BERLIN. 93 Prozent der Schulleitungen wünschen sich flexible, adaptive Bau- und Raumstrukturen – nur sechs Prozent sehen sie an ihrer eigenen Schule verwirklicht. Das zeigt die Cornelsen-Schulleitungsstudie 2026. Der Befund steht für eine große Lücke zwischen den Vorstellungen von einer Schule der Zukunft und dem Alltag. Wie diese Schule aussehen soll, beschreiben die Befragten durchaus konkret: individuelles und gemeinsames Lernen verbinden, Lebenskompetenzen fördern, multiprofessionelle Teams aufbauen. Dafür fordern sie bessere räumliche Bedingungen, mehr Zeit und weniger Bürokratie. Bei Veränderungen an Noten, Jahrgangsklassen und Fächergrenzen gehen die Vorstellungen dagegen auseinander.

Kaum ein anderer Befund der Studie zeigt den Abstand zwischen Wunsch und Wirklichkeit so deutlich wie dieser: Flexible, adaptive Bau- und Raumstrukturen gehören für fast alle befragten Schulleitungen zum Zielbild einer Schule der Zukunft. Doch nur eine kleine Minderheit gibt an, dass sie an der eigenen Schule bereits umgesetzt sind. Mit den ungerundeten Werten – 92,9 Prozent Zustimmung zum Ziel und 6,4 Prozent Umsetzung – beträgt die Differenz 86,5 Prozentpunkte.
Die Studienautoren ordnen die räumlichen Bedingungen damit einer Gruppe von Aufgaben zu, bei denen Schulen besonders stark auf Entscheidungen außerhalb ihres eigenen Einflussbereichs angewiesen sind. „Die größten Lücken zwischen Vision und Realität klaffen dort, wo die Schulen auf Veränderungen auf der System- bzw. politischen Ebene angewiesen sind“, heißt es im Bericht.
Dabei haben Räume aus Sicht der Schulleitungen erhebliches Gewicht: Was müsste sich im deutschen Schulsystem ändern, damit Schülerinnen und Schüler mehr Lernerfolg erreichen? 64 Prozent der Schulleitungen nennen bessere Räume und Infrastruktur. In Nordrhein-Westfalen sind es sogar 72 Prozent, in Schleswig-Holstein 71 Prozent.
Grundlage der Daten ist die vierte Cornelsen-Schulleitungsstudie, durchgeführt vom Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS). Im Frühjahr 2026 beantworteten insgesamt 2.066 Schulleitungen den Onlinefragebogen, darunter 1.819 von allgemeinbildenden und 247 von beruflichen Schulen. Die hier dargestellten Befunde beziehen sich auf die allgemeinbildenden Schulen, für die der Bericht die Ergebnisse insgesamt als repräsentativ einordnet. Ergänzend wurden 16 Interviews geführt; die Namen der darin zitierten Schulleitungen sind pseudonymisiert.
Andere Räume, andere Formen des Lernens
Welche pädagogischen Vorstellungen neben dem Wunsch nach flexibleren Gebäuden stehen, zeigt der Vergleich von Zielbild und Umsetzung. 94 Prozent der Schulleitungen wollen individualisiertes und kooperatives Lernen miteinander verzahnen. An der eigenen Schule umgesetzt sehen dies 48 Prozent. 89 Prozent wünschen eine Orientierung an den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler; 58 Prozent beschreiben sie als bestehende Praxis.
Auch die Rollen im Unterricht sollen sich nach den Vorstellungen vieler Befragter verändern: 87 Prozent sehen Lehrkräfte im Zukunftsbild als Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter, 42 Prozent geben an, dass dies an ihrer Schule bereits umgesetzt ist. Schülerinnen und Schüler an der Gestaltung von Lernformen zu beteiligen, befürworten 86 Prozent. Als Realität beschreiben es 19 Prozent. Ein im Bericht zitierter Gymnasialschulleiter formuliert den Veränderungsbedarf so: „Also offene Konzepte, offene Lernräume, anders als dieses klassisch strukturierte 45 Minuten getaktete Ding.“
Zeitlich flexibles Lernen wünschen sich 77 Prozent der Befragten; zwölf Prozent sehen es verwirklicht. Zugleich sollen Schulen stärker mit ihrem Umfeld verbunden sein: 96 Prozent wollen eine Vernetzung als zentraler Akteur im Sozialraum, 52 Prozent berichten von einer entsprechenden Umsetzung.
Breite Zustimmung gibt es außerdem zu multiprofessionellen Teams an der Seite von Schülerinnen, Schülern und Eltern. 93 Prozent wünschen sie sich, 38 Prozent sehen sie an ihrer Schule vorhanden. Dafür benötigen Schulen zusätzliches Fachpersonal – und sind wiederum auf die zuständigen Stellen sowie auf einen Arbeitsmarkt angewiesen, der diese Fachkräfte bereitstellen kann.
Beim Ziel herrscht oft Einigkeit – bei Noten und Jahrgängen weniger
Die große Zustimmung zu veränderten Lernformen bedeutet allerdings nicht, dass Schulleitungen sämtliche bestehenden Strukturen auflösen wollen. Sobald es um Fächer, Noten und Jahrgänge geht, fällt die Zustimmung deutlich geringer aus.
Jeweils rund 60 Prozent befürworten eine starke Eigenständigkeit bei der Entwicklung des Curriculums sowie ein Aufbrechen des Fächerkanons zugunsten transdisziplinären Lernens. Einen Verzicht auf Noten wünschen sich 49 Prozent, durchgehend jahrgangsübergreifendes Lernen 45 Prozent. Dass Schülerinnen, Schüler und Kollegium den ganzen Tag an der Schule verbringen, gehört für 51 Prozent zum Zukunftsbild.
