Angeblich viele ungeeignete Lehrer – Gegenfrage: Was ist überhaupt guter Unterricht?

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FRANKFURT/MAIN. Kürzlich erreichte der Schulpädagogik-Professor Norbert Seibert auch in den überregionalen Medien große Aufmerksamkeit mit der Aussage, nach der über 40 Prozent der Lehrkräfte in Deutschland eigentlich für ihren Beruf nicht geeignet seien. Wie die zahlreichen Kommentierungen der auch auf News4teachers publizierten These zeigen, gab es nicht nur seitens der Lehrerschaft massiven Widerspruch – teilweise zurecht, wie sich folgendem zweiten Teil der Replik von Prof. Dr. em. Hans Peter Klein entnehmen lässt. Er hatte bis 2018 den Lehrstuhl für Didaktik der Biowissenschaften an der Goethe Universität Frankfurt inne. Klein ist zudem Präsident der gleichnamigen Gesellschaft und Mitbegründer der Gesellschaft für Bildung und Wissen.

Hier geht es zum ersten Teil der Replik.

Sind 40 Prozent der Lehrkräfte für den Beruf eigentlich ungeeignet? Gegen die These regt sich Widerspruch. Foto: Shutterstock

Was ist überhaupt guter Unterricht?

Auch diese Frage ist nicht nur in den Bildungswissenschaften nach wie vor umstritten. Finnland schafft gerade die Fächer ab und auch in Deutschland haben sich zumindest in Teilen der Schullandschaft reformpädagogische Ansätze der „Neuen Lernkultur“ durchgesetzt, in denen die neue Lehrerrolle die des Lernbegleiters sein soll und in der ein mehr offener Unterricht durch Selbstorganisation, problemlösendes, forschendes und individuelles Lernen u.a. gekennzeichnet ist. Dies gilt auch für Ausbildung im Referendariat in vielen Bundesländern.

Auch hier sei die Frage erlaubt, ob diese Konzepte durch Ergebnisse der Bildungsforschung empirisch abgesichert sind? Auch diese Frage muss mit einem klaren „Nein“ beantwortet werden. Der Neuseeländer John Hattie hatte schon 2008 in seiner weltweit viel beachteten Metaanalyse der Funktion der Rolle des Lehrers als Lernbegleiter (teacher as facilitator) eine klare Absage erteilt. (5)  In mehr als 50.000 untersuchten Einzelstudien fanden sich dafür keine Belege und es konnten nur geringe Effektstärken nachgewiesen werden.

Demnach ist ein vom Lehrer gesteuerter Unterricht (teacher as instructor) wesentlich effektiver. (a.a.O. S 204 f) Seine Untersuchungen hat Hattie auch in den Jahren danach weiter durchgeführt und es ist nicht zu grundlegenden Änderungen in der Bewertung durch die Berücksichtigung neuerer Publikationen gekommen. Auch der dahinterstehenden konstruktivistischen Theorie erteilt Hattie eine klare Absage: „Constructivism is a form of knowing and not a form of teaching.“ (a.a.O. S. 243). Auch Kirschner und Kollegen  kommen in ihrer Metastudie zum ähnlichen Ergebnis: „Why minimal guidance during instruction does not work. An Analysis of the failure of constructivist, discovery, problem-bsed, experiential, and inquiry-based teaching.“ (6)

Auch die große Dame der US-amerikanischen Pädagogik, Dianne Ravitch, berichtet in ihrem weltweit bekannten Werk „The great American School System. How Tests and Choice are Underming Education“ über schon Ende der 90er Jahre in Bezirken in New York und später in San Diego gestarteten Bildungsoffensiven. „Balanced Literaccy“ und „Constructivist Mathematics“ waren die neuen Leseprogramme, die letztlich dort kläglich gescheitert sind. (7, 31ff) Entsprechende kompetenzorientierte Konzepte nicht nur im schulischen Mathematikunterricht führen seit einiger Zeit zu großen Diskussionen um die Sinnhaftigkeit solcher Experimente, da das „Gap“ zwischen Schule und Hochschule bezüglich der mathematischen Kenntnisse und Anforderungen immer größer wird, mit entscheidenden Konsequenzen.

