Start Tagesthemen Von Bildungsgipfel bis Handyverbot: Wie Politiker auf den PISA-Absturz reagieren

Von Bildungsgipfel bis Handyverbot: Wie Politiker auf den PISA-Absturz reagieren

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BERLIN. Die neuen PISA-Ergebnisse setzen die Bildungspolitik unter Handlungsdruck. Über Parteigrenzen hinweg rücken frühe Sprachförderung, die Sicherung der Basiskompetenzen und mehr Bildungsgerechtigkeit in den Mittelpunkt. Doch bei den konkreten Maßnahmen gehen die Vorstellungen auseinander: Die SPD-Bundestagsfraktion verlangt einen Bildungsgipfel, Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) warnt vor kurzfristigem Aktionismus, Landesminister verweisen auf bereits eingeleitete Reformen. Die Vorschläge reichen vom verpflichtenden Kita- oder Vorschuljahr bis zum Handyverbot an Schulen. 

Au weia. (Symbolbild.) Foto: Shutterstock

Dagmar Schmidt (SPD), stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, fordert nach den PISA-Ergebnissen ein Krisentreffen von Bund, Ländern und Kommunen. „Nach diesen Ergebnissen können wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“, sagte sie. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) müsse nun die Initiative für einen Bildungsgipfel ergreifen, auf dem konkrete gemeinsame Konsequenzen vereinbart würden. „Bildungsföderalismus darf keine Ausrede für Stillstand sein.“ Dass Deutschland bei der Bildung weiter zurückfalle und die soziale Herkunft immer stärker über den Bildungserfolg entscheide, sei „ein Alarmsignal, das niemand überhören darf“. Leistung und Talent müssten über Chancen entscheiden, nicht Herkunft und Geldbeutel der Eltern.

Karin Prien (CDU), Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, bezeichnet die PISA-Ergebnisse als „dramatisch“. Zu viele Jugendliche erreichten nicht die erforderlichen Basiskompetenzen, zugleich hänge der Bildungserfolg weiterhin viel zu stark von der sozialen Herkunft ab. Prien verweist aber darauf, dass die notwendigen Maßnahmen heute bekannt seien: „Anders als beim PISA-Schock 2000 haben wir heute einen Plan, jeder in seiner Verantwortung. Anders als damals kennen wir heute die Antworten und müssen sie konsequent und nachhaltig umsetzen.“ Mit dem Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz setze der Bund auf frühe Bildung, eine frühzeitige Erkennung von Förderbedarf und gezielte Unterstützung. Prien plädiert dabei gegen kurzfristige Krisenreaktionen: „Dafür braucht es keinen kurzfristigen Aktionismus, sondern einen langfristigen gemeinsamen Kurs.“

PhoneLocker, verschließbare Smartphone-Tasche

Andreas Jung (CDU), Kultusminister von Baden-Württemberg, sieht vor allem in der wachsenden sozialen Bildungsungleichheit Anlass für weitere Reformen. Dass sich die Schere zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg weiter öffne, dürfe nicht ruhen lassen; der Rückschlag bei der Bildungsgerechtigkeit treffe „bis ins Mark“. Jung stellt insbesondere den Zeitpunkt der Diagnostik infrage: „Es stellt sich die Frage, ob wir bei der Erfassung von Sprach- und Entwicklungsständen noch früher ansetzen und noch stärker kindgerecht fördern können als bislang im Schnitt mit 4,3 Jahren.“ Nach Angaben des Ministers sind 30 Prozent der Kinder in Baden-Württemberg nicht ausreichend auf den Schulstart vorbereitet, weil sie nicht gut genug Deutsch sprechen oder Entwicklungsdefizite haben. „Wir müssen noch mehr tun, um ihnen einen guten Start ihres Bildungswegs zu ermöglichen.“

Ute Eiling-Hütig (CDU), Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz, bezeichnet PISA 2025 als „klaren Weckruf“. „Die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der Messungen sind ein Tiefpunkt und ein mehr als deutlicher Auftrag.“ Besonders die zurückgehende Chancengleichheit nach sozialer Herkunft sei für sie ein „alarmierendes Signal“. Rheinland-Pfalz wolle bereits eingeleitete Maßnahmen beschleunigen – darunter stärkere frühkindliche Bildung, frühe Sprachstandserhebungen, mehr Sprachförderung sowie den Ausbau von Naturwissenschaften und Informatik. Eiling-Hütig verbindet die Ergebnisse zudem mit dem geplanten Verbot privater Handynutzung während der Schulzeit. Schülerinnen und Schüler müssten vor einer „überbordenden und ungesunden Einwirkung digitaler Medien“ geschützt werden; ein solches Verbot sei für ihre gute und sichere Entwicklung „unerlässlich“.

