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Trotz des Drucks von Eltern: Baden-Württemberg bremst Rückkehr zu G9

STUTTGART. Eltern und Schüler in Baden-Württemberg können bis zur nächsten Landtagswahl definitiv nicht mit einer Ausweitung von Gymnasien mit neunjährigem Abitur rechnen. SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel sagte: «Es bleibt bei den 44 Gymnasien, weil der Koalitionspartner nicht bereit ist, sich zu bewegen.» Damit drehte er im koalitionsinternen Streit bei. Das klassische Abitur nach 13 Jahren Schulzeit erlebt dennoch derzeit im Westen Deutschlands eine Renaissance.

Das achtjährige Gymnasium (G8) kommt nicht aus der Kritik. Foto: Patrick Rasenberg / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Das achtjährige Gymnasium (G8) kommt nicht aus der Kritik. Foto: Patrick Rasenberg / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Derzeit sind im Südwesten 44 G-9-Gymnasien in einem Schulversuch genehmigt. Schmiedel hatte noch im Juni wegen des Drucks von Eltern verlangt, dass mehr Gymnasien zu G9 zurückkehren dürfen. Für Schmiedel ihn ist das Thema vertagt, aber nicht erledigt. Spätestens in der nächsten Legislaturperiode müsse man den Schulversuch auswerten und daraus Schlüsse ziehen, sagte er. Der SPD-Politiker verwies darauf, dass es bereits heute Klagen von den Hochschulen über eine mangelnde Studienreife der Studenten gebe.

Sein persönlicher Eindruck sei nach wie vor, dass das Turboabitur G8 für eine bestimmte Anzahl von Kindern infrage komme, es aber nicht für alle das richtige Angebot sei. Das G8 könne auch nicht so bleiben, wie es ist. «Wir müssen das G8 so gestalten, dass es auf eine breite Zustimmung stößt. Solange sich 90 Prozent abwenden, bleibt es umstritten», sagte der Fraktionschef.

Das G8 erregt in Baden-Württemberg seit seiner Einführung im Schuljahr 2004/2005 unter der damaligen Kultusministerin Annette Schavan (CDU) die Gemüter. Kritiker von G8 monieren, beim Turboabitur werde nahezu der gleiche Unterrichtsstoff wie im neunjährigen Gymnasium nur in kürzerer Zeit behandelt. In einigen westlichen Bundesländern gibt es wieder G9-Züge – so in Hessen, Nordrhein-Westfalen und in Schleswig-Holstein.

Hintergrund ist die weit verbreitete Klage von Schülern und Eltern über die Belastung durch das sogenannte Turbo-Abitur. Im Osten Deutschlands hat das achtjährige Gymnasium Tradition und wird kaum infrage gestellt.

Vor allem rot-grün-regierte West-Länder denken über Wahlmöglichkeiten nach oder haben sie schon eingeführt. So auch die neue SPD-Grünen-Regierung in Niedersachsen, die die Beibehaltung des Abiturs nach 13 Jahren an Integrierten Gesamtschulen bereits beschlossen hat. In einem ergebnisoffenen Dialog mit den Verbänden will man erörtern, ob es an Gymnasien beim Abitur nach zwölf Jahren bleiben soll.

In Schleswig-Holstein hatte die abgewählte schwarz-gelbe Koalition eine Wahlfreiheit für die Schulträger eingeführt. Der neue Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) will aber für die normalen Gymnasien wieder G8 einführen und den längeren Weg zum Abitur auf die Gemeinschaftsschulen beschränken. In Hamburg hat eine Elterninitiative eine sogenannte Volksinitiative für G9 auf den Weg gebracht. Hamburgs Schulsenator Ties Rabe hält eine behutsame Verbesserung des G8 aber für klüger als eine Rückkehr zu G9.

In Nordrhein-Westfalen gibt es neben den Gesamtschulen Modellzüge für G9 an Gymnasien. In Rheinland-Pfalz geht sowohl G8 als auch G9. Das Turbo-Abi ist aber nur in Verbindung mit einer verpflichtenden Ganztagsschule ab der Klassenstufe 7 möglich.

Aber auch in konservativ regierten Ländern gibt es Bewegung: In Hessen dürfen Gymnasien nun wieder zum Abitur nach 13 Jahren zurückkehren – 39 nutzen die Möglichkeit zunächst. Bayern versucht mit einem sogenannten Flexibilisierungsjahr in der Mittelstufe, den Streit ums Turbo-Abitur zu befrieden – das Konzept wird nun flächendeckend umgesetzt. Gymnasiasten können entscheiden, ob sie in der Mittelstufe ein zusätzliches Schuljahr mit Förderangeboten einlegen. dpa

Zum Bericht: “Keine Leistungsabweichung beim Doppel-Abijahrgang – G 8 leicht vorn”

 

3 Kommentare

  1. Eigentlich wäre es ja egal, ob Kinder 8 oder 9 Jahre aufs Gymnasium gehen. Man sollte das nur vernünftig machen. Leider war die Planung in allen Fällen ungenügend (Note 6). Die Vorgaben waren: gleicher Stoff, weniger Zeit, mehr Absolventen. Wie soll das gehen? Das Ergebnis: Pfusch. Die Lehrer werden schon richten was die Ministerien verbockt haben. Wenn diese es nicht schaffen, kann man ihnen immer noch vorwerfen, sie könnten die Vorgaben nicht richtig umsetzen (“die Pfeifen”) – wie in Bayern geschehen. Tja leider (zumindest aus der Sicht der Ministerien und der Ökonomen, die das G8 forderten) sind Kinder keine Fließbänder, die man einfach ein wenig schneller laufen lässt. Das passt halt so gar nicht ins Konzept der ganzen Rationalisierer.

  2. Ich halte den Gedanken für verkehrt, dass es hier nur um Rationalisierung ginge. Die Erfahrung in den östlichen Bundesländern zeigt, dass es nach 8 Jahren geht, auch wenn der Stoff sich nicht unterscheidet. Die Frage, die sich mir stellt ist die, worin sich heutige Schüler und Schulen, aber auch Eltern unterscheiden und da komme ich zu dem Schluss, dass die Kinder nicht dümmer sind, als früher, aber die Art, sich Wissen zu erarbeiten heute eine vollkommen andere ist und mit dem klassischen Schulsystem kaum vereinbar. Dazu kommt ein anderes Selbstbewusstsein der Schüler – Alles muss Spaß machen, nur macht die Schule das eher selten. Umso bildungsferner die Zusammensetzung der Haushalte in der Schule ist, umso schlimmer scheint mir das zu sein. Auch der Anspruch an die Lehrer Inklusion, Integration, Förderung und Forderung und ganz nebenbei Erziehung zu leisten, führt nur zu überfordertem Lehrpersonal. Darüber hinaus hat so mancherorts eine Frontbildung zwischen Eltern und Lehrern eingesetzt, die durch Streiks bei Aufstockung der Gymnasiallehrerstunden nicht gerade aufgeweicht wird.

    Das System selbst ist fehlerhaft – die Anzahl der Schuljahre bis zum Abi ändert daran nichts. Ein grundlegendes Umdenken muss her, dass neben vielen anderen Kleinigkeiten auch eine Abkehr von zu früher Medialisierung beinhaltet (Ich meine damit, dass Kinder nicht erst mit Google und Co. umgehen sollten und dann erst mit Büchern). Politisch gewollt (letztlich sogar vom Gros der Wirtschaft) ist dies allerdings nicht. Da lässt es sich leichter um ein Jahr streiten.

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