BERLIN. Ohne Lehramtsstudium direkt vor eine Klasse: Was als Notlösung gegen den Lehrkräftemangel begonnen hat, ist längst zu einem wichtigen Zugangsweg in den Beruf geworden. Bundesweit kam 2024 mehr als jede zehnte unbefristet neu eingestellte Lehrkraft über den Seiteneinstieg, in einzelnen Ländern waren es fast 50 Prozent. Ein aktuelles Policy Paper des Stifterverbands warnt vor einer „De-Professionalisierung“, wenn diese Lehrkräfte nicht systematisch auf ihre Aufgabe vorbereitet und anschließend begleitet werden.

„Ich stehe vor einem Problem, was mich absolut verzweifeln lässt.“ So beginnt der Erfahrungsbericht, den ein Seiteneinsteiger im Chatforum Reddit veröffentlicht hat. Seit wenigen Tagen, schreibt er, arbeite er an einer Regionalschule und einem Gymnasium – in Vollzeit, mit 27 Unterrichtsstunden pro Woche. Noch kurz zuvor habe er nicht einmal gewusst, ob er die Stelle überhaupt bekomme. „Abgesprochen war eigentlich, dass ich eine gewisse Vorbereitungszeit haben werde, bevor ich in meinen eigens geführten Unterricht starten werde. Jedoch habe ich erst letzte Woche den Bescheid bekommen, dass ich die Stelle überhaupt bekommen habe.“
Was danach kommt, liest sich wie das Protokoll eines Kaltstarts. Ansprechpartner, die sich bei ihm melden sollten, meldeten sich nach seiner Darstellung nicht. Dann habe es geheißen, er müsse selbst auf die betreffenden Lehrkräfte zugehen. „Also musste ich am Wochenende einige E-Mails verschicken, welche (…) natürlich unbeantwortet blieben.“ Am ersten Arbeitstag seien weder Schlüssel noch Kopierkarten vorbereitet gewesen. Selbst der Vertrag habe erst ausgedruckt werden müssen. „Kurz vor meiner ersten Stunde hieß es dann ‚schnell schnell Vertrag unterschreiben‘.“ Als er darum gebeten habe, ihn vorher in Ruhe lesen zu können, sei er „nur schief angeschaut“ worden.
„Ich sollte dann auch plötzlich einfach Unterricht führen. Ohne Vorbereitung, ohne vernünftiges Material.“ Der Seiteneinsteiger schreibt, er habe zu diesem Zeitpunkt keinerlei Erfahrung mit Unterrichtsführung, Vor- oder Nachbereitung und keine Informationen über die Lehrplaninhalte gehabt. Zudem habe er herausgefunden, dass die betreffende Klasse in seinem Fach in diesem Schuljahr bislang noch gar keinen Unterricht erhalten habe. Fragen an Vertretungslehrkräfte hätten ihm nicht weitergeholfen.
Schließlich habe er seine Bedenken gegenüber dem Schulleiter angesprochen. „Dort habe ich ihm ehrlich meine Bedenken geäußert, dass es mehr als überfordernd für mich ist. Wirklich darauf eingegangen ist er nicht.“ Dem Schulleiter sei wichtig gewesen, dass überhaupt jemand im Klassenzimmer stehe, berichtet der Verfasser: Unterricht sei immer noch besser als kein Unterricht. Schließlich seien es diese Zahlen, die an die zuständige Behörde weitergeleitet werden müssten.
Der anonym veröffentlichte Bericht lässt sich nicht unabhängig überprüfen. Das strukturelle Problem, das er beschreibt, ist dagegen dokumentiert. Deutschlands Schulen beschäftigen inzwischen in erheblichem Umfang Menschen als Lehrkräfte, die weder ein klassisches Lehramtsstudium noch einen Vorbereitungsdienst absolviert haben.
Nach Angaben des Stifterverbands kamen 2024 bundesweit 12,7 Prozent der unbefristet neu eingestellten Lehrkräfte über den Seiteneinstieg. In einigen Ländern ist der Anteil sehr viel größer: In Brandenburg waren es 48 Prozent, in Sachsen-Anhalt 47 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern rund 42 Prozent und in Thüringen 30 Prozent.