Armin Schwarz (CDU), Hessens Kultusminister, nennt das Abschneiden Deutschlands „alarmierend“ und sieht Handlungsbedarf. Hessen sei mit seinem neuen Bildungschancenpaket allerdings bereits auf dem Weg. Eine zusätzliche Deutschstunde in der ersten Klasse, Lesezeiten und Matheförderstunden sollen nach seinen Angaben die Grundkompetenzen stärken; das Fach „KI und Digitale Welt“ soll digitale Zukunftskompetenzen fördern. Schwarz verweist außerdem auf die im vergangenen Schuljahr eingeführten Smartphone-Schutzzonen an hessischen Schulen. Sie sollen unkontrollierter Handynutzung entgegenwirken und dazu beitragen, dass im Unterricht konzentrierter gelernt werden kann.

Dorit Stenke (CDU), Bildungsministerin von Schleswig-Holstein, sieht in PISA auch die Folgen gesellschaftlicher Veränderungen. „Die Ergebnisse der internationalen Pisa-Vergleichsstudie kommen nicht überraschend und sie sind ganz und gar nicht zufriedenstellend“, sagte sie. Sie seien „Ausdruck einer Gesellschaft, die zunehmend unter Druck steht“. Als Belastungsfaktoren nennt Stenke „die psychischen Belastungen infolge multipler Krisen, die Heterogenität der Schülerschaft und eine veränderte Mediennutzung der Schülerinnen und Schüler“. Diese Entwicklungen minderten Motivation und Konzentration. Zugleich verweist Stenke darauf, dass die Länder seit PISA 2000 unter anderem mit Bildungsstandards, Ganztagsangeboten und Sprachförderung reagiert hätten.

Anna Stolz (Freie Wähler), Bayerns Kultusministerin, sieht die Weichen im Freistaat grundsätzlich richtig gestellt und will den eingeschlagenen Weg fortsetzen. „Unser Kurs steht: früh hinschauen, gezielt fördern und die Basiskompetenzen kraftvoll stärken.“ Bayern habe Deutsch und Mathematik in der Grundschule um insgesamt sechs Wochenstunden aufgestockt. Rund eineinhalb Jahre vor der Einschulung werde verbindlich der Sprachstand erhoben und bei Förderbedarf eine verpflichtende Sprachförderung angeschlossen. Hinzu kämen wissenschaftsbasierte Diagnostik und Fortbildungen für Lehrkräfte. Nachsteuerungsbedarf schließt Stolz allerdings nicht aus: „Selbstverständlich werden wir auch intensiv prüfen, wo wir besser werden können, ich denke dabei insbesondere an die Lehrkräftebildung.“

Natalie Pawlik (SPD), Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, fordert ein verpflichtendes letztes Kita- oder Vorschuljahr. „Sprachfähigkeiten und soziale Kompetenzen sind zwei wichtige Voraussetzungen für den Schulalltag“, begründet sie ihren Vorstoß. Ein verpflichtendes Jahr könne helfen, diese Voraussetzungen zu schaffen. Pawlik spricht sich zudem für verbindliche Sprachstandserhebungen aus, um individuellen Förderbedarf früh zu erkennen. Den entscheidenden Befund sieht sie in der sozialen Ungleichheit: „Pisa zeigt erneut: In Deutschland entscheiden soziale Herkunft und familiäre Lebensbedingungen stärker als in anderen Ländern über den Bildungs- und Lebensweg eines Kindes.“ Besonders betroffen seien Kinder mit Einwanderungsgeschichte in sozial schwächeren Quartieren. Pawlik fordert deshalb eine „gemeinsame Kraftanstrengung von Bund und Ländern“; Integration müsse früh mit guten Kitas und Sprachförderung beginnen. News4teachers / mit Material der dpa

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