FDP: Hauptschule wiederbeleben – als „Praxisschule“ (die Kinder für spätere Arbeit in Pflege oder Gastronomie heranziehen soll)

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DÜSSELDORF. Die FDP-Landtagsfraktion in Nordrhein-Westfalen will der schwindenden Hauptschule eine neue Perspektive geben. Mit einem Antrag schlägt sie vor, Hauptschulen zu eigenständigen „Praxis-Schulen“ weiterzuentwickeln – mit Langzeitpraktika, stärkerem Lebensweltbezug und enger Verzahnung mit Betrieben, sozialen Einrichtungen und dem Sozialraum. Ziel ist es, Schülerinnen und Schüler gezielt auf Ausbildungsberufe vorzubereiten – insbesondere im Handwerk, in der Industrie, in der Pflege oder in der Gastronomie. Unterstützung kommt vom Verband lehrer nrw, der in dem Konzept eine Alternative zur jüngst beschlossenen Schulrechtsänderung sieht.

Wieder da? (Symbolbild.) Illustration: Shutterstock

Wie kindgerecht ist es, schon Zehnjährige auszusortieren, um sie für eine spätere Arbeit in unterbesetzten Branchen wie der Pflege oder der Gastronomie heranzuziehen? Für Prof. John Hattie, den weltweit wohl berühmtesten Bildungsforscher, ein Unding. „Ich kann nicht verstehen, wie man so viel Talent vergeuden kann“, sagte der Neuseeländer vor gut einem Jahr – und erklärte das deutsche gegliederte Schulsystem zum „ungerechtesten Schulsystem, das ich kenne“ (News4teachers berichtete).

Er argumentiert, dass Kinder oft mehr Zeit benötigen, um ihre Fähigkeiten voll zu entfalten. Das gegliederte Schulsystem beruhe auf der Annahme, dass homogene Klassen das Lernen erleichtern. Doch Hattie widerspricht: „Diese frühzeitige Trennung ist nicht im Interesse der Schülerinnen und Schüler. Einige Kinder brauchen eine zweite, dritte oder vierte Chance, um Dinge besser zu verstehen, und zwar über die Grundschulzeit hinaus.“ Deutschland stehe mit der frühen Aufteilung der Kinder weltweit nahezu allein da.

Die (oppositionelle) FDP in Nordrhein-Westfalen ficht das nicht an. „Die Schulvielfalt ist kein Auslaufmodell, sondern Voraussetzung für bestmögliche individuelle Bildung für alle Schülerinnen und Schüler“, erklärt Franziska Müller-Rech, stellvertretende Vorsitzende der Landtagsfraktion.  Der „schrittweisen Abwicklung der Hauptschulen“ wollten die Freien Demokraten „entschieden entgegen“ treten. Statt weiterer Schwächung solle die Hauptschule „zu modernen Praxis-Schulen weiterentwickelt“ werden. Dort sollten junge Menschen „nicht nur Wissen erwerben, sondern auch Fähigkeiten, Selbstvertrauen und klare Perspektiven für ihren Start ins Berufsleben“.

„Denn es besteht ein großer Bedarf an Fachkräften in Branchen, die Hauptschulabsolventen einstellen“

In ihrem Antrag beschreibt die FDP die Ausgangslage der Hauptschule als Ergebnis langjähriger politischer Entscheidungen. Die Schulform habe zwar „seit Jahrzehnten einen wichtigen Beitrag zur Bildungsbiografie vieler junger Menschen“ geleistet, sei aber durch Standortschließungen, fehlende Investitionen und politische Weichenstellungen zugunsten integrierter Systeme geschwächt worden. In den Kommunen zeige sich zugleich, dass dort, wo Hauptschulen erhalten geblieben seien und auf „engagierte Kollegien, funktionierende Kooperationen und eine enge sozialräumliche Einbindung“ setzen könnten, stabile Entwicklungen möglich seien.

