Kultusminister bittet Lehrer um „Augenmaß“ bei Schulaufgaben (senkt aber Ansprüche nicht)

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Im Hinblick auf eine Häufung von Schulaufgaben hat der bayerische Kultusminister an alle Lehrkräfte appelliert, mit Augenmaß zu hantieren. An deren Vorgaben ändert sich allerdings nichts.

Appelliert an Lehrkräfte: Bayerns Kultusminister Michael Piazolo. Foto: Andreas Gebert / StMUK

«Auf der einen Seite will man natürlich Leistungserhebungen, auf der anderen Seite wollen wir in diesen Zeiten die Schülerinnen und Schüler nicht überfordern», sagte Michael Piazolo (Freie Wähler) nach einer Sitzung des Kabinetts in München. Er reagierte damit auf die Praxis in einigen Schulen, möglichst schnell möglichst viele Noten einzufahren, um für den Fall eines pandemiebedingten Unterrichtsausfalls nicht in Zeitnöte zu geraten.

In der vergangenen Woche hatte der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) an Piazolo appelliert, seinerseits die Ansprüche an die Lehrkräfte herunterzuschrauben. Das Schuljahr könne angesichts des Corona-bedingten Unterrichtsausfalls nicht als normales angesehen werden. Die Lehrpläne gelten in Bayern – wie in allen anderen Bundesländern – uneingeschränkt weiter. News4teachers / mit Material der dpa

Unterrichtsausfall akzeptieren, Ansprüche herunterschrauben: Lehrer-Präsidentin schreibt, worauf es für Schulen jetzt ankommt

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Rüdiger Vehrenkamp
10 Monate zuvor

Das ist wirklich der große Witz, den ich auch in Baden-Württemberg beobachte. Maßgabe war es – so hieß es am Elternabend – mehr auf das Soziale zu achten und die Kinder in den Schulen ankommen zu lassen. Nur wurden weder Klassenarbeiten, noch Inhalte aus dem Bildungsplan gestrichen. Alles läuft wie gehabt. Was man so hört, sind die Anforderungen in Abitur und Abschlussprüfungen ebenfalls eins zu eins dieselben wie bei Jahrgängen ohne Pandemieerfahrungen. Hier sollte man Schulen, Lehrer und vor allem die Kinder entlasten.

Canishine
10 Monate zuvor

Wenn Präsenz, dann auch konsequent. Es geht ja schließlich um Bildungsgerechtigkeit. War doch so, oder? Oder etwa nicht?

Dil Uhlenspiegel
10 Monate zuvor

Augenmaß? Aber ich bin doch kurzsichtig … achso, verstehe.

Jan aus H
10 Monate zuvor

„möglichst schnell möglichst viele Noten einzufahren“

Wäre es nicht für alle Beteiligten einfacher, wenn man das in dieser Situation einfach mit dem Würfel machen würde? Viel gehaltvoller werden Noten in der aktuellen Situation mit eisiger Kälte, ständiger Furcht vor einer Infektion, keinen Maskenpausen, einem ständigen Hin und Her mit Quarantäne, sich ständig ändernden Regeln auch nicht sein.

Die Variante mit dem Würfel hätte zudem noch den Vorteil, dass sie mehr Unterrichtszeit lässt und alle Beteiligten entlastet.

In einer Pandemie irgendeine Stückzahl von Noten in einer bestimmten Zeit zwanghaft „einzufahren“ ist in etwa das gleiche, als wenn man nach dem Feueralarm noch schnell die Klassenarbeit zu Ende schreibt, denn alle haben ja nun die Aufgaben gesehen und die Note ist halt auch nötig. Das bissel Rauch wird schon nicht stören…

Andreas.Müller
10 Monate zuvor

Was für ein Bullshit. Als „wollten“ Lehrkräfte Leistungsnachweise – die Zahl und Art gibt die Schulordnung vor, dem zuwider zu handeln, ist schlicht nicht rechtmäßig. Den Inhalt geben die Lehrpläne vor und natürlich die Anforderungen des (Fach-)Abiturs. Der einzige, der etwas an der momentanen Situation ändern kann, ist Piazolo, der so tut, als sei die Situation eine Idee der Lehrkräfte…
Man erinnere sich an das von KM veranstaltete Chaos im letzten Jahr, das dazu geführt hat, dass unsere SchülerInnen innerhalb kürzester Zeit unter echt abartigem Druck zig Leistungsnachweise nachschreiben mussten.

Und gerade? Wir haben keine Klasse mehr ohne Infektionsfälle, ein halbes Dutzend ist bereits im Distanzunterricht. Was das für unsere SchülerInnen bedeutet (und auch für Lehrkräfte, die Nachtermine und Ersatzprüfungen am Band erstellen und organisieren müssen, was mehrere Tage Zusatzarbeit heißt), interessiert kein Schwein. Aber alle jammern, dass die „Kinder“ so unter der Pandemie leiden müssen – richtig, einen großen Anteil hat daran im Fall meiner Schulart aber das KM.

Schattenläufer
10 Monate zuvor

Das was im Bericht dargestellt wird, ist ja nur die Spitze des Eisbergs.

Was wird Lehrern momentan alles auferlegt?