Dass der Seiteneinstieg keineswegs an Bedeutung verliert, zeigen aktuelle Zahlen aus Thüringen. Dort waren im vergangenen Schuljahr nach Informationen von MDR Thüringen 29 Prozent der neu eingestellten Lehrkräfte Seiteneinsteiger – ein neuer Höchststand. 293 Seiteneinsteiger wurden zuletzt eingestellt; im Schuljahr 2017/18 waren es lediglich 28 gewesen. Gleichzeitig waren im Freistaat noch 466 Lehrerstellen unbesetzt.
„Viele Berufswechslerinnen und Berufswechsler müssen von Anfang an eigenverantwortlich Unterricht erteilen und stehen allzu häufig bereits am ersten Arbeitstag in der Schule vor einer Klasse“
Damit stellt sich zunehmend die Frage, unter welchen Bedingungen Menschen ohne reguläre Lehramtsausbildung in einen Beruf gebracht werden, auf den grundständig ausgebildete Lehrkräfte durch ein jahrelanges Studium und einen ein- bis zweijährigen Vorbereitungsdienst vorbereitet werden.
Eine Expertengruppe unter dem Dach der Allianz für Lehrkräfte des Stifterverbands hat diese Frage untersucht. Ihr aktuelles Policy Paper „Vom Mangel zur Chance – Empfehlungen zum Berufswechsel ins Lehramt“ kommt zu einem ernüchternden Befund: Welche Personen für den Seiteneinstieg zugelassen werden, unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland – ebenso wie die Frage, ob und wie sie vor ihrem ersten Unterricht qualifiziert werden. Eine systematische und verpflichtende Vorbereitung sei bislang nicht flächendeckend etabliert.
Die Folgen: „Viele Berufswechslerinnen und Berufswechsler müssen von Anfang an eigenverantwortlich Unterricht erteilen und stehen allzu häufig bereits am ersten Arbeitstag in der Schule vor einer Klasse.“ Ohne eine dem Beruf entsprechende Qualifizierung und Begleitung sei im Schuldienst „eine De-Professionalisierung zu befürchten“.
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Die Unterschiede zwischen den Ländern sind beträchtlich. Sachsen und Thüringen bieten seit dem Schuljahr 2025/26 einen dreimonatigen Vorbereitungskurs an. Mecklenburg-Vorpommern sieht ebenfalls eine dreimonatige Qualifizierungsphase vor, allerdings nur für bestimmte Seiteneinsteiger. In Sachsen-Anhalt und Brandenburg dauert der einführende Kompaktkurs vier Wochen. In Berlin sind es fünf bis sieben Tage.
Die Expertengruppe fordert deshalb, eine dreimonatige Vorqualifizierung zum Mindeststandard zu machen. Bevor Berufswechsler erstmals eigenverantwortlich unterrichten, sollen sie grundlegende pädagogische und psychologische Kompetenzen erwerben – von Klassenführung und Diagnostik über Feedback, den Umgang mit Heterogenität und Unterrichtsstörungen bis zum Beziehungsaufbau. Hinzukommen sollen fachdidaktische Grundlagen, ein Verständnis der eigenen Rolle im System Schule und Hospitationen mit begleitender Reflexion.
Drei Monate: Selbst die vom Stifterverband empfohlene Mindestvorbereitung bleibt damit eine vergleichsweise kurze Einführung in einen extrem komplexen Beruf. Und das Policy Paper beschreibt zugleich eine Realität, in der selbst diese drei Monate vielerorts nicht erreicht werden – oder Menschen sogar unmittelbar eigenverantwortlich vor Klassen stehen.
