Startseite ::: Praxis ::: Missbrauch: Die Katholische Kirche hat ein Glaubwürdigkeitsproblem

Missbrauch: Die Katholische Kirche hat ein Glaubwürdigkeitsproblem

Eine Analyse von NINA BRAUN.

Als Schulträger sowie als in Jugendarbeit und Erziehung stark engagierte Institution hat die Katholische Kirche eine besondere Verantwortung, für die Aufklärung von Missbrauchsvorwürfen zu sorgen. Wird sie dieser Verantwortung gerecht? Vorsichtig ausgedrückt: Es sieht derzeit nicht so aus.

Hat die Katholische Kirche ein Interesse an einer unabhängigen Untersuchung zum Thema Missbrauch im Schatten des Kreuzes? Foto: strobetec / Flickr (CC BY-ND 2.0)

Hat die Katholische Kirche ein Interesse an einer unabhängigen Untersuchung zum Thema Missbrauch im Schatten des Kreuzes? Foto: strobetec / Flickr (CC BY-ND 2.0)

Das Argument der Kirchenoberen, warum sie dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) den Auftrag entzogen haben,  Ausmaß und Wirkung des Missbrauchs im Schatten der Kreuzes zu untersuchen (“Das Vertrauensverhältnis zwischen dem Direktor des Instituts und den deutschen Bischöfen ist zerrüttet“), wirkt nicht gerade überzeugend. Denn anders als Bischof Ackermann meint, ist ein Vertrauensverhältnis zwischen einer zu untersuchenden Institution und einem Wissenschaftler, der sie untersuchen soll, keineswegs „unabdingbar“. Worauf will der Bischof denn vertrauen? Dass der Forscher unliebsame Ergebnisse verschweigt? Das einzige Vertrauen, das in diesem Zusammenhang  notwendig wäre, ist das in die wissenschaftliche Integrität des Auftragnehmers. Doch an der kann im Fall von Pfeiffer und dem KFN kein Zweifel bestehen; dafür sind der Professor und das Institut zu renommiert.

Wer ihn kennt, der weiß: Pfeiffer – der auch schon mal SPD-Justizminister von Niedersachsen war – kann tatsächlich selbstgefällig, ja arrogant auftreten. Doch das mindert nicht seine wissenschaftliche Reputation, zumal er nicht allein die Studie schreiben wollte. Teile davon sollten als Habilitation und als Dissertationen entstehen. Und es ist auch kein Anlass, mit Dreck auf ihn zu werfen, wie es Kirchenvertreter hinter vorgehaltener Hand derzeit tun („Der Mann redet Blödsinn, er hat seine Zeit hinter sich, weiß es aber leider nicht“). Christlich ist anders.

Wurde lediglich eine Rehabilitation gewünscht?

Alles in allem ergibt sich, mal wieder, das Bild einer Kirche, die ihr Organisationsinteresse stärker gewichtet als das Wohl der ihr anvertrauten Menschen.  Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Bischöfe mit der in Auftrag gegebenen Untersuchung – gemäß dem Motto: Traue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast – lediglich eine Rehabilitation für die Kirche erreichen wollten.

Die immer wieder vorgebrachte Argumentation lautet: Ja, es hat Missbrauch durch Geistliche gegeben (was nicht zu leugnen ist) – aber das sind lediglich Einzelfälle gewesen, und dies auch noch in einem unterdurchschnittlichen Ausmaß. Als Beleg wird angeführt, dass der Anteil der als pädophil aufgeflogenen kirchlichen Würdenträger an der Gesamtpriesterschaft deutlich geringer sei als der Anteil von Pädophilen an der männlichen Gesamtbevölkerung. Das mag stimmen, ist aber ein falscher Maßstab. Denn die Vertreter der Katholische Kirche treten ja (anders als Vertreter der männlichen Gesamtbevölkerung) mit einem besonderen moralischen Anspruch gerade gegenüber Kindern und Jugendlichen auf. Würde man einen passenderen Maßstab anlegen und die „Täterquoten“  etwa von Lehrern und Priestern in Deutschland miteinander vergleichen, sähe die Bilanz der Katholischen Kirche – die Vorhersage wird hier gewagt – deutlich düsterer aus.

Sollten die Vorwürfe Pfeiffers stimmen, und bislang haben die Bischöfe trotz ihrer schrillen Tonlage keiner seiner konkreten Vorhaltungen überzeugend widersprochen, dann ergibt sich, mal wieder, ein Desaster für die Katholische Kirche. Unglaubwürdiger ginge es dann kaum noch. Stellen wir uns mal vor, es würde sich nicht um eine der größten und mächtigsten Institutionen in Deutschland handeln, sondern um den Sportverein Kleinkleckersdorf, in dessen Reihen es jahrzehntelang zu Missbrauch gekommen sein soll, dessen Vorstand einer Untersuchung aber nur zustimmt, wenn er die Ermittler auswählen und unliebsame Ergebnisse zurückhalten darf – würden Eltern diesem Sportverein noch ihre Kinder anvertrauen? Wohl kaum. (News4teachers)

10.1.2013

 

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*