Millionengrab IT-Entwicklung: Wie Kultusminister (dringend von Schulen benötigte) Mittel ohne Sachverstand verschleudern

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BERLIN. Welche Polizeibehörde käme auf die Idee, ihre Einsatzfahrzeuge selbst mit hohem Aufwand entwickeln zu wollen und ihre Beamtinnen und Beamten bis zur Produktionsreife in vielen Jahren per Fahrrad auf Verbrecherjagd zu schicken – statt erprobte Autos bei versierten Herstellern zu kaufen und für den eigenen Bedarf anpassen zu lassen? In der Bildungspolitik geschieht Vergleichbares immer wieder (wie das Beispiel der landeseigenen Schulplattformen zeigt). Neuester Fall: Die Kultusministerkonferenz lässt nun in jahrelanger Arbeit ein Diagnosetool entwickeln, mit dem Grundschulen die Lernausgangslagen ihrer Schulanfänger ermitteln sollen. Dabei gibt es das längst.

Für IT verbrennt die Bildungspolitik Millionen – Geld, das an anderer Stelle fehlt (Symbolfoto). Foto: Shutterstock

Auf der Seite des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) sind derzeit mehrere Stellenausschreibungen zu finden. „Vorbehaltlich der Mittelbewilligung“ wird unter anderem „zum nächstmöglichen Zeitpunkt für das Drittmittelprojekt ‚Stark in die Grundschule starten‘ (StarS) eine*n Programmierer*in (m/w/d) mit jeweils 100% der durchschnittlichen regelmäßigen wöchentlichen Arbeitszeit einer*eines Vollbeschäftigten, voraussichtlich befristet bis zum 31.12.2026, Entgeltgruppe 13 TV-L HU gemäß § 14 Abs. 1 TzBfG“, gesucht. „Eine Projektverlängerung wird angestrebt“, so heißt es ergänzend. Tatsächlich wird diese nötig sein, denn das Projekt, um das es hier geht, ist ein ambitioniertes.

„Dies ermöglicht eine individuell angepasste Förderung schon zu Beginn der Grundschulzeit“

Die Kultusministerkonferenz kündigte es in der vorvergangenen Woche bereits an. „StarS wird umfassende diagnostische Werkzeuge bereitstellen, um Lehrkräften an Grundschulen präzise Informationen über die Lernausgangslagen und die Lernentwicklung ihrer Schülerinnen und Schüler zur Verfügung zu stellen. Dies ermöglicht eine individuell angepasste Förderung schon zu Beginn der Grundschulzeit“, so heißt es vollmundig in einer Pressemitteilung.

Und weiter: „Das Programm erweitert das Bildungsmonitoring und zielt darauf ab, ab der ersten Klasse, also am Übergang vom Elementar- zum Primarbereich sprachliche und mathematische Kompetenzniveaus systematisch zu sichern. Insbesondere angesichts der großen Bedeutung der frühen Bildung für den weiteren Bildungs- und Lebensweg markiert dieser Schritt einen bedeutenden Fortschritt in der Sicherung der Bildungsstandards und Bildungschancen vom Anfang der Schulzeit an sowie der Einheitlichkeit im Bildungswesen“, so heißt es in einer Pressemitteilung.

Die Entwicklungszeit wird mit drei Jahren veranschlagt; Kostenschätzung: rund sechs Millionen Euro. Bis 2031 soll das Programm dann in der Praxis getestet werden (was weitere Aufwände bedingt).

Seltsam nur: Ein solches Programm existiert bereits – und wird gerade in einem kommunalen Modellprojekt in der Fläche erprobt. Die Stadt Hagen nämlich hat ihre Bildungseinrichtungen mit Diagnostik-Software von LOGmedia, einem Unternehmen aus dem westfälischen Fröndenberg, ausgestattet. Damit soll der Entwicklungsstand – nicht nur der Sprachstand in Deutsch – von Kita-, Vor- und Grundschulkindern zuverlässig ermittelt werden (News4teachers berichtete).

