Studie: „Hatespeech“ im Internet ist unter Jugendlichen ein Alltagsphänomen

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ZÜRICH. Eine aktuelle Schweizer Studie liefert erschreckende Zahlen: Rund die Hälfte aller Jugendlichen trifft im Internet mehrmals pro Woche auf Hassreden. Am häufigsten werden dabei Personen aufgrund ihres Aussehens diskriminiert. In der Bewertung von Hasskommentaren gibt es große Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen.

Mobbing übers Netz – sogenannte Cyberbullying – ist weit verbreitet. (Smbolfoto) Foto: Shutterstock

Rund die Hälfte der Schweizer Jugendlichen trifft mehrmals pro Woche oder häufiger auf Hasskommentare im Internet. Betroffen sind besonders die 16- bis 19-Jährigen. Auch in Bezug auf das Geschlecht sind die Unterschiede bemerkenswert: 53 Prozent der Mädchen treffen regelmäßig auf Hassrede (engl. Hatespeech) im Internet, während dies nur bei 41 Prozent der Jungen der Fall ist. Das sind Kernergebnisse einer aktuellen Studie von Medienpädagogen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Es sei allerdings schwierig zu beurteilen, ob Mädchen sich tatsächlich häufiger mit solchen Meldungen konfrontiert sehen oder ob es unterschiedliche Wahrnehmungen darüber gibt, was überhaupt als Hassrede empfunden wird, berichtet Céline Külling, Medienpsychogin an der ZHAW. Ganz allgemein scheine es, dass die befragten Jugendlichen eine gewisse Sensibilisierung für das Thema zeigen und Hasskommentare im Vergleich zu anderen Phänomenen wie Falschinformationen eher als solche wahrgenommen würden.

Im Rahmen der „Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz“ (JAMES-Studie) führt die ZHAW alle 2 Jahre eine repräsentative Umfrage unter Jugendlichen aus der deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Schweiz durch. Im Jahr 2020 sind Daten von 953 Heranwachsenden in die Auswertung eingeflossen.

Viel Diskriminierung aufgrund des Aussehens
Die Mehrheit der Jugendlichen (71 Prozent) gab an, dass Personen online vor allem aufgrund ihres Aussehens beleidigt werden. Rund die Hälfte hielt zudem fest, dass sie auch Diskriminierungen aufgrund der sexuellen Orientierung oder der Herkunft sowie Hautfarbe beobachteten. Mädchen und Jungen berichteten dabei außerdem Unterschiedliches: 81 Prozent der Mädchen beobachteten, dass Personen oder Gruppen im Internet aufgrund ihres Aussehens beleidigt oder diskriminiert würden, bei den Jungen waren es nur 56 Prozent. Dies könnte damit zusammenhängen, vermuten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass sich Mädchen stärker mit sozialen Netzwerken wie Snapchat und TikTok und dem Erstellen von Bildmaterial beschäftigen.

«Auch wenn das Aussehen einer Person in vielen gesellschaftlichen Bereichen eine große Rolle spielt, wird paradoxerweise dieser Form der Diskriminierung von institutioneller Seite bisher nur wenig entgegengewirkt», stellt dazu Gregor Waller fest, Co-Autor der Studie. Gängiges Gleichstellungsmanagement ziele auf Merkmale wie Geschlecht, Behinderung, sexuelle Orientierung, religiöse Zugehörigkeit sowie nationale oder kulturelle Herkunft und vernachlässige den Aspekt der physischen Attraktivität.

Ein Teil der Jungen findet Hasskommentare sogar unterhaltsam. Fast alle Jugendlichen (94 Prozent) empfinden anonyme Hasskommentare als feige. Zudem betrachtet ein Großteil die Beschäftigung mit Hasskommentaren als Zeitverschwendung. Allerdings gab ein Drittel der Jungen an, Hasskommentare interessant oder unterhaltsam zu finden, während bei den Mädchen nur 10 Prozent bzw. 14 Prozent dieser Haltung zustimmten. Zudem brachte fast die Hälfte der männlichen Befragten Verständnis für manche Hasskommentare auf.

Es scheine in der Tendenz so, als würden Jungen solche Kommentare weniger ernst nehmen und ihnen sogar etwas Positives abgewinnen. Über mögliche Gründe können die Forscherinnen und Forscher nur spekulieren. Céline Külling: «Zum einen könnte es sein, dass sich Jungen an der Rolle des starken, dominanten Mannes orientieren, der auch mal einstecken können muss und dem solche Kommentare nichts anhaben können, sondern ihn sogar noch belustigen. Zum anderen zeigen Studien, dass Männer eher zur Täterschaft von Hasskommentaren zählen, was auch das Verständnis für solche Kommentare erhöhen könnte.»

Mädchen empfinden Hasskommentare stärker
Nehmen Mädchen Hatespeech stärker wahr, unterscheiden sich Jungen und Mädchen bei der Reaktion auf Hassreden noch markanter. Drei Viertel der Mädchen gaben an, dass Hasskommentare sie entsetzen oder traurig machen. Bei den Jungen waren es nur zwei Fünftel. Die Angaben hängen wohl auch hier mit erwarteten Geschlechternormen zusammen, so die Studienautoren. Es sei gesellschaftlich gesehen nach wie vor weniger üblich für Männer, über ihre Gefühle zu sprechen und auch hier könnte das Rollenbild des starken, dominanten Mannes dazu führen, dass Jungen weniger über ihr emotionales Befinden berichten.

Michael In Albon, betrachtet den fehlenden Respekt in manchen Bereichen der Online-Kommunikation sowohl als bedenklich für die Gesellschaft als auch als riskant für die Kinder: «Viele Jugendliche lernen fälschlicherweise, dass es in Ordnung ist, im Netz respektlos zu kommunizieren“, so der Jugendmedienschutz-Beauftragter von Swisscom, Auftraggeberin der Studie.

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3 KOMMENTARE

  1. Nicht nur unter Jugendlichen.
    Man muss nur hier manche Kommentare lesen…..
    Das Internet gibt eine tolle Plattform um sich anonym gegenseitig zu beschimpfen und zu beleidigen

  2. Bildunterschrift: „Mobbing übers Netz – sogenannte Cybergrooming …“
    Äh? war mit Cybergroming nicht eher gemeint, dass sich Täter im Internet an Kinder und Jugendliche heranmachen, um sie sexuell zu belästigen und missbrauchen?

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