Start Digitale Bildung PISA-Chef Schleicher: Deutschlands Schulsystem nutzt Chancen der Digitalisierung nicht

PISA-Chef Schleicher: Deutschlands Schulsystem nutzt Chancen der Digitalisierung nicht

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BERLIN. Digitale Medien gehören für Andreas Schleicher zugleich zum Problem und zur möglichen Lösung der deutschen Bildungsmisere. Der PISA-Koordinator sieht in den aktuellen Daten Hinweise darauf, dass konsumptive Mediennutzung zunimmt, während kreativer Umgang mit digitalen Möglichkeiten zurückgeht – mit Folgen für Lesen und Lernen. Schulen müssten deshalb nicht einfach digitaler werden, sondern digitale Technik so einsetzen, dass Schülerinnen und Schüler selbst denken, prüfen und arbeiten. Künstliche Intelligenz verschärft diese Herausforderung noch.

„Mr. PISA“: OECD-Direktor Andreas Schleicher. Foto: SPÖ / Mag. Gisela Ortner / flickr (CC BY-SA 2.0)

In den Daten der aktuellen PISA-Studie wird ein Problem sichtbar: der veränderte Umgang junger Menschen mit digitalen Medien. Den Erhebungen zufolge habe in Deutschland in den vergangenen drei Jahren die konsumptive Nutzung zugenommen, während die kreative Nutzung zurückgegangen sei, erklärt Schleicher im Gespräch mit der FAZ.

Das bleibt nach seiner Einschätzung nicht ohne Folgen. „Dieses oberflächliche Lesen entsteht, indem junge Menschen mehr digitale Medien konsumieren, aber weniger kreativ mit diesen Medien arbeiten“, sagt Schleicher bei tagesschau24. Schon bei der vorangegangenen PISA-Studie hätten diejenigen Kinder bei der digitalen Lesekompetenz am besten abgeschnitten, die auch gedruckte Bücher mit mehr als 100 Seiten lasen, erläutert er. Wer einen längeren Text lese, müsse komplexe Zusammenhänge verarbeiten, unterschiedliche Informationen miteinander verbinden und sich vieles merken. Das stärke eben auch die digitale Kompetenz.

Schulen müssten deshalb einen anderen Umgang mit digitalen Medien vermitteln als den bloßen Konsum fertiger Inhalte. Hier sieht Schleicher erheblichen Nachholbedarf. Die Schule habe angesichts des oberflächlicheren Lesens „sehr, sehr viel aufzuarbeiten“, sagt er bei tagesschau24.

Allerdings fehlt es aus seiner Sicht auch an den Voraussetzungen dafür. „Digitalisierung ist in Deutschland noch lange nicht auf einem guten Weg“, sagt Schleicher. „Die können Sie nicht in einem Bundesland lösen. Da brauchen Sie übergreifende Standards und Plattformen.“ Gerade bei der Digitalisierung hält er deshalb eine Zusammenarbeit der Länder für notwendig.

Wie digitale Technik zum Lernen beitragen kann, wird für Schleicher vor allem bei Künstlicher Intelligenz sichtbar. Entscheidend sei auch dort, ob Schülerinnen und Schüler fertige Ergebnisse konsumieren – oder die Technik nutzen, um selbst intensiver zu denken und zu arbeiten.

„Wir werden nicht klüger, indem wir fertige Antworten von ChatGPT konsumieren“

Künstliche Intelligenz hält Schleicher nicht grundsätzlich für eine Gefahr für das Lernen. Im Gegenteil: Andere Bildungssysteme zeigten bereits, wie KI Lernprozesse intensivieren könne. „Wir sehen in einigen Ländern, dass die künstliche Intelligenz eher dazu geführt hat, dass Schüler intensiver lernen“, sagt er im Interview mit WDR 5. Er nennt Korea, Singapur und Teile Chinas als Beispiele.

Entscheidend sei die pädagogische Funktion. „Sie werden nicht fit, wenn Sie Sport anschauen. Sie werden fit, indem Sie Sport treiben. Genauso ist es mit dem Lernen. Wir werden nicht klüger, indem wir fertige Antworten von ChatGPT konsumieren. Wir werden klüger, wenn die künstliche Intelligenz uns hilft, tiefer nachzudenken, richtige Fragen zu stellen und uns jeden Tag antreibt, uns mehr anzustrengen.“

Wie das aussehen kann, hat Schleicher nach eigener Schilderung bereits 2018 in Shanghai erlebt. Grundschulkinder übten dort Kalligraphie traditionell mit Pinsel und Farbe. In die Tische waren jedoch Scanner integriert; eine digitale Anwendung gab den Kindern in Echtzeit Rückmeldung zu ihrer Arbeit. Zugleich konnte die Lehrkraft verfolgen, wie die einzelnen Schülerinnen und Schüler an die Aufgabe herangingen und an welchen Stellen Unterstützung nötig war.

