Start Themenmonate Schulbau & Schulausstattung Appell an Schulträger: Gesündere Klassenräume müssen kein Millionenprojekt sein

Appell an Schulträger: Gesündere Klassenräume müssen kein Millionenprojekt sein

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NEUKIRCHEN-VLUYN. Stickige Luft, störender Nachhall, schlechtes Licht: Die Bedingungen in Klassenräumen können Lernen und Lehren unnötig erschweren. Dabei lassen sich bestehende Räume häufig mit überschaubarem Aufwand verbessern. Ein Projekt an drei Schulen zeigt, wie sich Lüftung, Akustik und Beleuchtung gemeinsam modernisieren lassen – und welche Kosten dabei entstehen. Christine Roßkothen, Geschäftsführerin der Heinz Trox-Stiftung, plädiert im folgenden Gastbeitrag dafür, diese Möglichkeiten stärker zu nutzen.

„Spürbare Verbesserungen sind im Bestand möglich“: Christine Roßkothen, Geschäftsführerin der Heinz Trox-Stiftung. Foto: Heinz Trox-Stiftung

Wir erwarten von Kindern und Jugendlichen, dass sie aufmerksam zuhören, konzentriert arbeiten und miteinander lernen. Wir wünschen uns von Lehrkräften, dass sie erklären, motivieren und auf unterschiedliche Bedürfnisse eingehen. Dann sollten wir aber auch fragen, ob die Räume, in denen all das stattfinden soll, diese Arbeit unterstützen. Aus meiner Sicht gehört diese Frage ins Zentrum der Bildungsdebatte. Denn die Bedingungen im Klassenraum lassen sich verändern – häufig mit überschaubarerem Aufwand, als die große Debatte über den Sanierungsstau vermuten lässt.

Wir sprechen über Unterricht oft so, als fände er unter geeigneten Bedingungen statt. Tatsächlich kann schon das Zuhören unnötig anstrengend sein: Gesprochenes hallt nach, Stühlerücken und Gespräche überlagern die Stimme der Lehrkraft. Dazu kommt Luft, die im Laufe der Unterrichtsstunde zunehmend stickig wird. Die Fenster zu öffnen, bringt womöglich Straßenlärm und im Winter kalte Zugluft herein. Im Sommer heizen sich Räume auf. An manchen Tischen bleibt es selbst bei eingeschalteter Beleuchtung zu dunkel. Wir sollten solche Bedingungen als veränderbare Hindernisse für gutes Lernen und Lehren behandeln.

Wie verbreitet die Probleme sein können, zeigte eine Feldstudie der Heinz Trox Wissenschafts gGmbH, der Tochtergesellschaft der Heinz Trox-Stiftung mit Sitz an der RWTH Aachen. In 48 Klassenräumen an 23 Schulen in Aachen und Neukirchen-Vluyn wurden Luftqualität, Raumakustik und Beleuchtung untersucht. Die Fensterlüftung reichte häufig nicht aus, um dauerhaft eine hygienisch akzeptable Luftqualität sicherzustellen. Bei der Akustik wurden nahezu durchgehend Defizite festgestellt. Und die Plätze auf der den Fenstern gegenüberliegenden Seite waren vielfach unzureichend beleuchtet. Das Problem war also eine Kombination mehrerer ungünstiger Bedingungen.

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die wir auf unserer Wissensplattform „Zukunftsraum Schule“ zusammenführen, zeigen, warum das relevant ist. Untersuchungen beschreiben Zusammenhänge zwischen der Luftversorgung und Aufmerksamkeit, Bearbeitungsgeschwindigkeit oder Fehlzeiten. Raumqualität gehört deshalb für mich zu den Voraussetzungen, über die wir sprechen müssen, wenn wir bessere Bildung ermöglichen wollen. Wir investieren viel in Unterricht. Dann sollten wir auch dafür sorgen, dass seine Wirkung nicht durch vermeidbare Belastungen im Klassenraum beeinträchtigt wird.

