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Drei Viertel der Festgenommenen haben einen Migrationshintergrund – ja und?

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FRANKFURT/BERLIN. Nach den Ausschreitungen im Anschluss an die Jugendproteste richtet sich die politische Debatte vor allem auf die Herkunft der mutmaßlichen Täter. Nach Angaben des hessischen Innenministeriums haben rund 80 Prozent der in Frankfurt am Main Festgenommenen einen Migrationshintergrund. Doch was sagt diese Zahl über die Ursachen der Gewalt aus? Ein Frankfurter Psychotherapeut, Kriminologen und ein Strafrechtler verweisen auf soziale Benachteiligung, fehlende Zugehörigkeit, Gruppendynamiken und mangelnde Perspektiven – sowie einen überaus schlichten Faktor: der ohnehin hohe Anteil von Migranten unter Jugendlichen in Städten. 

Glasbruch (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Die Bilder aus Frankfurt zeigen eingeschlagene Schaufenster, geplünderte Geschäfte und Angriffe auf Polizeibeamte. Mehr als 100 Polizisten wurden bei den Ausschreitungen am vergangenen Samstag verletzt, einer von ihnen schwer. 54 Menschen wurden festgenommen, 87 Strafanzeigen aufgenommen. Die Festgenommenen sind nach Angaben des hessischen Innenministeriums ausschließlich männlich und zwischen 13 und 29 Jahre alt. Die Ermittlungen zu den einzelnen Tatvorwürfen dauern an.

Die Gewalt überschattete Demonstrationen junger Menschen, die zuvor in zahlreichen deutschen Städten überwiegend friedlich verlaufen waren. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach anschließend von „gewaltbereiten linken Gruppen und Chaoten aus dem migrantischen Milieu“, die die Proteste gekapert hätten. Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) verwies ebenfalls auf den Migrationshintergrund zahlreicher Beteiligter.

Inzwischen liegen konkretere Angaben vor. Auf Anfrage des Spiegel teilte das hessische Innenministerium mit, dass die Hälfte der 54 Festgenommenen die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Von diesen deutschen Staatsbürgern hat wiederum die Hälfte eine weitere Staatsangehörigkeit. Die andere Hälfte der Festgenommenen besitzt keinen deutschen Pass. Das Ministerium selbst spricht davon, dass 80 Prozent der Festgenommenen einen Migrationshintergrund haben.

In Frankfurt haben rund 30 Prozent der Einwohner keinen deutschen Pass, mehr als die Hälfte der Bevölkerung hat nach der Definition des Melderegisters einen Migrationshintergrund. Unter Jugendlichen liegt der Anteil nach Angaben des Frankfurter Psychotherapeuten Winny Mylius sogar bei rund 70 Prozent. Insofern wären Migranten unter den Festgenommenen kaum überrepräsentiert.

Mylius arbeitet seit Jahrzehnten mit Jugendlichen. Er beobachtet die Entwicklung junger Menschen in der Stadt aus unmittelbarer Nähe und sieht einen Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Konflikten und dem Verhalten Heranwachsender. „Jugendliche sind ein Spiegelbild unserer Gesellschaft“, sagt Mylius der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. „Wenn Erwachsene zunehmend ihre Konflikte durch Aggression, Gewalt und Ausgrenzung austragen, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn Jugendliche dieses Verhalten übernehmen.“

„Ganz egal, in wievielter Generation manche von ihnen hier leben, sie sind immer noch keine Deutschen in den Augen der anderen und so fühlen sie sich ja auch“

Mylius wendet sich ausdrücklich dagegen, die Ausschreitungen mit den Lebensumständen der Beteiligten zu entschuldigen. Er möchte verstehen, weshalb Jugendliche Gewalt als Möglichkeit erleben, sich Aufmerksamkeit, Anerkennung oder Stärke zu verschaffen. Eine besondere Rolle spielt für ihn die Erfahrung, trotz eines Lebens in Deutschland nicht selbstverständlich dazuzugehören. Viele junge Frankfurter mit Einwanderungsgeschichte seien in der Stadt geboren oder aufgewachsen. Dennoch würden sie von anderen weiterhin als Fremde wahrgenommen.