Die Studie unterscheidet deshalb zwischen zwei Problemen: Bei Zielen wie flexiblen Räumen oder multiprofessionellen Teams besteht weitgehend Einigkeit, die Umsetzung bleibt jedoch zurück. Bei weiterreichenden Strukturveränderungen fehlt bereits ein gemeinsames Zielbild.
Diese Unterschiede sind auch für die Bewertung der Reformbereitschaft bedeutsam. Die Befragten wollen in großer Mehrheit die pädagogische Arbeit und ihre Rahmenbedingungen verändern. Welche institutionellen Regeln dafür aufgegeben werden sollten, ist unter ihnen weniger klar.
Basiskompetenzen stehen im Zentrum der Reformagenda
Gefragt nach Veränderungen für mehr Lernerfolg setzen die Schulleitungen an erster Stelle auf die Stärkung der Basiskompetenzen: 79 Prozent nennen diesen Punkt. Es folgen ein besserer Umgang mit Heterogenität mit 71 Prozent, mehr multiprofessionelles Personal mit 69 Prozent und frühere Sprachförderung mit 65 Prozent. Hinter den bereits genannten besseren Räumen und der Infrastruktur mit 64 Prozent stehen grundlegend überarbeitete Rahmenlehrpläne mit 61 Prozent.
Die Reformvorstellungen richten sich damit stark auf die Voraussetzungen, unter denen Kinder und Jugendliche erfolgreich lernen können. An Schulen in herausfordernder Lage werden einige dieser Forderungen noch häufiger genannt: Dort wünschen 86 Prozent eine Stärkung der Basiskompetenzen und 76 Prozent eine frühere Sprachförderung.
Zugleich soll Schule über fachliches Wissen hinausgehen. Die Förderung von Lebenskompetenzen gehört für rund 95 Prozent der Schulleitungen zum Zukunftsbild. Bei der Vorbereitung auf die Zeit nach der Schule – hierzu wurden die allgemeinbildenden weiterführenden Schulen befragt – stimmen 91 Prozent zu, dass Schule junge Menschen befähigen müsse, mit den Unsicherheiten der Arbeitswelt umzugehen. 67 Prozent wünschen sich mehr Praxisnähe in der Berufsorientierung.
Die Digitalisierung ist im gewünschten Schulalltag ebenfalls fest verankert. 91 Prozent wollen digitalisierte Lernformate als alltägliche Praxis, 59 Prozent sehen sie umgesetzt. Einen selbstverständlichen Einsatz von Künstlicher Intelligenz wünschen sich 77 Prozent, neun Prozent beschreiben ihn als Realität. Hier verzeichnet die Studie Bewegung: Gegenüber der vorangegangenen Erhebung stieg der Anteil der Schulen mit selbstverständlichem KI-Einsatz von drei auf neun Prozent. Gleichzeitig wuchs die Zustimmung zum Ziel noch stärker.
Für Schulentwicklung fehlen vor allem Zeit und Entlastung
Was benötigen Schulleitungen, um die Entwicklung ihrer Schule voranzutreiben? Die Antworten fallen nahezu einhellig aus: Jeweils 97 Prozent wünschen mehr zeitliche Ressourcen und einen Abbau bürokratischer Anforderungen. 91 Prozent fordern Entlastung auf der Leitungsebene und ebenso viele multiprofessionelle Teams. Rückendeckung durch die Schulaufsicht wünschen sich 89 Prozent, Personalhoheit 87 Prozent.
Wie weit Anspruch und Wirklichkeit beim Bürokratieabbau auseinanderliegen, zeigt schon die Abfrage zum Zukunftsbild: 96 Prozent wünschen eine deutlich reduzierte Bürokratie. Nur drei Prozent geben an, dass dieser Zustand an ihrer Schule erreicht ist – die größte Lücke im gesamten Vergleich.
Auch die Frage nach politischen Prioritäten führt zu besseren Rahmenbedingungen. Könnten die Befragten selbst als Bildungsministerin oder Bildungsminister handeln, würden 56 Prozent zunächst deutlich mehr Geld in die Schulen investieren. Dabei durften sie bis zu drei Sofortmaßnahmen auswählen. Es folgen mehr Schulautonomie mit 36 Prozent, ein massiver Bürokratieabbau mit 34 Prozent und die Gleichbehandlung aller Schulformen mit 33 Prozent. Die Abschaffung des Bildungsföderalismus nennen 26 Prozent, die des gegliederten Schulsystems 22 Prozent.
Trotz der großen Abstände zwischen ihren Vorstellungen und dem Schulalltag blicken die Schulleitungen wieder etwas zuversichtlicher nach vorn: 48 Prozent sind sehr oder eher zuversichtlich, was die Weiterentwicklung ihrer eigenen Schule betrifft. In der vorangegangenen Erhebung waren es 44 Prozent. Der Gestaltungswille ist damit weiterhin vorhanden.
Und der ist auch nötig. Mit dem Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung, dem Startchancen-Programm und dem Digitalpakt 2.0 stünden drei große Reformvorhaben an, erklärt Deutschlands renommiertester Jugendforscher Prof. Klaus Hurrelmann im Vorwort der Studie – ein riesiges Potenzial für Veränderung. „Jedes dieser Vorhaben für sich ist ambitioniert. Zusammen könnten sie einen Entwicklungsschub auslösen, wie ihn das deutsche Schulsystem seit Langem nicht erlebt hat.“ Für Hurrelmann reicht deren Bedeutung weit über einzelne Maßnahmen hinaus: „Es geht also nicht um einzelne Korrekturen am bestehenden System. Es geht um die Frage, wie Schule in Zukunft arbeiten soll.“ News4teachers
Hier lässt sich die vollständige Studie herunterladen.