Im Reddit-Bericht wird greifbar, was das für einen Berufsanfänger bedeuten kann. Der Verfasser beschreibt nicht nur fehlendes Wissen, sondern den Versuch, es parallel zu einer vollen Unterrichtsverpflichtung irgendwie selbst zu erwerben. „Jedoch hänge ich viel zu viel in der Vorbereitung auf den Unterricht, dass alles andere dabei zur Seite geschoben werden muss, da ich mir alles von 0 auf 100 erschließen und erdenken muss.“
Hinzu kommt, dass er nach eigener Darstellung zwischen zwei Schulen pendelt. Die Zeiten zwischen den Stunden seien knapp. „Essen tue ich im Auto, weil sonst keine Zeit bleibt.“ Auch Unterstützung durch erfahrene Kolleginnen und Kollegen werde dadurch schwieriger: An den beiden Schulen treffe er nicht immer die Personen an, die ihm bei konkreten Fragen helfen könnten.
Eine solche Unterstützung hält die Expertengruppe des Stifterverbands allerdings für entscheidend. Vorbereitung vor dem ersten Unterricht sei nur ein Baustein. Hinzukommen müssten kontinuierliche berufsbegleitende Qualifizierung und verbindliche Unterstützung innerhalb der Schule. Mentoring und Feedback bezeichnet das Policy Paper als „zentrale Erfolgsfaktoren beim Berufswechsel“. Dafür müssten zeitliche Ressourcen bereitgestellt werden. Lehrkräfte, die Seiteneinsteiger begleiten, sollten für diese Aufgabe entlastet werden.
Auch die Seiteneinsteiger selbst sollen nach den Empfehlungen nicht zusätzlich zur vollen Unterrichtsbelastung ihre Qualifizierung bewältigen müssen. Der zeitliche Aufwand für berufsbegleitende Weiterbildung sei erheblich. Deshalb sei eine systematische Entlastung durch Anrechnungsstunden notwendig, „um Überforderung zu vermeiden und eine nachhaltige Professionalisierung zu ermöglichen“.
Was geschieht, wenn diese Unterstützung fehlt, schildert der Reddit-Nutzer unmittelbar. „Dann heute bei der Vorbereitung auf den morgigen Tag bin ich emotional eingebrochen.“ Die ersten Tage habe er versucht, den Alltag „so souverän wie möglich zu meistern und tapfer zu bleiben“. Inzwischen zweifle er an sich selbst. „Zwischenzeitlich habe ich schon an mir selbst und meinen Fähigkeiten gezweifelt, getreu dem Motto: ‚Ich bin einfach zu dumm dafür.‘“
Dabei warnt auch der Stifterverband davor, den Seiteneinstieg selbst zum Problem zu erklären. Berufswechsler können demnach Kompetenzen in die Schulen bringen, die im klassischen Ausbildungsweg nicht selbstverständlich sind – etwa Erfahrungen aus Projektmanagement oder technischen Berufen. Der Seiteneinstieg könne deshalb mehr sein als eine kurzfristige Reaktion auf den Lehrkräftemangel. Gerade dafür müsse er jedoch auf eine professionelle Grundlage gestellt werden.
„Wenn unter diesen Voraussetzungen der Anteil an Seiten- und Quereinsteigern immer größer wird, müssen wir uns schon die Frage stellen, ob wir hier eine Dequalifizierung des Berufes als Lehrkraft erleben“
Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sieht Handlungsbedarf. Anja Bensinger-Stolze, GEW-Vorstandsmitglied für den Organisationsbereich Schule, betont, dass Berufswechsler durchaus eine Bereicherung für Schulen darstellen könnten. „Quereinsteigende bringen inhaltlich häufig eine gute Expertise für die jeweiligen Schulfächer mit, aber es fehlt die pädagogische Qualifikation“, sagt sie der Frankfurter Rundschau.
