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Lin-Klitzing: „Brauchen Medienbildung in jedem Fach und Informatik auf hohem Niveau“

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BERLIN. Die unabhängige Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ sieht erhebliche Defizite bei der Medienbildung und beim Schutz von Kindern und Jugendlichen im Netz. Der Deutsche Philologenverband greift die Bestandsaufnahme nun auf und fordert einen grundlegenden Kurswechsel in der Bildungspolitik. Lehrkräfte müssten auf digitale Herausforderungen systematisch vorbereitet werden, statt ihnen immer neue Aufgaben ohne ausreichende Unterstützung zu übertragen.

“Die Defizite sind unübersehbar”: Die Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes Susanne Lin-Klitzing. Foto: Foto: DPhV/Marlene Gawrisch

Der Deutsche Philologenverband (DPhV) fordert nach der Veröffentlichung der Bestandsaufnahme der Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ einen grundlegenden Kurswechsel bei der schulischen Medienbildung. Die Vorsitzende des Verbands, Prof. Susanne Lin-Klitzing, erklärte: „In Deutschland ist derzeit nicht gewährleistet, dass Kinder und Jugendliche gut auf die digitale Welt vorbereitet werden.“

Der Verband begründet seine Kritik mit aktuellen Studien und Kompetenzdaten. Laut der internationalen Vergleichsstudie ICILS 2023 verfügen rund 40 Prozent der Achtklässlerinnen und Achtklässler lediglich über grundlegende digitale Fähigkeiten. Gleichzeitig nutzen digitale Anwendungen und KI-Systeme viele Jugendliche bereits selbstverständlich. Nach Angaben der JIM-Studie 2025 verwenden 84 Prozent der Jugendlichen KI-Anwendungen wie ChatGPT. Allerdings traut sich nur etwa ein Drittel zu, komplexere digitale Inhalte wie Deepfakes oder Bildrecherchen sicher einzuordnen. Hinzu kommt laut einer Erhebung der Vodafone-Stiftung, dass sich 81 Prozent der Schülerinnen und Schüler mehr Unterstützung beim Umgang mit sozialen Medien durch die Schule wünschen.

„Wer von Lehrkräften erwartet, komplexe digitale Kompetenzen fachlich fundiert und didaktisch reflektiert zu vermitteln, muss die entsprechenden Ausbildungsstrukturen stärken, statt sie zu kürzen“

Lin-Klitzing sieht darin ein strukturelles Problem. „Die Defizite sind unübersehbar, aber es reicht eben nicht, nur steigende Anforderungen zu formulieren. Es müssen im schulischen Bereich auch die Voraussetzungen geschaffen werden, damit Lehrkräfte diesen steigenden Anforderungen überhaupt gerecht werden können“, erklärte sie.

Der Philologenverband fordert deshalb ein verbindliches Gesamtkonzept für Medienbildung. Nach Vorstellung des Verbands müsse Medienbildung in allen Phasen der Lehrkräfteausbildung verankert werden – vom Studium über den Vorbereitungsdienst bis zur Fortbildung. Gleichzeitig kritisiert der DPhV, dass die Lehrkräftebildung in den vergangenen Jahren zunehmend polyvalent organisiert und der Vorbereitungsdienst verkürzt worden sei. „Wer von Lehrkräften erwartet, komplexe digitale Kompetenzen fachlich fundiert und didaktisch reflektiert zu vermitteln, muss die entsprechenden Ausbildungsstrukturen stärken, statt sie zu kürzen“, sagte Lin-Klitzing.

Besonders kritisch äußert sich der Verband auch zur Rolle des Informatikunterrichts. Die Kultusministerkonferenz empfehle seit Jahren ein eigenständiges Pflichtfach Informatik mit mindestens sechs Wochenstunden in den Klassen fünf bis zehn. Tatsächlich sei dies in den meisten Bundesländern aber bis heute nicht umgesetzt worden. „Wir brauchen Medienbildung als Querschnittsaufgabe in jedem Fach und wir brauchen Informatikunterricht auf hohem Niveau“, erklärte Lin-Klitzing.