Einer Pressemitteilung der Stadt zufolge können mittels LOGmedia-Verfahren Sprachstände, schulische Grundfähigkeiten und Entwicklungsverläufe objektiv erhoben und valide eingeordnet werden. „Empfehlungen von Fördermaßnahmen und/oder weiterführender Diagnostik werden anhand automatisierter Berichte transparent und nachvollziehbar gegenüber Eltern, verantwortlichen Stellen und Expert*innen dargestellt. Eine punktgenaue Förderung, die dem tatsächlichen Förderbedarf entspricht, kann sich anschließen. Der großflächige Einsatz erlaubt zudem ein Screening der Förderbedarfe über ganze Jahrgänge hinweg. Darüber hinaus können die so gewonnenen Daten unmittelbar als statistische Darstellung im kommunalen Bildungsmonitoring sichtbar gemacht werden“, so heißt es.

„Damit haben wir ein Alleinstellungsmerkmal – und können den Erfolg des Diagnosetests auch für fremdsprachige Kinder garantieren“

Mehr noch: Durch die Möglichkeit, das Sprachverständnis bei nichtdeutschen Kindern in 27 Herkunftssprachen ohne Dolmetscher festzustellen, könne mittels des Screenings erkannt werden, ob es sich bei einem festgestellten Problem um eines beim Erlernen der deutschen Sprache handelt – oder ob sich eine Sprachauffälligkeit bereits in der Muttersprache zeigt. „Damit haben wir ein Alleinstellungsmerkmal – und können den Erfolg des Diagnosetests auch für fremdsprachige Kinder garantieren. Dadurch wird Früherkennung zu einem auch integrationspolitisch wichtigen Instrument“, sagt Volker Sassenberg, Geschäftsführer von LOGmedia. Über 15 Jahre Entwicklungszeit seien in das Programm, das unter anderem von Kita-Trägern und Schulbehörden in der Schweiz eingesetzt wird, eingeflossen.

Dass die staatliche Neuentwicklung „StarS“ dies alles am Ende wird leisten können, darf getrost bezweifelt werden – nur drei Jahre veranschlagte Entwicklungszeit und die Tatsache, dass noch nicht mal genügend Programmierer an Bord sind (der Markt für IT-ler ist leergefegt), verheißen nichts Gutes. Dazu kommen die Erfahrungen mit den landeseigenen Schulplattformen: Logineo zum Beispiel, die digitale Arbeits-, Lern- und Kommunikationsplattform für Schulen in Nordrhein-Westfalen, ist nach knapp 15 Jahren Entwicklungszeit noch immer nicht vollständig ausgerollt – und bereits ein Sanierungsfall.

Wie viele Investitionen dafür nötig sind, bleibt aber völlig offen – es wird in einem eigens vom Schulministerium in Auftrag gegebenen Gutachten nicht mal ansatzweise geschätzt, wie viel Geld gebraucht wird, um die eklatanten Schwächen des Systems zu beseitigen. So werden auch keine Kosten dagegengehalten, die entstehen würden, wenn das Land eine kommerzielle, am Markt bewährte Plattform einkaufen und für die Bedürfnisse der Schulen im Land anpassen ließe. Die Kosten für Logineo sind immens – allein für 2023 waren Landesausgaben in Höhe von 22,5 Millionen Euro veranschlagt worden.

Es wäre nicht die erste staatliche Bildungsplattform, die zum Millionengrab wird: Die 630 Millionen Euro teure Nationale Bildungsplattform, die das Bundesbildungsministerium entwickeln lässt, wird vom Bundesrechnungshof bereits als „drohende Förderruine“ bezeichnet. News4teachers / mit Material der dpa

Screening vor der Einschulung im Modellversuch: „Können damit erkennen, ob die Grundvoraussetzungen fürs Lernen gegeben sind“

 

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Hans Malz
20 Tage zuvor

Für solche offensichtliche Geldverschwendung sollten Politiker persönlich haften müssen. Der Scheuer Andi könnte es nicht besser.

Biene
19 Tage zuvor
Antwortet  Hans Malz

Geld verscheuern für das bereits erfundene Rad.
Willkommen in der Politik.

JoS
20 Tage zuvor

Um ernsthaft zu glauben, man würde mit einer befristeten E13-Stelle auch nur ansatzweise geeignete Programmierer anlocken können, um so ein Projekt erfolgreich zu stemmen, muss man wohl Kultusminister sein.