Ein anschauliches Beispiel liefert eine 2020 veröffentlichte dänische Untersuchung mit 92 Kindern zwischen zehn und zwölf Jahren. Bei der Kombination aus besserer Lüftung und veränderter Beleuchtung verbesserten sich in den eingesetzten Tests die Bearbeitungsgeschwindigkeit um 6,6 Prozent, die Konzentration um 8,3 Prozent und die mathematischen Leistungen um 11,8 Prozent. Der Befund macht deutlich, welches Potenzial darin liegt, verschiedene Raumfaktoren gemeinsam zu verbessern.

Ich weiß zugleich, vor welchen Herausforderungen viele Schulträger stehen. Gebäude müssen instandgehalten, zusätzliche Schulplätze geschaffen und knappe Haushaltsmittel verteilt werden. Wer bessere Klassenräume fordert, muss deshalb konkret werden: Welche Maßnahmen helfen? Lassen sie sich in bestehenden Gebäuden umsetzen? Und welche Kosten entstehen? Auf diese Fragen brauchen Kommunen Antworten, mit denen sie planen können.

„Für mich liegt darin eine zentrale Botschaft: Spürbare Verbesserungen sind im Bestand möglich“

Hier setzt ein Projekt der Heinz Trox Wissenschafts gGmbH Neukirchen-Vluyn an. In vier Räumen an drei Schulen wurden Lüftung, Akustik und Beleuchtung gemeinsam modernisiert. Die Ausgangslagen waren unterschiedlich: Zwei Grundschulräume hatten schallharte Betondecken und wurden über Fenster belüftet. Im Informatikraum einer Gesamtschule war bereits eine Akustikdecke vorhanden, das Fensteröffnen aber durch die Nutzung eingeschränkt. Ein innenliegender Musikraum eines Gymnasiums verfügte über Lichtkuppeln, die sich bei ungünstigem Wetter nicht zum Lüften öffnen ließen. An solchen Stellen brauchen Schulen bauliche und technische Unterstützung, die ihren Alltag tatsächlich erleichtert.

Die Sanierung setzte deshalb bei den vorhandenen Räumen an. Deckenlüftungsgeräte wurden mit akustisch wirksamen Deckenflächen und moderner LED-Beleuchtung kombiniert. Je nach Ausgangslage wurden vorhandene Decken einbezogen oder neue Deckenflächen ergänzt.

Für mich liegt darin eine zentrale Botschaft: Spürbare Verbesserungen sind im Bestand möglich. Dafür muss nicht zwangsläufig das gesamte Schulgebäude umgebaut werden. Ein durchdachtes Konzept kann vorhandene Strukturen nutzen und mehrere Probleme in einem Arbeitsgang angehen. Gerade die Decke bietet dafür Möglichkeiten: Sie kann Lüftungstechnik aufnehmen, Schall absorbieren und eine bessere Beleuchtung ermöglichen. Wer diese Aufgaben gemeinsam plant, kann Maßnahmen bündeln und den Eingriff in den Schulalltag begrenzen.

Die Ergebnisse lassen sich messen. Im untersuchten Grundschulraum halbierte sich die mittlere Nachhallzeit von 1,2 auf 0,6 Sekunden. Bei der Luftqualität verschwanden die ausgeprägten hohen CO₂-Spitzen. Anschaulich ist auch der Vergleich beim Licht: Vor der Sanierung erreichte bei der Messung ohne Tageslichteinfluss kein Tisch 500 Lux. Danach lagen alle darüber. Gleichzeitig sank die installierte elektrische Leistung der Beleuchtung von 464 auf 328 Watt – um rund 29 Prozent.

Das ist ein praktischer Fortschritt: Ein bestehender Klassenraum bietet nach einer überschaubaren Baumaßnahme bessere Bedingungen für den täglichen Unterricht. Und was kostet eine solche Verbesserung? Unser Leitfaden „Klassenräume SMART sanieren“ enthält eine exemplarische Rechnung für den sanierten Grundschulraum: Werden die Investitionen über die angenommenen Nutzungsdauern verteilt und die Wartung einbezogen, ergeben sich jährlich 1.831 Euro. Bei 24 Kindern und einer Lehrkraft entspricht das rund 73 Euro pro Person und Jahr. Davon entfallen jährlich rund 1.610 Euro auf Lüftung einschließlich Heizkreiseinbindung und Wartung, 105 Euro auf die Beleuchtung und 116 Euro auf die Akustikdecke.

