Seiteneinsteiger: Philologen sehen Qualitäts- und Besoldungsniveau von Lehrern bedroht

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BERLIN. Der Deutsche Philologenverband kritisiert den Umgang der Kultusministerinnen in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Seiteneinsteigern in den Lehrerberuf scharf – und fordert die Kultusministerkonferenz (KMK) auf, die dort geplanten Maßnahmen „im mehrheitlichen Konsens der Länder“ zu unterbinden. 

„Qualitäts-Affront“: Susanne Lin-Klitzing, Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbands. Foto: Deutscher Philologenverband

Wegen des Lehrkräftemangels benötigen in Brandenburg die nachzuqualifizierenden Lehrkräfte für ihre Verbeamtung künftig keinen Staatsexamens- oder Masterabschluss mehr, um ein Berufsleben lang Schülerinnen und Schüler zu unterrichten, erklärt der Philologenverband. Dazu habe die Kultusministerin mit der GEW ausgehandelt, dass diese Lehrkräfte in A11 und A12 eingestellt werden. Die GEW hatte laut Philologen bisher für die Anhebung der Besoldung der Grundschullehrkräfte nach A13 plädiert. Jetzt beteilige sie sich – entgegen früherer anderer Bekundungen – an der Senkung von Anforderungsniveau und Besoldung. „Dies alles wurde ohne Beteiligung des Beamtenbundes oder des Philologenverbandes verhandelt und soll nun im Landtag verabschiedet werden“, so heißt es.

„Ohne Abstimmung mit der KMK machen die beiden Länder einen Notfallplan zur Regel“

In Mecklenburg-Vorpommern wird aktuell über die Verordnung zum Seiteneinstieg, in der zwar ein höherer Wert auf die Qualifizierungsvorbereitung und -wege gelegt wird, beraten. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass man sich in Mecklenburg-Vorpommern ohne einen akademischen Abschluss für das Lehramt nachqualifizieren kann.

Die Kultusministerkonferenz – und damit auch alle Länder – haben 2013 bei der „Gestaltung von Sondermaßnahmen zur Gewinnung von Lehrkräften zur Unterrichtsversorgung“ festgelegt, dass bei etwaigen Sondermaßnahmen ein Masterabschluss oder das Staatsexamen als Voraussetzung gelten. „Wenn Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern die Anforderungen an Quer- und Seiteneinsteiger derart senken, wird ein grundständiges Lehramtsstudium immer weniger attraktiv. Ohne Abstimmung mit der KMK machen die beiden Länder einen Notfallplan zur Regel“, kritisiert die Philologen-Vorsitzende Prof. Susanne Lin-Klitzing.

Denn wenn diese Länder zukünftig Lehrkräfte in einer Nachqualifikation nicht mehr zu den vereinbarten akademischen Grundvoraussetzungen für ein Lehramt hinführen wollen, ist dies neben der offensichtlichen Qualitätssenkung vor allem eine auf Dauer angelegte Sparmaßnahme auf Kosten der Schülerinnen und Schüler, denn der eigentliche Lehrkräftemangel steht in den kommenden Jahren noch bevor.

Lin-Klitzing: „Da für das Gymnasium Wissenschaftspropädeutik, allgemeine Studierfähigkeit und vertiefte Allgemeinbildung festgelegte Ziele sind, ist ein solcher Qualitäts-Affront für das gymnasiale Lehramt undenkbar!“ Die Bundesvorsitzende verweist auf bestehende, qualitätssichernde und bereits evaluierte Alternativen, wie das bereits vor zehn Jahren in Sachsen unter Federführung von Prof. Axel Gehrmann an der TU Dresden entwickelte Modell zur universitären und pädagogischen Nachqualifizierung von Akademikern zu gleichwertigen Lehrkräften – und nicht zu Lehrkräften 1. und 2. Klasse, wie dies in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern – oder übrigens auch in Berlin – geschehen soll.

