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Erdogan in Rage: Warum sich Kretschmann entschuldigen sollte

Ein Kommentar von ANDREJ PRIBOSCHEK.

Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto. Alex Büttner

Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto. Alex Büttner

Soll sich ein deutscher Ministerpräsident (Kretschmann) beim türkischen Präsidenten für eine Karikatur in einem Schulbuch entschuldigen? Im Reflex möchte man sagen: Wo kommen wir denn da hin? Wir haben in Deutschland schließlich Meinungs- und Pressefreiheit, und Satire müssen Politiker ja wohl aushalten können. Schon gar einer wie der Poltergeist Erdogan, der selbst unlängst unseren Bundespräsidenten persönlich anging („Der deutsche Staatspräsident denkt wohl, er sei immer noch ein Pastor“), als dieser es bei einem Türkei-Besuch wagte, den autokratischen Regierungsstil Erdogans zu kritisieren. Sehr zu recht übrigens.

Nun ist der Sachverhalt etwas komplizierter. Dass die – tatsächlich sehr lustige – Karikatur der geschätzten Kollegen Greeser & Lenz seinerzeit in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erschien, für die sie ja auch gezeichnet wurde, wird gar nicht kritisiert. Dagegen könnte auch niemand etwas einwenden – schließlich gilt, siehe oben, in Deutschland gottlob die Meinungs- und Pressefreiheit.

Aber darf deshalb auch ein Schulbuch, das ja immerhin von einem Kultusministerium auf seine Eignung für den Einsatz im Unterricht hin geprüft wird, eine solche Spottzeichnung bringen? Was würden wir Deutschen umgekehrt davon halten, wenn beispielsweise Kanzlerin Merkel in türkischen, griechischen oder italienischen Schulbüchern als Obernazi dargestellt würde, wie es auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise – tatsächlich nicht sehr lustig – in zahlreichen Zeitungen Griechenlands oder Italiens geschah? Und das dann mit offensichtlicher Billigung der dortigen Regierungen?

Nun liegt Kretschmann zweifellos nicht falsch, wenn er den Verdacht äußert, dass Erdogan mit künstlicher Empörung über Deutschland von innenpolitischen Konflikten in der Türkei ablenken will. Das ändert aber nichts daran, dass andernorts der Eindruck entsteht, eine deutsche Landesregierung mache in offiziösen Veröffentlichungen (und als solche muss ein Schulbuch gelten) Stimmung gegen ein nicht-genehmes ausländisches Staatsoberhaupt. Diesem Eindruck sollte Kretschmann entgegenwirken – und sich, in aller Gelassenheit, für die Genehmigung des Schulbuches durch das baden-württembergische Kultusministerium entschuldigen.

Zum Bericht: Karikatur in deutschem Schulbuch bringt Erdogan in Rage – Streit um Entschuldigung

6 Kommentare

  1. Frau „Wir müssen eine gemeinsame Lösung finden“ Merkel kann man nicht offen und oft genug in Karikaturen kritisieren. Wenn sie es nicht in ein Schulbuch schaffen, dann über Folie am Projektor bzw. Beamer.

  2. Was ist denn das bitte für ein kommentar? Er laviert ununterbrochen und übersieht dass ein politikunterricht von kontroversen lebt. Auch von solchen zu vielleicht polarisierendem material. Im übrigen gilt tucholsky: was darf satire? Alles

    • Im Übrigen sollte sich Erdogan bei Frau Kraft entschuldigen, weil beim heutigen Champions League – Spiel Dortmund – Istanbul irgendwelche türkische Idioten Feuerwerk in den Dortmunder Fanblock geworfen haben.

  3. ich finde durchaus nicht, dass sich irgendwer entschuldigen sollte. die einzig richtige antwort findet sich ja in der FAZ von heute 5.11. Dort antworten – meiner Meinung nach zutreffend – Greser und Lenz. Dies sind die Autoren dieser Karikatur. Im übrigen finde ich deren Karikaturen oftmals auch als grenzwertig. Diese hier allerdings nicht…..

  4. Grundsätzlich hat der Kommentar ja recht. Es ist weder besonders respektvoll noch besonders klug, demokratisch gewählte Staatsoberhäupter anderer Länder zum Gegenstand von Karikaturen in Schulbüchern zu machen. Ganz sicher würde es in Berlin Befremden auslösen, wenn Frau Merkel in einem türkischen Schulbuch (oder einem spanischen, griechischen, italienischen, englischen) entsprechend abgebildet wäre. Vermutlich hätten wir dann auch reißerische Medienartikel, die es mit Meinungs- oder Kunstfreiheit nicht wirklich genau nehmen.

    Im Falle Erdogans allerdings wäre eine Entschuldigung vielleicht doch das falsche Signal – ganz einfach, weil Erdogan Erdogan ist, der sich ja selbst nicht einmal an juristische Spielregeln, geschweige denn Geschmacksregeln gebunden fühlt.

  5. Die Karikatur ist ja an Harmlosigkeit nicht zu überbieten. Wenn Herr Erdogan glaubt, noch weiter in die deutsche Innenpolitik und nun sogar Bildungspolitik eingreifen zu können, ist das zwar einerseits empörend, es zeigt andererseits aber auch, wie sehr die Unsicherheit der deutschen Regierung gegenüber der Türkei schon zur Anmaßung Erdogans beigetragen hat.

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