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Schule im Sudan: “Motivation ist hier kein Problem”

ROSTOCK. Die Salesianer Don Boscos vermitteln Partnerschaften zwischen ihren Schulen auf der ganzen Welt und Schulen in Deutschland. Zehn Jahre lang haben Rostocker Schüler und Lehrer die Bildungsarbeit im Sudan finanziell und ideell unterstützt – jetzt besuchten drei Lehrer und ein Elternvertreter das Projekt vor Ort. Teil zwei der Reportage.

"Bildung ist in der Gesellschaft hoch angesehen": Lehrerin Leocardia. Foto:  Benedict Steilmann, Don Bosco Mission

“Bildung ist in der Gesellschaft hoch angesehen”: Lehrerin Leocardia. Foto: Benedict Steilmann, Don Bosco Mission

Die Rostocker bitten für den nächsten Tag um ein Gespräch mit den Kollegen, um sich kennenzulernen. Gemeinsam sitzen wir im Lehrerzimmer, beide Seiten gespannt auf den Austausch.

Die Schulorganisation z. B. ist annähernd gleich. Elternsprechtage, Lehrerkonferenzen, Schulpflegschaften, etc. Aber was ist mit der Motivation? Ob südsudanesische Schüler auch schwänzen würden? „Wenn die Schuluniform gewaschen oder geflickt wird und die Kinder nichts anderes Gutes zum Anziehen haben, bleiben sie aus Scham zuhause“, erklärt Englischlehrer Mathew. „Aber wir wollen sie natürlich trotzdem da haben, auch ohne Uniform.“

Motivation, meint Leocardia, einzige Frau im Team, sei kein Problem. „Bildung ist hoch angesehen in der Gesellschaft. Ältere Schüler arbeiten, um ihr Schulgeld bezahlen zu können.“ Wir versuchen gedanklich, das Modell auf deutsche Schüler zu übertragen, und scheitern.

Welche Lern- und Lehrmittel sie haben, möchte Humpert wissen, der eine Reisetasche voller Kugelschreiber mitgebracht hat. „Die Schüler haben Hefte und Schiefertafeln, wir eine Wandtafel und einzelne Bücher“, antwortet Mathew. „Mehr Lernmaterialien würden nochmal ungeheuer motivieren“, schiebt er nach.

Als wir später einige Schüler treffen, merkt einer prompt an, Englisch ohne Grammatikbuch sei sehr schwer zu lernen und ob wir nicht aushelfen könnten. Eine Schülerin fragt nach einem Schulbus. Sie sei jeden morgen zwei Stunden unterwegs. Ein dritter fragt später forsch, mit wie viel Geld wir ihn unterstützen wollten.

Die Rostocker Lehrer sind nachdenklich geworden. „Augenhöhe herstellen“ heißt es bei uns unter Pädagogen, wenn man nicht die eigene Geberrolle betont, sondern Menschen aus ärmeren Ländern als eigenständig darstellt, ihnen das Stigma des passiven Hilfeempfängers nimmt. Hier in Maridi wird deutlich, dass wir als Deutsche ebenfalls ein Stigma haben, das des großzügigen Gebers. Die Erwartungen sind hoch. Obwohl die Rostocker immer auch finanziell fördern wollten, erfährt die Partneridee einen Dämpfer.

„Da kriegt man eine Ahnung davon, wie ungleich eine Partnerschaft sein würde“, überlegt Christiane Kastner später. „Das kann auch schnell überfordern.“ Gleichzeitig sehen wir alle, dass das Bildungswesen noch viel Unterstützung braucht, bis die Menschen hier selbst das Gefühl bekommen, Augenhöhe erreicht zu haben.

Einen Tag später fahren wir zurück. Wir wollen noch drei Tage in Juba verbringen, Schulen besuchen und Leute treffen. Wieder strapaziöse 12 Stunden unterwegs. Hat es sich gelohnt? „Ja, wir haben jetzt Gesichter vor Augen, haben die Leute persönlich kennengelernt und haben eine Ahnung wie das hier läuft“, meint Susanne Lörcks. „Das ist doch eine tolle Voraussetzung. Alles Weitere wird sich finden.“

Hier geht es zum ersten Teil der Reportage.

