GEW: Kita-Personal massiv überlastet – viele KollegInnen erwägen Kündigung

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MAINZ. In den Kindertagesstätten in Rheinland-Pfalz brodelt es. Die GEW spricht von «massiver Überlastung» des Personals, der Elternausschuss von einer «angespannten Atmosphäre». Bildungsministerin Hubig sagt, dass die Umsetzung des neuen Kita-Gesetzes Zeit brauche.

Kita-Fachkräfte sind stark überlastet. (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Ein halbes Jahr nach Inkrafttreten des Kita-Gesetzes in Rheinland-Pfalz hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) verlangt, die Bestimmungen von Grund auf zu überarbeiten. Die Novellierung des Kita-Gesetzes müsse wieder von vorne angegangen werden, sagte die stellvertretende GEW-Landesvorsitzende Kathrin Gröning am Mittwoch in Mainz.

Bei der Umsetzung des neuen Kita-Gesetzes hätten sich die kommunalen Träger für eine «Sparvariante» entschieden, sagte Gröning, die selbst Erzieherin ist. «Das ist der Grund, warum wir das Gesetz als gescheitert ansehen.» Mit dem neuen Gesetz sei den für die Umsetzung zuständigen Kommunen deutlich mehr Entscheidungsfreiheit eingeräumt worden. «Es war absehbar, wozu das bei klammen kommunalen Kassen führen wird.»

«Ich bin sehr frustriert, weil ich dachte, das neue Kita-Gesetz setzt auf höhere Qualität», klagte Kita-Leiterin Susanne Schillo-Kastenmeier aus Kusel. In ihrer Einrichtung lebten drei Viertel der Kinder in Armut – oft mit Fluchterfahrungen. Sie habe sich darauf verlassen, dass das neue Sozialraumbudget die weitere Beschäftigung von interkulturellen Fachkräften ermögliche. «Aber das hat sich als komplett anders dargestellt.»

«Wir haben einen Prozess in Gang gesetzt, der die Kita-Landschaft auch in Richtung der Elternbedürfnisse entwickelt»

Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) sagte zur Kritik der Gewerkschaft, das am 1. Juli 2021 in Kraft getretene Gesetz sei bislang an vielen Orten so umgesetzt worden, «wie wir uns das vorgestellt haben». So seien die Betreuungszeiten vor allem über Mittag an vielen Einrichtungen ausgeweitet worden, sagte Hubig. An anderen Orten gebe es noch Nachholbedarf. Dort werde die Umsetzung vom Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung eng unterstützt. «Diese Reform braucht Zeit, bis sie umgesetzt ist», sagte Hubig. «Wir haben einen Prozess in Gang gesetzt, der die Kita-Landschaft auch in Richtung der Elternbedürfnisse entwickelt.»

Von «einer massiven Überlastung» des Kita-Personals sprach Gewerkschaftssekretär Ingo Klein. «Ich führe beinahe täglich Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen, die sich überlegen, ihren Arbeitsvertrag zu kündigen, oder fragen: „Wie kann ich Stunden reduzieren, ich halte das nicht mehr aus.“» Um die mit dem Gesetz angestrebten Ziele zu erreichen, müsse es deutliche Nachbesserungen geben.

Die CDU-Fraktion im Landtag sprach von einer verheerenden Kritik der GEW. «Die deutliche Mehrarbeit in den Einrichtungen mit dem Rechtsanspruch auf eine durchgehende Sieben-Stunden-Betreuung wird durch das Kita-Gesetz nicht ausgeglichen», erklärte der Abgeordnete Thomas Barth.

«Es ist unbestritten, dass die Situation und die Atmosphäre in den Kitas angespannt ist», sagte der Vorsitzende des Landeselternausschusses der Kitas, Andreas Winheller. Es werde vieles an Missständen auf die Gesetzesnovelle geschoben, was in die Verantwortung von Trägern und Jugendämtern gehöre oder auf Belastungen der Pandemie-Situation zurückzuführen sei. Bei der neuen Personalbemessung für die Kitas sei es an manchen Orten zu fachlichen Fehlern gekommen. «Da sind die Bedarfspläne nicht immer so, wie sie aus Sicht von Eltern sein sollten.»