Lin-Klitzing: „Damit werden sämtliche bisherigen Mindestanforderungen geschleift“

Wenn einzelne Länder bewusst das Niveau senken, so wie es Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern mit ihren Modellen tun, und gemeinsame Qualitätsmaßstäbe nicht mehr eingehalten werden, setzen sie die Bildungsgerechtigkeit zwischen den Ländern zukünftig noch mehr aufs Spiel.

Lin-Klitzing: „Damit werden sämtliche bisherigen Mindestanforderungen geschleift. Wir kritisieren das und fordern die Kultusministerinnen und Kultusminister der Länder und die Kultusministerkonferenz nachdrücklich auf, mindestens am Niveau der eigenen Beschlüsse von 2013 festzuhalten und nun auch endlich die umfassenden Standards für Akademikerinnen und Akademiker zu entwickeln, die per Nachqualifikation gerne Lehrkräfte werden wollen. Ein modularisiertes Universitätsmodell wie das sächsische sollte als Standard gelten, denn es muss um die Qualität der Bildung gehen und nicht um ein verkapptes Sparmodell.“ News4teachers

Lehrer nach drei Monaten Schnellkurs: Philologen schlagen Alarm, GEW knickt ein

 

 

 

 

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Realist
1 Monat zuvor

„Wenn Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern die Anforderungen an Quer- und Seiteneinsteiger derart senken, wird ein grundständiges Lehramtsstudium immer weniger attraktiv.“

Ich würde sogar sagen, die Atrraktivität sinkt gegen null. Selbst wenn es „nur“ A11/A12 gibt, den Einkommensverlust eines grundständigem (unbezahlten) Lehramtsstudiums + Referendariat gegenüber diesem neuen Weg (Ausbildung + 3 Monate „Crashkurs“, beides bezahlt(!) wohlgemerkt) holt man nicht mehr auf. Nur noch vollkommen Verrückte tun sich dann noch ein Lehramtsstudium an.

Und hoffentliche kommt keiner der grundständig ausgebildetet Lehrkräfte dann auf die Idee, den Niveau- und Qualitätsverlust „der Kinder zuliebe“ durch unbezahlte Mehrarbeit auszugleichen („Aber die Kinder können doch nichts dafür!“ wird dann die GEW im Gleichklang mit den Kultusministerien wieder tönen…)

Andre Hog
1 Monat zuvor
Antwortet  Realist

Jepp!!!

Und damit ist eindeutig bewiesen, dass es bei der Institution Schule in keinster Weise mehr um Bildung geht…es geht nur noch um Aufbewahrung….warum sollen Quer- und Seiteneinsteiger überhaupt ne Berufsausbildung haben…das stört doch lediglich die konsequente und offensichtlich geplante Qualitätsvernichtung…für das, was hier noch relevant ist, reicht es doch völlig aus, jeden zweiten Buchstaben des Alphabets zu kennen…den Rest kann man dann beim Vorlesen von Pixi-Büchern kreativ hinzu interpretieren.

Und für das Geld, das ich trotzdem bekomme, ist der Anreiz, sich in ein Klassenzimmer zu stellen dennoch gegeben.
„Ja, ich mag Kinder … ich schaff nur kein ganzes!“

Freundlicher Misanthrop
1 Monat zuvor

Da macht es Niedersachsen besser – ein Magister mit zwei Hauptfächern ist da fachlich noch lange nicht gleichwertig zum fachlichen Teil eines Lehramtsstudiums. Das spart Geld und motiviert. E10 ist doch schon viel Geld und so werden die Quereinsteiger nur so herbeistürmen. Sagte Herr Tonne noch letzten Herbst.

Tu felix Saxonia minor…

Steven
1 Monat zuvor

Also ich habe einen Magister Englisch/Musik und bin nun GHRS Lehrer als Beamter in Nds . Fachlich wurde alles anerkannt, hätte auch GYM machen können, ist gleichwertig mit meinem Studium gewesen. War aber schon in 2012 und ich bin völlig gleichgestellt mittlerweile.