– Voller Unterricht mit uneingeschränktem Lehrplan und allen Leistungsbewertungen trotz verkürzter Unterrichtszeit durch Hygienemaßnahmen und trotz krankheitsbedingter Ausfälle von Kollegen.

– Voll umfängliche Verwaltungsarbeit die sich durch die Dokumentation von Hygienemaßnahmen noch erhöht.

– Aufholen der Rückstände so nebenbei.

– Sehr belastende Arbeitsbedingungen mit mehrstündigem Tragen eine FFP2 Maske, bei Kälte und dauernder Angst um die eigene Gesundheit.

– Dabei noch die SuS nicht überlasten (siehe Bericht).

– Das Märchen von den sicheren Schulen an die SuS vermitteln, also dauerndes, bewusstes Belügen der anvertrauten SuS. Man soll ja keine Panik machen.

– Aufrechterhalten von Test- und Maskenpflicht, bei teilweise sehr unwilligen SuS, ohne konkretem Handlungsspielraum oder Rückendeckung durch die Ministerien.

– Den Prellbock für Querdenkereltern spielen und Hygienemaßnahmen verantworten, die wir nicht zu verantworten haben.

– Der Prellbock für verängstigte Eltern spielen, die Angst um ihre Kinder haben und uns für Unmenschen halten, weil wir eine Präsenzpflicht durch setzen, die wir selbst nicht wollen.

– Von der KMK und Presse als die Schuldigen an der Schulmisere benannt werden, ohne die Möglichkeit sich zu rechtfertigen.
Lehrer tragen die Pandemie in die Schule und sind zu unfähig die Hygienepläne um zu setzen.

– Gleichzeitig werden wir von unseren Dienstherren unter Druck gesetzt keine Kritik zu üben und mit Parolen, dumm-dreisten Statistiken und Expertisen von ahnungslosen Lobby-Gruppen offensichtlich veralbert.

– Das alles findet in Gebäuden statt die vorher schon in einem baulich extrem schlechten Zustand waren und in die auch in der Pandemie nichts investiert wurde.

Lehrer ist also ein echter Traumberuf.
Ich erwarte, dass in den nächsten Jahren der Nachwuchs nur so strömen wird.
Survival liegt ja voll im Trend.

PS
Ist mir schon klar, für die reichhaltigen „lehrer-Freunde“ in der Gesellschaft bin ich jetzt wieder ein Jammer-Lappen, dem es noch viel zu gut geht.

Der KäptnFPunkt
10 Monate zuvor
Antwortet  Schattenläufer

Super formuliert. Darf das teilen bitte?

MeinSenf
10 Monate zuvor
Antwortet  Schattenläufer

Genau DAS!

Ich hab so den Kanal voll! Im Kommentarbereich des Spiegels unter dem Artikel zu genau diesem Thema kann dann jeder von uns wieder einmal sehen, wie hoch die gesellschaftliche Anerkennung unserer Arbeit doch ist.
https://www.spiegel.de/panorama/bildung/leistungsdruck-an-bayerns-schulen-da-hilft-kein-appell-sondern-nur-eine-anweisung-vom-dienstherrn-a-cd6dfdac-572d-4ea3-99ed-70a1c98e37e9

Also auf die Dienstanweisung warte ich dann, damit ich endlich meinen Übereifer bremsen kann und die armen Schülerinnen und Schüler vor meiner Jagd auf die von mir heìßgeliebten Noten verschont werden… (Vorsicht Ironie)

Tingel
10 Monate zuvor

@Schattenläufer

Einen Punkt muss ich noch ergänzen:

Präsenzunterricht und Distanzunterricht (nachmittags per Videokonferenz + Zusammenstellung der Aufgaben in einem Plan) für die fehlenden Kinder gleichzeitig planen und durchführen

Andreas.Müller
10 Monate zuvor
Antwortet  Tingel

Da kann ich noch einen draufsetzen: Distanzunterricht (+ sämtliche anderen „dienstlichen“ Aufgaben wie Kommunikation mit verschiedenen Gesundheitsämtern…) OHNE WLAN. Ist seit Wochen ausgefallen und die wenigen vorhandenen Schul-PCs laufen mit Windows7 und brauchen ohne Übertreibung 7-8 Minuten zum Hochfahren.

Teacher Andi
10 Monate zuvor

Herr Piazolo kommt mir vor wie eine Marionette mit verhedderten Fäden … Selbst mit der Steuerung von oben und dem Nachplappern von Vorgaben ist er heillos überfordert und wirkt bei allem sehr ungelenk und unsicher. Darüber kann auch das Dauerlächeln nicht hinwegtäuschen. Energie, Einsatz und Unterstützung ist da nicht zu erwarten. Ist halt ein Posten, den man nun mal hat, Kompetenz ist unwichtig. Ich kann mich nicht erinnern, wann wir zuletzt mal einen richtig guten Kultusminister hatten.

Forumsleserin
10 Monate zuvor

Da bietet man den SchülerInnen – mit Bauchschmerzen – die vielgepriesene Normalität und was ist der Dank? Der gute Onkel Michael als Fürsprecher der geknechteten Kinder. Was habe ich die guten Onkeln dick.
In welchem Unternehmen werden MitarbeiterInnen öffentlich dermaßen vorgeführt?