Das Gesetz sieht eine Evaluierung, also eine umfassende Überprüfung der Auswirkungen, erst für 2028 vor. «Wir sammeln fortlaufend Erfahrungswerte für die Evaluierung des Gesetzes», sagte Hubig. «Wir sind ganz am Anfang der Umsetzung und werden auch schon vor der Evaluierung nachsteuern, falls dies notwendig ist.» News4teachers / mit Material der dpa

Verdi: 40 Prozent der Kita-Fachkräfte denken an Stellenwechsel – jede vierte erwägt sogar, aus dem Beruf auszusteigen

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9 KOMMENTARE

    • Och, da fallen mir einige Alternativen ein.

      Erziehungsberatung, Teilhabeassisstenz, Ganztagsbetreuung in der Schule… Alternativen gibt es viele.

      Unsere Erzieherinnen und Erzieher werden unterschätzt. Ohne sie läuft es halt auch nicht. Die würde ich mir nicht vergraulen.

      An unserer Schule (Ganztagsbereich) würden wir jede dieser Erzieherinnen mit Handkuss empfangen.

    • Warum nicht? Jeder, der in seinem Job unzufrieden ist, kann sich bezüglich Umschulungen beim Arbeitsamt beraten lassen.
      Aber gerade als Erzieher hat man viele Alternativen. Einige machen sich als Tagespflegeperson selbstständig, andere betreuen Menschen mit Behinderungen, ein paar arbeiten auf Demenzstationen. Mit entsprechender Fort-/Weiterbildung kann man im Amt Fuß fassen, beim Kinderschutzbund, in Beratungsinstitutionen – niemand sitzt im Kindergarten fest ;).

      • Ganz nüchtern: Ein Recht auf Umschulung hat niemand, nur weil ihm sein Beruf nicht mehr gefällt. Man muss körperliche oder psychische Beeinträchtigungen anführen, um eine Umschulung finanziert zu bekommen. Nach einer langen, gelegentlich sogar noch selbst finanzierten Erzieherausbildung, haben Berufsanfänger definitiv nicht die Rücklagen, um den Neustart anzugehen. Und ältere Kräfte halten üblicherweise durch -. wegen etwas mehr Mickerrente.

        Besonders problematisch für Einrichtungen sind die immer wieder langfristig wegen psychischer Erkrankungen arbeitsunfähig geschriebenen Kräfte.

        Ich fände es gut, wenn in der Pflege und in der Kinderbetreuung alle Anspruch auf eine Umschulung hätten, sobald sie aus der Berufshelferrolle aussteigen wollen. – Dann müsste die Gesellschaft endlich konsequent für bessere Arbeitsbedingungen in Pflege und institutioneller Kinderbetreuung sorgen. Bislang klappt das ja immer noch nicht.

    • Ach es gibt viele Möglichkeiten als ErzieherIn tätig zu sein, nicht nur Kitas. Schulen, Frauenhäuser, TagesGruppen, Familie zentren, beim Jugendamt usw.
      Wissen nur die wenigsten, weil sie nie aus ihrer Komfortzone herausgekommen sind. Aber diese Menschen waren schon vorher unzufrieden.

      • Erzieherin wollen die doch aber nicht mehr sein.

        Die Jugendämter suchen in der Tat händeringend Personal. Wird denn da überhaupt eingestellt? Oder warum gibt es da einen Mangel?

    • Wenn man den Beruf der Erzieherin in einer Kita, “ nur“ auf den pflegerischen Bedarf reduziert, wäre das mit Sicherheit auch eine Alternative. Warum auch nicht. Doch gerne hier nocheinmal, dass Aufgabenfeld einer Erzieherin in einer Kita/ Bildungseinrichtung (Kurzfassung).