Fakt ist also, dass es den guten Lehrer und den guten Unterricht gar nicht gibt. Der ehemalige langjährige Kultus- und Wissenschaftsminister aus Mecklenburg-Vorpommern, Mathias Brodkorb, sieht als Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Lehrer zwei Faktoren: der Lehrer muss sein Fach und er muss seine Schüler lieben (8, 285). Erfolgreicher Unterricht zeichnet sich demnach durch und hohe Fachlichkeit und Fachbegeisterung des Lehrers, souveräne Klassenführung, klare Strukturierung des Unterrichts, Methodenvielfalt, kognitiv anregende Unterrichtsangebote, das Wecken von Interesse und Motivation und dem Schaffen einer angenehmen Unterrichtsatmosphäre aus. (a.a.O.) Diese Anforderungen werden auch durch empirische Studien bestätigt. (9) Und diese Voraussetzungen für erfolgreichen Unterricht kann jeder am Lehrerberuf Interessierter sehr wohl lernen.

Lehramtsausbildung in Deutschland desaströs?

Auch die Aussage, die Lehramtsausbildung in Deutschland verfehle ihr Ziel und sei zu praxisfern, ist ebenfalls mehr als fragwürdig. Jedes Bundesland hat mittlerweile wegen der langjährigen Forderung nach mehr Praxis in der Lehramtsausbildung ein Praxissemester flächendeckend für alle Lehrämter eingefügt. Fakt ist entgegen der Aussage des Schulpädagogik-Professors auch, dass heutzutage in fast allen Bundesländern der Anteil an Bildungswissenschaften erheblich ausgeweitet wurde. Selbst in der gymnasialen Lehrerausbildung nimmt er je nach Bundesland bis zu einem Drittel des Studienumfangs ein. Und hier setzt der Hauptvorwurf vieler Lehramtstudierender und bereits ausgebildeter Lehrer an. Genau diese Veranstaltungen, vor allem auch in Schulpädagogik, seien viel zu praxisfern. Da muss sich der Kollege also an die eigene Nase fassen.

Auch im internationalen Vergleich kann sich die Lehrerausbildung in Deutschland bezüglich ihrer Qualität durchaus sehen lassen, wenn man einmal von Berlin mit seinen zahlreichen Quereinsteigern aus anderen Berufen absieht, was der Kollege zurecht moniert. Gerade von einer links orientierten Regierung hätte man sich gerade bezüglich der Qualität der Lehrerausbildung eine andere Bildungsoffensive erwartet.

Dass Corona die Lehramtsausbildung besonders negativ getroffen habe, ist sicherlich richtig, da weder das relativ sinnfreie Bulimie-Lernen von zur Verfügung gestellten Power-Point-Foliensätzen (10, 127ff) noch der Ersatz praktischer Präsenzveranstaltungen durch Online-Kurse oder Zoom-Meetings auch nur annähernd gleichwertig zu ersetzen sind. Hier müsste man für die besonders Betroffenen – beispielsweise für die sich mittlerweile im 4. Semester befindenden Studierenden, die noch keine Hochschule von innen gesehen haben – Ausgleichskurse in den kommenden Semesterferien und praxisnahe Zusatzveranstaltungen anbieten. Dies dürfte allerdings allein an der notwendigen Finanzierung scheitern.

Conclusio

Die Aussage, dass 40% der Lehrer für ihren Beruf ungeeignet sind und auch noch relativ unabhängig von ihren Noten verbeamtet würden und so dem Staat Unsummen von Geld kosten würden, entbehrt jeder Grundlage. Gerade die Verbeamtung hat die Lehrer in den vergangenen Jahrzehnten davor geschützt, jeden noch so großen pädagogischen Unfug, der in immer kürzer werden Abständen über die Schulen schwappt, überhaupt umzusetzen. Außerdem bedeutet eine gute Note auch im Zweiten Staatsexamen noch lange nicht, dass man ein guter Lehrer wird. Dafür sind die Anforderungen viel zu vielfältig. Derartige pauschalisierte Lehrerbashings lassen gerade von einem Schulpädagogik-Professor den notwendigen Respekt und die wünschenswerte Hochachtung gegenüber der heutzutage vielfältigen Lehrertätigkeit völlig vermissen – ganz im Gegensatz zu Finnland.

Aus den zahlreichen Kommentaren soll ein Lehrer (?) das Schlusswort erhalten: „Ich war immer dafür, dass Pädagogikprofessoren ihre Theorien zwangsweise in einem Feldversuch (z.B. an einer Gesamtschule in Berlin) verifizieren müssen, bevor sie das Gefasel in die Welt posaunen dürfen.“

Hier geht es zum ersten Teil der Replik.

Quellen

(4) Berliner Lehrer: Unterrichten ist zur Nebensache geworden

BZ v. 23.08.2021

https://www.berliner-zeitung.de/lernen-arbeiten/berliner-lehrer-unterrichten-ist-leider-zur-nebensache-geworden-li.177614?pid=true (04.02.2021)

(5) Hattie, John (2009). Visible Learning. A synthesis of over 800 Meta-Analyses Relating to        Achievement. New York: Routledge.

