Start Politik Schüler verprügelt Lehrer: Schulleiter wendet sich mit Brandbrief an die Elternschaft

Schüler verprügelt Lehrer: Schulleiter wendet sich mit Brandbrief an die Elternschaft

14

GAGGENAU. Nach einer gewalttätigen Attacke auf einen Lehrer an der Realschule im baden-württembergischen Gaggenau beschäftigen sich Schule, Schulaufsicht und Polizei mit den Folgen des Vorfalls. Vergangene Woche war es im Schulzentrum Dachgrub, zu dem die Realschule gehört, zu einem körperlichen Angriff gekommen, bei dem ein Pädagoge verletzt wurde. Dies berichten die Badischen Neuesten Nachrichten (BNN). Insgesamt nimmt die Gewalt an Baden-Württembergs Schulen zu, wie aktuelle Daten belegen. 

Gewalt von Kindern und Jugendlichen nimmt zu (Symbolfoto). Foto: Shutterstock

Nach Angaben des Polizeipräsidiums Offenburg ereignete sich der Vorfall am vergangenen Mittwoch gegen 7.50 Uhr. Auslöser war demnach eine pädagogische Maßnahme: Der Lehrer hatte eine Schülerin wegen wiederholter Unpünktlichkeit ermahnt. Kurz darauf soll er außerhalb des Klassenzimmers auf den älteren Bruder des Mädchens getroffen sein. Dieser stellte laut Bericht den Lehrer zur Rede und schlug auf ihn ein.

Die Polizei bestätigte gegenüber den BNN den grundsätzlichen Ablauf, macht jedoch keine näheren Angaben zu den beteiligten Personen. Zur Begründung verweist die Pressestelle auf den besonderen Persönlichkeitsschutz von Kindern und Jugendlichen. Während die Polizei von einem „leicht verletzten“ Opfer spricht, schildert die Schulleitung den Vorfall deutlich schwerwiegender.

„In einer funktionierenden Gesellschaft und Schulgemeinschaft hat Gewalt, verbal oder körperlich, keinen Platz“

In einem Schreiben an die Eltern der Realschule erklärte Schulleiter Axel Zerrer, der Kollege sei „von einem Schüler unserer Schule aus einer oberen Klassenstufe körperlich angegangen und mit Faustschlägen massiv verletzt“ worden. Der Lehrer habe ärztlich versorgt werden müssen und falle „bis auf Weiteres“ aus. Weiter heißt es in dem Schreiben: „In einer funktionierenden Gesellschaft und Schulgemeinschaft hat Gewalt, verbal oder körperlich, keinen Platz.“

Unmittelbar nach dem Angriff wurden an der Schule Unterstützungsmaßnahmen eingeleitet. Neben der Polizei waren die Schulsozialarbeit, das schulinterne Krisenteam der Realschule Gaggenau sowie das Krisenteam des Staatlichen Schulamts Rastatt eingebunden. Schülerinnen und Schüler sowie das Kollegium erhielten eine Erstbetreuung. Die weitere Aufarbeitung werde die kommenden Tage maßgeblich prägen, kündigte Zerrer gegenüber der Elternschaft an.

Zu dem konkreten Fall wollten sich weder der Schulleiter noch das Staatliche Schulamt Rastatt auf Nachfrage weiter äußern. In seiner E-Mail bat Zerrer die Eltern jedoch um Unterstützung: „Sprechen Sie mit Ihren Kindern und unterstützen Sie uns in der Vermittlung ,des richtigen Kompasses’! Die Schulgemeinschaft unserer Schule soll weiterhin ein Platz sein, an dem sich alle wohl und sicher fühlen können.“

Der Vorfall sorgt auch über Gaggenau hinaus für Aufmerksamkeit. Nach Angaben des Polizeipräsidiums Offenburg hat es in dessen Zuständigkeitsbereich bislang keinen vergleichbaren Angriff eines Schülers auf eine Lehrkraft gegeben. Auch das Regierungspräsidium Karlsruhe teilte mit: „Ein vergleichbarer Fall ist uns nicht bekannt.“

Unklar ist derzeit, welche schulischen Konsequenzen der Angriff für den beteiligten Schüler haben wird. Das Regierungspräsidium weist, wie die BNN weiter berichtet, darauf hin, dass die Schulpflicht unabhängig vom Geschehen fortbesteht. Nach Anhörung des Schülers und seiner Erziehungsberechtigten können jedoch Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen nach Paragraf 90 des Schulgesetzes für Baden-Württemberg verhängt werden. Zuständig ist hierfür die Schulleitung, gegebenenfalls unter Einbeziehung der Klassen- oder Jahrgangsstufenkonferenz. Ob der Schüler an die Realschule Gaggenau zurückkehren darf, kann laut Regierungspräsidium erst nach Abschluss dieses Verfahrens entschieden werden. Sollte ein Schulausschluss ausgesprochen werden, müsste eine andere Schule derselben Schulart den Jugendlichen aufnehmen.

Parallel zur rechtlichen und schulischen Klärung laufen an der Realschule weitere Aufarbeitungsmaßnahmen. In der Woche nach dem Vorfall war laut Bericht das Krisenteam der schulpsychologischen Beratungsstelle vor Ort. Auch die Schulsozialarbeiterin und das schulinterne Krisenteam unterstützten die Schulgemeinschaft. Am vergangenen Freitag fand zudem eine Schulversammlung statt, bei der der Schulleiter mit den Schülerinnen und Schülern über den Vorfall sprach. Weitere Maßnahmen seien in Planung.

