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Universitätsschule Dresden: „Begleitforschung im eigentlichen Sinne gibt es derzeit nicht mehr“

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DRESDEN. Wie muss Schule in Zukunft aussehen, um Kinder auf eine sich rasant verändernden Welt vorzubereiten? Antworten darauf sucht die Universitätsschule Dresden. Sie soll Erkenntnisse für das gesamte Bildungssystem liefern. Doch genau diese Aufgabe sieht die wissenschaftliche Leiterin Anke Langner gefährdet. Es fehlt an Ressourcen, weil das Land Sachsen seine Förderung einstellt. Im Interview erklärt sie, weshalb klassische Drittmittel dieses Problem nicht lösen können und was sie sich von der Politik wünscht – Teil 2 des Interviews.

Hier geht es zurück zu Teil 1 des Interviews.

Stecker gezogen. Illustration: News4teachers

News4teachers: Sie haben schon mehrfach auf die schwierige finanzielle Situation der wissenschaftlichen Begleitforschung hingewiesen. Inwieweit ist diese auf das Ende der Landesförderung zurückzuführen, die 2025 ausgelaufen ist?

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Langner: Der Wegfall der finanziellen Förderung durch das Land stellt für ein Reallabor wie die Universitätsschule eine erhebliche Herausforderung dar. Das grundlegende Problem besteht darin, dass sich die Idee eines schulischen Reallabors nur sehr eingeschränkt über klassische Drittmittelprojekte finanzieren lässt. Darauf hat auch die Struktur- und Evaluationskommission des Schulversuchs mehrfach hingewiesen. Drittmittelprogramme – insbesondere Bundesförderprogramme – finanzieren in der Regel einzelne Fragestellungen oder Teilaspekte eines Projekts. Die Aufgabe eines Reallabors besteht jedoch gerade darin, Schulentwicklung als Ganzes zu begleiten, zu dokumentieren und wissenschaftlich auszuwerten.

Wenn man verstehen möchte, wie sich Schülerinnen und Schüler unter veränderten schulischen Bedingungen entwickeln, müssen Lernprozesse kontinuierlich erhoben, dokumentiert und ausgewertet werden. Hinzu kommt, dass wir parallel digitale Instrumente und Softwarelösungen entwickeln, die diese Prozesse unterstützen sollen. Eine solche langfristige und systematische Begleitforschung lässt sich nicht in die Logik befristeter Drittmittelprojekte übersetzen, die häufig auf wenige Jahre und klar umrissene Forschungsfragen begrenzt sind.

„Ausdruck einer über Jahre hinweg unzureichend ausgestatteten Begleitforschung“

Die Konsequenzen des Wegfalls der Förderung sind bereits deutlich sichtbar. Lernstandserhebungen, die bislang regelmäßig durchgeführt wurden, können nicht mehr in dem Umfang fortgesetzt werden. Daten werden teilweise weiterhin erhoben, etwa über Fragebogenerhebungen, doch die Ressourcen für deren systematische Auswertung fehlen zunehmend. Dadurch entsteht die paradoxe Situation, dass zwar umfangreiche Datenbestände vorliegen, diese jedoch nicht in dem Maße analysiert werden können, wie es für die wissenschaftliche Begleitung eines Schulversuchs notwendig wäre. Zugespitzt könnte man formulieren: Der Datenschatz liegt gerade auf einem Datenfriedhof.

Besonders deutlich wird dies aktuell bei der Erstellung des Evaluationsberichts. Über die Jahre sind zahlreiche Daten entstanden, die wertvolle Einblicke in Entwicklungsprozesse der Schule ermöglichen könnten. Gleichzeitig gab es jedoch nie die strukturellen Ressourcen, diese Daten kontinuierlich und systematisch auszuwerten. Die gegenwärtigen Herausforderungen bei der Erstellung des Berichts sind daher auch Ausdruck einer über Jahre hinweg unzureichend ausgestatteten Begleitforschung.

Neben dem Schulversuch leitet Professorin Anke Langner weitere Projekte für eine zukunftsfähige Bildung an der TU Dresden, darunter ALSO – Alternatives Lehramtspraktikum. Foto: Privat

Hinzu kommt, dass die ursprüngliche Landesförderung nur auf zwei Jahre angelegt war und einen vergleichsweise engen Auftrag verfolgte. Im Kern sollte untersucht werden, ob die Lernentwicklung der Schülerinnen und Schüler an der Universitätsschule hinter der Entwicklung vergleichbarer Schülerinnen und Schüler anderer Dresdner Schulen zurückbleibt. Die Förderung war damit primär auf einen Nachweis der Leistungsfähigkeit des Schulversuchs ausgerichtet und weniger auf den Aufbau einer langfristigen wissenschaftlichen Begleitforschung.

Ein echtes Commitment zu einer kontinuierlichen wissenschaftlichen Begleitung, wie sie für ein Reallabor eigentlich notwendig wäre, hat es bislang nicht gegeben. Dabei besteht die Besonderheit eines Reallabors gerade darin, Entwicklungsprozesse nicht nur anzustoßen, sondern sie systematisch zu beobachten, auszuwerten und für andere Schulen nutzbar zu machen. Ohne entsprechende Ressourcen können zwar weiterhin Innovationen entwickelt werden, ihre wissenschaftliche Dokumentation, Evaluation und Übertragbarkeit bleiben jedoch deutlich hinter den Möglichkeiten zurück, die ein solcher Schulversuch eigentlich bieten könnte.