„Ganz egal, in wievielter Generation manche von ihnen hier leben, sie sind immer noch keine Deutschen in den Augen der anderen und so fühlen sie sich ja auch“, sagt Mylius. Er berichtet von seelischen Verletzungen, die Menschen über viele Jahre begleiteten. Manche reagierten darauf mit Rückzug und fehlender gesellschaftlicher Beteiligung.

Gerade in der Frankfurter Innenstadt träfen sich Gruppen junger Männer, die dort Zeit miteinander verbrächten, Videos drehten, sich gegenseitig provozierten und um Anerkennung konkurrierten. Gruppendynamiken könnten solche Situationen verschärfen. Ob die Ausschreitungen am vergangenen Samstag geplant gewesen seien oder sich spontan entwickelt hätten, sei weiterhin offen.

Aus Polizeikreisen wird gegenüber der Zeit ein ähnliches Bild beschrieben. Ein Teil der jungen Menschen, die insbesondere am Wochenende auf der Frankfurter Einkaufsstraße Zeil zusammenkämen, gelte als erlebnisorientiert. Manche seien bereits polizeibekannt, andere reisten aus dem Umland oder sogar aus anderen Bundesländern an. Die Beteiligten würden eher als unpolitisch eingeschätzt. Die Ausschreitungen könnten für sie vor allem ein gemeinsames Erlebnis gewesen sein, das innerhalb der Gruppe gefilmt und gefeiert werde.

Mylius fordert zusätzliche Angebote für Jugendliche, die nicht an Konsum gebunden sind. Er nennt Sportmöglichkeiten, Basketballplätze, Krafttraining und Antiaggressionstraining. Auch eine stärkere Beteiligung junger Menschen an Entscheidungen über die Gestaltung öffentlicher Räume hält er für notwendig. An der Frankfurter Konstablerwache hätte er beispielsweise lieber Basketballkörbe oder Calisthenics-Stangen gesehen – als ein schwebendes Kunstwerk für 2,3 Millionen Euro.

Auch Jugendliche aus weniger privilegierten Verhältnissen müssten an der kommunalen Planung beteiligt werden. Mylius spricht sich dafür aus, ihnen beispielsweise über Jugendräte im neuen Frankfurter Jugendparlament mehr Einfluss auf die Gestaltung ihrer Stadt zu ermöglichen.

Der Kriminologe Christian Walburg von der Universität Münster hält es für richtig, die Herkunft der mutmaßlichen Täter zu thematisieren. „Man sollte der Debatte über die mögliche Herkunft der Täter nicht ausweichen“, sagt Walburg gegenüber der Rheinischen Post. Wenn in Großstädten ein erheblicher Teil der Bevölkerung eine Einwanderungsgeschichte habe, sei ein hoher Anteil entsprechender Jugendlicher unter den Beteiligten zunächst nicht überraschend. Entscheidend sei vielmehr, weshalb manche jungen Männer Anlässe wie Silvester, Halloween oder öffentliche Demonstrationen nutzten, um Gewalt auszuüben.

Walburg nennt mögliche Erklärungsansätze: Frustration, mangelnde gesellschaftliche Bindung, misslungene Integration und soziale Benachteiligung. Die Ermittlungen zu den Frankfurter Ausschreitungen seien noch nicht abgeschlossen. Unabhängig davon müsse es als Warnsignal gelten, wenn sich junge Menschen so weit von gesellschaftlichen Regeln entfernten, dass sie Geschäfte plünderten oder Polizeibeamte angriffen.

Der Kriminologe verweist auf Erfahrungen aus Frankreich und Schweden. Dort lasse sich beobachten, dass schwere Ausschreitungen insbesondere dort entstünden, wo Jugendliche unterschiedlicher ethnischer Herkunft in sozial benachteiligten Vororten unter sich blieben, geringe Zukunftsperspektiven hätten und sich gesellschaftlich ausgegrenzt fühlten. Die Konfrontation mit der Polizei könne dann zum Ausdruck dieser Entfremdung werden.

