Start Tagesthemen Australiens Social-Media-Verbot zeigt nur begrenzte Wirkung: Wer bleibt, gilt als cool

Australiens Social-Media-Verbot zeigt nur begrenzte Wirkung: Wer bleibt, gilt als cool

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BRÜSSEL. Das australische Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige gilt vielen europäischen Politikerinnen und Politikern als Modell. Allen voran: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Erstmals liegen nun Daten dazu vor, wie das Verbot in Australien wirkt. Die Ergebnisse zeigen: Ein Teil der Jugendlichen zieht sich tatsächlich von Plattformen wie Instagram oder Tiktok zurück. Doch die soziale Dynamik in den Klassen und Freundeskreisen wirkt bislang stärker als das Gesetz.

Pssst. Illustration: Shutterstock

Seit Dezember 2025 dürfen Jugendliche unter 16 Jahren in Australien keine eigenen Konten mehr bei Tiktok, Instagram, Snapchat und weiteren großen Plattformen besitzen. Verstoßen Plattformen dagegen, drohen Strafen von bis zu 49,5 Millionen australischen Dollar. Jugendliche selbst müssen keine Sanktionen befürchten. Die Regelung gilt als das bislang weitreichendste Social-Media-Verbot weltweit – und wird inzwischen auch in Europa intensiv diskutiert.

Vier Monate nach Inkrafttreten liegt nun eine erste empirische Untersuchung zu den Auswirkungen vor. Die Studie „Why Bans Fail: Tipping Points and Australia’s Social Media Ban“ basiert auf einer Befragung von rund 835 australischen Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren. Zu den Autoren gehören unter anderem der Kölner Ökonom Christopher Roth sowie der angehende MIT-Doktorand Filip Milojević. Die Ergebnisse stellen sie nun in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung vor.

„Je mehr enge Freunde noch online sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Jugendlicher selbst online bleibt“

Das zentrale Ergebnis fällt widersprüchlich aus: Rund 27 Prozent der befragten Vierzehn- und Fünfzehnjährigen halten sich nach eigenen Angaben an das Verbot und nutzen die untersagten Plattformen nicht mehr. Gleichzeitig bedeutet das aber auch: Knapp drei Viertel bleiben weiterhin online. Die Autoren sprechen deshalb von einer begrenzten Wirkung des Gesetzes. Entscheidend sei nicht nur die juristische Regelung, sondern vor allem die soziale Dynamik unter Jugendlichen selbst. Social Media funktioniere als Netzwerk-Gut: Der Nutzen der Plattformen hänge davon ab, ob Freundinnen und Freunde ebenfalls dort aktiv seien.

„Je mehr enge Freunde noch online sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Jugendlicher selbst online bleibt“, heißt es in der Untersuchung. Viele Jugendliche erklärten, sie wollten „nichts verpassen“, solange ihre sozialen Gruppen weiter auf den Plattformen präsent seien.

Hinzu kommen technische Umgehungsmöglichkeiten. Drei Viertel der Befragten halten es laut Studie für „leicht“ oder „sehr leicht“, die Sperren zu umgehen. Genannt werden falsche Geburtsdaten, die Nutzung von Konten älterer Geschwister oder Eltern sowie VPN-Dienste. Jeder vierte Jugendliche berichtet laut Studie sogar, Eltern oder ältere Geschwister hätten beim erneuten Einrichten eines Kontos geholfen, nachdem dieses gesperrt worden sei.

Die Forscher sehen darin ein strukturelles Problem der australischen Regelung. Da ausschließlich Plattformen sanktioniert würden, nicht aber Jugendliche selbst, entstehe für Minderjährige kaum persönlicher Druck. Vier von fünf Jugendlichen wüssten zudem, dass ihnen keine direkten Konsequenzen drohen.

Besonders aufschlussreich ist nach Einschätzung der Autoren jedoch die soziale Bewertung des Ausstiegs. Nur fünf Prozent der Befragten halten Jugendliche ohne Social-Media-Nutzung für beliebter als aktive Nutzerinnen und Nutzer. 44 Prozent sehen sie dagegen als weniger beliebt an. Unter aktiven Nutzerinnen und Nutzern fällt diese Einschätzung noch deutlicher aus. Auch bei den Reichweiten zeigt sich laut Studie ein ähnliches Muster. Unter-16-Jährige mit aktivem Instagram-Konto verfügen demnach im Durchschnitt über etwa doppelt so viele Follower wie Gleichaltrige, die Social Media aufgeben. Die Studie deutet also darauf hin, dass gerade sozial besonders vernetzte Jugendliche häufiger auf den Plattformen bleiben. Das könnte erklären, warum sich neue soziale Normen gegen frühe Social-Media-Nutzung bislang kaum ausbilden.

