Start Praxis Peinliche IT-Panne (schon wieder!): Software-Fehler sorgt für falsche Abitur-Zeugnisse 

Peinliche IT-Panne (schon wieder!): Software-Fehler sorgt für falsche Abitur-Zeugnisse 

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STUTTGART. Ausgerechnet beim wichtigsten Schulabschluss hat die Digitalisierung in Baden-Württemberg versagt: Weil eine Schulverwaltungssoftware Abiturnoten falsch berechnet hat, müssen rund 100 Abiturzeugnisse an Gymnasien im Land nachträglich korrigiert werden. Für die betroffenen Schülerinnen und Schüler verschlechtert sich teilweise der Notendurchschnitt – mitten im laufenden Bewerbungsverfahren um Studienplätze. Der Philologenverband Baden-Württemberg (PhV BW) sieht darin keinen bedauerlichen Einzelfall, sondern ein weiteres Warnsignal für die digitale Infrastruktur der Schulen.

High Tech. (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Nach Angaben des Kultusministeriums betrifft der Programmierfehler die Schulverwaltungssoftware WinProsa, die an vielen Gymnasien für die Verwaltung der gymnasialen Oberstufe eingesetzt wird. Betroffen sind 54 Schulen. Rund 100 Schülerinnen und Schüler erhielten zunächst fehlerhafte Abiturzeugnisse; in etwa 70 Fällen muss der ausgewiesene Abiturdurchschnitt korrigiert werden.

Für die Betroffenen verschlechtert sich die Durchschnittsnote nach Angaben des Ministeriums in fast allen Fällen leicht. Meist geht es um ein oder zwei Zehntel – aus einer 2,4 wird beispielsweise eine 2,5 oder 2,6. Auf den Schulabschluss selbst hat der Fehler keine Auswirkungen: Alle betroffenen Schülerinnen und Schüler behalten ihr bestandenes Abitur.

Noch offen ist allerdings, welche Folgen die zunächst fehlerhaften Abiturzeugnisse für laufende Bewerbungen auf Studienplätze haben. Das Kultusministerium erklärte, man stehe mit dem Wissenschaftsministerium im Austausch, um pragmatische Lösungen für die Betroffenen im laufenden Zulassungsverfahren zu ermöglichen.

Für den Philologenverband offenbart der Vorfall grundsätzliche Schwächen bei der Digitalisierung der Schulverwaltung. „Es ist absolut inakzeptabel, dass Schulen sowie Abiturientinnen und Abiturienten eklatante IT-Mängel ausbaden müssen“, erklärt die Landesvorsitzende Martina Scherer. „Ein Abiturzeugnis muss absolut fehlerfrei sein. Wer Schulen zu einer Zweigleisigkeit bei den Programmen zwingt, weil er in sein eigenes Produkt nicht genügend Ressourcen steckt, nimmt potenzielle Fehlerquellen billigend in Kauf.“

„Erst fehlerhafte Stellenberechnungen zu Lasten der Lehrkräfte, jetzt fehlerhafte Abiturschnitte bei den Schülern – die Pannenreihe darf sich nicht fortsetzen“

Damit verweist der Verband auf ein Problem, das die Gymnasien seit Jahren begleitet. WinProsa gilt vielerorts als bewährtes Werkzeug für Notenverwaltung, Kursplanung und insbesondere für die Organisation der gymnasialen Oberstufe. Zwar soll das landeseigene Schulverwaltungsprogramm ASV BW die Software langfristig ersetzen. Nach Einschätzung des Philologenverbands fehlen dort jedoch bis heute wichtige Funktionen – insbesondere für Beratung, Prüfungsorganisation und Oberstufenverwaltung.

Gerade deshalb arbeiteten viele Schulen weiterhin mit WinProsa oder müssten beide Programme parallel nutzen. Aus Sicht des Verbandes erhöht diese Doppelstruktur die Fehleranfälligkeit erheblich. Dass die Umstellung auf ASV BW nur schleppend vorankomme, liege nicht an mangelnder Bereitschaft der Schulen, sondern daran, dass das Nachfolgeprogramm bislang keinen gleichwertigen Funktionsumfang biete.