„Da reden wir aber über soziale Faktoren. Wenn man stattdessen das Migrationsmerkmal in den Mittelpunkt rückt und auch noch im Singular von dem migrantischen Milieu redet, das in Wahrheit so heterogen ist, hilft das nicht weiter“, erklärt Walburg.

Dabei schließt der Kriminologe kulturelle Einflüsse keineswegs aus. Bei jungen Menschen aus muslimisch geprägten Einwandererfamilien könnten Erfahrungen gesellschaftlicher Konflikte und internationaler Krisen das Gefühl verstärken, sich stärker über die eigene Herkunft oder Religion definieren zu müssen. Walburg spricht von einer möglichen „Selbstethnisierung“, die Integration erschweren könne. Auch Bildungsunterschiede und eine größere kulturelle Distanz zwischen manchen Einwanderergruppen und der Aufnahmegesellschaft könnten eine Rolle spielen.

„Der Begriff Migrant hat eigentlich überhaupt keinen Erkenntnisgewinn, weil er eine komplett amorphe Gruppe meint, also Menschen mit höchst unterschiedlichen Eigenschaften“

Der frühere Polizeiwissenschaftler Rafael Behr bezweifelt, dass der Begriff Migrationshintergrund überhaupt geeignet ist, die Ursachen von Jugendgewalt zu erklären. Behr, der bis 2024 an der Akademie der Polizei Hamburg tätig war, kritisiert, dass in der politischen Debatte sehr unterschiedliche Menschen unter einer einzigen Kategorie zusammengefasst würden. „Der Begriff Migrant hat eigentlich überhaupt keinen Erkenntnisgewinn, weil er eine komplett amorphe Gruppe meint, also Menschen mit höchst unterschiedlichen Eigenschaften“, sagt Behr der Rheinischen Post.

Aus seiner Sicht wird der Begriff zunehmend als Gegenbegriff zum Einheimischen verwendet. Er markiere damit eine gesellschaftliche Trennlinie, die über die Beschreibung einer familiären Einwanderungsgeschichte hinausgehe. Im Zusammenhang mit Gewaltkriminalität könne so der Eindruck entstehen, bestimmten Bevölkerungsgruppen hafte eine besondere Neigung zu Regelverstößen an.

Behr verweist auf kriminologische Erkenntnisse, nach denen sich kriminelles Verhalten nicht aus dem Status als Migrant erklären lasse. Entscheidend seien vielmehr die Erfahrungen, die Menschen innerhalb einer Gesellschaft machten. Dazu gehörten Möglichkeiten sozialer Integration ebenso wie Ausgrenzung, fehlende Anerkennung und das Bedürfnis, innerhalb einer Gruppe Stärke zu demonstrieren.

Auch die altersbedingte Suche nach Grenzen spiele eine Rolle. Jugendliche und Heranwachsende könnten in Gruppen einen Größenrausch entwickeln, der sich unter bestimmten Bedingungen in Gewalt entlade. Das sei kein Phänomen, das sich auf eine ethnische Herkunft reduzieren lasse.

Behr kritisiert zudem die politischen Konsequenzen der Herkunftsdebatte. „Die aktuellen Aussagen von konservativen Politikern wie Innenminister Dobrindt suggerieren aber, dass es ,ganze Milieus von Migranten‘ gäbe, denen etwas Gewalttätiges anhafte, und die unsere Städte verwüsteten. Und dass es diese Gewalt nicht gäbe, wenn man Ausländer nur hart genug bestrafen würde“, sagt er der Rheinischen Post. Statt über die sozialen Ursachen der Ausschreitungen zu sprechen, werde einer gesellschaftlichen Minderheit die Schuld zugeschrieben. Vor dem Gesetz seien jedoch alle Menschen gleich, unabhängig von ihrer Herkunft.