Biene
19 Tage zuvor
Antwortet  JoS

Oh weh, die haben doch von Bildung schon so viel Ahnung, dass sie jetzt meinen, sie seien professionelle IT-ler!?

Der Zauberlehrling
19 Tage zuvor
Antwortet  Biene

Spieglein, Spieglein an der Wand
wer ist der beste Programmierer im Land

Biene
18 Tage zuvor

Eröffnen wir einen Wettbewerb für die Glorreichen.
Mal sehen wer gewinnt :-/

Unfassbar
19 Tage zuvor
Antwortet  JoS

Befristet geht durchaus, weil es genügend freiberufliche ITler gibt. Nur machen die das nicht für lächerliches E13. Außerdem ist nach Abschluss des Projektes der ITler auch weg und damit der Quellcode.

JoS
19 Tage zuvor
Antwortet  Unfassbar

Deswegen schreib ich das ja. Entweder eine sichere Festanstellung, wobei das heutzutage kaum noch ein Argument ist, oder eben eine gut bezahlte befristete Stelle. Die Kombination aus Befristung und E13 hingegen ist absurd.

Marvin
13 Tage zuvor
Antwortet  Unfassbar

Ich finde E13 gar nicht mal so lächerlich wenig…
Die Befristung ist das Problem.
Auf die Spitze getrieben wird das Ganze, wenn man den Spagat zwischen Befristung und Verbeamtung ins Auge fasst. Ganz normale gut bezahlte unbefristete Stellen wären ein Schritt in die „normale“ Richtung.

Enjoy your chicken Ted
19 Tage zuvor

Diagnosetools gibt es (zumindest für die Schule) in Hülle und Fülle auch von Verlagen und die sind auch richtig gut (kenne aber nicht alle persönlich!).

Ein anderes Beispiel sind Notenverwaltungstools (wie Divis). Ich frage mich immer welcher Anfänger das programmiert hat und warum man keinen anständigen ITler findet, der das Ding mal an die Vorgaben anpasst und dafür sorgt, dass es nicht alle Jahre wieder zu den Zeukos abstürzt.

Unfassbar
19 Tage zuvor

Solche ITler müssen anständig bezahlt werden, sprich sechsstellig mit keiner 1 mehr als erste Stelle. Außerdem sollen Politiker nicht reinreden dürfen.

Marvin
13 Tage zuvor
Antwortet  Unfassbar

Sorry, aber „sechstellig mit keiner 1 mehr als erster Stelle“ ist maßlos übertrieben.
Sie sind verbeamtet, richtig?

Der Zauberlehrling
19 Tage zuvor

Grüße von Ella soll ich noch ausrichten, sie kommt etwas später .. nein, gar nicht mehr.

Bildung platt gemacht, nicht als Plattform.

Den Digitalen Arbeitsplatz gibt es in BW schon. Ich darf 🙂 noch nicht mitmachen, dauert noch …

Meine E-Mails muss ich selbst vom alten zum neuen Provider schaffen. Beim Digitalen Arbeitsplatz gibt es eine Zwei-Faktor-Authentifizierung mit Dienstgerät ohne IMAP-Anbindung. Mal schauen, wie das mit den E-Mails funktioniert.

Hysterican
19 Tage zuvor

Prognose gefällig?

Gar nicht!

Teacher Andi
19 Tage zuvor

Welcher Minister hat schon Sachverstand? Und beim Kultusministerium kommt das ganz deutlich zutage, da man es hier nicht mit Zahlen, Fakten und Budgetrechnungen zu tun hat, sondern mit Menschen, die man nicht in ein einheitliches Schema pressen kann. Das haben die glorreichen 16 noch nicht kapiert.
Man hat das Gefühl, dass das Geld in die völlig falsche (Lobby) Richtung gepumpt wird mit wenig Effizienz. Alle vier Jahre dasselbe Spiel, dann Schulterklopfen, dann nichts wie weg.

Marvin
13 Tage zuvor
Antwortet  Teacher Andi

Das KM ist voller Lehrer. Der Sachverstand sollte also doch eigentlich gegeben sein, oder wird hier an der Qualifikation gezweifelt? Ich bin verwirrt.