„Eine Begleitforschung im eigentlichen Sinne gibt es derzeit nicht mehr“

News4teachers: Wie geht es mit der Begleitforschung und dem Schulversuch nun weiter?

Langner: Eine Begleitforschung im eigentlichen Sinne gibt es derzeit nicht mehr. Die dafür notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen stehen nicht mehr zur Verfügung. Damit entfällt die Möglichkeit, die Entwicklungsprozesse der Universitätsschule systematisch zu erheben, auszuwerten und auf dieser Grundlage evidenzbasiert weiterzuentwickeln. Wissenschaftliche Beratung findet zwar weiterhin im Ehrenamt statt, ersetzt jedoch keine kontinuierliche Begleitforschung.

Welche Konsequenzen dies langfristig für den Schulversuch hat, liegt nicht in meiner Entscheidungskompetenz als wissenschaftliche Leitung. Die Frage, unter welchen Bedingungen ein Schulversuch ohne wissenschaftliche Begleitforschung fortgeführt werden kann, ist letztlich bildungs- und hochschulpolitisch zu beantworten. Selbstverständlich beschäftigen wir uns als Forschungsstelle ForUS gemeinsam mit dem Schulleitungsteam mit unterschiedlichen Zukunftsszenarien und den möglichen Auswirkungen der veränderten Rahmenbedingungen. Dabei wird auch diskutiert, welche Folgen es hätte, wenn die Voraussetzungen eines Schulversuchs perspektivisch nicht mehr erfüllt wären.

Für die Schule selbst ergibt sich daraus jedoch keine unmittelbare Gefährdung. Die Universitätsschule ist Bestandteil des Schulnetzplans der Landeshauptstadt Dresden und damit als Schule abgesichert. Die eigentliche Frage betrifft daher weniger die Zukunft der Schule als vielmehr die Zukunft des Schulversuchs und die Möglichkeit, Schulentwicklung weiterhin wissenschaftlich begleitet und evidenzbasiert zu gestalten.

„Schulen können voneinander lernen, und dafür braucht es Orte, an denen Neues ausprobiert wird“

News4teachers: Wenn Sie einen Wunsch an Bildungs- und Wissenschaftspolitik formulieren dürften: Was wäre notwendig, damit die zweite Hälfte des Schulversuchs ihr volles Potenzial entfalten kann?

Langner: Mein Wunsch an Bildungs- und Wissenschaftspolitik wäre vor allem, die Universitätsschule als Impulsgeberin für die Weiterentwicklung von Schule anzuerkennen und ihr die Möglichkeit zu geben, diese Funktion auch langfristig wahrzunehmen. Der Wert eines Schulversuchs bemisst sich nicht allein daran, was innerhalb einer einzelnen Schule geschieht, sondern daran, welche Impulse er für die Ausbildung von Lehrkräften, für andere Schulen und letztlich für das Bildungssystem insgesamt erzeugt.

Genau diese Transferleistung sehe ich als eine der wichtigsten Erfahrungen der vergangenen Jahre. Viele der Erkenntnisse aus der Universitätsschule sind inzwischen in die Ausbildung von Lehramtsstudierenden eingeflossen. Im Rahmen des ALSO-Projekts beispielsweise versuchen wir, Erfahrungen aus innovativen Schulentwicklungsprozessen frühzeitig in die Professionalisierung angehender Lehrkräfte einzubinden und gleichzeitig Schulen – insbesondere in ländlichen Regionen – neue Entwicklungsperspektiven zu eröffnen. Dabei zeigt sich, dass Schulen durchaus bereit sind, Impulse aufzunehmen und eigene Wege der Weiterentwicklung zu gehen, wenn ihnen dafür geeignete Gelegenheiten und Unterstützung angeboten werden.

Gleichzeitig habe ich gelernt, dass Schulentwicklung immer lokale Schulentwicklung bleibt. Konzepte lassen sich nicht einfach kopieren. Jede Schule muss ihren eigenen Weg finden. Aber Schulen können voneinander lernen, und dafür braucht es Orte, an denen Neues ausprobiert, reflektiert und sichtbar gemacht wird. Genau diese Funktion erfüllt die Universitätsschule.

Darüber hinaus wünsche ich mir mehr Mut zur Veränderung. Die Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Schule reagiert darauf vielerorts jedoch noch immer mit Strukturen, die in ihrem Kern aus einer anderen Zeit stammen. Die Frage ist deshalb nicht, ob sich Schule verändern muss, sondern wie wir diese Veränderungen gestalten wollen.

Deutschland lebt von Bildung, von Kreativität, Innovationsfähigkeit und gut ausgebildeten jungen Menschen. Wenn wir auch künftig ein Bildungsland bleiben wollen, müssen wir Schulen schaffen, die junge Menschen nicht nur verwalten, sondern ihre Potenziale erkennen, fördern und entfalten helfen. Dafür brauchen wir Orte, an denen neue Ideen erprobt werden dürfen, wissenschaftlich begleitet werden und von denen Impulse in das gesamte Bildungssystem ausgehen können. Mein Wunsch wäre daher, die Universitätsschule nicht primär als Ausnahme oder Sonderfall zu betrachten, sondern als einen Ort, an dem Erfahrungen gesammelt werden, von denen viele andere Schulen profitieren können. News4teachers / Anna Hückelheim führte das Interview. 

Hier geht es zurück zu Teil 1 des Interviews.

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