Vor diesem Hintergrund wendet sich die FDP, die mit Yvonne Gebauer noch bis Juni 2022 die Schulministerin in Nordrhein-Westfalen stellte, ausdrücklich gegen die im 17. Schulrechtsänderungsgesetz beschlossene Öffnung der Realschulen für den Hauptschulbildungsgang. Diese Maßnahme drohe, so heißt es im Antrag, „die Profile der Schulformen weiter zu verwässern und die funktionale Klarheit des gegliederten Schulsystems zu untergraben“. Statt einer organisatorischen Verlagerung solle die Hauptschule selbst gestärkt werden – als eigenständige Schulform mit klarem Profil.

Kern des FDP-Konzepts ist die Umwandlung von Hauptschulen in „Praxis-Schulen“. Diese sollen sich durch „ein eigenes pädagogisches Profil, Lebensweltbezug und konsequente Berufsorientierung“ auszeichnen. Wörtlich heißt es im Antrag, Langzeitpraktika in den höheren Jahrgangsstufen sollten „als integraler Bestandteil des Curriculums und als gleichwertiger Bildungsbestandteil“ verankert werden. Praktikumsleistungen sollen verbindlich bewertet und gemeinsam mit den Partnerbetrieben nach pädagogisch abgestimmten Kriterien in die Zeugnisse einfließen.

Darüber hinaus fordert die FDP curriculare Freiräume, um schulinterne Schwerpunkte in den Bereichen Berufsorientierung, Lebenspraxis, soziale Kompetenz und Alltagsbewältigung setzen zu können. Unterricht und Lernen sollen stärker mit außerschulischen Lernorten verzahnt werden – etwa mit Werkstätten, Höfen, Sportvereinen oder Jugendzentren. Ergänzt werden soll dies durch sogenannte „Bildungslotsen für Praxis und Lebenswelt“. Diese sollen ihre Berufs- und Lebenserfahrung in den Schulalltag einbringen und Lehrkräfte „in der praktischen Bildung sowie in sogenannten ‚Life-Lessons‘ begleiten“.

Dass es ihr dabei insbesondere um die Interessen der Wirtschaft geht, daraus macht die FDP keinen Hehl. „Denn es besteht ein großer Bedarf an Fachkräften in Branchen, die Hauptschulabsolventen einstellen, sei es im Handwerk, in der Industrie, in der Pflege oder in der Gastronomie“, so heißt es in der Begründung.

„Das ist traurig. Ich möchte doch, dass mein Handwerker eine ebenso exzellente Schulbildung genossen hat wie mein Arzt“

Rückendeckung für diesen Kurs kommt vom Verband lehrer nrw. In einer Pressemitteilung bezeichnet der Verband das FDP-Konzept als „sinnvolle Alternative“ zur Institutionalisierung der Realschulen mit Hauptschulbildungsgang. „Eine derart profilierte Hauptschule wäre mit ihren ohnehin schon vorhandenen Stärken – u. a. kleine Systeme, individuelle Förderung, intensive Erziehungs- und Beziehungsarbeit, regionale Einbindung und die Möglichkeit, Bildungsanschlüsse nutzen zu können – dauerhaft ein wichtiger Baustein in der nordrhein-westfälischen Schullandschaft“, erklärte der Vorsitzende Sven Christoffer in einer Expertenanhörung.

Christoffer sieht in der Stärkung eigenständiger Hauptschulen ebenfalls eine Antwort auf den Fachkräftemangel. Die Schulen könnten „dringend benötigte Fachkräfte für Mangelberufe in Handwerk, Industrie, Pflege oder Gastronomie heranbilden“. Für die Schülerinnen und Schüler eröffne das neue Perspektiven – „anders als an den Realschulen mit Hauptschulbildungsgang, in denen sie vielfach den Anschluss verlieren würden“.

Dabei verweist lehrer nrw auf bereits vorliegende Zahlen. Wie der Städte- und Gemeindebund NRW mitgeteilt habe, verließen viele Schülerinnen und Schüler im Hauptschulbildungsgang an Realschulen die Schule ohne Abschluss. Die Landesregierung habe diese Quote in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der FDP mit 18,6 Prozent beziffert. „Das ist ein Fiasko mit Ansage“, warnt Christoffer. Deshalb sei es „umso dringlicher, dass die Landesregierung ihren im 17. Schulrechtsänderungsgesetz eingeschlagenen Kurs korrigiert“.