Die Anzahl der Gewaltopfer an Schulen in Baden-Württemberg ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. Insgesamt wurden nach aktuellen Zahlen im vorletzten Jahr 3.041 Personen – Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte – Opfer von Gewalttaten an Schulen. Dies entspricht einem Anstieg von rund 50 Prozent gegenüber 2018. Besonders auffällig ist die Zunahme seit 2022, die laut Innenministerium allerdings auch durch die Erweiterung der erfassten Delikte um Beleidigungen und Verleumdungen auf sexueller Grundlage beeinflusst wurde. News4teachers

Gewalt gegenüber Lehrkräften: Polizeigewerkschaft sieht Erziehungsdefizite – „Daher muss man an die Eltern ran, an das Zuhause“

Anzeige

Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei

14 Kommentare
Älteste
Neuste Oft bewertet
Inline Feedbacks
View all comments
Mario
9 Tage zuvor

In den 80 er Jahren wurde bei uns durchaus heftig geprügelt, aber Lehrkräfte, gerade die Männer wurde durchaus noch mit Respekt begegnet.

Sporack
9 Tage zuvor
Antwortet  Mario

Fliegende Schlüssel (nicht nur so ein Transponder) oder Kreide war aber ebenfalls üblich, insbesondere von älteren Lehrkräften, die sich nach dem Rohstock suchend umsahen.

Auch damals gab es Kinder (heute vielleicht Lehrer), die andere die Treppe runter schubsten, weil es sieht so lustig aus ….

Was ich sagen möchte, es gibt und gab schon immer Idioten und rücksichtslose Personen, wichtig ist aber die Anzahl innerhalb einer Gruppe…

Mario
9 Tage zuvor
Antwortet  Sporack

Kann mich an einen Fall fliegender Schlüssel erinnern, nicht toll, wohl wahr!
Gewalt gegen Mitschüler, Lehrkräften usw. gehört bestraft, kein Raum der Gewalt!

dickebank
8 Tage zuvor
Antwortet  Mario

Fangen und zurück werfen.
Der zuerst Werfende hat blöd geguckt als der Schlüsselbund an seinem Kopf vorbei schoss und einen zerstörten Tafelflügel zurück ließ.

Eisblume
9 Tage zuvor
Antwortet  Mario

Es kam auch früher schon vor, dass ein aggressiver Schüler einen Lehrer “verprügelte”. Das alleine ist nichts Neues. Ob sich das inzwischen häuft, ist eine andere Frage. Dieser Fall alleine sagt es nicht aus. Ich vermute aber, dass nicht körperliche Gewalt ggüb. Lehrern sehr zugenommen hat.

B. Liebt
9 Tage zuvor
Antwortet  Eisblume

Das steht doch im Artikel….
Dies entspricht einem Anstieg von rund 50 Prozent gegenüber 2018. Besonders auffällig ist die Zunahme seit 2022.

Rüdiger Vehrenkamp
9 Tage zuvor

Ehrlich gesagt fehlt mir hier der Kontext, wie es zu dieser Entgleisung des Schülers kommen konnte. Nein, den fordere ich jetzt nicht von einem Bericht ein. Ich möchte nur zu denken geben, dass jedes Problem auch seine Ursache hat.

B. Liebt
9 Tage zuvor

Und wenn es Probleme + Ursache gibt, darf man drauflosprügeln? Aha….

GraueMaus
9 Tage zuvor

Warum wird der nicht sofort von der Schule geworfen, warum erst Konferenzen und Schulversammlungen? Und weil er offenbar über 14 ist, eine Strafanzeige mitsamt ZIvilklage wegen Schmerzensgeld.
Die windelweichen Reaktionen der staatlichen Autoritäten ermutigen doch andere geradezu, sich ähnlich zu verhalten und letztlich die heimliche Herrschaft in der Schule zu übernehmen. Man denke auch an Schutzgelderpressung.

Hysterican
9 Tage zuvor

Anekdote zum Thema gefällig?
Ein Lehrer wird auf dem Schulflur brutal von einem Schüler einer zehnten Klasse – seines Zeichens trainierter Amateurboxer – zusammengeprügelt und bleibt darauf blutend liegen.
Kurz nach dem Vorfall kommt der Schulrat mit weiteren Vetretern der Schulverwaltungsbehörde vorbei und bleibt mit seiner Entourage beim Lehrer stehen.
Schulrat zu seinen Mitarbeitern:
“Also wirklich … der, der das gemacht hat … der braucht aber dringend Hilfe!“

Eisblume
9 Tage zuvor

Mir fällt da das “Konzept der sozialwirksamen Schule” ein.
https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialwirksame_Schule

Micky
9 Tage zuvor

Steht zu hoffen, dass die Schulleitung nicht nur einen dududu-Brief schreibt, sondern Strafanzeige gestellt hat.

dickebank
9 Tage zuvor
Antwortet  Micky

Mehr als die Einladung zur Teilkonferenz über Ordnungs- und Erziehungsmaßnahmen muss die SL doch gar nicht vom Sekretariat schreiben lassen. Das Konferenzprotokoll ist Aufgabe der KL. Der Beschluss wird ebenfalls vom Sekretariat versandt. Die Formulierung wird von den Konferenzteilnehmern erarbeitet, von der SL nach Abstimmung mit der Schulsufsicht ausformuliert, bevor er ans Sekretariat geht.

Nick
8 Tage zuvor
Antwortet  Micky

Der betroffene Lehrer sollte Strafanzeige stellen. Er ist das Opfer.