Georg
1 Monat zuvor
Antwortet  Steven

Magister entsprach dem Diplom. Also nicht außergewöhnlich.

Freundlicher Misanthrop
1 Monat zuvor
Antwortet  Georg

Englisch auch für GYM anerkannt
Geschichte aber nur für GHRS
Geschichte hätte nachstudiert werden können – wozu Seminare gehört hätten, die man als Magister an einer Uni geben könnte. Nicht zwingend logisch, aber erlasskonform, sagte selbst der Sachbearbeiter.

Man könnte argwöhnen, dass die Motivation auch darin bestand, das Mangelfach und die Mangelschulform zu bekommen… und tatsächlich hat sich das laut Behörde in den letzten zehn Jahren geändert, denn ich kenne jemanden, der an der gleichen Uni die gleiche Kombi hatte und mittlerweile in A14 dient. Aber das eben schon lange.

Am Ende ist es ja auch ok, man wird ja nicht gezwungen, für das große Land Niedersachsen zu arbeiten und sucht sich dann was anderes.

Aber die Beteuerungen und Krokodilstränen von Herrn Tonne und Consorten sind mir dann doch etwas zuwider – denn das Handeln der Behörden ist oft genau anders.

Riesenzwerg
1 Monat zuvor

Nun – Deutschland, das Land der unbegrenzten UNMöglichkeiten!

Vom Tellerwäscher zum Lehrer.

Für nahezu volles Gehalt.

Hätte ich das gewusst – liebe KuMis – ich hätte mir nie den A…. so aufgerissen.

Ich bin fassungslos… gleichzeitig aber voller Hoffnung. Das Schulsystem wird uns früher um die Ohren fliegen, als gedacht. Gut so.

Dann hat die Aufbewahrerei vielleicht doch eine Chance, nach dem Kollaps zu Unterricht zu werden.

Seitenwürstchen
1 Monat zuvor

SEK1 fühlt sich bedroht von Primarstufenlehrern, die sollen auf jeden Fall weniger verdienen…Studierte Lehrer haben Angst, dass Seiteneinsteiger gleichen Lohn erhalten…und das alles ohne selbst 1 Cent weniger zu bekommen. Was in Schule fehlt ist ein Leistungsgedanke. Hauptsache man hat mal Raketenwissenschaft äh ich meine Lehramt studiert dann kann man abliefern wie und was man lustig ist.Kann nur sagen, dass ich neben vielen guten und engagierten Lehrerinnen und Lehrern auch (sehr) viele unfähige, teils kinderfeindliche und vor allem unmotivierte Lehrerinnen und Lehrer kennenlernen durfte. Studierte aus anderen Branchen sind idR. der Ansicht, dass sie nur wenig Studieninhalte im Job nutzen können sondern das wichtigste im Job gelernt haben.., beim Lehramtsstudium ist aber natürlich wieder alles anders.

G. Bayer
1 Monat zuvor
Antwortet  Seitenwürstchen

Ja, ich denke, dass sich auch der Lehrerberuf ändern muss. Es reicht heute nicht mit Frontalunterricht den Lehrplan in die Kinder hineinzupressen. Später sollen die Kinder eigenverantwortlich arbeiten können, das wird aber in der Schule ni3beigebrachtm Lehrstoff selbst erarbeiten, das wäre mal was. Und Lehrer als Lernbegleiter, die die Kids nur auf den richtigen Weg stubsen. Das wäre ein Traum. Dann könnten die Kids gar nicht mehr schlafen in der Schule und die Sozialkompetenz würde auch noch gefördert.