Die entscheidende Voraussetzung sei deshalb, dass die neuen Lehrkräfte qualifiziert und in den Schulen gut begleitet werden. Doch gerade dafür fehlten vielerorts Zeit und Personal. „Wenn unter diesen Voraussetzungen der Anteil an Seiten- und Quereinsteigern immer größer wird, müssen wir uns schon die Frage stellen, ob wir hier eine Dequalifizierung des Berufes als Lehrkraft erleben.“ Die GEW fordert eine „gut organisierte, einheitliche, qualitative“ Lehrer*innenfortbildung. „Wenn diese fehlt, sind neue Herausforderungen schwer anzugehen und die Kolleginnen und Kollegen fühlen sich allein gelassen.“
Der Verfasser des Reddit-Beitrags benutzt fast dieselben Worte: „Ich fühle mich absolut im Stich gelassen und alleine.“ Aus der Euphorie, endlich eine Tätigkeit gefunden zu haben, die seinen fachlichen Kompetenzen entspreche, sei innerhalb weniger Tage etwas anderes geworden. „Ich habe heute viel geweint, mich viel geärgert und weiß gerade einfach nicht weiter.“
Dass der Lehrerberuf viel eigenständige Arbeit verlange, sei ihm bewusst, schreibt er. Was er nicht begreife, sei die Erwartung, dass jemand „ohne jegliche Erfahrung in dem Bereich (Pädagogik, Didaktik, Methodik, Inhalte)“ vom ersten Moment an unterrichten könne. Dann versucht er zu erklären, wie absurd ihm seine Situation vorkommt: „Aber man schickt ja auch schließlich niemanden ohne Erfahrung in eine Sterneküche, drückt ihm ein Messer in die Hand und sagt ihm, dass er mal eben für 90 Gäste kochen soll.“ News4teachers
Hier lässt sich das vollständige Policy Paper des Stifterverbands herunterladen.
Ein Drittel der Seiteneinsteiger hat den Schuldienst schon wieder quittiert











„Die Folgen: „Viele Berufswechslerinnen und Berufswechsler müssen von Anfang an eigenverantwortlich Unterricht erteilen und stehen allzu häufig bereits am ersten Arbeitstag in der Schule vor einer Klasse.“ Ohne eine dem Beruf entsprechende Qualifizierung und Begleitung sei im Schuldienst „eine De-Professionalisierung zu befürchten“.“
Daran sind aber nicht die Schulen Schuld. Die Stunden werden von der Behörde zugewiesen und eingplant. Wer soll die denn sonst halten? Die Kolleginnen und Kollegen, „die schon da sind“, als unbezahlte(!) Mehrarbeit, während der Seiteneinsteiger sich erst einmal in Ruhe qualifiziert? Das wäre die Alternative, wenn die Behörde keine Stunden für so etwas bereitstellt!
Zudem: Wer heute als Seiteneinsteiger meint, die Schulen hätten irgendwie Kapazitäten diese Belastungen abzufedern, der ist äußerst naiv und am Ende selber Schuld bzw. hat ein völlig falsches Bild vom Lehrerberuf („vormittags recht, nachmittags frei, entweder in den Ferien oder krank“).
Der geschilderte Fall ist wirklich heftig und hoffentlich ein echter Einzelfall. Schon rein arbeitsrechtlich halte ich die Sache mit der Vertragsunterschrift am ersten Arbeitstag mehr oder weniger unmittelbar vor der ersten Unterrichtsstunde ohne nennenswerte Absprachen für problematisch.
Ich kenne genügend Fälle, in denen der Arbeitsvertrag für die Lehrkräfte erst Wochen, in einem Fall erst Monate nach Dienstantritt vorlag. Gehalt kam erst nach Vertragsunterzeichnung. Das waren allerdings alles Angestellte, keine Beamten.
Ist schon heftig, aber wahrscheinlich zutreffend, dass der Kollege auf Reddit mehr Anteilnahme und Hilfe erwarten kann, als in anderen Foren zum Thema 🙁
„Hinzu kommt, dass er nach eigener Darstellung zwischen zwei Schulen pendelt.“
Das finde ich heftig. Wenn neue Kolleg*innen sofort mit Rand- und Drecksarbeit angespeist werden, muss man sich nicht über Abbrüche wundern. (wobei dies wohl öfters über die schlechte Orga der Verträge zustandekkmmt und nicht immer über die Schulleitung)