(6) Sweller, J., Kirschner, P., Clark, R. (2006). Why minimal guidance during instruction does not            work: An analysis of the failure of constructivist, discovery, problem-based, experiential, and inquiry-based teaching. Educational Psychologist 41(2), 75-86

(7) Ravitch, D. (2010): The Death and Life of the Great American School System: How Tests and Choice are Undermining Education. Basic Books, New York.

(8) Klein, H. P. (2016): Vom Streifenhörnrnchen zum Nadelstreifen. Das deutsche Bildungswesen im Kompetenztaumel. Zu Klampen, Springe.

(9) Klieme, E., Pauli, C., Reusser, K. (2009) The Pythagoras Study. Investigating effects of teaching and learning in Swiss and German mathematics classrooms.

https://www.researchgate.net/publication/281754983_The_Pythagoras_Study_Investigating_effects_of_teaching_and_learning_in_Swiss_and_German_mathematics_classrooms (04.02.2021)

(10) Klein, H.P. (2018) Abitur und Bachelor für alle. Wie ein Land – wie ein Land seine Zukunft verspielt. ZuKlampen, Springe

Sind über 40 Prozent der Lehrer für den Beruf ungeeignet? Pädagogik-Professor fordert vor dem Studium eine Vorauswahl

 

 

 

 

 

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37 KOMMENTARE

  1. „Außerdem bedeutet eine gute Note auch im Zweiten Staatsexamen noch lange nicht, dass man ein guter Lehrer wird. Dafür sind die Anforderungen viel zu vielfältig.“

    Und dennoch ist diese Note ausschalgebend für die komplete Schullaufbahn. Nur mit einer guten Note bekommt die Planstellen und später die höherdotierten Posten.
    Lehrkräfte, die aufgrund der Note nur einen zeitlich befristeten Angestelltenvertrag bekammen, werden nach zweimaliger Verlängerung mehr oder weniger auf die Straße gesetzt, auch wenn sie in den drei Jahren bewiesen haben, dass sie geeignet sind, weil man Ihnen ja keinen neuen Vertrag geben darf, da dieser dann ja unberfristet wäre.

    • Gilt das auch in Grundschulen angesichts eines gravierenden Lehrermangels? Was Sie beschreiben, war Praxis zur Zeit der großen Lehrerarbeitslosigkeit in den 1980er Jahren. Aber heute?
      Natürlich sind die Noten im zweiten Staatsexamen fragwürdig, wenn sie etwa nicht auf Leistungen, sondern auf Wohlverhalten dem Seminarleiter gegenüber basieren. Sowas spült die angepassten Ja-Sager nach oben. Das wäre doch mal ein Thema für unsere empirische Bildungswissenschaft !! Ich fürchte aber, die Bildungswissenschaftler sind selber allzu oft angepasste Ja-Sager.

      • Diese Fälle (6 mal) gab es bei uns noch in den letzten Jahren, allerdings nicht in einer Grundschule, sondern weiterführenden Schule.

    • Das liegt wohl am Bundesland.
      In anderen Ländern bekommt man eine unbefristete Stelle.
      Der Lehrkräftemangel ist so groß, dass man etwas finden kann, wenn man zwar eine schlechtere Note hat, aber bereit ist, an bestimmte Schulen oder in bestimmte Regionen zu gehen.
      Kritisieren kann man daran, dass Bewerbende mit besseren Noten sich die Schulen an den gefragteren Standorten aussuchen können.

      Hat man die Stelle, hat man 3-5 Jahre Zeit, sich zu bewähren … nach 10 Semestern Studium, 18 Monaten Ref, unzähligen Prüfungen, Master und 2. Examen.

  2. „Fakt ist also, dass es den guten Lehrer und den guten Unterricht gar nicht gibt.“

    Hitting the nail on its head!!!

    Sicherlich gibt es Verbesserungsbedarf in der Lehrerausbildung und auch an den Schulen (Ausstattung, Schulalltag mit zig Nebenaufgaben), aber jemand, der laut Vita 7 Jahre selbst im Schuldienst war, will wissen, welche LehrerInnen geeignet sind und welche nicht? Nicht sooooo überzeugend…

    • @Katinka

      „aber jemand, der laut Vita 7 Jahre selbst im Schuldienst war, will wissen, …“

      So isses.
      Was GENAU will bzw. kann er da eigentlich wissen?
      Die Promotion in Schulpädagogik war 1984 … Das waren andere Zeiten damals, auch in der Schule! Sogar dann, wenn er damals schon an einer „Brennpunktschule“ gewesen wäre – worüber mir allerdings keinerlei Informationen vorliegen. 😉

  3. „Demnach ist ein vom Lehrer gesteuerter Unterricht (teacher as instructor) wesentlich effektiver. (a.a.O. S 204 f)“

    Da stimme ich vollumfänglich zu. Aber immer noch kommen junge Lehrer zu uns an die Schule, die vor allem „Spaßunterricht“ machen wollen und der besteht dann auch darin, dass der Lehrer sich in seiner Rolle weitgehend zurücknimmt (Wochenplan, Stationsarbeit etc.).

