BERLIN. Die lebensgefährliche „Blackout-Challenge“ verbreitet sich erneut unter Kindern und Jugendlichen. Nachdem die Polizei in Mecklenburg-Vorpommern vor aktuellen Fällen gewarnt hat, stellt sich auch für Schulen die Frage, wie sie reagieren sollten. Fachleute raten davon ab, in Panik zu verfallen oder vorschnell Vorwürfe zu machen. Entscheidend sei vielmehr, das Gespräch mit den betroffenen Schülerinnen und Schülern zu suchen – und Eltern dabei Orientierung zu geben.

Die Warnung kommt nicht ohne Grund. Erst vor gut zwei Jahren endete die sogenannte „Blackout-Challenge“ für eine 13-jährige Schülerin aus dem Landkreis Kassel tödlich. Das Mädchen wurde Ende April 2024 von seiner Familie bewusstlos und ohne Atmung in seinem Zimmer gefunden. Der Notarzt konnte nur noch ihren Tod feststellen. Wie später bekannt wurde, hatte sich die Jugendliche im Zusammenhang mit der auf TikTok verbreiteten Mutprobe selbst stranguliert. Videos auf ihrem Smartphone deuteten darauf hin, dass sie an der lebensgefährlichen Challenge teilgenommen hatte.
Dass die Mutprobe trotz solcher tragischen Fälle weiterhin kursiert, zeigen die aktuellen Polizeimeldungen aus Mecklenburg-Vorpommern. Bei der auch als „Choking Game“ bekannten Challenge versuchen Kinder und Jugendliche, sich selbst oder gegenseitig so lange die Luft abzuschnüren oder den Hals zuzudrücken, bis es infolge des Sauerstoffmangels zu einer kurzen Bewusstlosigkeit kommt. Die Mutprobe kann schwerste gesundheitliche Folgen haben und im schlimmsten Fall tödlich enden.
Gerade weil sich solche Trends häufig rasch in Klassen oder Freundeskreisen verbreiten, sind Schulen oft die ersten Orte, an denen Erwachsene davon erfahren – sei es durch Erzählungen von Schülerinnen und Schülern, Gerüchte oder konkrete Vorfälle. Umso wichtiger ist ein besonnener Umgang.
Die Erziehungs- und Familienberaterin Kira Liebmann empfiehlt Eltern, zunächst Ruhe zu bewahren. „Stattdessen sollten Eltern erst einmal nicht vollkommen panisch reagieren und Ruhe bewahren“, sagt sie. Diese Haltung könnten auch Lehrkräfte gegenüber betroffenen Familien vermitteln. Statt mit Vorwürfen oder Verboten zu reagieren, gehe es zunächst darum, herauszufinden, was tatsächlich geschehen ist: Hat ein Kind selbst an der Challenge teilgenommen? War es lediglich dabei? Oder hat es nur davon gehört?
Insbesondere wenn Schülerinnen oder Schüler selbst an der Mutprobe beteiligt waren, rät Liebmann dazu, das Gespräch nicht im ersten Schock zu führen. „Wichtig ist, dass man sich selbst erst einmal sammelt und dann das Gespräch führt, wenn sich die ersten Emotionen etwas gelegt haben“, sagt die Familienberaterin. Erst dann sollten Eltern nach den Hintergründen fragen: War Gruppendruck ausschlaggebend? Ging die Herausforderung auf einen Aufruf in sozialen Medien zurück? Je nach Situation könne anschließend entschieden werden, ob Klassenleitung, Schulpsychologie oder weitere Unterstützungsangebote einbezogen werden sollten.
Auch wenn ein Kind lediglich Zeuge eines Vorfalls war oder davon erfahren hat, sei Gelassenheit gefragt. Eltern könnten ihrem Kind offen sagen: „Ich muss das erst selbst verdauen. Lass uns in 15 Minuten darüber reden.“ Anschließend gelte es, den Ablauf möglichst genau zu klären: Wer war beteiligt? Wurde jemand bewusstlos? Könnten weitere Kinder gefährdet sein? Unter Umständen könne es notwendig werden, andere Eltern zu informieren.
Für Schulen ergibt sich daraus eine wichtige Botschaft: Nicht jede Erzählung über eine Social-Media-Challenge bedeutet, dass Kinder unmittelbar gefährdet sind. Gleichzeitig dürfen Hinweise auf riskantes Verhalten nicht bagatellisiert werden. Entscheidend ist, Schülerinnen und Schüler ernst zu nehmen und Gesprächsangebote zu schaffen, statt sie mit Schuldzuweisungen zu konfrontieren.
Besonders gefährlich werde die Situation nach Einschätzung der Familienberaterin, wenn solche Mutproben in der Nähe von Gewässern stattfinden. Eltern sollten ihren Kindern verdeutlichen, dass es sich nicht um einen harmlosen Spaß, sondern um ein lebensgefährliches Spiel handelt. Sie könnten ihre Sorgen offen ansprechen, letztlich aber vor allem an die Vernunft appellieren und die Risiken erklären. Manchmal könne es außerdem hilfreich sein, wenn Kinderärztinnen oder Kinderärzte die gesundheitlichen Folgen noch einmal aus fachlicher Sicht erläutern.
Auch nach dem ersten Gespräch sollten Eltern das Thema nicht sofort abhaken. „Das ist das A und O bei allen Krisen“, sagt Liebmann mit Blick auf eine belastbare Vertrauensbasis. Zugleich warnt sie davor, Kinder ständig auf den Vorfall anzusprechen: „Man sollte dem Kind oder Jugendlichen nun nicht täglich mit dem Thema auf den Geist gehen, aber sich schon ab und an erkundigen, ob es von weiteren Fällen gehört hat.“
Für Schulen lässt sich daraus ebenfalls eine Lehre ziehen. Medienbildung erschöpft sich nicht darin, vor einzelnen Internettrends zu warnen. Ebenso wichtig ist es, Kinder und Jugendliche für Gruppendruck, Risikoverhalten und die Dynamik sozialer Netzwerke zu sensibilisieren. Elternabende oder Informationsschreiben können helfen, Familien frühzeitig einzubinden und ihnen Handlungssicherheit zu vermitteln.
Die aktuellen Polizeimeldungen zeigen jedenfalls: Lebensgefährliche Online-Challenges verschwinden nicht dauerhaft aus dem Netz. Umso wichtiger ist es, dass Schule und Elternhaus gemeinsam reagieren – ruhig, aufmerksam und im Gespräch mit den Kindern. News4teachers / mit Material der dpa
„Blackout-Challenge“: Schüler lässt sich von Mitschüler auf Schulhof bewusstlos würgen









