Unterrichtsausfall akzeptieren, Ansprüche herunterschrauben: Lehrer-Präsidentin schreibt, worauf es für Schulen jetzt ankommt

15

MÜNCHEN. Was tun in der Krise? Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) hat ein Sofortprogramm für die Schulen entwickelt, mit dem sich arbeiten ließe, und dieses in Form eines offenen Briefes an Ministerpräsident Markus Söder (CSU) geschickt. Sieben Punkte werden darin angeführt, die zweifellos nicht nur für die Schulen im Freistaat wichtig wären, sondern Lehrkräften bundesweit aus der Seele sprechen dürften. Wir dokumentieren das Schreiben von BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann im Wortlaut.

Schreibt Klartext: Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV. Foto: BLLV

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

wir alle in der Gesellschaft haben durch die Corona-Pandemie nochmal mehr erlebt, wie wichtig Bildung und Erziehung für die Schülerinnen und Schüler ist. Auch in der Politik leugnet niemand mehr, welche Bedeutung die Schule für Kinder und Jugendliche einnimmt.

Wir Lehrinnen und Lehrer nehmen unsere zentrale, gesellschaftliche Aufgabe und Verantwortung in jeder Form wahr – wir tun alles in unserer Macht stehende, um den Schülerinnen und Schülern gerecht zu werden. Jeden einzelnen Tag und nicht erst seit Beginn der Pandemie. Selbstverständlich gehen wir unserer Berufung am liebsten und am besten im Präsenzunterricht nach – aber die Bedingungen hierfür müssen ebenso praktikabel wie sicher sein.

Auch wenn derzeit überall Unsicherheit darüber herrscht, wie die nächsten Wochen und Monate sich pandemisch entwickeln:

Wir als BLLV haben eine klare Vorstellung, was es jetzt braucht, um Bildung und Erziehung in der Schule so aufzustellen, dass wir den Kindern und Jugendlichen gerecht werden. Das kommt der ganzen Gesellschaft zugute!

Diese seit langem bekannten Forderungen des BLLV müssen jetzt in folgendem Sofortprogramm umgesetzt werden.

Die sieben Bausteine des BLLV-Sofortprogrammes:

1. Eindeutige und regionale Parameter setzen: 

Schulen brauchen klare Vorgaben für Entscheidungen über den Unterrichtsbetrieb vor Ort. Es müssen Richtwerte gelten für die Höhe der Inzidenz, die Luftqualität (Lüftungsanlagen, CO2-Ampeln), Impfquote, Anzahl der Quarantänefälle in der einzelnen Klasse/an der Schule, Raumsituation an der Schule und aktuelle Lehrerversorgung im Kollegium;

2. Alle zur Verfügung stehenden Gesundheitsmaßnahmen an den Schulen vor Ort konsequent umsetzen: 

Dies umfasst Impfungen, Lüftungsanlagen, Masken, Tests, Abstand.

3. Auf den Lehrermangel reagieren: 

Unsere Kolleginnen und Kollegen, die täglich den Personalmangel ausgleichen, haben das Recht auf Wertschätzung, Anerkennung und konkrete Entlastung.

Dies erfordert die Akzeptanz von durch Corona nochmals erhöhtem Unterrichtsausfall. Ebenso müssen die Entscheidungskompetenzen der Schulleitungen noch einmal deutlich ausgeweitet werden. Sie benötigen das Vertrauen sowie die Rückendeckung der übergeordneten Behörden für die unvermeidlichen passgenauen Notlösungen vor Ort.

4. Faire Prüfungsbedingungen für alle Prüflinge (Studierende und Referendare) schaffen.

5. Schulleitungen von ihrer Unterrichtsverpflichtung entbinden: 

Dies muss umgehend erfolgen, um die aktuelle Situation bewältigen zu können. Dauerhaft – auch nach Corona – ist eine Erhöhung der Leitungszeit zwingend notwendig, um die Schulen pädagogisch und organisatorisch professionell gestalten zu können.

6. Herunterschrauben der Erwartungen an das Schuljahr und die Leistung der Schülerinnen und Schüler:

Dies erfordert veränderte, regional angepasste und flexible Leistungserhebungen sowie endlich die Umsetzung des BLLV-Konzepts eines freiwilligen, individuellen Förderjahres.