    PS: Schade, dass englische Zitate nicht übersetzt wurden. Braucht man nun den Google-Übersetzer, um n4t-Texte zu verstehen? 🙁

    • Unterricht, in dem Wochenpläne oder Lerntheken integriert sind, kann durchaus von der Lehrkraft gesteuert sein.
      Da muss man sich dann genauer anschauen, was Hattie unter diesem Begriff versteht, ob die von ihm analysierten Studien das Gleiche meinen und unter welchen Bedingungen dieser Unterricht abläuft, einschließlich Differenzierung, Förderung/Forderung, Integration und Inklusion.

  4. 2. Staatsexamen nur mit 2,7 gemacht (kann halt keine Prüfung und den Schriftkran dazu) 2 Jahre lang als Vertretungsreserve bei uns in NRW durch den Kreis getourt. Das waren sehr, sehr wichtige Erfahrungen dabei. Anschließend den unbefristeten Vertrag bekommen. Heute sagt (Schüler, Kollegen, Schulleitung, Eltern) man von mir, dass ich einen sehr guten Unterricht mache. Wenn ich an meine ersten Versuch vor den 30 pubertierenden Monster denke, hätte man mich sofort aussortiert. Wären da nicht die beiden Seminarleiter gewesen wären, die von Anfang an gesagt haben, sie haben ein natürliches Talent dafür.

    Sch…ß Bürokratie, blöde Noten, aber es ist geil Kindern/Pubertisten etwas bei zu bringen und sie in der Entwicklung zu begleiten.

    • Du bringst es ziemlich auf den Punkt. Eine gute Note im 2. Examen garantiert keinen guten Lehrer in den Folgejahren.
      Viel wichtiger ist, was Du am Ende formulierst, nämlich, dass es Dir Spaß macht den Kids was beizubringen. Und dass Du Kinder und Jugendliche einfach magst.
      Ihr Fach lieben die meisten meiner KuK, die Priorität sollte aber wohl eher in Richtung Liebe zur Pädagogik und Erziehung gehen und damit vor allem Liebe und Wertschätzung zu den uns anvertrauten Kindern und Jugendlichen bedeuten.
      Da mangelt es auch meiner Einschätzung nach sehr vielen.
      Auch News4teacher würdigt diesen Aspekt nur mit einer Randnotiz.
      Und das kann man auch nicht lernen.

  5. Sehr gut, halten wir Folgendes mal fest:

    „… zwei Faktoren:
    der Lehrer muss sein Fach und er muss seine Schüler lieben (8, 285). Erfolgreicher Unterricht zeichnet sich demnach durch und hohe Fachlichkeit und Fachbegeisterung des Lehrers, souveräne Klassenführung, klare Strukturierung des Unterrichts, Methodenvielfalt, kognitiv anregende Unterrichtsangebote, das Wecken von Interesse und Motivation

    und dem Schaffen einer angenehmen Unterrichtsatmosphäre aus.“

    • Mir will scheinen, dass vielen Lehrern vor allem der zweite Faktor heutzutage nicht mehr gelingt. Unter angenehmer Unterrichtsatmosphäre verstehe ich auch eine weitgehend störungsfreie Unterrichtsatmosphäre.

  6. @englischsprachige ZitaTe
    Hattie, John A. C. (2014): Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen: Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von „Visible Learning for Teachers“. (englischsprachige Erstveröffentlichung 2012). Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren.[http://www.paedagogik.de/index.php?m=wd&wid=2384]
    Hattie, John A. C. (2015): „Lernen sichtbar machen. Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von „Visible Learning“. Erweiterte Auflage mit Index und Glossar“(Hg.): Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren, S. XXVII-XXIX.[http://www.paedagogik.de/index.php?m=wd&wid=2366]
    Hattie, John A. C./Yates, Gregory C. R. (2015): Lernen sichtbar machen aus psychologischer Perspektive. Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von „Visible Learning and the Science of How we Learn“. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren.[http://www.paedagogik.de/index.php?m=wd&wid=2674]

