WIESBADEN. Rund 809.000 Schülerinnen und Schüler starten in Hessen ins neue Schuljahr – etwa 6.000 mehr als im Vorjahr. Kultusminister Armin Schwarz (CDU) sieht die Schulen dafür gut aufgestellt und bezeichnet die Unterrichtsversorgung als stabil. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) widerspricht allerdings entschieden: Die offiziellen Zahlen sagten wenig darüber aus, ob tatsächlich genügend qualifiziertes Personal, Räume und zusätzliche Zeit zur Verfügung stehen.

Die wichtigste Veränderung betrifft zunächst die jüngsten Schülerinnen und Schüler. Seit dem 1. August gilt bundesweit der Rechtsanspruch auf ganztägige Betreuung für Kinder der ersten Klasse. Mit dem Beginn des hessischen Schuljahres wird er damit für rund 58.400 Schulanfängerinnen und Schulanfänger praktisch relevant. Bis 2029 wird der Anspruch schrittweise auf alle vier Grundschuljahrgänge ausgeweitet.
Schwarz geht davon aus, dass jedem Kind der ersten Klasse, das einen Platz benötigt, auch einer angeboten werden kann. Ganztag dürfe dabei nicht lediglich Betreuung bedeuten, betont der Kultusminister. Neben der Förderung der Kernkompetenzen in Deutsch und Mathematik sollen unter anderem Medienbildung und der Umgang mit Künstlicher Intelligenz eine Rolle spielen.
Zumindest aus Frankfurt kommen zum Start des Rechtsanspruchs positive Signale. Die Stadt meldet für das vergangene Schuljahr eine Versorgungsquote mit Betreuungsplätzen in Schulen und Horten von rund 105 Prozent – rechnerisch also mehr Plätze als Kinder. Allerdings verteilen sich Angebot und Nachfrage nicht gleichmäßig über das Stadtgebiet. In einigen Stadtteilen besteht nach Angaben der Stadt weiterhin Bedarf. 94 Prozent der vorhandenen Plätze entsprächen den Anforderungen des Rechtsanspruchs.
Der VBE warnt allerdings davor, aus solchen Zahlen oder der Teilnahme von Schulen an Ganztagsprogrammen unmittelbar auf eine gesicherte Versorgung zu schließen. Entscheidend sei nicht allein, ob Stellen eingeplant seien, sondern ob das benötigte Personal tatsächlich zur Verfügung stehe. Hinzu komme die Raumsituation, die nach Einschätzung des Verbands an vielen Schulen nicht ausreichend sei.
Damit führt der Ganztagsanspruch unmittelbar zu einem Konflikt, der das neue Schuljahr insgesamt prägen dürfte: Wie belastbar ist die vom Kultusministerium dargestellte Personalausstattung?
Nach Angaben von Schwarz bleibt die Unterrichtsversorgung mit knapp 67.000 Lehrkräften „stabil“. Die Personalgewinnung laufe auf Hochtouren. Zusätzlich sollen Pensionärinnen und Pensionäre, die ihre Dienstzeit verlängern, die Kollegien verstärken. Auch Quereinstiegs- und Weiterbildungsprogramme für Akademikerinnen und Akademiker stoßen nach Darstellung des Ministeriums auf Resonanz.
Der VBE hält die Zahlen jedoch nicht für ausreichend, um die tatsächliche Unterrichtsversorgung zu beurteilen. „In seiner Pressemitteilung zum neuen Schuljahr hat das Kultusministerium nur so mit Zahlen um sich geworfen. Auf den ersten Blick scheint es deshalb, als würden an den Schulen paradiesische Zustände herrschen. Doch wer Schule auch von innen kennt, weiß: Die Zahlen sind Augenwischerei!“, erklärt der hessische VBE-Landesvorsitzende Stefan Wesselmann.
Als Beispiel nennt der Verband die Versorgung des Grundunterrichts. Dafür weist das Kultusministerium nach Angaben des VBE 40.950 Lehrkräftestellen aus. Diese seien jedoch keineswegs sämtlich mit ausgebildeten Lehrkräften besetzt. Nach Angaben des Verbands gibt es Regionen, in denen zwischen 25 und 50 Prozent der Personen, die vor Klassen stehen, kein Lehramtsstudium absolviert haben. „Die Unterrichtsversorgung ist also keineswegs verlässlich und stabil, sondern höchstens verlässlich instabil!“, sagt Wesselmann.
