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Antisemitismus: Expertenkreis kritisiert die Arbeit der Schulen

BERLIN. Rund ein Fünftel der Bürger in Deutschland pflegen einen „latenten Antisemitismus“. Zu diesem Ergebnis kommt ein vom Bundestag eingesetzter Expertenkreis. Der kritisiert auch die Schule: Insbesondere die Aufklärung über den Holocaust erreiche nicht immer ihr Ziel.

Die Neue Synagoge in Berlin. Foto: Kuli / Wikimedia Commons

Die Neue Synagoge in Berlin. Foto: Kuli / Wikimedia Commons

In der deutschen Mehrheitsgesellschaft seien in erheblichem Umfang antisemitische Einstellungen vorhanden, die auf weit verbreiteten Vorurteilen und tief verwurzelten Klischees sowie auf schlichtem Unwissen über Juden und Judentum basierten, so heißt es in dem Bericht der zehn Experten, dem unter anderem der Leiter der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, Aycan Demirel, der Islamwissenschaftler Dr. Olaf Farschid, sowie die Historiker Prof. Dr. Johannes Heil und Prof. Dr. Peter Longerich angehören.  Umfragen zufolge hingen etwa 20 Prozent der Bürger einem „latentem Antisemitismus“ an. Sie glaubten einerseits den „klassischen“ antisemitischen Bezichtigungen – Juden besäßen zu viel Einfluss (Verschwörungsvorwurf) oder seien wegen ihres eigenen Verhaltens selbst „schuld“ an ihrer Verfolgung –, und pflegten darüber hinaus  Ressentiments gegen Juden, die sich erst als Reaktion auf den Holocaust und die Existenz des Staates Israel herausgebildet haben.

Gefahr durch Rechtsextremisten

Das rechtsextremistische Lager erweist sich dem Bericht zufolge nach wie vor als der wichtigste politische Träger des manifesten Antisemitismus in Deutschland; mehr als 90 Prozent aller antisemitischen Straftaten würden durch Täter begangen, die dem rechten Spektrum zugehörig seien. Als ein weiterer bedeutender Träger von Antisemitismus mit erheblichem Gefahrenpotential müsse inzwischen aber auch der Islamismus gelten, der eine extremistische Interpretation des Islam propagiere. Und auch im Linksextremismus seien antisemitische Tendenzen festzustellen, die häufig als Israelkritik verbrämt würden.

Die Autoren des Berichts kritisieren: „Eine umfassende Strategie zur Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland existiert nicht.“ Die bestehenden Maßnahmen erfolgten uneinheitlich und unkoordiniert. Zu selten werde der Antisemitismus als eigenständiges Phänomen erfasst. Dabei sei eine umfassende Abwehrstrategie notwendig, die in den Kindergärten und Schulen beginnen müsse. Kindergärten, so heißt es, seien insbesondere in den neuen Bundesländern Zielpunkte rechtsextremer Aktivitäten. Und in den Schulen wirke die Behandlung des Themas im Unterricht mitunter kontraproduktiv. Kritisiert wird insbesondere, dass …

  • … „antisemitische Stereotype durch die einseitige Hervorhebung von Juden als Opfer über Rahmenpläne und Schulbücher tradiert werden. Solche Stereotype können auch über Kinder- und Jugendliteratur transportiert werden, die im Unterricht in verschiedenen Fächern Verwendung finden.“
  • … „im Zuge der Behandlung des Holocaust im Schulunterricht häufig überzogene moralische Erwartungen an die Schüler gestellt werden, die bei den Betroffenen Frustration zurücklassen und in einem typischen ‚Schuldabwehr‘-Antisemitismus münden können.“
  • … „die unreflektierte Nutzung von NS-Propagandamitteln im Unterricht dazu führen kann, dass sich bestimmte rassistisch-antisemitische Bilder in den Köpfen der Schüler festsetzen.“
  • … „die Tatsache, dass der Nahostkonflikt im Allgemeinen im Schulunterrichtwenig thematisiert wird,  ein Informationsdefizit bei Schülern zur Folge hat, das sie besonders anfällig für eine einseitig negative und überzogene Darstellung der Rolle Israels in diesem Konflikt macht.“

Darüber hinaus seien auch die Lehrer nicht frei von eigenen Vorbehalten gegenüber Juden – und griffen, um eine Selbstreflexion zu vermeiden, zum vermeintlich probaten Mittel der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus. Das Wissen um die Geschichte sei zwar „unabdingbarer Bestandteil“ einer Erziehung gegen den Antisemitismus – es reiche aber nicht aus. Aktuelle Ausprägungen des Antisemitismus müssten genauso thematisiert werden.  Wichtig seien auch Kontakte von Schülern mit Juden und eine „Anerkennungspädagogik“, um etwa bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund das Selbstbewusstsein zu stärken und sie damit weniger anfällig gegenüber Vorurteilen zu machen.  NINA BRAUN

(24.1.2012)

Materialien zur Aufklärung gegen Antisemitismus

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