    • @englischsprachige Zitate, Lernensichtbarmachen:

      Bitte auch noch dieses übersetzen, dann wäre ich dankbar:
      „Auch Kirschner und Kollegen kommen in ihrer Metastudie zum ähnlichen Ergebnis: „Why minimal guidance during instruction does not work. An Analysis of the failure of constructivist, discovery, problem-bsed, experiential, and inquiry-based teaching.“ (6)“

  7. „Demnach ist ein vom Lehrer gesteuerter Unterricht (teacher as instructor) wesentlich effektiver. (a.a.O. S 204 f)“

    Dem stimmen viele Praktiker zu – aber sie halten Plenumsunterricht für altmodisch, praktizieren ihn vielleicht nur verschämt. Dabei ist seine progressive Variante (abwechslungsreich, beziehungsintensiv, differenzierend) eigentlich Avantgarde – unter Rechtfertigungsdruck steht vielmehr die immer noch verbreitete Selbstlerneuphorie …

    Weitere Details dazu:
    http://www.eltern-lehrer-fragen.de/jetzt-aber-hattie.html

    http://www.eltern-lehrer-fragen.de/fortbildung-beratung.html

    • Oder sie wechseln methodisch zwischen Unterricht im Plenum und Phasen in Gruppen, Einzelarbeit, eigenständiger Erarbeitung und vielem mehr.
      Ach ja, machen Sie ja, schreiben Sie selbst und nennen es dann lehrerzentriert, der andere nennt es schülerzentriert. Sie nennen es „angeleitet“, wenn die Schüler selbst Aufgaben lösen, vermutlich auch, wenn sie sich Texte lesend erschließen, der andere nennt es „Selbstständigkeit“

      Es ist ein Zerrbild zu meinen, in den Klassenzimmern würden die Schüler sich allein alles erarbeiten, wenn die Lehrkraft sich als Lernbegleiter versteht, ein ähnliches Zerrbild wäre es, zu meinen, dass Sie am Gymnasium mit ausgewählter Klientel allein den dozierenden Stil einer Vorlesung durchführen.

      • Hattie nannte es, so meine ich, lehrerzentriert, aber schülerorientierten Unterricht, der insgesamt ein erfolgreiches Modell ist.
        Ich mache auch recht viel Plenumunterricht, aber eben verknüpft mit Einzel- und Partnerarbeit zur Vertiefung. Jede Stunde beginnt mit einer Fragerunde, um die Basics der letzten Stunde zu reaktivieren.
        Ich liebe auch den Einsatz von Placemats. Aber wie sagte Hatties Metastudie: zwei bis drei Unterrichtsmethoden steigern die Lerneffektivität. Darüber hinaus wird kein Mehrwert erzielt.

        Ich habe mir die Studie von Hattie komplett durchgelesen und die Inhalte /Erkenntnisse haben mich während des Referendariats über Wasser gehalten, während ich eine Zirkusveranstaltung nach der anderen für Unterrichtsbesuche veranstaltet habe, deren Output insgesamt in meinen Augen eher fragwürdig waren. Zwischendurch lockern diese sogenannten Sternstunden den Unterricht ungemein auf, aber die Schüler sind auch hin und wieder gerne in Konsumhaltung, besonders in der 8. Stunde, wo sie dann eh nur noch ein Schluck Wasser in der Kurve sind.

        • @Klugscheisser

          Wer kennt Sie nicht, die „Zirkusveranstaltungen“ im Referendariat?

          Und wer vermisst diese (angeblichen) Erfolgsgaranten?

          Bitte melden und „Hier! Hier!“ schreien – auch mit den Fingern schnippsen ist ausdrücklich erlaubt, sogar beidhändig! … Jaaaa, verleiht eurer Begeisterung lautstark Ausdruck.

