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Gymnasialempfehlung: Warum privilegierte Kinder häufiger profitieren – aber Lehrkräfte nicht die Hauptursache der sozialen Schieflage sind

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BERLIN. Kinder aus sozial privilegierten Familien schaffen es wesentlich häufiger aufs Gymnasium – selbst dann, wenn ihre Noten eigentlich gegen eine Empfehlung sprechen. Der Verdacht liegt nahe: Werden sie von ihren Lehrkräften bevorzugt? Eine neue Studie verfolgt die soziale Ungleichheit von den Kompetenzen der Kinder über Noten und Lehrerurteile bis zur Entscheidung der Eltern. Dabei führt die Untersuchung zu einem bemerkenswerten Befund: In den Urteilen der Lehrkräfte wird die soziale Schieflage besonders deutlich sichtbar. Ihre Hauptursache liegt nach den Ergebnissen der Forscher jedoch schon davor.

Auf der Waage. (Symbilbild.) Illustration: News4teachers

Ein Schüler, der in der sechsten Klasse einen Notendurchschnitt von mindestens 2,3 erreichte, erfüllte grundsätzlich die Voraussetzung für eine Empfehlung zum Besuch eines Gymnasiums. Doch die Grenze war nicht absolut: Bei einem Schnitt zwischen 2,3 und 2,7 konnten Lehrkräfte weitere Kriterien berücksichtigen und trotzdem eine Gymnasialempfehlung aussprechen. Diese Regelung galt bis 2025 in Berlin.

Wer von diesem Spielraum profitierte, unterschied sich erheblich nach sozialer Herkunft. Von den Kindern aus Familien mit hohem sozioökonomischem Status, die den erforderlichen Notendurchschnitt von 2,3 nicht erreichten, erhielten 16 Prozent trotzdem eine Gymnasialempfehlung. Unter den Kindern aus sozial weniger privilegierten Familien waren es lediglich sechs Prozent.

Auch in der umgekehrten Richtung zeigte sich das Gefälle. Von den Kindern aus dem unteren Statusquartil, deren Noten die Schwelle von 2,3 erreichten, erhielten fünf Prozent keine Gymnasialempfehlung. In der privilegierten Gruppe betraf dies lediglich zwei Prozent.

Die Zahlen – die Befunde von Studien auch aus anderen Bundesländern stützen – legen eine Frage nahe: Tragen die Lehrkräfte selbst zur sozialen Auslese bei? Schließlich beurteilen sie die Leistungen, vergeben Noten und sprechen die Empfehlung für die weiterführende Schulform aus.

So eindeutig, wie die Zahlen zunächst erscheinen, ist der Befund allerdings nicht. Die 16 beziehungsweise sechs Prozent beziehen sich nicht auf Kinder mit identischen Noten. Die Wissenschaftler haben für diese Darstellung lediglich zwei Gruppen gebildet: Kinder, die den Schwellenwert von 2,3 erreichen, und solche, die ihn verfehlen. Innerhalb dieser Gruppen können sich die tatsächlichen Noten unterscheiden. Aus den Zahlen lässt sich deshalb nicht folgern, dass Lehrkräfte bei gleichen Noten privilegierte Kinder häufiger fürs Gymnasium empfehlen.

Hinzu kommt, dass die Forscher über weitere Informationen zu den schulischen Voraussetzungen verfügen. Die zugrunde liegende BERLIN-Studie enthält standardisierte Leistungstests in Lesen und Mathematik. Auch dabei zeigen sich soziale Unterschiede: Kinder aus privilegierten Familien verfügen im Durchschnitt über höhere gemessene Kompetenzen. In geringerem Umfang unterscheiden sich die Gruppen zudem bei ihrer Anstrengungsbereitschaft.

Entscheidend für die Frage nach einer möglichen sozialen Verzerrung ist deshalb, was von den Unterschieden in den Lehrerurteilen übrigbleibt, wenn solche Voraussetzungen berücksichtigt werden.

„Lehrer*innen [sind] nicht die zentrale Ursache für soziale Ungleichheiten. Sie sind vielmehr eine vermittelnde Instanz“

Das untersuchen Markus Lörz, Anna Bachsleitner und Marko Neumann vom DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation sowie Michael Becker von der TU Dortmund in ihrer aktuell in der „Zeitschrift für Erziehungswissenschaft“ veröffentlichten Studie. Grundlage sind Daten von 3.641 Schülerinnen und Schülern aus 87 zufällig ausgewählten Berliner Grundschulen. Befragt wurden Kinder, Eltern und Lehrkräfte. Dadurch lässt sich der Weg von den Kompetenzen über Noten und Gymnasialempfehlung bis zum tatsächlichen Schulwechsel nachvollziehen.

Auf den ersten Blick scheint dabei vieles auf die Lehrkräfte zu weisen. Ihre Leistungs- und Anstrengungsbeurteilungen hängen stark mit der sozialen Schieflage zusammen: Bei der Gymnasialempfehlung können sie statistisch 45,8 Prozent der Herkunftsunterschiede erklären. Das bedeutet allerdings noch nicht, dass die Lehrkräfte diese Unterschiede auch verursachen.

Verfolgen die Forscher die Zusammenhänge weiter zurück, verändert sich das Bild in der Tat erheblich. Kinder aus unterschiedlichen sozialen Herkunftsgruppen unterscheiden sich bereits in ihren gemessenen Kompetenzen. Diese Unterschiede schlagen sich wiederum in den Beurteilungen der Lehrkräfte nieder. Ein erheblicher Teil dessen, was zunächst wie ein Lehrer-Effekt erscheint, transportiert damit eine Ungleichheit weiter, die schon vorher besteht.