Dass sich die Ereignisse in Frankfurt nicht auf einen Gegensatz zwischen Jugendlichen mit und ohne Einwanderungsgeschichte reduzieren lassen, zeigt auch eine Beobachtung aus der Nacht der Ausschreitungen. Eine Verkäuferin eines Schuhgeschäfts, dessen Schaufensterscheiben zerstört worden waren, berichtete der „Zeit“, dass junge Menschen vorbeigekommen seien und ihre Hilfe angeboten hätten – mit und ohne Migrationshintergrund.

Leid täten ihr vor allem die Jugendlichen, die friedlich demonstrieren wollten. Die Ausschreitungen hätten nun erneut dazu geführt, dass ganze Bevölkerungsgruppen unter Verdacht gerieten. „Jetzt sind wieder alle Ausländer die Blöden, und die ganze Jugend wird in einen Topf geworfen.“ News4teachers

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12 Kommentare
Karl Heinz
5 Stunden zuvor

Der gesamte Diskurs folgt einmal mehr einem klassischen, wiederkehrenden Muster der deutschen Debattenkultur nach Ausschreitungen im öffentlichen Raum.
Kulturalisierung von Kriminalität:
Politiker der einen Seite erklären die Gewalt durch die Herkunft, Religion oder Kultur der Täter (Kulturalisierung).
Die Gegenseite kontert mit sozioökonomischen Faktoren wie Schichtzugehörigkeit, Bildungschancen und Diskriminierung (Strukturalisierung).
Der Kampf um die Kategorie („Framing“):
Es entbrennt ein Streit darüber, welche Vokabeln zulässig sind. Während die Politik den Begriff „Migrantenmilieu“ nutzt, um Homogenität und Gefahr zu suggerieren, bricht die Wissenschaft den Begriff als „amorph“ (gestaltlos) auf, um zu zeigen, dass die Kategorie „Migrationshintergrund“ statistisch in einer Stadt wie Frankfurt (wo 70 % der Jugendlichen dazugehören) völlig an Aussagekraft verliert.
Instrumentalisierung für bestehende Agenden:
Das Ereignis wird sofort genutzt, um bereits vorher feststehende politische Forderungen zu legitimieren. Konservative fordern härtere Abschiebungen und Strafen. Sozialarbeiter und linke Kommunalpolitiker fordern mehr Geld für Basketballplätze, Jugendparlamente und Anti-Aggressions-Trainings.
Der „Kollaterschaden“ (Stigmatisierung):
Zurück bleibt eine verschärfte gesellschaftliche Trennlinie zwischen „uns“ (den Einheimischen) und „denen“ (den Migranten), was die ohnehin vorhandene Frustration und Entfremdung der betroffenen Jugendlichen weiter befeuert…

Noch interessanter ist etwas anderes, wenn man mal etwas „heraus-zoomt“:

Die einen argumentieren, dass bei einem ohnehin vorhandenen Migrationsanteil von 70 % unter Jugendlichen eine Täterquote von 80 % statistisch kaum noch eine Besonderheit darstellt – also gewissermaßen eine Normalität und statistische Notwendigkeit sei.

Auf der anderen Seite hat es in Ostdeutschland und anderen Regionen mit vergleichsweise niedrigem Migranten-Anteil eine zunehmend breite Wählerschaft, die genau diesen Ist-Zustand verhindern will, sich dann aber anhören muss, ihre Ansichten seien nicht nachvollziehbar, weil der Migranten-Anteil ja eben so klein sei…
Ich vermag hier eine gewisse Doppelmoral zu erkennen:
Wenn diese Wähler dann pauschal als „unaufgeklärt“ oder „fremdenfeindlich“ verurteilt werden, ignoriert das die Tatsache, dass sie lediglich eine politische Konsequenz aus Zuständen ziehen, die in den Großstädten von Experten selbst als „schwierig“, „sozial benachteiligt“ oder „entfremdet“ beschrieben werden.