7. Voraussetzungen für ein flächendeckendes, digitales Lernen an den Schulen schaffen: 

Wir brauchen dringend eine professionelle, digitale Ausstattung der Schulen. Dies umfasst stabiles W-LAN, passgenaue Tools und Plattformen, Endgeräte für Schülerinnen und Schüler sowie Dienstgeräte und Fortbildungen für Lehrkräfte.

Die Situation an den Schulen darf sich nicht noch weiter verschärfen!

Wir Lehrerinnen und Lehrer packen an. Wir alle in der Gesellschaft müssen zusammen stehen. Sie, Herr Ministerpräsident, müssen und können jetzt handeln! Sie haben die Umsetzung des Sofortprogrammes in der Hand!

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, bitte handeln Sie jetzt!

Herzlichen Dank!

Mit freundlichen Grüßen

Simone Fleischmann
Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband BLLV e. V.

Statt mehr Schutz für Kitas und Schulen beschließt der Bund-Länder-Gipfel eine kürzere Quarantäne für Kinder

 

Anzeige


Abonnieren
Benachrichtige mich bei
15 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Schattenläufer
6 Monate zuvor

Die 7 Punkte finde ich uneingeschränkt prima. Würde ich sofort unterschreiben und mit tragen!

Ich sehe nur zwei Probleme:

a) Die Punkte sind zu vernünftig und die KMK müsste zur Umsetzung dieser Punkt zugeben, dass ihre bisherigen Maßnahmen Mist waren.
Das wird nicht passieren. Die KMK irrt sich nie.

b) In Punkt 1 werden eindeutige und regionale Parameter gefordert.
Inzidenz, R-Wert, Luftqualität usw.
Wir haben schon eindeutige Werte zur Steuerung der Pandemie-Maßnahmen.
Die werden nur nicht laut publiziert. Die Corona-Maßnahmen richten sich nach dem Umsatz des Handels, den DAX und den Kontostand des Spendenkontos der FDP.
Andere Daten sind für die Regierung nur lästige Augenwischerei, sie bilden aber offensichtlich keinerlei Entscheidungsgrundlage.

Schattenläufer
6 Monate zuvor

Ach ja, die digitalen Voraussetzungen für Distanzunterricht schaffen (Punkt7)
Unsere Schule hat diese Voraussetzungen, unsere Schüler (Berufsschule) sind auch alt genug.
Im letzten Lock-Down hat der Distanzunterricht auch gut funktioniert.
Wir dürfen aber trotzdem nicht.
Es gibt nur Grundschulen und Gymnasien!!!
Berufsschulen existieren gar nicht.
Außerdem kann nicht sein, was nicht sein darf!

Thusnelda
6 Monate zuvor
Antwortet  Schattenläufer

Ganz genau mein Problem: An einer weiterführenden Berufsschule sind die „Kinder“ mitunter älter als der Dozent. Und dennoch gelten die gleichen Regeln wie für Grundschulen, weil man Angst hat, kleine Kinder bei ihren Eltern zu lassen (weil diese die Kinder angeblich verwahrlosen lassen und prügeln… Also bitte!! Sicher nicht alle Eltern). Kann man hier nicht mal differenzieren? Die Unis machen doch auch online-Unterricht! Und wir werden alle mit in Haftung genommen, weil ein paar Eltern mit ihren Kindern nicht zurechtkommen. Kann man denen nicht gezielt helfen? Wenn man das nicht will und die Schule „um jeden Preis“ offenhalten will, muss man entsprechenden Bedingungen beim Arbeitsschutz schaffen. Mir hat das meist offene Fenster die erste Blasenentzündung des Jahres gebracht. Vielen Dank.

Die Elfe
6 Monate zuvor
Antwortet  Schattenläufer

Schattenläufer- Genau- meine erwachsenen SuS, hauptsächlich in der Erzieher*innen-Ausbildung werden quasi wie betreuungswürdige Grundschüler*innen behandelt! Die SuS empfinden das auch so! Unglaublich. Einige haben selber Kinder im Kita- und Grundschulalter!