          Mmmmhhhmmmm …
          Also: Ich hör‘ … NIX.
          😉

    • Danke. Hilft sehr. Hab grade von meiner Schulleitung genau diesen „altmodischen Unterricht“ (den ich aber gern so gestalte wie beschrieben, also abwechslungsreich und beziehungsintensiv, und genau das wird von den Schülern zurückgemeldet, „macht richtig Spaß“) nach einem Unterrichtsbesuch vorgehalten bekommen, obwohl ständig Schüler ankommen, die am liebsten Kurse wechseln wollen, um wieder zu mir wechseln, nachdem ich sie irgendwann mal hatte. Das soll kein Selbstlob sein, sondern zeigen, dass es anscheinend Bedarf für diese Art zu unterrichten gibt, weil die Schüler merken, dass sie den Stoff dann besser verstehen. Ich finde, das kann also nicht ganz falsch laufen. Aber man wird abgeurteilt und soll sich mal „die neueste Unterrichtsforschung“ anschauen wegen des eigenen Altmodisch-Seins … Bin jetzt am Überlegen, ob ich den Artikel mal ins Lehrerzimmer hänge … wegen der Unterrichtsforschung zu gutem Unterricht (bei dessen Beschreibung ich meine eigenen Anforderungen an mich in jeder Silbe wiederfinde) und der Bestätigung durch empirische Studien … Ich habe keine Lust, mich madig machen zu lassen, obwohl die Schüler den Unterricht schätzen, weil sie was lernen, weil sie verstehen, was da passiert, statt sich das mühseligst selber freizuschaufeln und dann nur Bruchteile davon wirklich finden. Warum kann man als „alter Hase“ die Schüler denn nicht vom eigenen Wissen profitieren lassen? Das kann doch nicht so falsch sein … Das lässt sich doch auch im Berufsleben wiederfinden – hört man z.B. wen aus der eigenen Lehre in irgendeinem Handwerksberuf erzählen, kommt so oft die Geschichte von einem guten alten Ausbilder, von dessen Wissen, Tricks und Kniffen man sein eigenes ganzes Berufsleben profitiert hat. Ist das so falsch? Und ich sehe z.B. Mathematik ganz genauso. Manche Zusammenhänge findet man als Schüler da nicht so einfach, das muss man einmal gesehen haben, oder jemand hat gesagt, schaut mal da und da hin, merkt ihr was? Und da helfen auch zehn Arbeitsblätter oder PP-Folien zum Selberlernen nicht.

  8. Ob 30 oder 40 % der Lehrkäfte ungeeignet sind, kann dahinstehen. Fraglos ist jedoch ein Großteil unserer Lehrerinnen und Lehrer nicht in der Lage, die für guten Unterricht erforderliche konstruktive Beziehung zu ihren oder seinen Schülern aufzubauen. Dies hat nichts mit Fachkompetenz, aber umso mehr mit einer früh zu entwickelnden Persönlichen Kompetenz zu tun.
    In diesem Zusammenhang ausgerechnet den ehemaligen Bildungsminister Brotkorb zu zitieren, ist zumindest interessant, hat dieser doch in seiner Amtszeit eine desaströse Bildungspolitik zu verantworten.

    • Zu Beziehungen gehören immer mindestens zwei Personen, auch wenn es natürlich im Trend liegt, von Lehrern alles und von allen anderen Beteiligten nichts zu verlangen.

  9. Ich stimme Herrn Seibert voll zu. Kann aus Erfahrung reden. Aktuell eine Grundschullehrerin, die sich eine Feder ins Haar steckt und den Grundschülern sagt, dass sie gar nicht ansprechbar wäre. Notendruck, Bürokratie wird an die kleinsten weitergegeben. Da werden junge Lehrer zum Teil an die Kinder losgelassen, die strickt nach Lehrplan inkl. Erklärungen an die junge Generation gegeben ohne reale Beispiele oder Erklärungen. Richtig schlimm. Man merkt, wer Kinder hat oder kleinere Geschwister hat oder wer von den jungen Lehrern/Innen lange Nachhilfeunterricht gegeben haben. Rest alles Theoretiker! Zudem sollte Pflicht Sozialpädagogik sein.
    Es MUSS generell was am Schulsystem passieren! Angefangen von der Schulministerin, die endlich gehen sollte!

  10. @quacksalber
    „Why minimal guidance during instruction does not work. An Analysis of the failure of constructivist, discovery, problem-bsed, experiential, and inquiry-based teaching.“ (6)“
    „Warum minimale Anleitung im Unterricht nicht funktioniert. Eine Analyse des Scheiterns von konstruktivistischem, entdeckendem, problemorientiertem, erfahrungsorientiertem und forschendem Unterricht.“ (6)“
    hat deepl perfekt übersetzt!

  11. In einzelnen Bundesländern ist die Ausbildung desaströs, nicht nur in Berlin, um das klarzustellen. Mein Ex hat sein Referendariat in einem Flächenbundesland absolviert. Grauenhaft! Null Anforderungen, null Expertise, null Anspruch. Anforderungen nach oben und nicht nach unten, dann können die Kriterien für guten Unterricht auch erfüllt werden.

