„Direkt erkennen, was schon gut läuft und wo noch Förderbedarf besteht“: Das Screening-Verfahren piccoLOG im Kita-Praxistest

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HAMM. Kinder im Vorschulalter systematisch auf ihre Entwicklung hin zu testen, um sie besser fördern zu können: das gehört zu den Kernforderungen, die Expertinnen und Experten aus den jüngsten, besorgniserregenden Ergebnissen von Schülerleistungsvergleichen wie IGLU ziehen. Wie das in der Praxis laufen kann, hat ein großer regionaler Kita-Träger – der Paritätische im nordrhein-westfälischen Kreis Unna und im benachbarten Hamm – mit piccoLOG, einem Screeningverfahren des Fröndenberger Unternehmens LOGmedia getestet. Kreisgruppengeschäftsführerin Dorothée Schackmann berichtet im Interview von ihren Erfahrungen.

Gezieltere Frühförderung wird mit den Screening-Verfahren von LOGmedia möglich. (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Wie ist es zur Zusammenarbeit mit LOGmedia gekommen?

Dorothée Schackmann: Wir sind hier im Kreis Unna und Hamm mit rund 40 Kitas ein großer Träger. Ich bin von meiner Profession her Sozialpädagogin und habe mit Kompetenzfeststellungsverfahren gearbeitet. Ich konnte mit dem Verfahren zur digitalen Sprachstandsfeststellung viel anfangen, weil die darin enthaltenen Beobachtungs- und Bewertungsdimensionen in meiner beruflichen Erfahrung im Übergang von der Schule in den Beruf eine Rolle gespielt haben. Ich hatte allerdings überwiegend mit Jugendlichen und Erwachsenen gearbeitet. Das Screening von LOGmedia, das für uns relevant ist – piccoLOG –, ist ja auf Kinder im Vorschulalter ausgerichtet. Dabei hat mich überzeugt, dass die Kinder dieses Tool selbst bedienen können – was verhindert, dass in die Ergebnisse verfälschte subjektive Beobachtungen einfließen.

Ich habe dann in der Corona-Zeit die Gunst der Stunde genutzt und das Geld im Digitalisierungsfonds bei der Stiftung Wohlfahrtspflege beantragt. Ich habe eine Abfrage gestartet, wer Interesse hat, das Screeningverfahren mit den Kindern zu testen. Daraufhin konnte ich sieben Mitgliedsorganisationen gewinnen und habe den Antrag bei der Stiftung gestellt. Eine städtische Kita in Lünen hatte über das dortige Jugendamt ebenfalls Interesse bekundet und konnte noch zusätzlich ins Programm mitaufgenommen werden. So haben wir von Juni 2021 bis Juni 2022 zunächst rund 220 Kinder mit piccoLOG gescreent.

Daraus hat sich dann ein Pilotprojekt namens DiVA entwickelt. Was steckt dahinter?

Schackmann: Das Akronym steht für „Digitales Verfahren zur mehrsprachigen Bildungs- und Sprachdiagnostik.“ Darüber gibt es auch eine Broschüre, in der die Ergebnisse festgehalten wurden. Dieses Projekt hat im Spektrum von paritätischen Mitgliedsorganisationen, also von Kitas und Elterninitiativen unserer Träger stattgefunden. Wir haben die Einrichtungen mit entsprechender Hard- und Software ausgestattet und die Erzieher*innen wurden im Umgang mit dem Screeningverfahren piccoLOG geschult. Gleichzeitig wurde das Ganze wissenschaftlich von Professorin Monika Kil von der Universität im österreichischen Krems begleitet.

Wo liegen Ihrer Ansicht nach die Vorteile von piccoLOG im Vergleich zu anderen Tools zur Sprachstanderhebung?

Schackmann: Ich bin geschulte Beobachterin im Assessment-Verfahren und habe auch selbst solche Verfahren entwickelt. Von daher weiß ich um das Problem von Subjektivität in der Bewertung. Wenn ich beispielsweise ein introvertiertes Kind vor mir sitzen habe, das mit vielen Ängsten beschäftigt ist, dann kann ich nur schwer seine Sprachentwicklung feststellen, wenn ich diesem Kind Fragen stelle. Das Screeningverfahren piccoLOG kennt diese Subjektivität nicht und das Kind kann hier selbstständig vor dem PC Fragen beantworten und in einer spielerischen Form bestimmte Kategorien von Sprachüberprüfungen und Sprachstandsanalyse selbst durchführen. Das Programm kennt nur die neutrale Bewertung der Ergebnisse und auch solche Dinge wie die soziale Herkunft des Kindes, die bei der subjektiven menschlichen Beobachtung miteinfließen, spielen bei piccoLOG keine Rolle.