Diese Rechnung setzt Nutzungsdauern von 15 Jahren für das Lüftungsgerät, 35 Jahren für die Beleuchtung und 25 Jahren für die Akustikdecke an. Energiekosten sind nicht enthalten, Inflation ist vereinfachend nicht berücksichtigt. Die Beträge beschreiben ein konkretes Sanierungsbeispiel und müssen für andere Gebäude mit aktuellen Angeboten überprüft werden. Dennoch geben sie eine Größenordnung, über die sich sachlich sprechen lässt. Sie helfen, die verbreitete Vorstellung zu hinterfragen, bessere Raumbedingungen seien erst mit einem finanziellen Kraftakt erreichbar.

„Mein Appell an Schulträger lautet deshalb: Prüfen Sie, welche Verbesserungen in Ihren bestehenden Klassenräumen schon jetzt möglich sind“

Natürlich muss eine Kommune die Anfangsinvestition finanzieren können. Aber sie sollte diese Investition auch über den Zeitraum bewerten, in dem viele aufeinanderfolgende Jahrgänge davon profitieren. Ein Raum wird über Jahre täglich genutzt. Verbesserungen an Luft, Akustik und Licht kommen entsprechend immer wieder zum Tragen. Aus meiner Sicht gehört dieser dauerhafte Nutzen in jede Wirtschaftlichkeitsbetrachtung.

Ebenso wichtig ist die Möglichkeit, schrittweise vorzugehen. Nicht jeder Raum einer Schule hat dieselben Probleme. Wo die Belastungen besonders groß sind, lässt sich mit einer gezielten Bestandsaufnahme beginnen. Welche Ausstattung ist vorhanden? Was kann weitergenutzt werden? Welche Maßnahmen lassen sich verbinden und in einem Ferienzeitraum umsetzen? Daraus kann ein erster Sanierungsabschnitt entstehen, dessen Erfahrungen bei weiteren Räumen helfen. So lässt sich die Sanierung Schritt für Schritt planen und umsetzen.

Dabei sollten diejenigen mitreden, die täglich in den Räumen lernen und arbeiten. An der Gesamtschule Niederberg in Neukirchen-Vluyn knüpft daran im Schuljahr 2026/27 das Projekt „SMART Classroom“ an, das wir gemeinsam mit der Heinz Trox Wissenschafts gGmbH und der Schule verfolgen. Schülerinnen und Schüler untersuchen Temperatur, Akustik, Innenraumluft und Licht in ihrer eigenen Lernumgebung. Sie verbinden Messungen mit ihren Erfahrungen, entwickeln Fragen und erarbeiten begründete Verbesserungsvorschläge. Ideen können im schuleigenen FabLab, einer Werkstatt für digitales Gestalten und Bauen, konkretisiert und anschließend auf ihre Machbarkeit geprüft werden.

Ich halte diese Verbindung für besonders wertvoll: Die Jugendlichen lernen, Beobachtungen zu überprüfen und aus Erkenntnissen Vorschläge zu entwickeln. Schule und Schulträger erhalten zugleich eine fundierte Perspektive auf den Alltag im Gebäude. Die Erfahrungen sollen auch für weitere Schulen aufbereitet werden. Denn gute Lösungen brauchen fachliches Wissen und Menschen, die ihre Lernumgebung mitgestalten können.

Mein Appell an Schulträger lautet deshalb: Prüfen Sie, welche Verbesserungen in Ihren bestehenden Klassenräumen schon jetzt möglich sind. Die Beispiele aus Neukirchen-Vluyn zeigen einen gangbaren Weg – mit kombinierten Maßnahmen, einer Umsetzung in den Ferien und nachvollziehbaren Kosten. Wir sollten diese Möglichkeiten nutzen. Gute Bildung braucht Räume, in denen Kinder und Lehrkräfte ihre Aufmerksamkeit auf das Lernen richten können. News4teachers 

News4teachers unterstützt die Heinz Trox-Stiftung bei ihrer Kampagne für gesündere Klassen- und Lernräume. 

Hier lässt sich der Leitfaden „Klassenräume SMART sanieren“ gratis herunterladen. 

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Schulbau & Schulausstattung“. 

Lehrerverband fordert nach brisanter Studie: Schulgebäude müssen gesünder werden

 

 

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