Die Autoren vergleichen diese Dynamik mit der Geschichte des Rauchens. In den Achtziger- und Neunzigerjahren hätten sich gesellschaftliche Normen gegen das Rauchen erst verändert, als gerade sozial einflussreiche Gruppen mit dem Aufhören begonnen hätten. Beim Social-Media-Verbot in Australien sei derzeit eher das Gegenteil zu beobachten: „Wer dabeibleibt, gilt als cool.“

Die Forscher ziehen daraus mehrere Schlussfolgerungen für die europäische Debatte. Ein Verbot könne zwar den Zugang erschweren und Eltern stärken, die ihre Kinder vom frühen Einstieg abhalten wollten. Soziale Normen verändere es aber nicht automatisch.

Zudem kritisieren die Autoren technische Schwächen der Durchsetzung. Solange ein falsches Geburtsdatum oder ein VPN ausreiche, bleibe ein erheblicher Teil der Regulierung symbolisch. Sie fordern verlässlichere Alterskontrollen und unabhängige Prüfungen der Plattformen.

Auch die starre Altersgrenze selbst sehen die Wissenschaftler kritisch. Jugendliche orientierten sich sozial eher an Klassenverbänden als an Geburtsjahrgängen. In Schulklassen säßen Vierzehn- und Fünfzehnjährige neben Mitschülerinnen und Mitschülern, die bereits 16 seien und weiter legal posten dürften. Eine an Schuljahrgängen orientierte Regelung könne die soziale Realität möglicherweise besser abbilden.

Darüber hinaus verweisen die Autoren auf ein Problem, das in vielen politischen Debatten bislang nur am Rand auftauche: Ein Verbot nehme Jugendlichen zwar digitale Räume weg, schaffe aber keine Alternativen. Eltern berichteten häufig, soziale Medien dienten vor allem als Beschäftigung in den Stunden zwischen Schule, Hausaufgaben und Schlafenszeit. Wenn Sportvereine, Jugendzentren oder Freizeitangebote fehlten, bleibe die Anziehungskraft algorithmischer Feeds groß.

„Es ist meine Überzeugung, dass wir einen zeitlichen Aufschub für soziale Medien in Betracht ziehen müssen“

Unterdessen verschärft sich die politische Debatte in Europa. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprach sich in den vergangenen Tagen erneut öffentlich für ein Social-Media-Verbot beziehungsweise einen „zeitlichen Aufschub“ sozialer Medien für Minderjährige aus. Wie Netzpolitik.org berichtet, griff von der Leyen dabei unmittelbar Formulierungen der australischen Regierung auf. In ihrer Rede beim Europäischen Gipfel zu künstlicher Intelligenz und Kindern in Kopenhagen erklärte sie: „Es ist meine Überzeugung, dass wir einen zeitlichen Aufschub für soziale Medien in Betracht ziehen müssen.“

Netzpolitik.org sieht darin eine strategische Vorfestlegung. Der Begriff „Aufschub“ („delay“) stamme direkt aus der Kommunikationsstrategie der australischen Regierung. Dort hatte die zuständige Aufsichtsbehörde erklärt: „Es ist kein Verbot, es ist ein Aufschub, wann man Accounts haben darf.“ Der Bericht verweist zudem auf zahlreiche Einwände von Fachleuten aus Jugendschutz, Medienpädagogik, Datenschutz und IT-Sicherheit. Kritisiert wird unter anderem, dass sich Risiken digitaler Medien nicht allein an Nutzungsdauer oder Zugang festmachen ließen.

So verweist Netzpolitik.org auf eine groß angelegte Studie der Universität Manchester, für die 25.000 Jugendliche über drei Schuljahre begleitet wurden. Hinweise darauf, dass die reine Nutzungszeit sozialer Medien oder von Games automatisch psychische Schäden verursache, hätten die Forschenden nicht gefunden.