Zudem hat das Screening zur Entlastung der Erzieher*innen beigetragen. Man muss dazu sagen, dass während der Projektphase die Erzieher*innen ihre herkömmlichen Sprachstandsanalysen mit den Kindern durchführen mussten und DiVA mit PiccoLOG zunächst dazu kam, aber hätte man das Screening ausschließlich mit piccoLOG durchgeführt, hätten viel mehr Kinder in einer kürzeren Zeit als bisher getestet werden können. Somit kann man schneller eventuelle Förderbedarfe ermitteln. Außerdem ist piccoLOG mehrsprachig – ein enormer Vorteil bei Kindern mit Migrationshintergrund.

Wie sieht das Screening konkret aus und welche Aufgaben müssen die Kinder dabei erledigen?

Schackmann: Mit der entsprechenden Hard- und Software ist das Testverfahren relativ unaufwändig und dauert 15 bis 20 Minuten. Wir hatten einen extra Raum mit PC und Monitor, wo wir die Kinder getestet haben. Mit einem Tablet oder Handy kann man die Tests nicht so gut durchführen, weil die Kinder dann mehr mit dem Wischen auf dem Touchscreen beschäftigt sind und sich nicht auf die Anforderungen der Aufgaben konzentrieren. Die Kinder müssen also an einem PC vor einem Monitor sitzen und auch mit der Maus umgehen. Die Erzieherin oder der Erzieher ist eigentlich nur eine Hilfestellung und kann ggf. bei der Bedienung der Maus unterstützen.

Wir hatten bei 220 Kindern null Prozent Verweigerungsquote und daran sieht man schon, dass das für die Kinder wie ein Spiel ist. Eine Schildkröte namens Tibby führt durch das Programm und bestärkt die Kinder, auch wenn etwas nicht gelungen ist. „Mach weiter, versuche es nochmal.“ Das ist für die Kinder leichter, weil es kein Mensch ist, der sich durch Mimik oder Gestik äußert, sondern es ist einfach eine kleine Schildkröte, die sie spielerisch begleitet. Tibby weist zum Beispiel auf ein Bild am Strand hin und die Kinder sollen dann den Hund finden, der am Strand mit einem Ball spielt. Auf dem Bild sind dann mehrere Hunde abgebildet, die verschiedene Dinge am Strand tun und das Kind muss den richtigen Hund finden. Es lernt also zu differenzieren. Das erfordert bestimmte Kompetenzen, die das Programm mit der Antwort des Kindes herausfiltern kann.

Gibt es besondere Ergebnisse, von denen Sie berichten möchten?

Schackmann: In einem Fall hat ein Kind eine Fantasiesprache benutzt und sowohl Eltern als auch Erzieher*innen dachten, dass das Kind noch nicht richtig Deutsch sprechen kann, weil es aus einer Familie mit türkischer Herkunft stammt. Das Programm piccoLOG hat ganz klar festgestellt, dass das Kind nicht gut hören kann und daraus Probleme mit dem Hörverstehen resultieren. Das hatten vorher weder Eltern noch Erzieher*innen festgestellt und das Kind war auch noch nicht deswegen in ärztlicher Behandlung gewesen. Durch die Sprachstanderhebung mit piccoLOG konnte das Kind entsprechend gefördert werden.

Wir hatten auch noch einen kleinen Jungen, der hatte von den Erzieher*innen die Empfehlung für die Frühförderstelle bekommen und nicht für die reguläre Einschulung. Beim Screening mit piccoLOG kam heraus, dass er in allen Kategorien der Sprachstanderhebung überdurchschnittlich gut war. Die Erzieher*innen waren darüber total verwundert, dass sie das zuvor nicht mitbekommen hatten. Fakt war, dass der Junge nicht mit Erwachsenen sprechen mochte und sich nicht so einer Prüfungssituation unterziehen wollte. Er spielt gern Fußball und alles, was mit dem Lernauftrag der Kita zu tun hat und was von Erwachsenen an ihn herangetragen wurde, hat er abgelehnt. Das Screening mit piccoLOG und der Schildkröte Tibby war für ihn ein Spiel und hatte nichts beängstigendes. Er hat sich dort frei gefühlt und deshalb alle Aufgaben hervorragend beantwortet. So hatten die Erzieher*innen einen Anhaltspunkt, ihre Einschätzung bezüglich der Schulfähigkeit des Jungen noch einmal zu überprüfen.

