Unterrichtsforscher: Ferienangebote werden nicht allen Schülern helfen

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JENA/ERFURT. Auch wenn das Ausmaß noch nicht klar ist, ist der Befund unstrittig: Die Pandemie sorgt für Lernrückstände. Für die meisten Kultusministerien scheinen derzeit Ferienangebote das Mittel der Wahl, diese aufzuarbeiten, so auch in Thüringen. Experten wie der Jenaer Unterrichtsforscher Alexander Gröschner befürchten allerdings, dass damit gerade diejenigen nicht erreicht werden, die Unterstützung am nötigsten hätten.

Sind abgehängte Kinder mit Sommercamps erreichbar? (Symbolfoto). Foto: Shutterstock

«Diejenigen, die interessiert sind, werden das sicherlich machen», so Gröschner. Er habe aber Zweifel, dass Schüler, die bereits während der Zeit des Distanzunterrichts kaum Lernerfolge verbuchten, solche Angebote annehmen würden. «Ich glaube, für diese Schülerinnen und Schüler ist es wichtig, sie innerhalb des Systems abzuholen und nicht durch Sommercamps», sagte Gröschner, der Professor für Schulpädagogik und Unterrichtsforschung an der Friedrich-Schiller-Universität (FSU) Jena ist.

Wie in den anderen Bundesländern waren auch in Thüringen Schulen und Kitas zwischenzeitlich wochenlang geschlossen, hatten ihren Betrieb zumindest weitgehend eingeschränkt. In einigen Landkreisen müssen die Schüler immer noch zu Hause im Distanzunterricht lernen, weil es dort zu viele Corona-Infektionen gibt. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) hatte kürzlich eine «nationale Kraftanstrengung» gefordert, um dauerhafte Folgen der langen Schulschließungen abzuwenden. Bund und Länder sollten dafür ein «wirklich großes Nachholprogramm» auflegen.

Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) wies darauf hin, dass noch nicht klar sei, wie groß der Schaden in der Bildung ist. «Erst in einigen Wochen werden wir ein genaueres Bild haben, wie die Lage tatsächlich ist», sagte Holter. Sein Ministerium plane derzeit unterstützende Bildungsangebote. «Der Großteil davon soll in den Sommerferien stattfinden.»

Gröschner warnte vor zu großen bürokratischen Hürden bei solchen Angeboten. «Ich glaube, dass es eher kleinere Angebote bräuchte, die niedrigschwellig greifen.» Denkbar sei etwa, dass Schulen, Fördervereine von Schulen oder Lehrkräfte für die Klassen oder auch einzelne Schüler solche Angebote anbieten könnten.

«Die Lehrkräfte in Deutschland sind derzeit gerade sehr gefordert»

Mit Blick auf Vorschläge wie Sommercamps in den Ferien sagte der Experte, dass dafür nicht unbedingt Lehrer zuständig sein müssen. «Die Lehrkräfte in Deutschland sind derzeit gerade sehr gefordert.» Ähnlich hatten sich in der Vergangenheit auch Bildungsgewerkschaften und -verbände geäußert. Seiner Meinung nach gebe es in Deutschland aber bereits gute Strukturen – etwa in Vereinen, um in den Ferien Bildungsangebote an Schüler machen zu können.

Thüringens Grünen-Fraktionschefin Astrid Rothe-Beinlich kann sich den Einsatz von Lehramtsstudenten vorstellen, um Lernrückstände bei Schülern aufzuholen. «Wir setzen hier beispielsweise auf zusätzliche personelle Unterstützung der Schulen – unter anderem durch Lehramtsstudierende sowie Nachhilfeinstitute», sagte Rothe-Beinlich. Wenn es in einigen Fächern mehr Nachholbedarf gebe, seien aus ihrer Sicht auch Anpassungen in der Stundentafel denkbar.

Laut Gröschner sei es für Kinder und Jugendliche, die in der Corona-Krise kaum Lernfortschritte machen konnten, weil zu Hause zum Beispiel die technischen Voraussetzungen oder die Unterstützung fehlten, wichtiger, schnell wieder in die Schulen zu kommen. «Diese Schüler brauchen den Lernort Schule, insbesondere um mit Lehrkräften über Unterricht ins Gespräch zu kommen», sagte Gröschner.