  12. Den Tenor des Artikels kann ich gut nachvollziehen. Jedoch zerlegt sich die Argumentation meines Erachtens von selbst, wenn die Forderung an das Gegenüber und die Eigenleistung nicht zusammen passen: Insofern gewollt ist, dass Fakten wie die ominöse Zahl von 40% auch mit Quellen belegt werden, so sollte man selbst _durchweg_ wissenschaftlich arbeiten. Das gelingt nicht, wenn beispielsweise aus der fehlenden Evidenz für die Wirksamkeit „neuer Lehrmethoden“ ein Beweis für die Nichtwirksamkeit gestrickt, ein Teil aktueller Forschung nicht beachtet oder sogar diskreditiert oder wenn die persönliche Meinung einer Person als seriöse Quelle angegeben wird.

    Durch diese Replik wird in meinen Augen leider nur Öl ins (ja, vollkommen unnötig entfachte) Feuer gegossen, ohne sich sachlich mit einem eventuell wirklich vorhandenem Problem auseinandersetzen und praxisnahe Lösungsbeispiele anzuführen. Im Gegenteil wird hier gesagt, dass die Lösung einzig von finanziellen Dingen verhindert werde. Häufig ist alles eine Frage der richtigen Einstellung – und die wird durch Polemik und wissenschaftsfeindliches Arbeiten nicht bestärkt.

    Ich freue mich auf anderweitige Meinungen!

  13. Es gibt leider so viele von den LuL, die keinen guten Unterricht machen. Solange das System keine effektiven Feedbackschleifen und Gegenmaßnahmen bietet wird das auch so bleiben. Wenn eine SL „Schlechtleistung“ anspricht, winkt die Lehrkraft mit ner Krankmeldung und dann ist ein anderes Problem da. Also Augen zu und durch. Neues Jahr, neues Glück, irgend eine „gute“ Lehrkraft wird das schon ausbaden. Solange es keine „Exitstrategie“ für schelchte LuL gibt (ganz ehlich, die merken das doch, wenn ihr Unterricht nicht gut ist. Guter Unterricht macht keinen Spaß, auch keinen LuL, und kein Spaß erzeugt schlechten Unterricht) wird das auch kein Ende haben.
    Leider müsste das komplette System reformiert werden und das wird niemand anpacken. Wenn, dann bitte die volle Breitseite: Ausbildung, Lehrpläne, Ferienzeiten, Rhythmisierung, Aufstiegschancen, aber auch Ausstiegschancen.

  14. Nach 30 Jahren Schuldienst kann ich die Aussage, dass 40% der Lehrer für ihren Beruf nicht geeignet sind, aus einer praktischen Perspektive durchaus bejahen. Allerdings muss man sich natürlich auch immer hinterfragen, ob man die Kriterien eines einigermaßen „erfolgreichen“ Lehrers selbst überhaupt erfüllen kann. Die positiven Rückmeldungen meiner Schüler überwogen aber glücklicherweise meist meine Bedenken. Hier liegt mMn auch der Hase im Pfeffer: es müsste in D sehr zügig die Rolle des Lehrers neu definiert werden und daraus institutionelle Schlüsse gezogen werden. Aus historischer Perspektive ist das deutsche Schulsystem im Grunde im frühen 20 Jhd. stehengeblieben (Schulbürokratie, Fächerkanon, Beamtenstatus, Ausbildungsweg). Den Schülern des 21 Jhds. muss in der Schule, neben praktischen Fächern (z.B. Umgang mit Geld !), ein gefestigtes Demokratieverständnis nahegebracht werden, das sie befähigt, später mündige Staatsbürger zu werden. Deshalb sollten auch z.B. angehende Pädagogen, wie in Finnland, einer Eignungsprüfung bei Beginn es Studiums unterzogen werden.

    • Was sagt es eigentlich über das gesellschaftliche Klima aus, wenn die allgemein angenommenen Kriterien für einen erfolgreichen Lehrer so gut wie niemand erfüllt?

      Vielleicht stimmt da auch was mit den Kriterien und/oder Erwartungen nicht…

      Möglicherweise ist das auch viel naheliegender, als anzunehmen, dass ein ganzer Berufsstand aus kompletten Versagern besteht…

      Aber mit letzterem kann man sich leider jederzeit an jeder Ecke einen billigen Applaus abholen.

