Präventions-Projekt: Ärzte warnen Jugendliche an Schulen vor Cannabis-Konsum

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FRANKFURT/MAIN. Jugendliche sehen Cannabis oft zu unkritisch, findet die Landesärztekammer Hessen. Die Mediziner wollen gegensteuern – mit dem Programm «Kiffen bis der Arzt kommt?»

Cannabis schadet den noch nicht ausgereiften Gehirnen Jugendlicher, das haben Studien schon mehrfach gezeigt. (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Hessenweit sollen Medizinerinnen und Mediziner in Schulklassen über die Risiken von Cannabis aufklären. Das Präventionsprojekt «Kiffen bis der Arzt kommt?» richtet sich an die Jahrgangsstufen 8 bis 10. Das Programm wurde von der Landesärztekammer (LÄK) Hessen entwickelt und wurde am Dienstag in einer 9. Klasse der Frankfurter Wöhlerschule zum ersten Mal angeboten.

Hessens Kultusminister Armin Schwarz (CDU) bezeichnete die Initiative beim Auftakt als «tolles Signal». Die von der Bundesregierung auf den Weg gebrachte Teillegalisierung von Cannabis war aus seiner Sicht hingegen «ein völlig falsches Signal». Auch Ärztekammerpräsident Edgar Pinkowski findet die Teillegalisierung «unverantwortllich und unbegreiflich».

«Suchtbrille» simuliert Wahrnehmungsstörungen

Vorbild für «Kiffen bis der Arzt kommt?» ist ein Projekt namens «Hackedicht» zum Thema Alkohol, das die Landesärztekammer bereits seit 2007 anbietet. Den Referenten stehen für Cannabis-Prävention neben einer Powerpoint-Präsentation zum Beispiel Arbeitsblätter, ein Kurzfilm, ein Quiz und eine «Suchtbrille» zur Verfügung. Sie soll den Schülerinnen und Schülern einen Eindruck von den Wahrnehmungsstörungen unter Drogeneinfluss vermitteln.

Gerade unter Jugendlichen werde Cannabis oft verharmlost, sagte Pinkowski. «Aber Cannabis ist nicht harmlos – ganz im Gegenteil.» Bei Heranwachsenden seien die Gefahren besonders groß, weil das Gehirn erst mit Mitte 20 voll ausgereift sei. «Daher ist es besonders wichtig, frühzeitig über die möglichen Folgen aufzuklären.» Das hessische Projekt sei bundesweit Vorreiter für die Präventionsarbeit, die im Bund nicht in Gang komme.

Cannabis in Großstädten weit verbreitet

Gerade in Ballungszentren wie Frankfurt sei Cannabis weit verbreitet, sagte Psychiater Mathias Luderer vom Suchtausschuss der Landesärztekammer: Fast 30 Prozent der Jugendlichen hätten schon mal gekifft. In seiner Praxis sehe er täglich die Folgen: von Konzentrationsproblemen bis zu schweren psychischen Erkrankungen wie Psychosen. Heranwachsende hätten auch ein deutlich höheres Risiko, abhängig zu werden: Fast jeder dritte jugendliche Cannabis-Konsument werde abhängig.

Die auf 90 Minuten ausgelegte Unterrichtseinheit soll ohne erhobenen Zeigefinger auskommen. «Es geht darum, mit Euch ins Gespräch zu kommen», sagte die Kinder- und Jugendpsychiaterin Jeanette Weber, die in der 9c der Wöhlerschule das Programm zum ersten Mal durchführte. Am Anfang standen die Fragen der Schülerinnen und Schüler. Am Ende sollten sie den Inhalt bewerten, damit das Programm im Laufe der Zeit immer besser werden kann, wie die LÄK ankündigte.