Klugscheisser
6 Monate zuvor

„Wir Lehrinnen und Lehrer“

Bin kein Lehrin 😉

Alla
6 Monate zuvor
Antwortet  Redaktion

Fühle mich auch mit dem Wort ‚Lehrer‘ angesprochen. Also alles gut!

mama51
6 Monate zuvor
Antwortet  Klugscheisser

Pienz nett … Wo ist das Problem? Oder haben wird sonst keines? Ach, wär das schön!!!!!

Minna
6 Monate zuvor

Da fehlt doch noch was. Unsere Schule hat gerade eine Inzidenz von 8500 und es wird so getan, als gäbe es eine Schulanwesenheitspflicht. Frühstück ohne Maske übrigens.
Grotesk.

Klugscheisser
6 Monate zuvor
Antwortet  Minna

Vielleicht soll die 10.000 erreicht werden.
Geht es denn den Falimien der Kinder hoffentlich gut?

Defence
6 Monate zuvor

Hoch lebe diese Drau!

Busenfreundin
6 Monate zuvor

Teilweise scheinen mir das aber doch Plattitüden zu sein – Dinge, die man aufgeschrieben hat nach dem Motto, was könnte man noch aufschreiben. Z.B. dieses ewige Gefasel von der mangelnden Wertschätzung. Mein Gott, was wollen die Lehrer denn noch? Noch mehr verdienen? Im Freistaat Bayern verdienen sie schon am besten von allen Lehrern in Deutschland? Noch mehr Geld und noch weniger dafür arbeiten? Die sollen sich mal umhören unter jenen, die gerade wieder ihren Job verlieren oder kurz davor stehen.

dickebank
6 Monate zuvor
Antwortet  Busenfreundin

Ja, und zwar wollen Lehrer so viel Entgelt erhalten wie die Studienräte. Und erst die tarifbeschäftigten Lehrkräfte, die wollen doch tatsächlich so viel wie die verbeamteten Kolleg*innen. Und darüber hinaus noch die gleichen Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen wie andere Angestellte im ÖD (Regierungsbeschäftigte) der Länder.

Schon doof, dass Lehrer nicht nur eine nicht geschützte Berufsbezeichnung sondern auch noch eine „Amtsbezeichnung“ ist.

trotzki
6 Monate zuvor

Eigentlich nichts Neues.
Eigentlich hätte sie wie folgt unterschreiben müssen.
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, handeln sie bitte jetzt, nachdem solange ncits passiert ist.

Rosa
6 Monate zuvor

In BW haben die Schulen G8 und haben nochmals ein verkürztes Schuljahr absolviert. Diese Schulform hat kein Spielraum mehr um an der Bildung noch weitere Abstriche zu leisten. Die angehäuften Lernrückstände vezeichnet eine Schülerschaft egal welcher sozialer Schicht und Herkunft und dies ist immer noch nicht bei den KM angekommen. Die Lernrückstände erschwert den Schulunterricht sehr und der Lehrplan ist leider dem langen Ausnahmezustand nicht angepasst worden.file:///C:/Users/Sabine/AppData/Local/Temp/sd-2020-09-woessmann-etal-bildungsbarometer-corona.pdf Das Aufholprogramm ist als tragendes Konzept verkauft worden und leider ist an vielen Schulen nur eine Mogelpackung ohne Inhalt angekommen. Viele Schulleitungen in Mannheim haben einen Aufruf geschaltet an die KM Frau Schopper und erneut um Abhilfe der Lernrückstände gebeten. In Dauerschleife steh viele verunsicherte Schüler in der Warteschlang und warten auf Unterstützung der Defizite. Der Appell bleibt Appell und es ist kein Lichtblick in Sicht. Der Lernfrust sitzt bei vielen Schülern sehr tief und die Lernfreude ist sehr ausgebremst. Abstriche stehen für Schulen nicht auf der Tagesordnung und haben schon genug Abstriche geleistet in der Pandemie. In anderen Bereichen könnten Abstiche angestrebt werden und Kinder brauchen Wachstum in der Bildung um sich weiter zu entwickeln. Die Bildung bestimmt den weiteren Lebensweg von der heranwachsenden Generation und den Platz den sie im späteren Leben in unserer Gesellschaft einnehmen. Die KM haben jegliche Verantwortung nicht geleistet in der Corona Zeit…