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Gastkommentar: Warum die Schulpflicht mehr bedeutet als Wissensvermittlung allein

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BERLIN. Die Debatte über die Zukunft der Schulpflicht hat durch die Homeschooling-Pläne der AfD in Sachsen-Anhalt neue Dynamik gewonnen. Udo Beckmann, ehemaliger Schulleiter und einer der profiliertesten Bildungsexperten Deutschlands, warnt davor, die öffentliche Schule auf die Vermittlung von Fachwissen zu reduzieren. In seinem Gastkommentar für News4teachers plädiert er dafür, die Schulpflicht als Grundpfeiler von Bildungsgerechtigkeit, Demokratie und gesellschaftlichem Zusammenhalt zu verteidigen.

Udo Beckmann., Illustration: News4teachers

Die Schulpflicht ist ein Versprechen an jedes Kind

In den vergangenen Monaten ist immer häufiger darüber diskutiert worden, ob die Schulpflicht noch zeitgemäß ist oder durch eine allgemeine Bildungspflicht ersetzt werden sollte. Ich halte diese Debatte für falsch, weil sie den Kern der öffentlichen Schule verkennt.

Meine Überzeugung speist sich nicht aus theoretischen Überlegungen. Sie ist das Ergebnis vieler Jahre als Schulleiter einer Hauptschule in einem Sozialraum mit besonderen Herausforderungen. Dort habe ich erlebt, wie unterschiedlich die Voraussetzungen sind, mit denen Kinder ihren Bildungsweg beginnen. Ich habe aber auch erlebt, welche Kraft Schule entfalten kann, wenn sie ihrem Auftrag gerecht wird.

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Die Schulpflicht ist weit mehr als eine gesetzliche Verpflichtung. Sie ist ein Versprechen unserer Gesellschaft an jedes Kind: Unabhängig von Herkunft, Einkommen, Religion oder den Lebensumständen der Familie erhält jedes Kind Zugang zu Bildung, zu Gemeinschaft und zu der Chance, den eigenen Lebensweg selbst zu gestalten.

Gerade diejenigen, die heute eine Lockerung der Schulpflicht fordern, übersehen häufig die Lebenswirklichkeit vieler Kinder. Nicht jedes Elternhaus kann Bildung gleichermaßen unterstützen. Manche Familien leisten Außergewöhnliches, andere sind mit ihrer Situation überfordert. Kinder dürfen jedoch niemals von den Möglichkeiten oder Grenzen ihres Elternhauses abhängig sein, wenn es um ihr Recht auf Bildung geht. Deshalb übernimmt der Staat Verantwortung – nicht anstelle der Eltern, sondern gemeinsam mit ihnen.

Aus meiner Sicht wird in dieser Debatte noch ein weiterer wichtiger Aspekt unterschätzt. Die Schulpflicht schützt Kinder auch davor, ausschließlich in einem einzigen Weltbild aufzuwachsen. Öffentliche Schulen bringen junge Menschen mit unterschiedlichen Menschen, Kulturen, Religionen, Meinungen und Lebensentwürfen zusammen. Sie lernen dort, Argumente auszutauschen, Widerspruch auszuhalten, wissenschaftliche Erkenntnisse von Behauptungen zu unterscheiden und sich eine eigene Meinung zu bilden. Genau darin liegt eine der großen Stärken unserer demokratischen Schule. Sie soll nicht vorgeben, was Kinder denken müssen. Sie soll sie dazu befähigen, selbstständig zu denken.

Wer Schule auf die Vermittlung von Fachwissen reduziert, unterschätzt ihre gesellschaftliche Bedeutung. Schule ist der erste Ort, an dem Demokratie täglich gelebt wird. Hier lernen Kinder, Regeln gemeinsam auszuhandeln, Verantwortung zu übernehmen, Konflikte friedlich zu lösen und Menschen zu respektieren, die anders denken oder leben als sie selbst. Diese Erfahrungen lassen sich weder digital ersetzen noch vollständig in das private Umfeld verlagern.

„Nicht die Schulpflicht ist reformbedürftig, sondern die Rahmenbedingungen, unter denen Schulen ihren Auftrag erfüllen“

Natürlich ist unser Bildungssystem nicht frei von Problemen. Lehrkräftemangel, unzureichende Ausstattung, soziale Ungleichheit und wachsende Herausforderungen im Schulalltag verlangen entschlossenes politisches Handeln. Daraus jedoch den Schluss zu ziehen, die Schulpflicht sei das Problem, bedeutet Ursache und Wirkung zu verwechseln. Nicht die Schulpflicht ist reformbedürftig, sondern die Rahmenbedingungen, unter denen Schulen ihren Auftrag erfüllen.

Ich denke dabei an viele ehemalige Schülerinnen und Schüler, die mit schwierigen Startbedingungen zu uns kamen. Manche galten schon früh als aussichtslos. Doch weil Lehrkräfte, Schulsozialarbeit und Schulleitung nicht aufgegeben haben, konnten sie Schulabschlüsse erreichen, Ausbildungen beginnen oder ihren eigenen Weg finden. Solche Geschichten entstehen nicht zufällig. Sie entstehen dort, wo Schule präsent ist, wo Beziehungen wachsen und wo Erwachsene Verantwortung übernehmen.

Für mich gehört die Schulpflicht deshalb zu den unverzichtbaren Grundlagen unseres Bildungswesens. Sie schützt das Recht jedes Kindes auf Bildung und gesellschaftliche Teilhabe. Sie stärkt den sozialen Zusammenhalt und schafft Räume, in denen demokratische Werte nicht nur vermittelt, sondern erlebt werden.

Wenn wir Bildungsgerechtigkeit ernst meinen, sollten wir nicht darüber diskutieren, wie wir die Schulpflicht abschaffen oder aufweichen können. Wir sollten darüber sprechen, wie wir unsere Schulen so stärken, dass sie ihrem Auftrag für jedes einzelne Kind gerecht werden.

Die Schulpflicht ist kein Relikt vergangener Zeiten. Sie ist Ausdruck einer demokratischen Gesellschaft, die keinem Kind den Zugang zu Bildung überlässt, sondern ihn garantiert. Genau deshalb darf sie nicht zur Disposition gestellt werden.

Zur Person

Udo Beckmann ist Grund- und Hauptschullehrer, leitete zehn Jahre eine Hauptschule in herausfordernder Lage mit einer Schülerschaft, die zu 80 Prozent aus Familien mit Migrationshintergrund stammten. Er war zudem 16 Jahre Vorsitzender der zweitgrößten Lehrergewerkschaft in Nordrhein-Westfalen (des VBE) und 13 Jahre Bundesvorsitzender. Heute ist er Leiter des Programmbeirats beim Deutschen Schulleitungskongress.

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