Bildungsminister Holter betonte, dass solche Schüler in Thüringen bewusst früher wieder in die Schulen zurückkehren konnten. «Dass wir hier früh gesagt haben, dass die Schulen sehr genau auf solche Schülerinnen und Schüler achten und sie besonders fördern sollen, könnte uns nun möglicherweise helfen, Lernrückstände besser anzugehen.» (dpa)

Bildungsforscher: Jeder siebte Grundschüler erfüllt derzeit nicht die Mindeststandards

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20 KOMMENTARE

  1. Mal ne Frage. Ich hab mein Referendariat vor 23 Jahren gemacht. Danach hab ich mindestens 10 Referendare als Fachbetreuer durch das Referendariat begleitet.
    Die Landes Seminare haben den Frontalunterricht bei uns immer verteufelt.
    Unterricht muss so laufen: Lehrer als Vorbereiter und Moderator. Die Schüler erarbeiten den Stoff selbsttätig. Diese Linie wurde voll durch die Kultusministerien unterstützt.
    Was haben wir im Lock-Down?
    Lehrer bereiten den Unterricht vor. Die Schüler arbeiten selbständig. Die Lehrer agieren in Online-Konferenzen als Moderatoren.
    Die Linie der Ministerien und Landesseminare in Reinform.
    Bewertung: Alles Scheiße.
    Hat man uns da Jahrelang verarscht????

    • Sehe ich auch. Nie hat der Großteil der Schüler – Grundschüler mal ausgenommen – selbstständiger und eigenverantwortlicher gearbeitet wie jetzt. Schüler ohne Lernkompetenz haben Probleme, aber die haben sie genauso im Präsenzunterricht.
      Bei den Lehrern das Gleiche. Lehrer ohne Medienkompetenz (E-Mail-Verschicker) finden den Präsenzunterricht „ganz ganz wichtig“ …

      Die schulischen Schlusslichter der L. und S. geben leider die Marschroute vor.

    • Exakt gleicher Gedanke hier seit Monaten! Wo ist die „moderne“ Sicht auf Pädagogik und Unterricht plötzlich hingekommen, die man all die Jahre haben wollte:

      Lernberater, Lernanbahner, Lerncoach, Moderatorfunktion, Eigenverantwortung, Selbstständigkeit, im eigenen Stil und Rhythmus, individualisiertes Herangehen im jeweiligen Takt usw. usw.

  2. Alles Blödsinn.
    Die Schüler die sich dem Fernuntericht entziehen sind auch die, im Unterricht nicht aufpassen, quatschen, nle ihre Hausaufgaben machen etc. Und sie erreicht man auch nicht wenn man vor ihnen steht.
    Dafür sind viel zu viele Schüler in einer Klasse.
    Ich kann mich im Fernunterricht viel besser auch um schwache Schüler kümmern weil ich die Klassen teilen kann was in der Schule nicht geht.
    Ich bin im Stoff weiter als ich in der Schule gekommen wäre.

  3. LehrerInnen brauchen für einen einfach zu gestaltenden Unterricht und die dazugehörigen Bewertungen SchülerInnen, die gleichmäßig voranschreiten, SchülerInnen brauchen hingegen individuelle Lernmotivation. Darüber wird viel zu wenig offen geredet! Unser Kind hat seit Weihnachten DisneyPlus, wir haben gleich die englische Tonspur gewählt. Ergebnis: Kind (mit Vorkenntnissen aus der Kita) spielt jetzt hauptsächlich (!) auf Englisch und will nach Amerika ziehen. Im Englischunterricht bekam es noch Bauchschmerzen vor Langeweile.
    Könnten wir bitte kreativ an die Defizite rangehen? Viele Kinder, die hinterherhinken brauchen wahrscheinlich eher Ferien auf dem Ponyhof als Schule.

  4. Mann spricht von Feriencamps, Kürzung der Ferien und man spricht nicht davon wie die
    Kinder und Jugend in Ihrer persönlichen Entwicklung ausgebremst worden sind. Die Sehnsucht
    der Kinder und Jugend ist sehr groß nach Freizeitaktivitäten und Ihre Lebensfreude mit
    anderen zu teilen und aufzuholen.Es ist in Baden-Württemberg eine Petition zu G9 ein“ Corona
    Aufholjahr “ gegründet worden und es ist sicherlich nicht damit getan die Ferien zum aufholen
    der Lernlücken zu nutzen. Der verlorene Lernstoff ist nicht in Verkürzung der Ferien nachzuholen dafür war der Ausnahmezustand zu lang und bei G8 nicht zu bewältigen. Ein langfristiges und tragfähiges Konzept hat die junge Gerneration verdient und eine angemessene Lernzeit um versäumtes aufzuholen. Die Schulpolitik hat kein Miteinander mit
    „Allen“ die am Schulleben beteiligt sind angestrebt. Frau Eisenmann hat grob fahrlässig gehanelt und allen die in der Schule tätig sind die außergewöhnliche Zeit erschwert.

  5. An den Universitäten wird peinlich genau auf den Infektionsschutz geachtet- alles online, keine Präsenz-VA erlaubt. Dafür sollen die Studenten dann als Ausputzer in die Schule etc. Ein weiteres Dokument des Irrsinns!
    Außerdem haben die Studenten im Studium genug zu tun- gerade jetzt mehr denn je.

