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Kongress in Neuss: Wird der Ganztag kaputtgespart? Teilnehmer beklagen „Politik nach Kassenlage“

NEUSS. Ganztag – nicht loszulösen vom Thema Finanzen. Unter diesem Eindruck begann heute im rheinischen Neuss der Bundeskongress des Ganztagsschulverbandes. In die Veranstaltung platzte die von der „taz“ verbreitete Nachricht, dass die Bundesregierung ab 2016 kein Geld mehr für Ganztagsschulen ausgeben wird. Nächstes Jahr werden letztmalig 1,9 Millionen Euro aufgewendet, um ein von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung koordiniertes  Schulentwicklungsprogramm zu finanzieren. Danach sollen sich die Länder wieder allein um ihren Ganztag kümmern.

Der Ganztag bietet Schülern Zeit zur Entfaltung. Foto: Stefan Eissing / Flickr (CC BY-SA 2.0)

Der Ganztag bietet Schülern Zeit zur Entfaltung. Foto: Stefan Eissing / Flickr (CC BY-SA 2.0)

Jährlich 4,3 Millionen Euro hatte der Bund für das Begleitprogramm aufgewendet, nachdem 2009 das noch unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) aufgelegte Vier-Milliarden-Euro-Paket für den ganztagsgerechten Ausbau von Schulgebäuden verbraucht war. Damit wurden in allen Bundesländern sogenannte Serviceagenturen unterhalten. Deren bundesweit 80 Mitarbeiter beraten Schulen und organisieren Fortbildungen.

Mit dem Geld aus Berlin wurde in Deutschland ein „gewaltiges Schulentwicklungspotenzial“ geweckt, wie der Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes, Rolf Richter, nun vor den rund 200 Teilnehmern des Kongresses befand. Tatsächlich besuchen heute mehr als 50 Prozent der Schüler eine Ganztagsschule. Allerdings rückt zunehmend die Frage nach der Qualität in den Vordergrund. Tatsächlich, so wurde bei einer Podiumsdiskussion am Abend des ersten von drei Veranstaltungstagen deutlich, wird insbesondere die personelle und sachliche Ausstattung des offenen Ganztags (bei dem die Kommunen als Schulträger weitaus stärker in der Pflicht sind als beim weitgehend vom Land finanzierten gebundenen Ganztag) von der jeweiligen Kassenlage vor Ort bestimmt – in armen Städten und Gemeinden sind Personalbestand und Lernmittel dann eben dürftig. Standards fehlen. Ein Unding, wie Richter befand.

Wie sehr beim Ausbau des Ganztags aufs Geld geschaut wurde, machte ein Vertreter des Schulministeriums Nordrhein-Westfalen deutlich, in dem er auf eine kaum bekannte Studie der Unternehmensberatung Prognos verwies. Die hatte die Landesregierung in Auftrag gegeben. Danach besteht – nicht überraschend – ein positiver Zusammenhang zwischen Ganztagsbetreuung und Erwerbstätigkeit der Mütter. „So entsteht langfristig ein fiskalischer Nutzen durch höhere Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen, der die Kosten des Betreuungsausbaus übersteigt“, heißt es in der Untersuchung. Allerdings: Es dauert mindestens 15 Jahre, bis sich die Investition rechnet. Und: Der Nutznießer ist vor allem der Bund – und nicht die Länder und ihre Kommunen, die die Betriebskosten des Ganztags tragen. Insbesondere für die Städte und Gemeinden ergeben sich immense Zusatzkosten, die nicht durch spätere Zusatzeinnahmen gedeckt werden können. Sie zahlen drauf. Nordrhein-Westfalen hat gleichwohl eine vergleichsweise hohe Ganztagsquote; sie liegt im Primarbereich bei 90 Prozent.

„Wir können die Qualität nicht aufrecht erhalten, wenn das Geld gekürzt wird“, sagte Verbandschef Richter. Er sieht die Länder in der Verantwortung, nicht nur für Lehrerstellen zu bezahlen. Bei der pädagogischen Arbeit im Ganztag, so seine Erfahrung als Schulleiter, sei die Einbeziehung von Sozialpädagogen und anderen verwandten Berufen besonders wertvoll. Dass aber nicht nur auf der Angebotsseite – sondern auch bei den Nachfragern, den Eltern – das Geld eine große Rolle spielt, machte Andrea Spude, stellvertretende Vorsitzende des Bundeselternrats, deutlich. Sie berichtete, dass es in vielen Familien schlicht eine wirtschaftliche Notwendigkeit sei, dass beide Elternteile arbeiteten. Und dass die Ganztagsschule für diese Familien die einzige Möglichkeit sei, ihre Kinder betreuen zu lassen.

Immerhin: Für Forschungsprojekte, die die Entwicklung des Ganztags in den Blick nehmen, wolle das Bundesbildungsministerium weiterhin Geld ausgeben, meldet die „taz“. News4teachers

Zum Bericht: Aktionsrat Bildung fordert mehr Ganztagsschulen – aber echte

2 Kommentare

  1. Heutzutage wird _alles_ nach Kassenlage gemacht, beispielsweise Deputaterhöhung in Niedersachsen, seit G8 haben die Gymnasien in NRW einen extremen Personalüberhang, Förderschulen sind entbehrlich, die billigste Reinigungsfirma bekommt den Auftrag (und die Lehrer müssen selber putzen), der billigste Caterer bekommt den Auftrag (und das Mensaessen ist ungenießbar) usw.

  2. Die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ durch Ganztagskitas und -schulen halte ich weiterhin für eine durchsichtige Schimäre von Politik und Wirtschaft.
    Jesper Juul, der dänische Erziehungsexperte, hebt die Bedeutung der Familie für ein gesundes Aufwachsen der Kinder in seinem aktuellen Interview bei n4t ebenfalls hervor, indem er sagt: „Natürlich ist Schule für das Wohlergehen der Schüler verantwortlich. Weder die Schule noch die Lehrkräfte können Schülern allerdings das gewährleisten, was sie für ein gutes Leben brauchen. Diese Verantwortung liegt bei den Familien…“
    Erstaunlich, dass auf den Seiten des wirtschaftlich orientierten Deutschen Arbeitgeberverbandes, der sich normaler Weise stark macht für eine volle Erwerbstätigkeit von Müttern und eine dementsprechende staatliche Rundum-Betreuung der Kinder kürzlich dieser Artikel des Jugendforschers Martin Voigt zu lesen war:
    http://www.deutscherarbeitgeberverband.de/aktuelles/2014_11_22_dav_ aktuelles_Familienstruktur.html

    Falls der Link nicht funktioniert, hilft Google weiter unter dem Suchbegriff „Deutscher Arbeitgeber Verband „familiär und kulturell entwurzelt“.

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