Neben dem Ganztagsanspruch kündigt das Kultusministerium mehrere Neuerungen für den Schulalltag an:
Mathematik: An 60 Pilotschulen soll der Lernstand künftig in den Jahrgangsstufen drei, vier, fünf, acht und neun erhoben werden. Bislang sind an allen Schulen zwei Lernstandserhebungen in verschiedenen Fächern in den Klassen drei und acht verpflichtend. Die zusätzlichen Mathe-Checks sollen eine gezieltere Förderung ermöglichen. „Keine Daten ohne Taten, keine Diagnostik ohne Förderung“, erklärt Schwarz.
Leseförderung: Ab dem zweiten Schulhalbjahr sollen 100 Grundschulen eine verbindliche tägliche Lesezeit von 20 bis 25 Minuten in den Jahrgangsstufen drei und vier erproben. Sie soll fachübergreifend stattfinden und nicht auf den Deutschunterricht beschränkt bleiben.
Digitale Bildung: Das bislang an 80 Schulen erprobte Projekt „Digitale Welt“ soll in den Ganztag überführt und allen Schulen als Angebot zugänglich gemacht werden.
Erste Hilfe: Bis zum Ende des neuen Schuljahres sollen rund 120.000 Schülerinnen und Schüler Wiederbelebungsunterricht erhalten haben. Damit hätten nach Angaben des Ministeriums alle Jugendlichen in Hessen in der Jahrgangsstufe sieben entsprechende Kurse absolviert.
Religionsunterricht: An ersten Schulen beginnt der konfessionell-kooperative Religionsunterricht. Evangelische und katholische Schülerinnen und Schüler werden dabei gemeinsam unterrichtet und beschäftigen sich mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden der beiden Konfessionen.
Gerade die angekündigte Lesezeit zeigt aus Sicht des VBE allerdings das Grundproblem der neuen Vorhaben. Dafür werde weder der Stundenplan erweitert noch würden den Schulen zusätzliche Personalstunden zur Verfügung gestellt. Stattdessen sollen sie das Lesen fachübergreifend fördern und Materialien erhalten. „Materialien schaffen aber keine Zeit! Abgesehen davon, dass Lesezeiten keine Erfindung des Kultusministeriums sind, sondern bereits an vielen Schulen erfolgreich praktiziert werden“, erklärt Wesselmann.
Der VBE vermisst Lösungen in wichtigen Bereichen. Der Verband nennt insbesondere Inklusion und Förderschulen sowie den Hitzeschutz. Wesselmann richtet den Blick deshalb auf die Bedingungen, unter denen die neuen Vorhaben umgesetzt werden sollen: „Die eigentliche Frage ist doch: Was brauchen Schulen, um Schülerinnen und Schüler unterrichten und fördern zu können? Was brauchen wir, um Bildungsgerechtigkeit zu schaffen? Leider hat das Kultusministerium diese Fragen schon im letzten Schuljahr ignoriert, das geprägt war von Kürzungen in der Lehrkräftebildung, Einsparungen beim Sozialindex und bei der Binnendifferenzierung an den IGSen. Wir brauchen deshalb keine aufgehübschten Zahlen – wir brauchen dringend eine Kurs-Korrektur!“ News4teachers / mit Material der dpa
Neue GEW-App dokumentiert Lehrkräfte-Arbeitszeit – Druck auf Kultusminister wächst










Danke für die Ehrlichkeit!
Wer bessere Bedingungen an Schulen will, muss andere demokratische Parteien wählen.
Die CDU ist aufs Ganze gegangen und hofft zu überzeugen – Daumendrück – doch mehr ist bei ihr nicht zu erhoffen.
Wahlkampf sollte öfter so laufen, Chem! -__-
https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/jung-haelt-an-plan-zur-bezahlung-von-referendaren-in-den-sommerferien-fest-100.html