Flüchtlingskinder: Thüringen hofft auf Hilfe von Russisch-Lehrern im Ruhestand

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ERFURT. Wegen des Krieges in ihrem Heimatland sind nach UN-Angaben Millionen Ukrainer auf der Flucht. Kinder und Jugendliche könnten schon bald in deutschen Schulen sitzen. Dabei gilt es auch Sprachbarrieren zu überwinden. Dafür gibt es schon erste Ideen. Thüringen verfolgt einen besonderen Ansatz.

Wie viele pensionierte Lehrkräfte werden sich in der laufenden Corona-Welle wohl für den Schuldienst melden? Foto: Shutterstock

Bei der Integration von ukrainischen Flüchtlingen in die Schulen hofft Thüringen auch auf die Unterstützung durch frühere Russisch-Lehrer im Ruhestand. «Es geht darum, Kommunikation zu ermöglichen und beispielsweise die Lehrkräfte im Unterricht zu unterstützen», sagte der Sprecher des Thüringer Bildungsministeriums, Felix Knothe, auf Anfrage. Denkbar sei auch, dass solche ehemaligen Lehrkräfte im Rahmen des Ganztagsangebotes aktiv werden – und zum Beispiel Kurse oder Arbeitsgemeinschaften anbieten könnten.

Russisch war zu DDR-Zeiten ein Pflichtfach in der Schule. In der Ukraine haben sehr viele Menschen auch heute noch Russisch-Kenntnisse und sprechen diese Sprache teils auch im Alltag. Knothe machte klar, dass nicht nur ehemalige Russisch-Lehrer für eine Rückkehr an die Schulen angesprochen werden sollen, sondern auch Lehrer anderer Fachbereiche im Ruhestand. «Wir hoffen, ehemalige Lehrerinnen und Lehrer noch einmal für eine bestimmte Zeit an die Schulen holen zu können.»

«Wir gehen davon aus, dass die Sprachbarrieren etwas geringer sind als bei anderen Geflüchteten etwa aus arabischen Ländern»

Thüringen verfolgt bei der Eingliederung von geflüchteten Kindern und Jugendlichen einen teilintegrativen Ansatz. Bedeutet: Anders als beispielsweise in Nordrhein-Westfalen werden im Freistaat keine Willkommensklassen gebildet, die nur aus Flüchtlingskindern bestehen. Stattdessen sollen alle ukrainischen Flüchtlinge von Anfang an auch in Klassen mit ihren deutschen Mitschülerinnen und Mitschülern lernen. Daneben soll es aber noch Deutsch-Intensivkurse geben, in denen die ukrainischen Schüler dann Sprachkenntnisse erwerben.

Knothe sagte, es gebe Fächer, in denen der Unterricht auch gut funktioniere, wenn nicht alle Schüler über Deutschkenntnisse verfügten – etwa Kunst, Musik oder Sport. «Trotzdem ist es für diese Schüler natürlich eine große Herausforderung.» Jeder ehemalige Lehrer könne mithelfen, auch jene, die keine Russisch-Sprachkenntnisse hätten.

Nach Ansicht von Thüringens Integrationsbeauftragten Mirjam Kruppa ist es wichtig, dass die vor dem Krieg geflohenen Kinder und Jugendlichen schnell eine Tagesstruktur bekommen. Dafür seien Schulen, aber auch Kindergärten sehr wichtig. «Wenn die Zahlen, die vorhergesagt sind, auch wirklich hier ankommen, brauchen wir sehr viele helfende Hände», sagte Kruppa. Jeder könne sich einbringen. «Das sind sicher auch ehemalige Lehrkräfte.»

Unter den ukrainischen Flüchtlingen seien möglicherweise auch Lehrerinnen und Lehrer, die man gegebenenfalls mit einbeziehen könne. Sie halte nichts von Parallelstrukturen, also dass die ukrainischen Schüler dann nur noch von Lehrkräften aus ihrem Heimatland unterrichtet werden. «Aber es gibt sicher Möglichkeiten, das mit zu nutzen.»

