HANNOVER. Mehr Ganztag, zusätzliche Förderung in Deutsch und Mathematik, digitale Endgeräte für Schülerinnen und Schüler und neue Wege in den Lehrerberuf: Niedersachsen startet mit einer ganzen Reihe von Veränderungen ins Schuljahr 2026/2027. Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) sieht darin das Ergebnis längerfristig angelegter Reformen. Gleichzeitig zeigt sich eine alte Schwachstelle: Von rund 2.000 ausgeschriebenen Lehrerstellen konnten zum Schuljahresbeginn erst gut 79 Prozent besetzt werden. Der Verband Niedersächsischer Lehrkräfte (VNL) warnt deshalb davor, Schulen mit immer neuen Aufgaben zu belasten, solange vielerorts das Personal für deren Umsetzung fehlt.

Das Programm „Sichere Basis“ erreicht seine letzte Ausbaustufe. Die Grundschulen erhalten drei zusätzliche Unterrichtsstunden, mit denen grundlegende Fähigkeiten gefördert werden sollen. Im Mittelpunkt stehen Lesen, Schreiben und Rechnen, daneben aber auch soziale Kompetenzen. Das Land Niedersachsen reagiert damit darauf, dass ein Teil der Schülerinnen und Schüler die grundlegenden Bildungsstandards nicht erreicht. Auch an Haupt-, Real- und Oberschulen sollen Deutsch und Mathematik künftig stärker gefördert werden.
Ob zusätzliche Unterrichts- und Förderangebote tatsächlich überall wie vorgesehen umgesetzt werden können, hängt allerdings wesentlich von der Personalsituation ab. Und die bleibt angespannt. Von den rund 2.000 zum Schuljahresbeginn ausgeschriebenen Lehrerstellen konnten nach Angaben des Verbands Niedersächsischer Lehrkräfte zunächst gut 79 Prozent besetzt werden. Besonders betroffen seien weiterhin die nicht-gymnasialen Schulformen. Haupt-, Real-, Ober- und Förderschulen litten nach Darstellung des Verbands besonders unter fehlenden Lehrkräften.
Auch das Kultusministerium räumt erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen Schulen, Schulformen und Regionen ein. Schwierigkeiten bestehen demnach weiterhin insbesondere bei der Suche nach bestimmten Fachkräften und Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen. Das Land versucht deshalb, zusätzliches Personal über mehrere Wege zu gewinnen. Dazu gehören Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger, die Aufstockung von Teilzeitstellen, weiterarbeitende Pensionärinnen und Pensionäre sowie finanzielle Anreize. Gymnasiallehrkräfte mit den Fächern Deutsch oder Mathematik sollen zudem gezielt für einen Einsatz an Grundschulen gewonnen werden.
Der VNL bezweifelt allerdings, dass sich damit die akuten Probleme vieler Schulen lösen lassen. „Ein landesweiter Durchschnittswert sagt wenig darüber aus, wie es an der einzelnen Schule tatsächlich aussieht. Gerade an vielen Haupt-, Real- und Oberschulen wird der Stundenplan längst danach gebaut, welche Lehrkräfte überhaupt noch zur Verfügung stehen. Das darf kein Dauerzustand werden“, erklärt der Landesvorsitzende Torsten Neumann. Der Verband sieht Unterrichtsausfall, zusätzliche Arbeitsbelastung und eine „vielerorts dauerhafte Mangelverwaltung“ als Folgen.
Zusätzliche Wege in den Lehrerberuf hält der VNL grundsätzlich für sinnvoll – allerdings nur, wenn fachliche und pädagogische Standards gewahrt bleiben. Eine kurzfristige Antwort auf den Personalmangel seien sie nicht. „Jede gut qualifizierte Lehrkraft ist willkommen. Aber der Quereinstieg ist lediglich ein zusätzlicher Baustein und kein Befreiungsschlag. Wer glaubt, damit den Personalmangel kurzfristig lösen zu können, macht sich etwas vor“, warnt Neumann.
„Multiprofessionelle Teams dürfen nicht länger ein politisches Versprechen bleiben, sondern müssen endlich flächendeckend in allen Schulen ankommen“
Dabei geht es aus Sicht des Verbands längst nicht mehr allein um Lehrkräfte. Konflikte, Gewalt, psychische Belastungen und schwierige soziale Situationen stellten Schulen vor wachsende Herausforderungen. Der neue Gewaltpräventionserlass könne zwar mehr Handlungssicherheit schaffen, argumentiert der VNL, zusätzliches Personal ersetze er jedoch nicht. Der Verband fordert deshalb einen flächendeckenden Ausbau multiprofessioneller Teams mit Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, pädagogischen Fachkräften und weiteren Professionen.
„Ein Erlass führt kein Konfliktgespräch, begleitet kein schwieriges Kind und schützt keine Lehrkraft auf dem Schulhof. Dafür braucht Schule Menschen. Multiprofessionelle Teams dürfen nicht länger ein politisches Versprechen bleiben, sondern müssen endlich flächendeckend in allen Schulen ankommen“, erklärt Neumann.