Auch beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz an Schulen sieht der Verband erhebliche Defizite. Verlässliche staatliche Strukturen seien erst spät entstanden. Der Zugang zu schulischer KI sei erst Ende vergangenen Jahres mit dem „Telli-Angebot“ initiiert worden. Zugleich fehle es vielerorts weiterhin an Fortbildungszeit, verbindlichen Standards und funktionierender IT-Infrastruktur. Der DPhV verweist in diesem Zusammenhang auch auf den Digitalpakt 2.0. So plant das Bundesfinanzministerium inzwischen, den ursprünglich angekündigten Förderbeginn vom 1. Januar 2025 auf den 1. Januar 2026 zu verschieben – wodurch in diesem Zeitraum getätigte Investitionen, anders als in Aussicht gestellt, nicht mehr förderfähig wären. Damit würden ungleiche Bedingungen zwischen den Ländern weiter verstetigt (News4teachers berichtete).

Auslöser der Stellungnahme ist die unlängst veröffentlichte Bestandsaufnahme der unabhängigen Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“. Die Kommission war im September 2025 eingesetzt worden und soll bis zum Herbst konkrete Handlungsempfehlungen vorlegen. Die nun veröffentlichte erste Analyse beschreibt erhebliche Defizite bei Prävention, Medienbildung und Regulierung (News4teachers berichtete ebenfalls).

Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen digitale Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen, Risiken durch soziale Netzwerke, Plattformmechanismen und Künstliche Intelligenz sowie bestehende Strukturen der Medienbildung. Die Kommission verweist unter anderem auf Cybermobbing, Hate Speech, Cybergrooming, manipulative Plattformmechaniken und neue Risiken durch Deepfakes oder KI-gestützte Desinformation.

„Nicht die Bildschirmzeit allein ist entscheidend, sondern welche Inhalte Kinder und Jugendliche sehen, wie Plattformen gestaltet sind und wie gut Kinder und Jugendliche begleitet werden“

Zugleich betonen die Autoren die Chancen digitaler Technologien für Teilhabe, Lernen und Kommunikation. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) erklärte zur Veröffentlichung der Bestandsaufnahme, diese bilde eine der „breitesten, systematischsten, tiefsten und vor allem interdisziplinärsten Grundlagen für den Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“. Die Untersuchung mache „zentrale Risiken wie Cybermobbing, problematische Nutzungsmuster, algorithmisch verstärkte Dynamiken und unzureichende Schutzmechanismen ebenso sichtbar wie bestehende Strukturen, rechtliche Rahmenbedingungen und konkrete Handlungsfelder“, sagte Prien.

Zugleich verwies die Ministerin auf Defizite bei der Medienbildung und der Unterstützung von Eltern. Daraus werde deutlich, „dass der Schutz von Kindern und Jugendlichen in der digitalen Welt nicht durch Einzelmaßnahmen zu erreichen ist“. Notwendig sei vielmehr „eine vorausschauende und kontinuierlich weiterzuentwickelnde Gesamtstrategie – ein Dreiklang aus Schutz, Befähigung und Teilhabe“.

Auch die Expertenkommission selbst sieht erheblichen Handlungsbedarf. Vorsitzender Olaf Köller erklärte: „Die Forschungslage ist relativ klar: Nicht die Bildschirmzeit allein ist entscheidend, sondern welche Inhalte Kinder und Jugendliche sehen, wie Plattformen gestaltet sind und wie gut Kinder und Jugendliche begleitet werden. Genau deshalb darf Medienbildung nicht dem Zufall überlassen werden.“

Bislang geschieht genau das nach Einschätzung der Kommission vielerorts noch immer. News4teachers 

ICILS-Daten: Digitale Kompetenzen von Schülern driften sozial immer stärker auseinander

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