Mika
1 Monat zuvor
Antwortet  G. Bayer

In Klassengrößen à 30 und mehr? Wenn Sie sinnvoll coachen wollen, müssen Sie jedes Kind, jeden Jugendlichen im Blick haben und jede Stunde dokumentieren, was jeder gemacht hat, um die Lernumgebung (btw: schon die Räumlichkeiten sind im Regelfall NICHT auf individuelles Arbeiten ausgelegt) entsprechend vorzubereiten. Und jeder, der davon ausgeht, dass Kinder und Jugendliche, sobald sie die Schule betreten, nur Lernen im Kopf haben, sollte sich mal auf seine eigene Kindheit und Jugend zurückbesinnen bzw. an den letzten Pubertätsfight mit dem eigenen Sprössling denken und den Realitätscheck machen!

G. Bayer
1 Monat zuvor

Also ich finde das gar nicht so schlecht. Die Welt befindet sich im Wandel, warum nicht auch in der Bildung mal den „Kopf aufmachen“. Nachdem der Lehrstoff oft nichts mit dem Studium gemein hat (Aussagen vieler MINT Lehrkräfte), verstehe ich nicht, warum nicht Berufstätige mit entsprechender Berufserfahrung das nicht unterrichten dürfen.
Oder Quereinsteiger, die eine pädagogische Zusatzqualifikation (ohne Bachelor) mit Sprachdiplom auch nicht die Möglichkeit bekommen Lehrer zu werden.
Ich arbeite seit einem Jahr an einer Schule in Bayern, die meinen Einsatz sehr zu schätzen wissen und mich immer unterstützen. Auch die Eltern finden den „frischen Wind“ sehr angenehm.

Pixi
1 Monat zuvor
Antwortet  G. Bayer

Diese Erfahrung teile ich auch.
Die SuS merken auch, dass hinter dem was ich von mir gebe, auch sehr viel Wissen und Erfahrung steckt. Nach jeder Vertretungsstunde werde ich angefleht das Fach zu übernehmen.
Ich frage mich, was die ganzen Lehramtler wirklich leisten? Im Lehrerzimmer wird oft gelästert wie schlimm die SuS sind.

In dir muß brennen, was du in anderen entzünden willst.

Augustinus Aurelius

Mika
1 Monat zuvor
Antwortet  Pixi

„ Nach jeder Vertretungsstunde werde ich angefleht das Fach zu übernehmen.“
Sagte fast identisches nicht kürzlich ein Forist namens Mthy ( oder so ähnlich)?
Ich finde Ihre Aussage der Art „ Ich frage mich, was die ganzen Lehramtler wirklich leisten?“ ziemlich überheblich. Unterrichten will gelernt sein. Daneben sollte ein Lehrer deutlich mehr über die zu unterrichtenden Inhalte wissen als er später vermitteln muss, schon um Zusammenhänge selbst zu erkennen und auf dieser Basis Verknüpfungen legen zu können. Ich bin selbst Mint-Lehrkraft. Im Studium und kurz danach war ich auch der Ansicht, dass man Fachinhalte reduzieren könne (auch deshalb, weil so manche Klausur ziemlich schwer war). Heute, über 20 Jahre Berufserfahrung später, sehe ich das anders.
Wenn Sie Ihren eigenen Aussagen hier treu sind, sollten Sie auch nicht zum examinierten Zahnarzt gehen, sondern sich einfach jemanden suchen, der als Patient regelmäßig dort ist und ansonsten Feinmechaniker oder Metzger ist. Der kommt aus dem richtigen Leben und bringt frischen Wind mit. Vielleicht finden Sie ja einen, den Sie anflehen können, Sie ab sofort regelmäßig zu behandeln.

potschemutschka
1 Monat zuvor
Antwortet  Pixi

Ab und zu mal eine gute Vertretungsstunde zu halten, ist nicht schwer, aber den Stoff ein Schuljahr oder mehr immer mit Feuer zu vermitteln, ist doch schon etwas anderes (meine persönliche Erfahrung nach 40 Dienstjahren).