Der politische Hintergrund ist eine Schulgesetzänderung, die im Frühjahr 2025 beschlossen wurde und es Realschulen erlaubt, dauerhaft einen Hauptschulbildungsgang einzurichten (News4teachers berichtete). Kritiker – darunter lehrer nrw – sehen darin einen Schritt, der das „Sterben der Schulform Hauptschule“ beschleunigen könnte, weil Kommunen aus schulplanerischer Sicht keinen Anreiz mehr hätten, eigenständige Hauptschulen zu erhalten. „Ein Irrweg“ – meint lehrer nrw (ein Verband, der vor allem Realschullehrkräfte vertritt). Die FDP stellt ihrem Antrag nun bewusst einen anderen Ansatz entgegen: nicht die Verlagerung des Hauptschulbildungsgangs an andere Schulformen, sondern die Profilierung und institutionelle Stärkung der Hauptschule selbst.

Ziel sei eine „neue Kultur der Wertschätzung für praxisorientiertes Lernen als bewusst gewählte, qualitativ hochwertige Bildungsform“. Hauptschulen müssten Orte sein, „an denen Jugendlichen nicht nur Wissen, sondern auch Können und Zutrauen vermittelt wird“. Um das zu ermöglichen, fordert die FDP mehr pädagogische Freiheit, flexible Schulbudgets und rechtliche Sicherheit für schulische Innovationen. Kommunen und Schulträger sollen ermutigt werden, eigene Konzepte zu entwickeln, etwa in Form von Schulcampus-Modellen mit Kitas, Jugendhilfe, Betrieben und sozialen Einrichtungen.

In ihrem Antrag stellt die FDP unter anderem fest, dass die Hauptschule „als praxisorientierte Schulform eine eigenständige Rolle und wichtige Funktion im System“ habe. Die Öffnung der Realschulen für den Hauptschulbildungsgang „untergräbt die Profilklarheit des gegliederten Systems“. Der bessere Weg liege in „attraktiven, eigenständigen Hauptschulprofilen mit klarer Berufs- und Lebensweltorientierung“.

Hattie meinte dazu vor gut einem Jahr: Einem derart gegliederten Schulsystem fehle es an Chancengerechtigkeit, weil Kinder damit de facto frühzeitig und dauerhaft von Bildungsinhalten ausgeschlossen würden. „Das ist traurig. Ich möchte doch, dass mein Handwerker eine ebenso exzellente Schulbildung genossen hat wie mein Arzt.“ News4teachers 

Sorgt die frühe Aufteilung der Kinder für Ungerechtigkeit in der Bildung? Das gegliederte Schulsystem – Streitthema im Bürgerrat-Talk

 

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5 Kommentare
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ed840
35 Minuten zuvor

und erklärte das deutsche gegliederte Schulsystem zum „ungerechtesten Schulsystem, das ich kenne

Kennt er denn alle 16 genau und findet sie alle gleich ungerecht oder differenziert er zwischen den 16 Systemen der Bundesländer?

Wenn ich mich nicht irre, stammt von ihm auch das Statement:

Es macht unterm Strich keinen Unterschied, ob die Kinder getrennt oder gemeinsam lernen.’

JonasG
13 Minuten zuvor

Ach Hattie…. Der meint ja auch Klassengrößen sind im Prinzip egal…..

ed840
10 Minuten zuvor

Deutschland stehe mit der frühen Aufteilung der Kinder weltweit nahezu allein da.

Das gibt es im Herkunftsland von Herrn Hattie nicht, dort besuchen die Schüler*innen bis zum 16 Lebensjahr die gleiche Schule.

Nach meinen Informationen erreichten im Schuljahr 2023/24 im Schnitt der DE-16 ca. 92,2% der Absolvent*innen mind, einen Schulabschluss auf Niveaustufe 2 = Berufsreife.

In Neuseeland erreichten laut Bildungsstatistik im Jahr 2024 ca. 84% der Abgänger mind. NCEA Stufe 1 (= Grundlegende Kenntnisse und Fähigkeiten für eine Arbeit) oder besser.