Auch innerhalb der Bildungsdebatte wird deshalb zunehmend die Frage gestellt, ob ein pauschales Verbot mit den zugleich geforderten Zielen digitaler Bildung vereinbar ist. Von der Leyen selbst betonte in ihrer Rede, Kinder müssten lernen, die „Logik der sozialen Medien“ zu verstehen und sich vor negativen Auswirkungen zu schützen. Kritiker sehen darin einen Widerspruch: Digitale Kompetenzen ließen sich nur begrenzt erwerben, wenn der Zugang gleichzeitig gesperrt werde. News4teachers 

Bildschirmzeiten rauf, PISA-Ergebnisse runter: IW-Studie zeigt auf, wie stark Social Media das Lernen behindern (und was dagegen zu tun ist)

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Rainer Zufall
13 Stunden zuvor

“Soziale Normen verändere es aber nicht automatisch.”
Das tut mir leid für die zehn Politiker*innen, die das annahmen und dachten, das Problem für immer abschließend gelöst zu haben (augenroll)
Wer hätte es kommen sehen…

[Deutschlands] [Zigaretten]-Verbot zeigt nur begrenzte Wirkung: Wer [raucht], gilt als cool.

Je mehr enge Freunde noch [saufen] desto wahrscheinlicher ist es, dass ein Jugendlicher selbst [Alkohol trinkt].

Vielleicht wollen wir uns lieber daran erinnern, warum es WICHTIG ist, nicht davon abhalten lassen, dass es schwierig und ein Prozess wird – kein Wundermittel

Kritikerin
12 Stunden zuvor

Der Aufschub muss kommen, da die Folgen des ungeregelten Konsums viel zu schwerwiegend sind. Natürlich müssen zugleich die Unternehmen wesentlich stärker reguliert und kinderschutzsichere Angebote über Strafzahlungen erzwungen werden. Zu Australien: Selbstverständlich versuchen Jugendliche, die eine zeitlang unbegrenzten Zugang zu ihrer Droge hatten, diese zurückzubekommen und Gesetze zu umgehen. Aber schon die nächste Generation wird wie selbstverständlich mit den Schutzgesetzen aufwachsen und sie viel stärker akzeptieren. Schulen gewinnen dann Zeit, um Medienkompetenz zu vermitteln, bis Jugendliche bereit sind für ihr erstes Smartphone mit allmählicher Heranführung an unbeschränkte Nutzung. Die einzigen, die ernsthaft gegen den Kinderschutz sind, sind diejenigen, die Geld mit Smartphones verdienen, und diejenigen, die keine Ahnung von den zahllosen negativen Folgen haben. Es ist höchste Zeit für Kinderschutz!

laromir
11 Stunden zuvor
Antwortet  Kritikerin

Ja, man sollte so schnell nicht aufgeben. Nur, weil nicht alles sofort Wirkung zeigt, muss es nicht wirkungslos sein. Alle müssen sich erst an die neuen Regeln gewöhnen und einige übertreten immer irgendwelche Regeln. Eben auch aus Prinzip, um zu sehen, wie weit man gehen kann usw. Da wird es immer etwas geben. Man sollte warten, bis sich sie nächste Generation und auch die nächste Generation an Eltern neu eingefunden hat. Aber heute muss es stets nur schnelle Lösungen geben. Was übermorgen nicht gleich 100% funktioniert, wird sofort gestrichen.

Gelbe Tulpe
9 Stunden zuvor
Antwortet  Kritikerin

Na ja, gilt ja für das Kiffen auch nicht so.

Ricco
8 Stunden zuvor
Antwortet  Kritikerin

Wer beschafft den Kindern denn die Endgeräte und Sim-Karten und den WLAN- Zugang? “Strafzahlung” also?

Ricco
9 Stunden zuvor

Die “Anziehungskraft algorithmischer Feeds  ” so, so. Und was ist mit Feeds ohne persönliche Empfehlungen? Sozialen Medien ohne login, sozialen Medien ohne Altersverifikation, Internetseiten generell?

Da haben sie die gleiche Anziehungskraft auf Kinder, wie auf Erwachsene.

Studien zeigen, dass das Risiko für Verhaltenssüchte wie Internetsucht bei Kindern 2- bis 4-mal höher ist als bei Gleichaltrigen aus nicht suchtbelasteten Familien.