„Das Lernen war traditionell, da wurde nichts kurzgeschlossen“, sagt Schleicher. Die Technik habe vielmehr den Schülerinnen und Schülern geholfen, besser zu lernen, und den Lehrkräften, besser zu unterrichten. „Das Gegenstück dazu ist, wenn man KI einfach den Schülern gibt und sagt: Jetzt macht eure Hausaufgaben damit. Damit kriegen wir ein besseres Ergebnis, aber keinen Lerneffekt.“

Schleicher: „Die KI zwingt uns darüber nachzudenken: Was macht uns zum Menschen? Wie können wir nicht zweitklassige Computer bilden, die Fertigwissen reproduzieren, sondern Menschen, die mit anderen Menschen arbeiten können, die selber Entscheidungen treffen können, die Autonomie haben, Dinge umzusetzen?“

Ist die Lage hoffnungslos? Mitnichten

Dass der aktuelle Niveauverlust unumkehrbar sei, glaubt Schleicher nicht. Selbst Jugendlichen, die kurz vor dem Schulabschluss stehen, könne Schule noch eine andere Haltung zum Lernen vermitteln. Entscheidend sei die Erfahrung, dass die eigenen Möglichkeiten nicht unveränderlich festgelegt seien.

„Wenn junge Menschen mit dem Gefühl aufwachsen: Mein Erfolg hängt nicht von meiner Intelligenz ab, mit der ich geboren bin, sondern davon, wie ich mich anstrenge, dann kann man im ganzen Leben seinen Horizont immer weiter ausbauen“, sagt Schleicher. „Ich glaube, das ist das Mindeste, was wir jungen Menschen mit auf den Weg geben müssen: das Ziel, mich zu verändern, mich zu entwickeln, und auch den Glauben an die eigenen Fähigkeiten, das zu tun.“

Die gegenteilige Botschaft hält er für fatal: „Wenn man jungen Menschen sagt: Kommt alles nicht so darauf an, ist alles gut genug, ich gebe euch trotzdem noch eine gute Note, auch wenn die Leistung nicht so ganz stimmt – das ist wirklich ein fatales Signal.“ News4teachers 

Hier geht es zu einem zweiten Bericht darüber, wie Andreas Schleicher die aktuelle PISA-Studie kommentiert: 

PISA-Chef Schleicher: „Das deutsche Bildungssystem ist ambitionslos geworden“

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2 Kommentare
vhh
22 Stunden zuvor

Schulen müssten deshalb einen anderen Umgang mit digitalen Medien vermitteln als den bloßen Konsum fertiger Inhalte.“ – das ist ihr Bild von dem, was wir in der Schule als Ziel haben. Mit Verlaub, Herr Bildungsdirektor, sie sind ein ahnungsloser Ignorant.
Brillante Analyse, Schüler die zusätzlich Bücher lesen, schneiden besser ab, wussten wir allerdings schon, leider bevorzugen die meisten realen Schüler Insta und Tiktok. Oder das hier „Wir werden nicht klüger, indem wir fertige Antworten von ChatGPT konsumieren. Wir werden klüger, wenn die künstliche Intelligenz uns hilft, tiefer nachzudenken, richtige Fragen…“ – großartig, stimmt. Eine kleine Frage, was geschieht in Südkorea, Singapur und Teilen Chinas, wenn Schüler das nicht tun und sowohl im Unterrichtsgespräch als auch bei jeder Aufgabe die KI antworten lassen? Freundliche Belehrung, wie man KI sinnvoller einsetzt? Sicher, das wird es sein, aber das machen wir doch auch? Entweder können alle Lehrkräfte in D das nicht richtig vermitteln oder es funktioniert woanders aus anderen Gründen. Nein, ich will keine autoritäre Schule mit noch mehr psychischen Problemen, aber wer das ähnlich sieht, kann das nicht als Vorbild darstellen. Vielleicht ist das auch freiwillig und die Lehrer so brillante Motivatoren.
Nette Anekdote zur Kalligraphie. Die bezieht sich allerdings auf eine Art von Wissen, das exakt das Gegenteil der deutschen Lehrpläne ist. Bestimmte Fakten oder Fähigkeiten auswendig lernen und möglichst genau reproduzieren. Es dürfte deshalb schwer werden Analogien hier zu finden. Oder soll man an Matheübungen denken? Etliche Aufgaben vom gleichen Typ zur Übung einfach so zu rechnen gilt auch nicht als sinnvoller Unterricht, Verständnis ist gefragt.
Aber wir machen ja alles, wenn’s denn hilft. Könnte der Herr Direktor das einmal genauer ausführen? Unter unseren Bedingungen? Jede Lehrkraft wird ihm gerne mit Hospitationsgelegenheiten helfen, wenn das Wissen über reale Schüler aus vierzig Jahre jungen Standardwerken stammt. ‚Eigentlich gibt es großartige Möglichkeiten, ich sage zwar nicht welche, aber ihr müsst es nur besser/anders machen.‘ Nur zu, dreißig Schüler, alle mit Ipad, mindestens die Hälfte verwendet das Gerät wie zuhause: soziale Medien, Fotos verschicken, Spiele, alles im Unterricht. Nein, die kann man nicht alle im Auge behalten, man kann auch nicht zehnmal sagen ‚ja, auch du klappst das Gerät zu‘.
Seit Jahren immer die gleiche Arroganz und Ignoranz, an jeder Realität vorbei, aber ‚man müsste doch nur…‘.

Ute
2 Stunden zuvor
Antwortet  vhh

ja KI, Digitalunterricht und Homeschooling!