Knothe sagte, an ukrainischen Schulen sei teils auch Deutsch unterrichtet worden, Englisch sei auch weit verbreitet. «Insgesamt gehen wir davon aus, dass die Sprachbarrieren etwas geringer sind als bei anderen Geflüchteten etwa aus arabischen Ländern.»

Thüringen leidet – unabhängig von dem zu erwartenden Flüchtlingszustrom – schon seit Jahren unter akutem Lehrermangel. Um die Not etwas abzumildern, hatte das Land das Programm «Grau macht schlau» gestartet, das sich an Lehrer im Ruhestand richtet – in der Hoffnung, sie für einige Zeit zurück an die Schulen holen zu können. News4teachers / mit Material der dpa

Woher bekommen Schulen die Mittel, um ukrainische Kinder aufnehmen zu können? GEW: Lehrer von Klassenarbeiten entlasten!

 

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Anne
2 Monate zuvor

Ich sag mal so: selbst wenn ein Kind neben ukrainisch auch russisch kann, ist das derzeit wohl kaum die Sprache, die es auch noch in seinem Fluchtland hören und sprechen möchte.

potschemutschka
2 Monate zuvor
Antwortet  Anne

Ich denke schon, dass das kein großes Problem ist. Ich glaube, die Kinder und besonders die Eltern können schon ganz gut unterscheiden, wer da mit ihnen spricht und Russisch ist nun mal die „lingua franca“ in der ehemaligen Sowjetunion. Gerade, wenn man mit den Eltern kommunizier,t ist Russisch dann sehr hilfreich, falls die Eltern kein Deutsch oder Englisch sprechen. Sie nehmen sicher jede Hilfe an, die ihnen angeboten wird.

Karin Nolte
2 Monate zuvor
Antwortet  Anne

Der Meinung bin ich auch, auf eine solche abwegigie Idee kann man doch nicht kommen in einer Situation , wo die Ukrainer überfallen werden von den Russen. Ich bin entsetzt!

Interessant
2 Monate zuvor
Antwortet  Anne

Russisch und ukrainisch unterscheidet sich nicht so extrem und die meisten Ukrainer können russisch

Toleranz
2 Monate zuvor

Vielen Dank an die so genannten „Neuen Bundesländer“, dass ihr euch um die ukrainischen Flüchtlingskinder kümmern werdet.
In den alten Bundesländern gibt es so gut wie keine russischsprachigen Lehrer.

Honigkuchenpferd
2 Monate zuvor

Russischlehrer für ukrainische Kinder finde ich heikel, wenn diese Kinder nur Ukrainisch sprechen, dann gibt es da nicht nur sprachliche Unterschiede, sondern aktuell wohl so überhaupt keine Sympathie, sagen wir so.

Kinder aus dem Osten der Ukraine sprechen oft Russisch. Die DDR-Russischlehrer dürften aber schon hochbetagt sein (oft).

Übrigens spricht man doch im Englischunterricht heutzutage auch möglichst Englisch, warum soll dann im Deutschunterricht für Ukrainer Russisch gesprochen werden?

Leseratte
2 Monate zuvor
Antwortet  Honigkuchenpferd

Es geht darum, dass man eine gemeinsame Kommunikationsmöglichkeit hat. Wenn unsere Kinder Englisch lernen, wird im Anfangsunterricht auch noch die Grammatik oder andere kompliziertere Dinge auf Deutsch erklärt, damit es alle verstehen. Natürlich versucht man als Unterrichtssprache so viel wie möglich auch schon Englisch zu sprechen. Und wenn die ukrainischen Kinder Deutsch lernen, kann man mit ihnen nicht einfach mal auf Deutsch drauflosreden, da verstehen sie nämlich nichts. Da wäre eine gemeinsame Kommunikationsbasis, z.B. mit Russisch, sinnvoll. Und meiner Meinung nach besser, als dass sie einen gar nicht verstehen. Man kann ja kompliziertere Sachverhalte nicht einfach auf Deutsch erklären.