 

Länderprofil Südsudan

Hauptstadt: Bis zur Teilung im Juli 2011 war der Gesamtsudan der flächenmäßig größte Staat Afrikas. Seit der Unabhängigkeit ist Juba die Hauptstadt und der Regierungssitz des Südsudan.

Einwohnerzahl: ca. 10 Millionen

Landessprachen: Laut der Übergangsverfassung ist Englisch die einzig offizielle Amtssprache; alle einheimischen (Stammes-)Sprachen sind jedoch ebenfalls als Landessprachen anerkannt, daneben Arabisch als im ganzen Land gesprochene Verkehrssprache

Seit der Unabhängigkeit streiten sich der Südsudan und Sudan um die Grenzziehung und die reichhaltigen Ölvorkommen. Dies führt immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Nach insgesamt fast 40 Jahren Bürgerkrieg ist der Südsudan auf internationale Hilfe angewiesen. Im jüngsten Staat der Erde muss die gesamte Infrastruktur neu aufgebaut werden. Es fehlt nicht nur an Schulen, Straßen, Krankenhäusern, kommunalen Verwaltungseinrichtungen und sauberem Trinkwasser, sondern auch an dem nötigen Know-how und Fachkräften. Zudem müssen jährlich hunderttausende zurückkehrende Binnenflüchtlinge wiedereingegliedert werden. 90 Prozent der Bevölkerung im Südsudan leben nach UN-Schätzungen von weniger als umgerechnet einem US-Dollar pro Tag. Ein Großteil der Bevölkerung ist auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Eine Privatwirtschaft konnte sich der junge Staat bisher noch nicht aufbauen. Fast alle Produkte bezieht der Südsudan über die Nachbarländer Uganda und Kenia. Mit dem Ende des Bürgerkriegs 2005 kehrten hunderttausende Flüchtlinge aus dem Norden und aus den angrenzenden Ländern zurück in den Süden – in ein Land ohne jede Infrastruktur. An vier Standorten (Wau, Tonj, Juba-Gumbo und Maridi-Monguo) unterstützen die Salesianer den Wiederaufbau im Bereich der Pastoral, der Jugendarbeit, dem Gesundheitswesen, der Landwirtschaft und insbesondere in der Grund-, Sekundar- und Berufsbildung. Die Don Bosco Berufsschule in Wau ist eine der wenigen Orte für eine fundierte berufliche Ausbildung im Land. All dies geschieht größtenteils in Zusammenarbeit mit den Don Bosco Schwestern. Weitere Gesundheitszentren und Schulen sind im Aufbau oder in Planung.

Don Bosco macht Schule

Gerne vermittelt das Bildungsteam der Don Bosco Mission – die ihren Namen vom 1934 heiliggesprochenen Katholischen Ordensgründer Giovanni Melchiorre Bosco ableitet – weltweite Kontakte zu Schulen, die der Unterstützung bedürfen. Ob daraus eine intensive Partnerschaft oder nur eine einmalige Spendenaktion wird, hängt ganz vom Engagement von Schülerschaft und Lehrer ab. Ein guter Einstieg ist die Patenschaft „Padrino“, in der Schulen Paten einer Straßenkindereinrichtung werden können. Sollte Interesse bestehen, Themen wie den Sudan oder Straßenkinder im Unterricht zu behandeln, kommen Mitarbeiter – wenn es Zeit und Entfernung zulassen –, gerne in den Unterricht. Oft mit dabei sind junge zurückgekehrte Don Bosco Volunteers, die ein Jahr in einer weltweiten Einrichtung gearbeitet haben. Sie werden nach ihrer Rückkehr didaktisch geschult und können ein junges und authentisches Zeugnis ihrer Erfahrungen geben. (17.2.2013)

Kontakt zu Benedict Steilmann:

Telefon: 0228 / 539 65 72 oder Mail: b.steilmann@donboscomission.de

Don Bosco Mission, Sträßchensweg 3, 53113 Bonn,

Hier geht er zur Homepage der Don Bosco Mission.

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