Parallel zu den personellen Herausforderungen treibt Niedersachsen die Digitalisierung der Schulen weiter voran. Schülerinnen und Schüler sollen in der Regel ab Jahrgang sieben digitale Endgeräte erhalten. Mehr als 2.000 Schulen haben nach Angaben Hamburgs bereits Geräte für Schülerinnen und Schüler oder Lehrkräfte bestellt. Die technische Ausstattung soll mit Fortbildungen und Angeboten zur Medienbildung verbunden werden. Dazu gehören auch der Umgang mit Cybermobbing, sozialen Medien und Künstlicher Intelligenz. Ein Tablet allein, betont die Kultusministerin, mache noch keinen guten Unterricht.
Hinzu kommt ein Vorhaben, das zunächst weniger unmittelbar im Klassenzimmer sichtbar sein dürfte: Niedersachsen will eine individuelle Schüler-ID einführen. Mithilfe der Kennung sollen Bildungswege künftig besser nachvollzogen werden können. Das Land will dadurch unter anderem erkennen können, wenn Jugendliche eine Schule verlassen, ohne anschließend an einer anderen Schule anzukommen. Für statistische Auswertungen sollen die Daten anonymisiert werden. Die technische Umsetzung ist noch nicht abgeschlossen und soll nach Angaben Hamburgs im kommenden Jahr beginnen.
Daneben zeichnet sich eine schulstrukturelle Debatte ab. Durch Änderungen am Niedersächsischen Schulgesetz ist die Umwandlung bestehender Oberschulen in Gesamtschulen erleichtert worden. Nach Angaben des VNL ist das Thema in einzelnen Kommunen bereits Gegenstand des Wahlkampfs. Der Verband warnt davor, daraus eine neue grundsätzliche Auseinandersetzung über Schulstrukturen entstehen zu lassen. „Eine gute Schule wird nicht dadurch besser, dass man das Türschild austauscht. Wer aus einer Oberschule eine Gesamtschule machen will, muss erklären, welchen pädagogischen Mehrwert das bringt, woher das notwendige Personal kommen soll und welche Auswirkungen dies auf die gesamte regionale Schullandschaft hat. Wir brauchen Schulfrieden statt neuer Strukturdebatten“, erklärt Neumann.
Damit bündelt sich zum Schuljahresbeginn ein grundsätzlicher Konflikt: Das Land erweitert Angebote und verändert Strukturen, während ein Teil der Schulen weiterhin damit beschäftigt ist, unter knappen personellen Bedingungen den regulären Unterricht abzusichern. Der VNL fordert deshalb nicht nur mehr Personal, sondern weniger gleichzeitige Veränderungsprozesse. Neue Vorgaben, Reformen, Erlasse und zusätzliche Aufgaben hätten sich über Jahre summiert und bänden inzwischen erhebliche Kräfte.
„Schule muss nicht jedes Jahr neu erfunden werden. Gebt den Schulen ausreichend Personal, verlässliche Rahmenbedingungen und Zeit, ihre eigentliche Arbeit zu machen. Guter Unterricht entsteht nicht durch immer neue Ankündigungen sondern durch qualifizierte Lehrkräfte, Unterstützung und Verlässlichkeit“, erklärt Neumann. Einen Satz der Kultusministerin greift er dabei ausdrücklich auf: „‚Am Ende zählt nicht, was angekündigt wird, sondern was bei Kindern, Jugendlichen und Schulen ankommt‘, da stimmen wir unserer Kultusministerin zu. Aber es kommt immer noch zu wenig in den Schulen an. Unsere Schülerinnen und Schüler brauchen Unterricht – aber keine Dauerbaustelle Schule.“ News4teachers / mit Material der dpa
Gewalt an Schulen: Kultusministerin antwortet mit mehr Papieren für Lehrkräfte










„Besonders betroffen seien weiterhin die nicht-gymnasialen Schulformen. Haupt-, Real-, Ober- und Förderschulen litten nach Darstellung des Verbands besonders unter fehlenden Lehrkräften.“
Es sind etwa 430 Stellen offen, davon sind 230 Stellen an Grundschulen, die also besonders betroffen sind und als kleine Schulform geringe Möglichkeiten der Kompensation haben.
„Das Land versucht, zusätzliche Lehrkräfte zu gewinnen.“
Quereinsteiger und abgeordnete Gymnasialkräfte… Damit haben wir bisher an unserer Grundschule leider keine guten Erfahrungen gemacht. Man muss sich schon aus Überzeugung für die Grundschule entscheiden und die betreffende Qualifikation haben, um den Job gut zu machen.
Zum Glück interessiert die Statistik gar nicht ob der Unterricht gut/zielführend oder was auch immer war – solange er gehalten wurde
Wir hatten tolle Kolleg:innen vom Gym, die sich für ein halbes oder ganzes Jahr wirklich sehr engagiert eingebracht haben und uns sehr geholfen haben.
Aber das löst den Mangel nicht. Als Schule mit Bedarf bildet man aus uns und arbeitet die Abordnungen ein – Jahr um Jahr um Jahr.
Und die Stammlehrkräfte übernehmen das, was die Spezialisierung benötigt, also auch den zehrenden Erstunterricht, überbrücken die Unterversorgung und die fehlende DaZ-Förderung, die ersatzlos gestrichen werden muss, und fangen im außerunterrichtlichen Bereich zusätzliche Aufgaben auf.
Von 30 Jahren hatte ich 5 Std Mathe als Schülerin und Hausaufgaben. Heute habe ich als Lehrerin 3 und eine Std, wo sie selbständig Aufgaben machen, wie Hausaufgaben quasi und zuhause machen die Schüler NICHTS