Mitbringen ja, kiffen nein

Aus medizinischer Sicht wäre eine Freigabe von Cannabis erst ab einem späteren Alter besser gewesen, hieß es. Seit der Teillegalisierung dürfen volljährige Schülerinnen und Schüler bis zu 25 Gramm Cannabis in ihren Taschen und Rucksäcken in die Schule mitbringen, ohne dass ihnen Strafen drohen. Der Konsum jedoch bleibt in Schulen und im Umkreis von 100 Metern verboten.

Gesucht werden weitere Ärztinnen und Ärzte, die sich an dem Projekt beteiligen, und Schulen, die diese einladen und sich dann – etwa mit der Hilfe von Fördervereinen – auch an der Finanzierung beteiligen. Von Sandra Trauner, dpa

Cannabis und die Hirnchemie Jugendlicher – die (zahlreichen) Risiken sind groß

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14 Kommentare
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Finagle
1 Monat zuvor

Vergleiche die Regelungen A) und B) und beurteile die Wirksamkeit von A) auf Basis Deiner Erfahrungen mit B).

A)
„Seit der Teillegalisierung dürfen volljährige Schülerinnen und Schüler bis zu 25 Gramm Cannabis in ihren Taschen und Rucksäcken in die Schule mitbringen, ohne dass ihnen Strafen drohen. Der Konsum jedoch bleibt in Schulen und im Umkreis von 100 Metern verboten.“

B)
„Die Mitnahme eines Handys zur Schule ist den Schülerinnen und Schülern grundsätzlich gestattet. Die Nutzung auf dem Schulgelände ist jedoch verboten.“

Katze
1 Monat zuvor
Antwortet  Finagle

Eine sehr gute materialgestützte Aufgabe für unsere SuS zur Erhöhung der Kompetenzen bezüglich der Operatoren „Vergleichen“, „Analysieren“ und „Beurteilen“.
Ich ergänze die Aufgabenstellung:
Setzen Sie sich kritisch mit dem folgenden Zitat auseinander. Schlussfolgern Sie auf sachlogischer und ethisch-moralischer Ebene. Reflektieren Sie hierbei eigene Erfahrungen.

„Wir kommen jetzt in eine Phase hinein, wo der Ausnahmezustand die Normalität sein wird.“ 
Karl Lauterbach

Zusatzaufgabe: Informieren Sie sich in realsatirischen Werbekampagnen über ihre Chancen als angehende Superlehrkraft oder Fachkraft im medizinischen Bereich.

Die Realisierung des Projekts: „Kiffen bis der Arzt kommt“ benötigt pädagogische und medizinische Unterstützung.

Teacher Andi
1 Monat zuvor
Antwortet  Finagle

Eine typische Regierungsentscheidung.

Einer
1 Monat zuvor
Antwortet  Finagle

@ Finagle: Gut, dass Sie die Fragestellung nicht um eine Einschätzung der schädigenden Auswirkungen ergänzt haben. Das wäre ein Spaß geworden.

447
1 Monat zuvor
Antwortet  Finagle

Ich lasse mal ’nen 😀 da.

RainerZufall
1 Monat zuvor
Antwortet  Finagle

Würde dies eher mit Alkohol oder Messern vergleichen. Ich kontrolliere nicht täglich die Taschen meiner Kids, aber wenn sowas vorfällt haben wir ein Problem ganz anderer Größenordnung

Realist
1 Monat zuvor
Antwortet  Finagle

Och, wenn die „faulen S…“ einfach nur ihrer Aufsichtspflicht nachkommen würden und die potenziellen Problemfälle „Individuell pädagogisch betreuen und auch Gespräche mit Eltern“ führen würden… was machen die eigentlich den ganzen Tag ? Sind doch „Pädagogen“? Wofür ist Schule eigentlich da? Unterricht kann es ja nicht sein, wie PISA immer wieder zeigt…

Hans Malz
1 Monat zuvor
Antwortet  Finagle

Aber genau solche Fragestellungen scheinen in den Führungsetagen nicht vorzukommen. Hätte ja auch keiner ahnen können.
Wenn dann die erwarteten Probleme auftauchen werden die aber „genau hinschauen“. Bei einer Lösung müssen aber leider dann „verschiedenst Interessen“ mit einbezogen werden … das dauert natürlich … da müssen wir doch Verständnis haben.

