KÖLN. Wie wird aus einem Kollegium ein Team? Im zweiten Teil des News4teachers-Interviews spricht Andreas Niessen, Schulleiter der Helios Gesamtschule in Köln, über Strukturen, die Zusammenarbeit fördern, über Partizipation und die Schutzfunktion von Schulleitung. Und er erklärt, warum gute Führung für ihn auch bedeutet, Spielräume auszuloten und den Mut zur Schulentwicklung aufzubringen – selbst wenn die Ressourcen knapp sind.
Hier geht es zurück zum ersten Teil des Interviews.

News4teachers: Lehrkräfte gelten ja traditionellerweise als Einzelkämpfer*innen…
Niessen: Die Strukturen fördern das auch sehr. Aber ich merke bei vielen Studierenden im Lehramt und auch bei vielen Referendarinnen und Referendaren, dass sie sich eigentlich danach sehnen, mit anderen zusammenzuarbeiten. Deswegen kommen sie auch gerne zu uns an die Schule. Es gibt aber auch Menschen, die mit diesem Konstrukt nicht so gut klarkommen und uns wieder verlassen und vielleicht eher an eine Schule gehen, wo sie dieses Einzelkämpfer*innentum stärker leben können. Es gibt eben auch Menschen, die sagen: Nein, das ist nicht meins, ich will mein eigenes Ding machen, mit meinen Schülern, meinem Unterricht, meinem Raum, meinem Fach.
News4teachers: Was kann Schulleitung tun, um Teambildung zu fördern?
Niessen: Das Basale ist, Strukturen zu schaffen, in denen es gar nicht anders geht, als im Team zu arbeiten. Dazu braucht es ein Arbeitszeitkonzept. Teamzeiten sind auch Arbeitszeiten für Lehrkräfte. Die Ressourcen müssen wir bereitstellen. Wir müssen eine kluge, auf die Belastungsgrenzen der Menschen abgestimmte Konferenz- und Terminplanung aufsetzen, und die muss verlässlich sein.
Dann gilt es, die Teams zu unterstützen. Wir haben für alle Teams verbindliche Rahmen. Es gibt einen identischen Protokollvordruck, es ist klar, wer für die Agenda verantwortlich ist und wer die Sitzung leitet. Es ist auch klar, dass eine Sitzung wirklich nur in dem angekündigten Zeitfenster stattfindet und wir nicht überziehen.
Es gibt bestimmte Rituale, auf die wir uns geeinigt haben, etwa eine gemeinsame Ankommensrunde, um deutlich zu machen: Wir nehmen uns gegenseitig erst einmal wahr in unserer momentanen Befindlichkeit, mit unseren Wünschen und Grenzen. In der Regel gibt es auch noch ein gemeinsames Auschecken. Das sind Routinen und Rituale, die, hilfreich für Teamarbeit sind.
„Wie weit kann ich den schulrechtlichen Rahmen interpretieren? Wie weit kann ich gehen, um Dinge wirklich weiterzuentwickeln“
News4teachers: Gibt es auch Grenzen?
Niessen: Was wir noch viel stärker bräuchten, wobei wir allerdings an Ressourcengrenzen stoßen, wäre professioneller Support im Sinne von Coaching oder Supervision für Teams und auch für Teamleitungen. Dafür fehlen uns Geld und Zeitfenster, um das regelmäßig zu machen. Wir machen es daher eher interventiv. Gute Teamarbeit ist kein Selbstläufer. Es gibt Teams, die nicht gut in die Arbeit kommen, sich immer wieder verhakeln und an denselben Stellen anstoßen. Dann organisieren wir zum Beispiel ein Coaching über den schulpsychologischen Dienst. Das halte ich für essenziell, auch wenn dafür eigentlich zu wenig Ressourcen bereitstehen.
News4teachers: Wie laufen Abstimmungsprozesse bei Ihnen? Partizipativ – oder muss die Schulleitung oft auch einfach entscheiden?