Katze
19 Tage zuvor

„Für IT verbrennt die Bildungspolitik Millionen“ – Mit leistungs- und anstrengungsfeindlicher
Bildungsideologie verprellt die Bildungspolitik seit Jahrzehnten vorhandene (und zukünftige) Lehrkräfte und bringt SuS um die Chance ihre emotionalen sowie kognitiven Potentiale voll auszuschöpfen und zu handlungsfähigen Persönlichkeiten in einer Wissensgesellschaft zu reifen. Das beste und günstigste Diagnose- und Therapietool sind die an der Basis unterrichtenden Lehrkräfte. Aber deren fachliche und didaktische Expertise wird nicht wertgeschätzt, wenn diese der zeitgeistkonformen (Un)Bildungsideologie widerspricht.
Unser gesamtes Bildungssystem ist ein maroder Sanierungsfall. Da sind weder teure Bildungsplattformen, Sofatutoren noch die Tagesschau in einfacher Sprache zielführend.
Synonyme für platt: flach, kaputt, einfallslos, inhaltsleer ..

Bildung kostet, Unbildung ist teurer. Haben das die Minister für Geld und Lernen schon begriffen?

Hysterican
19 Tage zuvor
Antwortet  Katze

Was ich gerade gelesen habe und was auch hier passt:

„Eine teure Kletterausrüstung hält ca. 10 Jahre – eine billige ein Leben lang!“

447
19 Tage zuvor

Ein kritischer und berechtigter Artikel.

Bei den Millionenzahlen kann einem schwindelig werden…

uesdW
19 Tage zuvor
Antwortet  447

6 Millionen in drei Jahren.
Aus Sicht eines Politikers mit einem Milliarden-Budget ist das doch Pille-Palle.

Das verdient durch ein etwas besserer Fußballspieler in einem Jahr.

447
18 Tage zuvor
Antwortet  uesdW

Bitte ein halbes Fußballer-Jahresgehalt an mich überweisen.

Ist ja Pillepalle.

uesdW
17 Tage zuvor
Antwortet  447

Bin leider kein Politker!

447
13 Tage zuvor
Antwortet  uesdW

Da sind wir schon zwei. 🙁

Biene
15 Tage zuvor
Antwortet  447

Irgendwo hat mal ein Profi-Fußballer seine Gehaltsabrechnung offen im Auto liegen lassen. Jemand hat die Chance für ein Foto genutzt, was der bekommen hat, weiß ich leider nicht mehr. Nur dass es an Überbezahlung grenzt.

Realist
19 Tage zuvor

Nach ner Woche Zeit mit den Kindern kann jede Grundschullehrkraft sagen, welche Kinder Probleme beim Lernen haben und haben werden.
Das Problem ist nicht die Diagnose, sondern, dass eine Person allein daran weder was ändern, noch allen Kindern und ihren Problemen gerecht werden kann.
In manchen Klassen sitzen bald 30 Kinder, die punktgenau gefördert werden sollen und das bei zunehmend auffälligem Verhalten und meist ohne jegliche Motivation oder Leistungsbereitschaft. Daran wird kein Computerprogramm und kein ITler was ändern.

uesdW
19 Tage zuvor
Antwortet  Realist

Nach der Diagnose wird dann das Tool programmiert, dass für jeden Schüler den Aktionsplan zu Verbesserung erstellt.
Dann werden KI-gesteuerte Roboter (kleine Hunde oder Katzen sollen sehr gut sein) die Kinder durch diesen Aktionsplan führen.

Nun ja, wenn man weiss, wie lange bei unserem Staat so eine Entwicklung dauert, werde ich das vermutlich von Wolke 7 aus beobachten. Ist Aloysius noch immer nicht zurück?

Hysterican
19 Tage zuvor
Antwortet  uesdW

Nö, aber du kannst schon mal das obligate „Luljahhh sog i!“ einüben.

Andreas von Hoff
19 Tage zuvor

Des Pudels Kern: (..)in manchen Klassen sitzen bald 30 Kinder, die punktgenau gefördert …(..). Hier liegt der Hund begraben: PUNKTGENAU!