Karl Heinz
3 Stunden zuvor
Antwortet  Redaktion

Ihr schwerwiegendster Denkfehler liegt in der Annahme, Migration fungiere als reines statistisches Auffüllen einer demografischen Lücke.
Diese Sichtweise reduziert Einwanderung auf reine Arithmetik, die ein Problem („fehlende Jugendliche“) technokratisch löst.
Dabei blenden sie völlig aus, dass Migration ein hochkomplexer, sozialer und kultureller Prozess ist. Sie „füllt“ eine Lücke nicht einfach geräuschlos auf, sondern verändern das soziale Gefüge.
Wer Migration als rein numerisches Werkzeug zur Behebung der Überalterung begreift, ignoriert die reale Integrationsleistung, die eine Gesellschaft erbringen muss, und provoziert genau jene Konflikte, die man in Frankfurt beobachten konnte.

Die Statistiken zum Wahlverhalten und Wählerschaften sagen auch (und auch für Westdeutschland) etwas deutlich anderes.
Aber das sollte ja nur am Rande Thema sein.

ed840
2 Stunden zuvor
Antwortet  Redaktion

„Das relative Ausmaß (bezogen auf den Anteil an der Grundgesamtheit) ist ja in Städten mit weniger Migration nicht geringer. „

Lässt sich auch statistisch nachweisen.
München liegt z.B. bei den sichersten Großstädten auf Rang 1.
Berlin liegt bei den unsichersten Großstädten auf Rang 2, obwohl der Anteil Einwohner mit Migrationshintergrund in München wesentlich höher ist als in Berlin.

Jerunda
2 Stunden zuvor
Antwortet  ed840

Was macht München da besser als Berlin?

ed840
3 Stunden zuvor
Antwortet  Karl Heinz

„ eine politische Konsequenz aus Zuständen ziehen, die in den Großstädten von Experten selbst als „schwierig“, „sozial benachteiligt“ oder „entfremdet“ beschrieben werden.“

Auch da gibt es Unterschiede.

Gefährlichste und sicherste Städte Deutschlands: Stand 2026

Die Städte, die im Ranking „sicherste Großstädte“ auf Rang 1 und 4 liegen, sind beim Anteil Einwohner mit Migrationshintergrund auf Rang 2 und 3 zu finden. Auch die Stadt auf Rang 2 hat mehr als die Hälfte der EW Migrationshintergrund.

Emcy
4 Stunden zuvor

Der Titel „Drei Viertel der Festgenommenen haben einen Migrationshintergrund – ja und?“ irritiert mich schon deshalb, weil er eine durchaus relevante Frage beinahe im Vorbeigehen für erledigt erklärt.

Natürlich erklärt ein Migrationshintergrund für sich genommen keine Gewalt. Und selbstverständlich sollte man soziale Benachteiligung, Gruppendynamiken, fehlende Perspektiven, misslungene Integration und gegebenenfalls auch kulturelle Faktoren untersuchen. Aber aus 80 Prozent Festgenommenen mit Migrationshintergrund und einem geschätzten Anteil von rund 70 Prozent unter Frankfurter Jugendlichen lässt sich meines Erachtens nicht einfach ableiten, diese Gruppe sei „kaum überrepräsentiert“. Die Festgenommenen waren laut Bericht ausschließlich männlich und zwischen 13 und 29 Jahre alt. Außerdem kamen Beteiligte offenbar nicht ausschließlich aus Frankfurt. Für eine seriöse Einordnung bräuchte man also eine wirklich vergleichbare Bezugsgruppe.

Was mir in dem Artikel außerdem zu kurz kommt, ist die Perspektive der Geschädigten. Mehr als 100 Polizisten wurden verletzt, einer davon schwer. Geschäfte wurden beschädigt und geplündert. Wie geht es diesen Menschen? Welche Folgen haben die Ausschreitungen für Polizisten, Beschäftigte und Geschäftsinhaber?