Für den Philologenverband reiht sich der aktuelle Vorfall zudem in eine Serie von IT-Problemen im Schulbereich ein. Scherer erinnert an die fehlerhaften Berechnungen von Lehrerstellen, die im vergangenen Jahr bekannt wurden (News4teachers berichtete), und warnt vor einer Fortsetzung solcher Pannen. „Erst fehlerhafte Stellenberechnungen zu Lasten der Lehrkräfte, jetzt fehlerhafte Abiturschnitte bei den Schülern – die Pannenreihe darf sich nicht fortsetzen. Wir fordern das Kultusministerium auf, die Software ASV BW endlich so weiterzuentwickeln, dass der Wechsel einen echten Mehrwert für die Schulen bringt und keine zweifache Buchführung mit unterschiedlichen Programmen mehr notwendig ist.“

Der Verband verbindet seine Kritik mit konkreten Forderungen. ASV BW müsse mit ausreichenden personellen und finanziellen Ressourcen zu einer praxistauglichen und benutzerfreundlichen Schulverwaltungssoftware ausgebaut werden. Außerdem fordert der PhV verbindliche Qualitätsstandards für Schulsoftware. Vor der Freigabe neuer Versionen müssten umfassende Stresstests und Plausibilitätsprüfungen sicherstellen, dass Berechnungsfehler ausgeschlossen werden. Schließlich dürften technische Probleme nicht zulasten der Schulen gehen. Das Land müsse den Bildungseinrichtungen funktionale Software bereitstellen, die den Anforderungen des Schulalltags gerecht werde.

Dass lediglich rund 100 von insgesamt etwa 29.000 Abiturientinnen und Abiturienten betroffen sind – wie das Kultusministerium betont –, relativiert den Vorgang aus Sicht des Verbandes deshalb nicht. Gerade bei Abschlusszeugnissen, die über Studienplätze und berufliche Perspektiven entscheiden können, müsse absolute Verlässlichkeit selbstverständlich sein. Die aktuelle Panne zeigt nach Auffassung der Philologen, wie groß der Handlungsbedarf bei der digitalen Infrastruktur der Schulen weiterhin ist. News4teachers / mit Material der dpa

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4 Kommentare
vhh
1 Tag zuvor

Stresstests und Plausibilitätsprüfungen sollten im Zeitalter von KI kein Personalproblem mehr sein. Für solche Aufgaben wurde die KI unter anderem entwickelt.

Testerin
1 Tag zuvor

Bei mir als Software-Tester stellt sich folgende Frage…

Wird sowas überhaupt ausreichend getestet? Es gibt Frameworks, die beim Testen helfen. Ein Mensch kann mit Hilfe von Software die Tests automatisieren lassen. Mit Hilfe von KI geht das sogar nochmals schneller.

So ein wichtiges Feature muss ständig nach einem Update getestet werden, um eben so etwas zu verhindern.

Anders Leo Castor
19 Stunden zuvor

Was für eine dreiste Schuldumkehr-Strategie der Philologen:

Erst weigert sich ein Teil der allgemein bildenden Gymnasien aus eher fadenscheinigen Gründen von WinProsa, der Software eines kommerziellen Anbieters, auf das offizielle Schulverwaltungsprogramm ASV umzusteigen, und dann beschwert man sich, dass das Programm, das man unbedingt behalten wollte, fehlerhafte Abiturzeugnisse erzeugt?

Die „peinliche IT-Panne“ liegt jedenfalls nicht beim Land BW.

Bei den beruflichen Schulen hat der Umstieg von SVP und anderen Programmen auf ASV schon vor einigen Jahren reibungslos geklappt, obwohl dort Zeugnisse für etliche verschiedene Schularten erstellt werden müssen. Man hat sich halt nur nicht so doof angestellt wie die Philologen.

Davon, dass die Schulen in eine „Zweigleisigkeit“ gezwungen worden seien, kann jedenfalls keine Rede sein. Das KM hat nur den Fehler gemacht, den Gymnasien ihr geliebtes WinProsa übergangsweise noch zu erlauben, anstatt hier konsequent den Stecker zu ziehen.

dickebank
13 Stunden zuvor

Ein Fall für die VerwVerfO – fehlerhafter nicht begünstigender Verwaltungsakt.
Ich würde einen Fachanwalt für Verwaltungsrecht einschalten, sollte sich durch die Neuberechnung eine Verschlechterung ergeben. Voraussetzung dafür ist aber, dass die (falschen) Abschlussnoten schon von der Schule offiziell verkündet worden sind bevor die Neuberechnung erfolgt ist.