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PISA-Chef Schleicher: „Das deutsche Bildungssystem ist ambitionslos geworden“

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BERLIN. Deutschlands Schülerinnen und Schüler sind bei PISA auf den tiefsten Stand seit Beginn der Erhebungen gefallen. OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher sieht ein Bildungssystem, das sich mit schwächeren Leistungen arrangiert, Kinder aus benachteiligten Familien zu früh auf weniger anspruchsvolle Bildungswege verweist und die Möglichkeiten der Digitalisierung bislang nicht überzeugend nutzt. Andere Staaten zeigten, dass sich soziale Nachteile verringern und Leistungsanspruch mit Unterstützung verbinden ließen.

„Es macht mir Sorgen, dass das Bildungssystem in Deutschland seinen Anspruch verliert“: PISA-Koordinator Andreas Schleicher. Foto: OECD

Die neuen PISA-Ergebnisse lassen Andreas Schleicher wenig Raum für Beschönigungen. „Leider sind die Ergebnisse auf den tiefsten Stand gesunken“, sagt der OECD-Bildungsdirektor und internationale Koordinator der PISA-Studien im Interview mit tagesschau24. Deutschland habe etwa in den Naturwissenschaften lange im guten bis oberen Mittelfeld gelegen und sei inzwischen auf den OECD-Durchschnitt zurückgefallen. Das liege zum großen Teil an sinkenden Leistungen hierzulande – aber auch daran, dass andere Staaten deutlich besser geworden seien.

Die Abwärtsbewegung werde in Deutschland offenbar zunehmend hingenommen. „Es macht mir Sorgen, dass das Bildungssystem in Deutschland seinen Anspruch verliert“, sagt er im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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Zu den Befunden, die Schleicher an den neuen PISA-Ergebnissen besonders beunruhigen, gehört der Umgang Jugendlicher mit Informationen. „Was mir besonders Sorge macht, ist, dass es einen wachsenden, großen Teil junger Menschen gibt, die sagen: Wenn ich mich zwischen Bauchgefühl und Evidenz entscheiden muss, dann verlasse ich mich auf mein Bauchgefühl“, sagt er bei tagesschau24. Zugleich würden Texte oberflächlicher gelesen. Jugendlichen falle es schwerer, sich mit komplexen Sachverhalten auseinanderzusetzen, Unstimmigkeiten zu erkennen und unterschiedliche Argumente gegeneinander abzuwägen.

Hinzu komme eine aus seiner Sicht problematische Erwartung an schulische Bewertungen: Er sei überrascht gewesen, „wie deutlich die Erwartungshaltung bei Schülern ausgeprägt ist, für mittelmäßige Leistungen gute Noten zu bekommen“, sagt er im FAZ-Interview.

Die PISA-Ergebnisse von 2022, die vielfach noch unter dem Eindruck der Corona-Pandemie interpretiert wurden, erscheinen damit im Rückblick nicht als einmaliger Einbruch. Schleicher verweist darauf, dass insbesondere der Rückgang der Lesekompetenz deutlich früher eingesetzt habe. „Ich habe schon damals gesagt, dass Corona nicht das eigentliche Problem ist“, erklärt er. „Die Pandemie hat Entwicklungen verstärkt, aber schon damals konnten wir sehen, gerade bei der Lesekompetenz, dass der Leistungsabfall schon 2015 begonnen hatte und mit einem veränderten Leseverhalten in der digitalen Welt einherging.“

„Das Bildungssystem in Deutschland ist ambitionslos geworden“

Bei der Suche nach den Ursachen richtet Schleicher den Blick zunächst auf das Bildungssystem selbst. Im WDR 5 formuliert er seine Kritik deutlich: „Das Bildungssystem in Deutschland ist ambitionslos geworden. Minderleistungen nimmt man oft einfach so in Kauf.“ Statt Schülerinnen und Schüler bei Schwierigkeiten stärker zu fördern und zugleich an hohen Erwartungen festzuhalten, würden Anforderungen häufig abgesenkt. Besonders kritisch sieht Schleicher dabei die frühe Aufteilung auf unterschiedliche Schulformen.

„Man sagt jungen Menschen sehr früh: Hat nicht so gut geklappt, geht mal auf eine Schulform, wo das nicht so schwierig ist. Und dann setzt man den Leistungsanspruch noch einmal herunter“, sagt er im WDR. Bei tagesschau24 bezieht er diese Kritik insbesondere auf Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund: „Da wird nicht gesagt: Ihr könnt das, wir fördern euch. Sondern da wird sehr schnell gesagt: Klappt nicht so gut, jetzt machen wir das einfacher. Und das ist nicht förderlich.“

Schleicher sieht allerdings auch bei den Jugendlichen selbst Anzeichen für eine nachlassende Leistungsorientierung. Im Gespräch mit der FAZ verweist er auf die aus seiner Sicht auffällige Erwartung, auch für mittelmäßige Leistungen gute Noten zu erhalten. Nach den neuen PISA-Daten ist zudem die Bereitschaft, sich bei schwierigen Problemlösungen durchzubeißen, in Deutschland zurückgegangen.

Eine dritte Ebene betrifft die Familien. Schleicher verweist auf PISA-Befragungen, nach denen die Unterstützung durch die Eltern in Deutschland zurückgegangen sei. Dabei gehe es nicht darum, dass Mütter und Väter täglich stundenlang mit ihren Kindern Hausaufgaben machten. Entscheidend sei vielmehr, welchen Stellenwert sie dem schulischen Lernen vermittelten. „Es geht einfach darum, meinen Kindern zu zeigen: Was ihr da in der Schule macht, das ist wichtig für mich, das ist wichtig für euch“, sagt Schleicher. „Wo Kinder das Gefühl haben: Meine Eltern stehen hinter mir, meine Lehrkräfte stehen hinter mir, das ist alles wichtig – da macht das Lernen auch plötzlich Spaß. Und das geht irgendwo verloren.“

Was England, Kanada, die Türkei und China anders machen

Dass soziale Herkunft nicht zwangsläufig so stark über den Bildungserfolg entscheiden muss, zeigt Schleicher mit dem Blick ins Ausland. Besonders häufig verweist er auf England. Dort sei es gelungen, ein leistungsorientiertes und zugleich unterstützendes Umfeld zu schaffen.