Und eine weitere Frage wäre durchaus interessant: Haben eigentlich auch verletzte Polizisten oder geschädigte Geschäftsinhaber einen Migrationshintergrund? Dazu liegen offenbar keine entsprechenden Angaben vor, und man sollte darüber auch nicht spekulieren. Aber gerade das zeigt doch, wie wenig sinnvoll die Vorstellung von „den Migranten“ auf der einen und „der deutschen Gesellschaft“ auf der anderen Seite ist. Menschen mit Einwanderungsgeschichte können Täter, Opfer, Polizisten, Ladenbesitzer, friedliche Demonstranten oder Helfer sein.

Deshalb würde ich mir eine offenere Fragestellung wünschen: Was erklärt die Zusammensetzung der Tatverdächtigen tatsächlich? Soziale Lage? Alter und Geschlecht? Gruppendynamik? Integration? Kulturelle Faktoren? Bereits vorhandene kriminelle Strukturen? Vermutlich muss man mehrere Faktoren zugleich betrachten.
Aber genau deshalb finde ich ein vorwegnehmendes „ja und?“ journalistisch wenig überzeugend. Man sollte weder aus der Herkunft vorschnell eine Ursache machen noch auffällige Zahlen vorschnell für bedeutungslos erklären.

LG

ed840
4 Stunden zuvor
Antwortet  Emcy

„Für eine seriöse Einordnung bräuchte man also eine wirklich vergleichbare Bezugsgruppe.„

Kann man durchaus so sehen. In diesem Fall also z.B. die Prozentzahl der vergleichbaren Altersgruppe mit Migrationshintergrund. Für dieses Merkmal gibt es ja mehrere Kennzeichen, z.B. ein Elternteil, das nicht in DE geboren wurde,

MeineFresseEy
4 Stunden zuvor
Antwortet  Emcy

Mei mei, eine einminutige Google-Suche ist nicht so schwer.

Herkunft machts nicht aus, wenns um Kriminalität geht.

Das ist schon seit Jahrzehnten wieder und wieder aufgezeigt worden, von Experten. Da gibt es deutlich größere, entscheidendere Faktoren, die dabei mitspielen, ob ein Mensch kriminell handelt, oder nicht.

Sie haben diese ja schon grob angeschnitten.

Herkunft ist übrigens dabei nicht kausal, und Kultur genauso wenig.

Das wünschen sich aber die Nazis, Rassisten und anderweitig erbärmliche Menschen.
Genau deshalb, führen diese ja gerade den Kurs in genau eine eindimensionale Richtung, wo komplizierte Sachverhalte, scheinbar einfach gemacht werden.

Traurigerweise, machen viele Medien das unbedacht oder böswillig mit, mit einer Dauerberichterstattung, die darauf abzielt bestimmte Menschengruppen zu verteufeln.

Gleichzeitig wird aber der inhaltliche Diskurs dabei von rechten Menschenhasser geführt.

Es ist also imperativ, dass da nicht jedes Medienblatt sinnbefreit mitmacht, bei dieser Hetze…

Stattdessen, den Fokus auf die Methodik dieser bemitleidenswerten Demagogen zu rücken, ist viel wichtiger.

Genau das macht News4Teachers gerade mit genau so einem Artikel. Damit sind diese Worte hier viel wichtiger, als die zig Blätter, die Menschen vorheucheln, sie würden einen Dreck über Opfer, soziale Probleme oder eine besser funktionierende Gesellschaft geben.

Schotti
2 Stunden zuvor

Meine Eltern sind gegen Ende des letzten Weltkrieges aus den deutschen Ostgebieten vertrieben worden und haben sich in einem kleinen Ort in Westdeutschland niedergelassen. Ihre Enkelkinder gelten heute noch als Zugezogene. Es reicht schon aus, keinen der zehn verschiedenen Nachnamen des Ortes zu tragen. Mehr gibt es nämlich seit Jahrhunderten nicht. Also macht euch keine Hoffnung. Wer vor 50 Jahren als Türke nach Deutschland gekommen ist, der wird auch in 50 Jahren noch als Türke in Deutschland wahrgenommen.