resonanz kam, wie auf meinen Artikel. Warum eigentlich? (Das Ergebnis für den TVöD fiel immerhin etwas besser aus, aber die Frage, „Wer macht so einen Blödsinn denn mit?“ sollte trotzdem nicht unbedacht bleiben.)

      Es kann doch nicht sein, dass es für Erzieherinnen tabu ist, sich über etwas definitiv Lebenswichtiges auszutauschen. Viele von uns erkundigen sich im Rahmen eines Vorstellungsgesprächs leider immer noch nicht nach dem zu erwartenden Gehalt oder gar den Aufstiegschancen. Verständlicherweise nennen Träger dann auch nicht die konkrete Summen, die zu erwarten wäre. Private Träger sagen zu Beginn, dass nach „Haustarif“ gezahlt wird und das reicht vielfach immer noch aus, damit Gutgläubige sich Illusionen machen. Wenn sie merken, dass sie mehrere Hundert Euro weniger verdienen als Fachkräfte, die nach dem TVöD SuE bezahlt werden, ist die Enttäuschung groß, führt aber längst nicht immer dazu, dass in der Probezeit gekündigt würde.

      Obwohl der Feminismus wirklich viele Frauen bewegt hat, merkt man in Klein-Pädagogien davon wenig. Dazu Beispiele, die Lehrer und Lehrerinnen vielleicht aus ihrer persönlichen Lebenserfahrung kennen: Der Ehemann ist ein gut verdienender Akademiker und seine Frau ist Erzieherin. Wegen der auf jeden Fall erheblich auseinanderklaffenden Gehälter entscheidet sich das Paar für die Steuerklassenkombination 3/5. Da bekommt die Frau am Ende so wenig ausbezahlt, dass es finanziell unbedeutend ist, wenn sie eine Arbeitsstelle annimmt, deren Stellenbeschreibung der einer Kinderpflegerin entspricht.

      Obwohl Erzieherinnen nach dem Erhalt der Zertifikate über den Besuch von Fortbildungen keine höheren Gehälter bekommen, wurden von vielen Summen im unteren und mittleren fünfstelligen Bereich für entsprechende Kurse oder Workshops ausgegeben. Es mangelt nicht an zertifiziertzen Entspannungspädagogen unter den bald in Rente gehenden Erzieherinnen. Teure Klangschalen wurden vom eigenen Geld angeschafft und in der Kita eingesetzt. So nach dem Motto: „Alle Kinder liegen still, weil ich mal pausieren will“…

      Heute ist man „weiter“: Den Kindern werden mehr Syndrome angehängt und sie sollen Therapien machen. Und da die Zeit für „normale“ Gespräche mit den Kolleg*innen knapp ist, können die Teams dann im Rahmen von Mediationen und Supervisionen unter Oberaufsicht „freimütig alles sagen“ – oder nicht. – Es ist und bleibt schwierig.

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