Walter Hasenbrot
1 Monat zuvor
Antwortet  Finagle

Das nennt man auch Äpfel mit Birnen vergleichen.

Erwachsene Schüler:innen dürfen auch alkoholische Getränke in ihren Schultaschen mit sich tragen, aber nicht in der Schule konsumieren. Probleme mit betrunkenen Schüler:innen sind aber außerhalb des Karnevals und Abschlussfeiern sehr selten.

An Karneval kommt es an unserer Schule immer wieder zu Problemen mit Alkohol, obwohl an diesen Tagen sogar das Mitführen von Alkohol ausdrücklich untersagt ist.

RainerZufall
1 Monat zuvor

„Fast 30 Prozent der Jugendlichen hätten schon mal gekifft. […] Fast jeder dritte jugendliche Cannabis-Konsument werde abhängig.“

Also fast 10% aller Jugendlichen sind abhängig?
Klingt so, als müsste man den Jugendschutz ausbauen, bspw. indem man den Konsum für Erwachsene entkriminalisiert, Polizei und Gerichte entlastet und sich auf die gefährdeten Schutzgruppen fokussiert…

447
1 Monat zuvor
Antwortet  RainerZufall

Genau, bei Schnittgefahr wurft man mehr Radierklingen in den Raum, bei Glatteis braucht es mehr Wasser auf der Straße….obwohl: Wenn SuS jede Menge ihrer Lehrer kiffen sehen wirds wohl irgendwann so uncool, dass dies als Prävention zählen könnte. 😀

RainerZufall
1 Monat zuvor
Antwortet  447

Es IST VERBOTEN!
Wie gesagt: wenn jetzt schon 10% der Jugendlichen angeblich abhängig sind, sollte ohnehin mehr in die Prävtention gesteckt werden. Bswp. würden Polizei und Gerichte viel Arbeitszeit gewinnen, müssten sie nicht jeden ab 18 automatisch vor Gericht zerren.

Und Gras soll im Vegleich zu Alkohol und Zigaretten gefährlicher sein? Wohl eher eine harmlosere Alternative.
Wenn Sie künftig vor Sucht warnen wollen, vergessen sie nicht Glücksspiel, Handysucht und Lachgas: hier haben wir bedeutend größere Rasierklingen, die in den Raum geworfen werden

laromir
1 Monat zuvor

Im Bereich Alkohol hatten wir das Programm schon in Klasse 9 und 10. War nicht so effektiv. Die, die sowieso zurück haltend bezüglich Alkohol waren, haben was mitgenommen. Für andere war es dann eben einfach Zeit ohne Unterricht, die Versuche mit der Rauschbrille jede Menge fun und Gekreische, die Einstellung gegenüber den Referenten „lasse einfach reden“, der Effekt auf diejenigen, die es erreichen sollte eher gering. Das ist zwar alles ganz nett, aber so eine Einmalaktion ohne weiteres Konzept oder Einbindung ist eher nutzlos. Das ist es, was mich mittlerweile so ankekst. Prävention muss ganzheitlich erfolgen und nicht mal hier eine Projekt Alkohol, das ein büschen was zur Ernährung, kleine Lektion zum Thema Handy und jetzt noch 90 min über Cannabis. Teilweise völlig losgelöst vom Unterricht u.ä. verpufft das einfach.

447
1 Monat zuvor
Antwortet  laromir

Jetzt mal ehrlich:
Was hilft ist soziale Sanktion. (Und auch die nicht immer, logo)

Eine Gesellschaft die Kiffen legalisiert braucht sich garnicht buckeln und anstellen, wenn das unvermeidlich-logische (massiv ausgeweiteter Konsum auch bei Jugendlichen) dann eben passiert.

Der Zug ist abgefahren.
Tut-tuuuuuut, und tschöh mit „ö“.