      Aufgaben und Tätigkeiten im Einzelnen

      die pädagogische Arbeit in Bildungseinrichtungen hinsichtlich wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Erkenntnisse, Herausforderungen und Zielen gestalten und weiterentwickeln
      Verhalten und Befinden der betreuten Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen beobachten und daraus Erziehungsmaßnahmen ableiten
      Beobachtungsergebnisse und andere Informationen nach pädagogischen Grundsätzen analysieren und beurteilen, z.B. den (altersgemäßen) Entwicklungsstand, die Motivation und das Sozialverhalten, außerdem Kenntnisse, Fertigkeiten und Lernfortschritte, psychische Stabilität und Verhaltensauffälligkeiten
      ggf. langfristige Erziehungspläne erstellen; dabei vor allem Vorgaben der Einrichtung, rechtliche und organisatorische Vorgaben, Erziehungsziele, Erziehungsmittel und spezielle Erziehungsprobleme berücksichtigen
      Aktivitäten und pädagogische Maßnahmen vorbereiten, orientiert an individuellen Neigungen und Fähigkeiten der Betreuten sowie an den pädagogischen Zielen
      Materialien für Lernen, Sport und Spiel beschaffen und vorbereiten
      Anschauungsmaterial wie Bildtafeln und Arbeitsblätter erstellen
      Ausflüge, Feiern und andere Veranstaltungen vorbereiten
      Erziehen, Betreuen und Fördern
      altersgemäße Lern- und soziale Prozesse fördern (z.B. bei Kindern unter drei Jahren, Kindern im Vorschulalter)
      zu entwicklungsfördernden, kooperativen, kommunikativen und kreativen Beschäftigungen wie freiem oder gelenktem Spiel oder Teamarbeiten anregen und ggf. dabei anleiten
      Schulkinder beim Anfertigen der Hausaufgaben betreuen und unterstützen, ggf. schulischen Ergänzungsunterricht abhalten
      körperliche Entwicklung der Betreuten fördern, etwa durch Spiele im Freien, bewegungserzieherische Maßnahmen (wie Haltungsgymnastik), Bewegungsspiele und Sport (wie Jazzgymnastik, Ballspiel), Übungen zur Stärkung von Sinneswahrnehmungen
      bei Problemen zur Verfügung stehen; (Beratungs-)Gespräche führen
      Kinder und Jugendliche in ihrer sprachlichen Entwicklung fördern, kindgerechtes Fremdsprachentraining leiten
      Kindern im Vorschulalter naturwissenschaftliche Themen näherbringen und sie zu Umweltbewusstsein erziehen
      gemeinsam singen und musizieren, z.B. unter Verwendung des Orff-Instrumentariums
      zusammen zeichnen, malen, formen, etwa mit Ton und Farbe, oder die Kinder und Jugendlichen dazu anregen und dabei begleiten
      gestalterische Techniken vermitteln, z.B. Linolschnitt, Batik, Stoffdruck
      Maßnahmen zur Leseförderung durchführen, z.B. Kindern vorlesen oder gemeinsam Bilderbücher anschauen
      Kinder und Jugendliche zum verantwortungsbewussten Umgang mit Medien erziehen
      Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund beim Erlernen der deutschen Sprache unterstützen
      Feste, Feiern und Aufführungen – beispielsweise zu Jahreszeiten, Feiertagen oder Geburtstagen – gestalten
      Kinder und Jugendliche im Rahmen von Erziehungszielen (z.B. Toleranz und Gewaltfreiheit) in Konfliktsituationen unterstützen: Streit schlichten, körperliche Auseinandersetzungen unterbinden, Konfliktgespräche führen oder moderieren
      mit durch Krankheit oder Behinderung beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen motorisch-funktionelle Übungen oder Übungen zur Alltagsbewältigung durchführen
      Dokumentieren und Zusammenarbeiten
      Erziehungsmaßnahmen und deren Ergebnisse dokumentieren, etwa Berichte über Einzelfallentwicklungen oder Gutachten für Jugendämter erstellen
      erzieherische Arbeit im Team reflektieren, ggf. zusammen mit Vorgesetzten
      je nach Aufgabenstellung und Sachlage in multiprofessionellen Teams z.B. mit Fachleuten aus Medizin, Psychologie, Therapie sowie anderen sozialpädagogischen Fachkräften oder Behörden (z.B. Jugendämter) zusammenarbeiten
      Pflegen und Versorgen
      Ruhepausen und Schlafzeiten überwachen
      warme und kalte Speisen zubereiten
      leichte Erkrankungen und Verletzungen behandeln
      Betten, Einrichtungsgegenstände, Hilfsmittel etc. reinigen und ggf. desinfizieren
      Kinder bei der Körperpflege unterstützen und sie zur Hygiene anhalten, Kleinkindern oder Menschen mit Behinderung bei Aktivitäten wie Zähneputzen, Essen oder Anziehen helfen, Kleinkinder wickeln
      Informieren und Anleiten
      Informations- und Aufnahmegespräche mit Eltern und Erziehungsberechtigten bzw. anderen Angehörigen führen und dokumentieren
      Elternabende und -kurse durchführen
      Elternarbeit innerhalb der entsprechenden Einrichtung koordinieren
      Hilfskräfte, ehrenamtliche Mitarbeiter/innen und Praktikanten/Praktikantinnen anleiten
      bei der Ausbildung von Nachwuchskräften mitwirken.