Niessen: Beides. Indem wir sehr konsequent im Team arbeiten, ist Partizipation schon eingepreist und gar nicht mehr herauszudenken. Wenn tiefgreifende Entscheidungen zu treffen sind, geht das natürlich über die etablierten Gremien, aber mit vielen Kommunikationsschleifen im Vorfeld und unter Beteiligung der einzelnen Gruppen der Schulgemeinschaft oder ihrer Vertreterinnen und Vertreter. Wenn wir am Ende eine Entscheidung in der Schulkonferenz treffen, geschieht das in der Regel im Konsens.
Bei der Neufassung der Handyregelung hatten wir jetzt zum ersten Mal eine andere, spannende Erfahrung. Wir haben partizipativ verschiedene Anträge entwickelt. Es gab mehrere Sitzungen der Schulkonferenz, offene Abende und eine Arbeitsgruppe, die aus Schulleitung, Mitarbeitenden, Schülerinnen und Schülern sowie Eltern zusammengesetzt war. Darüber wurde immer wieder in die gesamte Schulgemeinschaft hinein kommuniziert.
Am Ende gab es nicht den einen Antrag, der einstimmig verabschiedet wurde, sondern mehrere Anträge für verschiedene Jahrgänge, die unterschiedliche Mehrheiten gefunden haben. Für die Mittelstufe fand eher der etwas enger gefasste Antrag der Lehrkräfte eine Mehrheit, für die Oberstufe ein etwas weiter gefasster Antrag.
Wir haben versucht, den Prozess so zu steuern, dass am Ende niemand mit einem Gesichtsverlust herausgeht, sondern eine Entscheidung entsteht, bei der alle sagen können: Ich musste zwar einen Kompromiss eingehen, aber darin komme ich auch mit meiner Ansicht vor.
News4teachers: Es gibt auch Schulen, an denen das Verhältnis zwischen Schulleitung und Kollegium extrem problematisch zu sein scheint. Wir haben unlängst über einen Fall aus Ludwigshafen berichtet, bei dem es heftige Konflikte gibt, weil die Lehrkräfte sich nicht genug geschützt fühlen (hier geht es zum Bericht). Inwieweit muss eine Schulleitung auch Schutzschild für Lehrkräfte und Kollegium sein?
Niessen: Das ist ein sensibles Feld, weil ich als Schulleiter oder als Mitglied des Schulleitungsteams diese Funktion nicht nur gegenüber den Erwachsenen habe, sondern auch gegenüber den Kindern und Jugendlichen gesetzlich verankerte Schutzpflichten wahrnehmen muss.
Ich halte nichts von einer Wagenburgmentalität. Gleichwohl ist es total wichtig, dass jede erwachsene Person, die an der Schule arbeitet, das sichere Gefühl hat: Wenn ich in Bedrängnis oder in eine konfliktträchtige Situation komme, habe ich einen schnellen Weg zu den Verantwortlichen, also zur Schulleitung. Ich kann mich darauf verlassen, dass ich erst einmal vorurteilsfrei angehört werde, dass ich in einen Raum komme, in dem lösungsorientiert und ressourcenorientiert gedacht und gesprochen wird, und dass gegebenenfalls auch externe Unterstützungsressourcen mobilisiert werden. Das ist schon sehr wichtig.
Ob das dann am Ende in jedem Fall zur Zufriedenheit der Lehrkraft ausgeht, ist eine andere Frage. Das hängt von der Gemengelage ab. Das gehört zur Funktion von Schulleitungen: sich nicht reflexhaft auf eine Seite zu schlagen. Wenn es allerdings zu Beleidigungen oder körperlichen Übergriffen kommt, ist natürlich klar, dass Schulleitungen sofort ihre Schutzfunktion gegenüber den Betroffenen ausüben müssen.
News4teachers: Als Schulleiter müssen Sie nicht nur ins Kollegium hineinwirken, sondern auch mit Schulträger, Elternschaft und Schülerschaft zusammenarbeiten. Kommunikation steht also im Zentrum des Jobs…
Niessen: Ja. Ich glaube, Empathie und die Fähigkeit, die Interessen der verschiedenen Menschen und Institutionen und auch deren jeweilige Logiken zu verstehen, sind dabei zentral. In einer Großstadt wie Köln gehören auch der Stadtbezirk, die verschiedenen Ebenen und Ämter beim Schulträger und die Schulaufsicht mit ihren verschiedenen Dezernaten dazu – und hinter all diesen Institutionen stehen ja immer auch handelnde Personen. Mit ihnen ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen und wertschätzend zu kommunizieren, auch mit den Personalsachbearbeitenden in der Bezirksregierung zum Beispiel, ist elementar.
