KARLSRUHE. An einer Karlsruher Grundschule sollen Erstklässler dazu gezwungen worden sein, den Kothaufen eines Mitschülers gemeinsam zu beseitigen, nachdem sich der Verursacher nicht gemeldet hatte. Das Regierungspräsidium Karlsruhe bestätigt den Vorfall im Grundsatz, kritisiert das Vorgehen der Lehrkraft und prüft eine Dienstaufsichtsbeschwerde. Nun erhebt auch der Landesschülerbeirat schwere Vorwürfe. Er spricht von einer Missachtung der Würde der Kinder und fordert verbindliche pädagogische Fortbildungen für Lehrkräfte.

Nach einem Bericht der Badischen Neuesten Nachrichten ereignete sich der Vorfall während des Besuchs einer ersten Klasse in einem Waldklassenzimmer – einer von der Stadt betriebenen waldpädagogischen Einrichtung mit Unterrichts- und Aufenthaltsräumen für Schulklassen. Als die Gruppe die Einrichtung verlassen wollte, wurde festgestellt, dass eine Toilette mit Kot verschmutzt worden war.
Weil sich der verantwortliche Schüler auf Nachfrage der Lehrkraft nicht meldete, sollen alle Jungen der Klasse den Kot gemeinsam beseitigt haben. Jeder habe mit einem Stück Toilettenpapier einen Teil des Stuhlgangs aufnehmen und in die Toilettenschüssel werfen müssen. Die Zeitung beruft sich dabei auf die Aussagen zweier Väter betroffener Kinder.
Das Regierungspräsidium Karlsruhe bestätigte den Sachverhalt auf Nachfrage grundsätzlich. Nach Angaben einer Sprecherin hat die begleitende Lehrkraft gemeinsam mit den männlichen Schülern unter Zuhilfenahme von Toilettenpapier die Verschmutzung beseitigt. Die Schulaufsicht machte zugleich deutlich, dass sie dieses Vorgehen kritisiere und dies auch gegenüber der Schule zum Ausdruck gebracht habe.
Darüber hinaus ging beim Regierungspräsidium eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die betroffene Lehrkraft ein. Diese werde nun geprüft. Eine solche Beschwerde kann als unbegründet zurückgewiesen werden, sie kann aber auch – wenn eine dienstliche Pflichtverletzung festgestellt wird – zu einer Abmahnung oder einem Verweis führen.
„Der Vorfall ist lediglich die Spitze eines Eisbergs. Die Pädagogik in unseren Schulen ist quasi nicht existent“
Mit der Reaktion des Landesschülerbeirats erhält der Vorfall nun eine bildungspolitische Dimension. Das Gremium sieht darin eine grundlegende Verletzung der Rechte der Kinder. „Die getroffene ,Maßnahme‘ ist widerwärtig und missachtet die persönliche Würde und das Wohlbefinden der betroffenen Schüler vollständig“, erklärte Lina Sum vom Landesschülerbeirat. Gerade für Erstklässler sei eine solche Situation besonders belastend und beschämend. „In solch einer Situation kann kein Lernen und keine Bildung mehr stattfinden und Schule wird zu einem Ort, an dem Kinder Angst haben.“
Nach Einschätzung des Schülerbeirats reichen die Folgen solcher Erfahrungen weit über das Geschehen hinaus. „Ereignisse wie diese hinterlassen bei Schülerinnen und Schülern schon in jungen Jahren tiefe Spuren“, erklärte Sum. „Sie erschüttern das Vertrauen in die Schule als sicheren Ort und lassen bei Kindern das Gefühl entstehen, mit ihren Bedürfnissen, ihrer Würde und ihren persönlichen Grenzen nicht gesehen und nicht ernst genommen zu werden.“
Der Landesschülerbeirat sieht den Vorfall nach eigenen Angaben nicht als Ausnahme. „Der Vorfall ist lediglich die Spitze eines Eisbergs. Die Pädagogik in unseren Schulen ist quasi nicht existent“, erklärte Sum. Daraus leitet das Gremium konkrete Forderungen ab. Lehrkräfte benötigten deutlich mehr pädagogische Schulungen und Fortbildungen, damit in vergleichbaren Situationen angemessen und respektvoll gehandelt werde. Dafür sei ausdrücklich das Land verantwortlich. News4teachers / mit Material der dpa
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