      Da finden sich also so einige Berufe,, wenn wir mal die vielfältigen Anforderungen einer Erzieherin betrachten.

  1. Och, im Moment werden überall händeringend engagierte Mitarbeiter gesucht, auch Quereinsteiger. Man muss sich halt von dem Gedanken lösen, lebenslang nur als ErzieherIn arbeiten zu können, nur weil man die Ausbildung hat und das vielleicht schon seit 20 Jahren so gemacht hat.

    Bei mir haben – neben allem anderen – nach über 20 Jahren im Beruf die höchst eigentümlichen Erfahrungen des ersten Corona-Jahres den Ausschlag gegeben. Ich habe schon August 2021 den Beruf gewechselt und bin jetzt im Medizinsektor perfekt aufgehoben. Ganz materiell: Meine Bezahlung ist schon im Einstiegsjahr viel besser, endlich flexible Arbeitszeiten und Urlaubsregelungen. Und – ach was – es gibt echten Arbeitsschutz und derzeit Home Office. Vor allem anderen: Meine Arbeit macht endlich wieder Spaß und sie wird vom Arbeitgeber und von den Kunden geschätzt. Nicht jeder Dödel meint, er könnte mir erzählen, was ich gefälligst anders zu machen und welche Extrawurst ich als nächstes zu braten hätte, in der Erwartung, dass man „im sozialen Beruf“ ja mit Freuden über jedes hingehaltene Stöckchen springt. Sondern man bekommt einfach Anerkennung für das was man tut. Nicht nur über die 16/16 Punkte in der Jahresbewertung.

    Meine alten Kolleginnen tun mir wahnsinnig leid. Ich habe immer noch enge Kontakte. Nichts ist seit meinem Weggang besser geworden, alles nur noch schlimmer. Und was Corona angeht, sind die reines Kanonenfutter für die Durchseuchung – in der Einrichtung mit 18 Kindern gab es inzwischen 6 gesicherte und 5 mutmaßliche Coronafälle (die blieben nach dem positiven Lolli halt ohne PCR 14 Tage daheim, damit die Eltern sich nicht auch testen lassen müssen). Trotz oder auch gerade wegen der grünen Schopper statt der schwarzen Eisenmann.

    Ich kann nur allen KuK raten, den Schritt wenigstens auszuprobieren. Wenn’s doch nicht klappen sollte: Auch die Kitas suchen Mitarbeiter wie die Blöden, daran wird sich in einem oder zwei Jahren nichts geändert haben. Da kommt man mit Handkuss wieder zurück in die alten Probleme. Ich habe letzten Monat auch völlig unerwartet ein Angebot sogar mit übertariflicher Bezahlung aus meinem früheren Kindergarten bekommen – Danke, aber Danke nein.

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