  15. Eine ungeeignete Lehrkraft teilt Menschen in „bessere“ und „schlechtere“ Menschen ein. Beginnend schon auf dem Gymnasium und im Studium, wo herzzereißend selbstgerecht die armen „niederen“ Menschen betrauert werden und man sich selber als deren spätere Sonne am Himmel versteht, denen man als gutes Vorbild vorlebt wie man ein richtiger Mensch wird. Ich nenn das „Prusseliese-Syndrom!“ Eigentlich kein Lehrer – sondern eher ein Akademikerproblem, fällt nur bei Lehrern mehr auf wegen des Umgangs mit allen „Schichten“. Eigentlich auch ein grundsätzliches Menschheitsproblem, immer eine Stufenregelung für Menschen und deren Wert zu brauchen und basiert auf fehlenden Selbstwertgefühl – ein Teufelskreis! In der Praxis beschleicht einen dann das ungute unbewusste Gefühl, man sei gar nicht was besseres und dann geht der Frust los, den man mit Verachtung gegen „die Eltern“ und „die Schüler“ richtet. Auch wenn man als Lehrkraft selber Kinder kriegt und es garnicht besser kann als Andere zieht es einen runter. Ein langwieriger Prozess, indem man zu der Erkenntnis kommen muss, dass es garkeine besseren und schlechteren Menschen gibt und man mit sich selber ins Reine kommt und eine gute Lehrkraft wird. Eine gute Lehrkraft braucht diesen Prozess nicht oder hat ihn hinter sich und kann ehrlich und nicht heuchlerisch jeden Menschen für gleichwertig erachten. Dies zeugt von Selbstbewusstsein, schafft Selbstreflektion und verhindert suggerierendes Verhalten, Vorurteile, ect. Schüler*innen, mit denen man nicht kann, haben keinen Mangel, sondern man ist selber nur nicht in der Lage ihren Wert zu schätzen – es ist also das eigene Problem. Das ist auch in Ordnung – wir sind ja nicht „Jesus“! Es reicht zu wissen, dass der Wert da ist, man ist nur selber nicht so unfehlbar um ihn immer erkennen zu können.
    Alle anderen Belange in der Schule sind pipifax!

    • … siehe oben: Eine Beziehung, in der einer immer schuld und der andere immer wertvoll ist, und zwar egal, wer sich wie konkret verhält, ist eine toxische Beziehung – und zwar für beide.

    • „pipifax“
      Also nachweislich gelernt muss nichts mehr werden, verstehe ich das richtig? Dann halten Sie also all die Lernstandserhebungen und das ganze „Monitoring“ für Unsinn? Das kann man so sehen, aber — wie Sie wissen — ist das die Basis der neuen „modernen“ Schule in der Post-PISA-Gesellschaft und in der digitalen Globalisierung mit der Employability als Ziel. Die KMK hat es so beschlossen, auch die neue Ampel-Regierung ist dafür.
      Übrigens: hat nicht gerade der „reale Sozialismus“ die Menschen in gute und nicht so gute eingeteilt? Gibt’s nicht sogar die Einteilung in die Gläubigen und die Ungläubigen? Reden Sie vielleicht über ein neues Wolkenkuckucksheim, in dem alle als Personen geschätzt werden, auch wenn sie irgendwelche Vorschriften missachten?

  16. Gegenfrage: Wollen Sie einem Kind, das Regeln missachtet sein Menschsein und somit seinen Wert absprechen? Die Menschenliebe ist das Fundament einer guten Lehrkraft! Darauf baut alles andere auf. Alles weitere ist nicht unwichtig, kratzt aber an der Oberfläche. Genauso ist es mit dem Elternsein. Lässiger oder konsequenter ist unwichtig. Die Kinder sind später tolle Erwachsene, wenn das Fundament (Liebe) stimmte und die Eltern nicht nur sich selber im Blick hatten. Genauso ist auch der Unterrichtstil unwichtig – die Lehrkraft muss „richtig“ sein und da kann ich Ihnen eine ganze Menge „richtige“ nennen :-).

  17. Was guter Unterricht ist, hat Hilbert Meyer mal beschrieben und deckt sich im Großen und Ganzen mit den Aussagen im Artikel.

    Was ich aber insgesamt überhaupt nicht verstehe, ist dieser unsinnige Diskussionspunkt über unfähige Lehrer*innen in Zeiten, wo es noch nicht einmal einen Baum braucht, damit sich Pädagog*innen aus dem Schulleben zurückziehen.

    Kein Wort zur starken KI, kein Wort zur Unfähigkeit von KMK, die den Rahmen zu Unterricht und Ausbildung von Lehrkräften setzt.

    Wo sollen denn die Daten zu den stützenden herkommen, wenn jahrelang nur das Chaos verwaltet wird.

    Und dann diese Vergleichsstudien; ich erinnere mich an PISA und die gut abgeschnittenen Schüler*innen aus Mexiko. Wer geht denn in Mexiko in die Oberstufe? Doch kein bildungsfernes Kind.

    Nein Leute, so läuft das nicht. Wir sollten aufhören zu stigmatisieren, damit hier nicht etwas zusammenfindet, was gar nicht zusammen gehört!

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