  6. Also mir kann man gerne jederzeit Ferien anbieten …
    (sorry, ich versuche nur das Niveau des Vorschlages zu halten.)

  7. Mein Sohn hatte in den letzten Sommerferien 2020 das Angebot der Sommerferien, Sommerschule angenommen und es war ein Desaster. Er hatte 14 Tage nur Mathe, weil der Rentner Lehrer keine Ahnung von Englisch hatte und wenn mein Sohn eine Frage hatte, es war noch der Sohn des Rentner Lehrers anwesend – der Sommerkurs wurde ja vom Land Baden-Württemberg gut bezahlt, so waren sich die zwei Lehrkräfte nicht einig. Es war schade für die Zeit, das frühe aufstehen, den Sprit den ich verfahren habe und auch das Geld vom Land Baden-Württemberg dass bezahlt wurde. Es war ein Griff ins Klo.

    • Man merkt, dass sie kein Bildungsprofi sind!
      In der Bildung zählt schon seit Jahren bei allen Reformen und Maßnahmen nur, dass was getan wird.
      Das kann man denn bei der Presse ausschlachten.
      Das die Maßnahmen auch Sinn ergeben müssen war nie in der Planung vorgesehen.
      Als zweites Kriterium zählt höchstens noch die Frage „Wie gestalten wir das Ganze so, dass es nichts kostet“

  8. An dem Gymnasium meines Sohnes wurde voriges Jahr ein Ferienangebot erst gar nicht gemacht. Auf meine Nachfrage kam lediglich die Aussage des Schulleiters, dass er von seinen Lehrkräften diese zusätzliche Belastung nicht einfordern könne. Es wurde nichtmal der Versuch unternommen, irgendwas auf die Beine zu stellen. Ich möchte nicht alle Lehrerinnen und Lehrer in einen Topf werfen, es gibt Schulen, da klappt selbst der Distanzunterricht super aber für dieses Gymnasium muss ich sagen, dass es beschämend war und auch noch ist. Wir brauchen mit einem solchen Angebot nicht zu rechnen. Im Gegenteil. Wenn ich mich als Mutter dafür einsetze, dass mein Kind in den vergangenen Wochen und Monaten private Nachhilfe bekommt, weil der Mathelehrer es nicht schafft, die Beschulung auch nur im Ansatz irgendwie zu stemmen, dann werde ich noch böse attackiert, wenn eine solche Nachhilfestunde mal vormittags ist und mein Sohn an einer Ethikkonferenz nicht teilnehmen kann. Da kommt dann ganz schnell ein Anruf der Schule und man wirft mir vor, die Schulbesuchspflicht zu verletzen. Wenn es nicht so traurig wäre, dann könnte man glatt drüber lachen. Monate lang geschlossene Schule aber von einer Besuchsplicht reden.

    • CLAUDIA,warum haben sie dann nicht zu Beginn des Schuljahres oder spätestens jetzt zum Halbjahr die Schule gewechselt?

  9. Ich denke auch, das der gut strukturierte Digitalunterricht sehr gut, gerade unter den derzeitigen Gegebenheiten funktionieren kann, gerade, da die „Stoerenfriede“ der Klasse einfach gestummt werden koennen und es herrscht Ruhe.
    Die Lehrkraefte muessen nicht staendig um Ruhe kämpfen.

    Die Ferien mit Lernangeboten nun voll zu stopfen, empfinden viele Kinder als Bestrafung und sind demotiviert, sie koennen auch nichts fuer diese Pandemie und das soooo lange von Seiten der KM nichts getan wurde, sie sind die Leidtragenden fuer das Nichtstun dieser Herrschaften…

    Wie bereits beschrieben, die die es am meisten noetig haetten, wuerden es eh nicht annehmen.

    Das Geld, was diese Lehrkraefte in den Ferien kosten, sollte lieber in die Ausstattung der Klassenraeume gesteckt werden.

  10. „Weltraumforscher: Mond nicht aus Käse“ Ungefähr auf diesem Niveau bewegt sich die Erkenntnis in obigem Artikel.

  11. 1. Wenn Digitaler Unterricht funktioniert okay. Leider gibt es das bei uns kaum!
    2. Es geht doch nicht nur um Lehrplan Erfüllung!! Die Sozialen Kontakte, das Miteinander fehlt nunmal! Kinder brauchen Kinder!!
    Und wenn die Pandemie noch Jahre dauert oder nächstes Jahr das nächste Virus kommt?? Fällt dann Schule komplett weg? Keine Lösung!!!

  12. Zuhause ist besser als mit corona krank zu sein die wissen grad nicht wo sein Kopf ist die zalen steigen und die rden über was andres und Menschen sterben weil Kinder corona mit pringen zuhause das wichtige ist Gesundheit und nicht Schule zuhause kann man auch lernen

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