Bei einem Mädchen haben wir herausgefunden, dass sie mehrere Sprachen spricht, weil sie einige Aufgaben im Screening neben Deutsch auch auf Arabisch, Kurdisch, Russisch und Türkisch verstehen konnte.

Welche Erfahrungen haben die Erzieher*innen mit piccoLOG gemacht?

Schackmann: Überwiegend positive, weil piccoLOG ihnen die Arbeit erleichtert. Sie bekommen nach dem Screening eine fertige Auswertung, die sie dann für die Eltern in eine pädagogische Herangehensweise übersetzen können. Die Ergebnisse werden in einem Ampelsystem dargestellt, sodass die Erzieher*innen direkt erkennen können, was schon gut läuft und wo noch Förderbedarf besteht.

Welche Förderung konnte den Kindern durch die Testung des Sprachstandes mit piccoLOG zuteilwerden?

Schackmann: Es gibt Kinder, die laufen glatt durch das Screening und sind auf ihrem Entwicklungsstand da, wo sie ihrem Alter gemäß sein sollen. Das betrifft viele Kinder, die brauchen einfach keine Förderung. Das türkische Mädchen mit der Fantasiesprache zum Beispiel hat einen völlig normalen Entwicklungsstand für sein Alter, hatte aber Probleme mit dem Hörverstehen. In Folge des Screenings konnte sie an einen Ohrenarzt überwiesen werden.

Es gibt auch Maßnahmen, bei denen man erst einmal schaut, wie der Durchschnitt aussieht. Was macht zum Beispiel Migration aus? Im Stadtteil XY gibt es eine Menge Kinder mit Fluchterfahrung und Migrationshintergrund. Wie sieht es zum Beispiel in diesem Stadtteil in der Kategorie auditive Differenzierung aus? Auditive Differenzierung bedeutet, dass ich etwas durch das Gehör auseinanderhalten kann. Ich kann also verstehen und für mich das herausfiltern, was gerade relevant ist. Das Screening mit piccoLOG kann also auswerten wie die auditive Differenzierung bei Kindern mit und ohne Migrationshintergrund funktioniert.

Und dabei kommt oft Erstaunliches heraus: Nämlich, dass Kinder mit Migrationshintergrund, auch wenn sie die Sprache nicht perfekt sprechen, sich vieles zusammenreimen, was richtig ist. Das geschieht oft durch das inhaltliche Verständnis des Erlebten oder Gesagten. Das Problem ist dabei oft, dass diese Kinder sich nicht so gut verständlich machen können, aber das Meiste durch Zusammenreimen verstehen. Oft sind sie in ihrer Sprachentwicklung genau dort, wo sie altersentsprechend hingehören, nur dass sie anders Deutsch sprechen als Kinder aus einer deutschen Herkunftsfamilie.

Würden Sie das Tool piccoLOG anderen Einrichtungen weiterempfehlen?

Schackmann: Ja auf jeden Fall, weil es eine sinnvolle Ergänzung zu eduLOG ist. EduLOG ist ja schon anerkannt und wird zum Beispiel in Hagen an Grundschulen vor der Einschulung flächendeckend eingesetzt, weil der Übergang von der Kita in die Grundschule bezogen auf die sprachliche Entwicklung so wichtig ist. PiccoLOG bildet den Entwicklungsstand davor ab. Das Verfahren macht sozusagen den Anfang im Übergang zur Grundschule. Deshalb kann ich es jeder Kita empfehlen. Ein weiterer wichtiger Grund ist die Zeitersparnis für die Erzieher*innen, die sich aus der Nutzung ergibt.

Weitere Informationen:

Dies ist eine Pressemitteilung des LOGmedia-Instituts für digitale Bildung.

Gezieltere Frühförderung durch Screening aller Kinder vor der Einschulung: Bundesweit einmaliges Modellprojekt gestartet

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