„Die haben ein sehr gutes, leistungsorientiertes Umfeld, wo es jungen Menschen auch Spaß macht, sich wirklich einzusetzen. Auch dieser Einsatz fehlt in Deutschland“, sagt Schleicher bei tagesschau24. Gleichzeitig erlebten Schülerinnen und Schüler dort stärker, dass ihre Lehrkräfte an ihrer Arbeit interessiert seien, sie unterstützten und Hilfe anböten. „Und vor allen Dingen ist es denen gelungen, die soziale Schere anzugehen. Dort haben Schüler mit Migrationshintergrund, mit vielleicht sozial ungünstigem Umfeld heute deutlich bessere Lern- und Leistungschancen.“

Eine wesentliche Stellschraube sieht Schleicher in der Verteilung der Ressourcen. England gebe nicht unbedingt mehr Geld aus als Deutschland, investiere es aber gezielter dort, wo die Schwierigkeiten am größten seien. Schulen in benachteiligten Lagen hätten zusätzliche Mittel erhalten. Deutschland beginne mit dem Startchancen-Programm inzwischen ebenfalls, Ressourcen stärker nach Bedarf zu verteilen – England habe damit allerdings schon vor rund 20 Jahren begonnen.

Im FAZ-Interview hebt Schleicher außerdem die Bedeutung klarer Strukturen hervor. Gerade Kinder aus ungünstigen Verhältnissen seien auf ein verlässliches Lernumfeld angewiesen. Großbritannien habe Struktur und Disziplin stärker in den Vordergrund gerückt. „Letztendlich hat das in den Schulen ein besseres Arbeitsklima geschaffen.“

Kanada ist für Schleicher zugleich ein Beispiel für eine erfolgreichere Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationsgeschichte. Er sagt, dort lasse sich der Migrationshintergrund nach zwei Jahren in den Leistungen kaum noch erkennen. Er führt das auf intensive Förderung und eine datengestützte Beobachtung der Lernentwicklung zurück. In Deutschland hingegen fielen „einfach zu viele junge Menschen durch das Raster“.

Schleicher blickt auch nach Ostasien. In den chinesischen Teilnehmerregionen seien die Leistungen trotz teilweise ungünstiger sozialer Voraussetzungen außerordentlich hoch. Entscheidend sei dabei keineswegs ein von Drill bestimmtes Schulsystem, wie es in Europa häufig wahrgenommen werde. Schleicher verweist unter anderem auf die Auswahl und Arbeitsorganisation der Lehrkräfte. Diese unterrichteten zum Teil Klassen mit rund 50 Kindern, hätten aber nur elf oder zwölf Unterrichtsstunden pro Woche. Dadurch bleibe erheblich mehr Zeit für die Arbeit mit einzelnen Schülerinnen und Schülern, Elternkontakte und den professionellen Austausch.

Auch gute pädagogische Ideen könnten sich nach seiner Beobachtung schneller verbreiten. Chinesische Schulen erhielten Mittel, um Konzepte auszuprobieren; bewährten sie sich, könnten sie auf weitere Schulen übertragen werden. Die Ergebnisse zeigten sich in den PISA-Daten: „Spannend für Deutschland ist die Beobachtung, dass die Kinder aus den sozial ungünstigsten Umfeldern der chinesischen Teilnehmerregionen in Mathematik und den Naturwissenschaften so gut abschneiden wie die Kinder aus den günstigsten sozialen Umfeldern in Deutschland.“ News4teachers

Hier geht es zu einem zweiten Bericht darüber, wie Andreas Schleicher die aktuelle PISA-Studie kommentiert: 

PISA-Chef Schleicher: Deutschlands Schulsystem nutzt Chancen der Digitalisierung nicht

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2 Kommentare
ed840
18 Minuten zuvor

„. Er sagt, dort lasse sich der Migrationshintergrund nach zwei Jahren in den Leistungen kaum noch erkennen.

Eigentlich schon, denn in Kanada schneiden die Migranten bei gleicher sozialer Schicht dann im Schnitt besser ab als die Einheimischen. War zumindest 2022 noch so als auch die zuwanderungsbezogenen Ergebnisse ausgewiesen wurden.

 Er führt das auf intensive Förderung und eine datengestützte Beobachtung der Lernentwicklung zurück.“

Sieht er keinen Zusammenhang damit, dass Zuwanderung in Kanada hauptsächlich über das Punktesystem der Skilled Worker Programs erfolgt und bei den 10 Hauptherkunftsländern nur in China weder Englisch noch Französisch Amtssprachen sind?

Interessant wäre auch, was er als Ursache ansieht, dass SuS ohne Migrationshintergrund in Kanada bei PISA-2025 weniger Punkte erzielten als die Pendants im Schnitt der 16 deutschen Bundesländer.

Canishine
3 Minuten zuvor
Antwortet  ed840

Danke, dass Sie immer mal wieder kleine Anregungen zum Nachdenken geben. Leider könnte man dann den Eindruck bekommen, dass ein Großteil der öffentlichen Debatte ohne echte Bereitschaft zur differenzierten Auseinandersetzung mit der Materie geführt wird.