„Das ist schon ein sehr zeitaufwendiger Job, aber er ist auch total erfüllend“
News4teachers: Was macht eine gute Schulleitung noch aus?
Niessen: Ein gewisses Maß an Mut, Dinge umzusetzen, die nicht immer in gewohnten Bahnen laufen – gerade wenn es um Innovation oder Weiterentwicklung von Schule geht. Es gab einmal eine Untersuchung zu Schulleitungen, die Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises leiten. Heraus kam, dass sie ein gemeinsames Mindset teilen. Sie loten Grauzonen aus: Wie weit kann ich gehen? Wie weit kann ich den schulrechtlichen Rahmen interpretieren? Wie weit kann ich gehen, um Dinge wirklich weiterzuentwickeln? Also nicht nur Vollstrecker von Rechtsvorschriften zu sein, die ja immer auch auslegungsfähig sind, sondern die Courage zu haben, an den Rand zu gehen.
News4teachers: Alles, was nicht ausdrücklich verboten ist, ist erst einmal erlaubt…
Niessen: Genau.
News4teachers: Wie lang ist Ihre Arbeitswoche?
Niessen: Mindestens 50, eher 60 Stunden. Es können auch schon mal mehr werden. In der Regel gibt es abends noch einmal eine dritte Schicht, eine Late-Night-Session am Rechner. Oder es gibt noch Arbeit am Wochenende. Das ist schon ein sehr zeitaufwendiger Job, aber er ist auch total erfüllend. News4teachers / Andrej Priboschek führte das Interview
Hier geht es zurück zum ersten Teil des Interviews.
Die Heliosschulen – Inklusive Universitätsschule Köln (IUS) – bestehen aus einer Grundschule und einer Gesamtschule und sind die erste bundesdeutsche Praxisschule in der Lehrkräftebildung. Entstanden ist das Projekt aus dem Wunsch von Studierenden nach einer Praxisschule, wie sie international – z.B. in Finnland – als Erfolgsmodell etabliert ist. Ziel ist es, Theorie und Praxis systematisch miteinander zu verbinden: Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zur inklusiven Lerngestaltung fließen unmittelbar in die schulische Arbeit ein. News4teachers begleitet die Entwicklung als Medienpartner.

Die Ursprünge der Inklusiven Universitätsschule Köln reichen bis in die Nullerjahre zurück. Studierende der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln wollten der Frage nachgehen, wie Inklusion an allgemeinbildenden Schulen konkret umgesetzt werden kann – auch vor dem Hintergrund des Beitritts Deutschlands zur UN-Behindertenrechtskonvention. Aus dieser Initiative entwickelte sich, mit Unterstützung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wie Prof. Kersten Reich sowie der Stadt Köln, die Gründung einer zweizügigen Grundschule im Jahr 2015 und einer vierzügigen Gesamtschule im Jahr 2018. 2022 wurde zwischen der Stadt Köln, der Bezirksregierung Köln und der Universität zu Köln eine Kooperationsvereinbarung geschlossen, die die Arbeit der IUS in den Feldern Lehrkräftebildung, Schulentwicklung, Forschung und Innovationstransfer auf Dauer festschreibt.
Rechtlich handelt es sich um zwei eigenständige Schulen, die jedoch über ein gemeinsames pädagogisches Konzept, die Zusammenarbeit mit der Universität zu Köln und dem Jugendhilfeträger Perspektive Bildung e.V. sowie über eine gemeinsame Leitungs- und Organisationsstruktur eng miteinander verbunden sind. Perspektivisch ziehen beide Schulen gemeinsam in ein neues Gebäude.
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats Beruf Schulleitung.