Kinder aus unterschiedlichen sozialen Herkunftsgruppen kommen mit unterschiedlichen Voraussetzungen am Ende der Grundschule an: Schülerinnen und Schüler aus privilegierten Familien verfügen im Durchschnitt über höhere Kompetenzen in Lesen und Mathematik; in geringerem Umfang zeigen sich auch Unterschiede bei der Anstrengungsbereitschaft.

Einen wichtigen Ursprung dieser Unterschiede sehen die Wissenschaftler in den Bedingungen des Elternhauses. Kinder aus kulturell besser ausgestatteten Familien entwickeln im Durchschnitt höhere Kompetenzen. Zugleich unterscheiden sich die Erwartungen der Eltern: Privilegierte Eltern trauen ihren Kindern häufiger einen erfolgreichen höheren Bildungsweg zu und streben häufiger einen Hochschulabschluss für sie an.

Das lässt sich nicht allein mit den unterschiedlichen schulischen Voraussetzungen erklären: Eltern aus privilegierten Familien schreiben ihren Kindern auch bei Berücksichtigung der gemessenen Kompetenzen höhere Erfolgsaussichten zu.

Warum also halten Eltern bei vergleichbaren Kompetenzen die Erfolgsaussichten ihrer Kinder für unterschiedlich gut? Die Studie kann diese Frage nicht eindeutig beantworten. Die Autoren weisen vielmehr auf mögliche Wechselwirkungen hin: Leistungen können die Erwartungen der Eltern prägen, Erwartungen wiederum das Verhalten der Kinder beeinflussen. Denkbar wäre damit ein sich selbst verstärkender Mechanismus: Wer seinem Kind einen höheren Bildungsabschluss zutraut, dürfte es darin bestärken und auch bei Schwierigkeiten eher daran festhalten. Ob daraus tatsächlich eine selbsterfüllende Prophezeiung wird, lässt sich mit den Daten allerdings nicht nachweisen.

Dass die Erwartungen jedenfalls mit unterschiedlichen Entscheidungen einhergehen, lässt sich an der letzten Weiche zum Gymnasium beobachten. Fehlte die Gymnasialempfehlung, wechselten aus der privilegierten Gruppe trotzdem 20 Prozent der Kinder aufs Gymnasium, aus der weniger privilegierten Gruppe lediglich acht Prozent. Umgekehrt gingen 24 Prozent der weniger privilegierten Kinder trotz Gymnasialempfehlung nicht aufs Gymnasium; bei den privilegierten Kindern waren es elf Prozent.

Die Wissenschaftler sehen deshalb auch die Schulen in der Pflicht. Es werde erforderlich sein, die „nach sozialer Herkunft systematisch variierenden Elterneinschätzungen zu korrigieren“. Eltern müssten verlässlich über den tatsächlichen Leistungsstand ihres Kindes und die weiteren Bildungsoptionen informiert werden. Diese Kommunikation müsse die Schule aktiv gestalten und dürfe sie nicht der Initiative der Eltern überlassen – denn auch darin bestünden soziale Unterschiede.

Damit erklären sich wichtige Teile der sozialen Schieflage bereits außerhalb der eigentlichen Gymnasialempfehlung. Ganz aus der Verantwortung entlässt die Analyse die Lehrkräfte allerdings nicht. Auch nachdem die gemessenen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler berücksichtigt werden, verschwindet der Zusammenhang mit der sozialen Herkunft nicht vollständig. „Dennoch attestieren Lehrer*innen unabhängig von den tatsächlichen Kompetenzen Kindern aus privilegierten Familien ein höheres Leistungslevel als Kindern aus weniger privilegierten Familien“, schreiben die Forscher.

Was sich hinter diesem verbleibenden Unterschied verbirgt, kann die Untersuchung nicht klären. Denkbar wäre eine tatsächlich herkunftsspezifisch verzerrte Wahrnehmung. Ebenso könnten Lehrerinnen und Lehrer leistungsrelevante Eigenschaften wahrnehmen, die von den verwendeten Tests nicht erfasst werden. Die Autoren sprechen deshalb lediglich von „geringen Hinweisen“ auf eine diskriminierende Wirkung der Lehrerbeurteilungen.

Die Aussagekraft der Untersuchung hat zwar Grenzen. Die 2026 veröffentlichte Studie arbeitet mit Daten der Berliner Reformkohorte aus den Jahren 2010 und 2011. Der Übergang erfolgte nach der sechsten Klasse, die Gymnasialempfehlung war nicht bindend. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf heutige Übergangsregeln in allen Bundesländern übertragen.

Was die Untersuchung sichtbar macht, ist aber dennoch bemerkenswert: Am Ende steht zwar eine Lehrkraft, die eine Empfehlung ausspricht. Doch die Kinder, über die sie entscheidet, kommen bereits mit sozial ungleich verteilten Voraussetzungen dort an. Das Lehrerurteil kann diese Unterschiede weitertragen – und möglicherweise in kleinerem Umfang zusätzlich verstärken. Aber: „Lehrer*innen [sind] nicht die zentrale Ursache für soziale Ungleichheiten“, schreiben die Forscher. „Sie sind vielmehr eine vermittelnde Instanz.“

Hier lässt sich die vollständige Studie herunterladen. 

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