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Bayerns Grundschüler bekommen Übertrittzeugnisse – heftiger Streit um den Sinn entbrennt

MÜNCHEN. Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) hat nach G8 ein neues Streitthema an der Backe: Rund 100.000 Viertklässler in Bayern bekommen an diesem Freitag ihre Übertrittszeugnisse. Darin empfehlen die Grundschulen den Wechsel auf Mittelschule, Realschule oder Gymnasium. Die Zeugnisse stehen seit längerem in der Kritik des Lehrerverbands. Das Verfahren sei nicht kindgerecht, rügte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, Klaus Wenzel. Es könne Motivation hemmen und Ängste auslösen.

Schon wieder Ärger: Bayerns  Kultusminister Ludwig Spaenle. Foto: Sigismund von Dobschütz / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Schon wieder Ärger: Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle. Foto: Sigismund von Dobschütz / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Entscheidend sind in den bundesweit einmaligen Verfahren die Zeugnisnoten in Deutsch, Mathematik sowie Heimat- und Sachunterricht. Für eine Gymnasialempfehlung ist ein Notendurchschnitt von 2,33 nötig. Das Kultusministerium betonte dagegen, eine Erhebung habe die Akzeptanz der Übertrittsempfehlung gezeigt: Über zwei Drittel der Lehrer und vier Fünftel der Eltern finden sie demnach sinnvoll. Die Schulwahl nach der vierten Klasse sei zudem nur vorläufig. Über 40 Prozent der Hochschulzugangsberechtigungen würden inzwischen über die berufliche Bildung erworben.

Unterstützung bekam das Kultusministerim vom Bayerischen Realschullehrerverband (brlv). „Die persönliche Entwicklung fördern und über Erfolgserlebnisse zu Leistungsbereitschaft motivieren: das ist die primäre Aufgabe von Schule“, erklärt der Vorsitzende des brlv, Anton Huber, zur morgigen Vergabe der Übertrittszeugnisse. „Junge Menschen erfahren, dass Sie über Bildung zu Erfolg und Lebenszufriedenheit gelangen können. Diese Grundeinstellung wird an den Grundschulen angebahnt. Die weiterführenden Schulen pflegen diese Grundhaltung und machen die Kinder zu Aufsteigern durch Bildung.“

Dafür stünden den bayerischen Eltern nach der Grundschule in Bayern vielfältige Bildungsangebote zur Wahl. Bestmögliche Förderung gelinge jedoch nur, so Huber, „wenn die Eltern für ihr Kind das richtige Bildungsangebot wählen.“ Die hohe Durchlässigkeit des bayerischen Schulwesens garantiere den Eltern Jahr für Jahr, auch andere Chancen zu nutzen. Deshalb sei der Übertritt nach der Grundschule eine erste von vielen folgenden Weichenstellungen im Leben eines jungen Menschen. Er sei keine Festlegung, sondern lediglich die Wahl eines Angebots, von dem anzunehmen ist, dass es das jeweilige Kind optimal fördert und fordert zugleich.

Huber weiter: „Mit dem Übertrittszeugnis erhalten die Eltern am Freitag nach vier Jahren Grundschulförderung und umfangreicher Diagnose eine sehr zuverlässige Einschätzung und Empfehlung der Grundschullehrkraft. Es empfiehlt den Eltern, für das Kind ein bestimmtes Bildungskonzept zu wählen, um es bestmöglich zu fördern und um alle Potenziale auszuschöpfen. Eltern sind gut beraten, diese Empfehlung anzunehmen.“

Auch angesichts der derzeitigen „Akademikerschwemme“ bei gleichzeitigem massiven Fachkräftemangel sei es laut Huber nicht entscheidend, dass ein Schüler eine Gymnasialempfehlung erhält. Jedes Kind hat Jahr für Jahr neue Chancen, sich Ziele zu setzen und aufzusteigen. Der Bayerische Realschullehrerverband ermutigt die Eltern und Kinder dazu, die Schullaufbahnwahl nicht nach dem formalen Bildungsabschluss am Ende der Schulzeit auszurichten, sondern nach dem bestmöglichen individuellen Förderangebot. „Hier hält die Realschule ein modernes Spitzenangebot bereit, das alle Optionen für den Aufstieg durch Bildung sichert“, stellt Huber fest.

GEW-Bayern forderte dagegen die sofortige Abschaffung der Übertrittszeugnisse an Grundschulen. „Was ist der Unterschied zwischen einem 10-jährigen Kind mit 2,33 und einem Kind mit 2,34 im Übertrittszeugnis?“, so fragt die Gewerkschaft und stellt fest: „Bildungspolitisch gesehen ist es die Prognose einer Schullaufbahn,  amtlich betrachtet handelt es sich um die im Übertrittszeugnis attestierte Gymnasialeignung eines Kindes oder eben nicht.“ Aus  Sicht des Kindes werde mit diesen Ziffern der Unterschied  festgemacht zwischen: „Ich bin bei den Guten“oder „Ich gehöre zu den Aussortierten“ – wissenschaftlich betrachtet gebe es keinen Unterschied. „Denn es gibt kaum Anhaltspunkte dafür, dass eine       Schullaufbahn in der 4. Klasse nach Schulnoten prognostizierbar sei.“ Eine Entscheidung von einer solchen Tragweite an der zweiten Kommastelle der Durchschnittsnote festzumachen, habe nichts mit gelungener Bildung zu tun. Eine große Mehrheit der Grundschullehrer lehnt nach GEW-Angaben den „Auslesezwang“ ab und würde Kinder gern in Bezug auf ihren persönlichen Fortschritt beurteilen. News4teachers / mit Material der dpa

3 Kommentare

  1. Mit dieser Aussage qualifiziert sich die GEW selbst als nicht fachkundig. Da der Schnitt aus drei Noten gebildet wird, kann es nur 2,33 und 2,66 geben. Unsere Kollegen an den Grundschulen sind in ihrer Notenvergabe sicher sehr reflektiert. Es erschreckt mich, dass die Gewerkschaft der Meinung ist, dass ihre Mitglieder bloß inhaltsleere Ziffern vergeben und nicht den Lernfortschritt beurteilen.

  2. Mit dieser Aussage und anderem disqualifiziert sich die GEW!
    Sie vergisst, dass der Weg zum Abitur eben nicht versperrt ist durch dieses Zeugnis, wie es auch ausfällt. Sie vergisst, das das Erlebnis des Scheiterns auch dann gegeben ist, wenn das Kind später die Schule wechseln muss oder in einen anderen Kurs abgestuft wird.
    Außerdem gibt es noch die Möglichkeit des Probeunterrichts!
    Und die Grundschullehrer überlegen sich ihre Bemerkungen genau und urteilen sehr zutreffend.
    Die weiterführenden Schulen müssen jedes Jahr Statistiken abgeben über das Zutreffen der Prognosen, also sind durchaus belastbare Daten vorhanden!

    rfalio

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