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Diagnose Depression – immer mehr Schüler betroffen

LEIPZIG. Jeder 20. Jugendliche erkrankt bis zum 18. Lebensjahr an einer Depression. Etwa jeder siebte davon verstirbt an Suizid. Die Ursachen sind oft unklar. Die Zahl der Betroffenen steigt.

Ein zarter Händedruck, ein schüchterner Blick. Nur leise kommen die Worte aus Annabels* Mund. «Vor zwei Jahren hat es angefangen. Ich hatte keine Lust zu nichts, wollte nur im Bett liegen. Ich war sehr traurig.» Annabels Körper ist abgewandt. Nur ein kurzer Augenkontakt, dann huscht ihr Blick zu Boden. Ein unsicheres Lachen. Dann Stille.

Hinsichtlich der Häufigkeit von Depressionen sind keine geschlechtspezifischen Unterschiede zu erkennen. Foto: Angelique / flickr (CC BY-ND 2.0)

Hinsichtlich der Häufigkeit von Depressionen sind keine geschlechtspezifischen Unterschiede zu erkennen. Foto: Angelique / flickr (CC BY-ND 2.0)

Annabel ist 14 Jahre alt und depressiv. Heute wissen es ihre Mitschüler, besten Freunde und ihre Mutter. Ihr hat sich Annabel erst spät anvertraut. «Am Anfang habe ich ihr Verhalten auf die Pubertät geschoben. Doch irgendwann waren die Stimmungsschwankungen nicht mehr normal», berichtet die Leipzigerin. Vor einem Jahr haben Mutter und Tochter dann professionelle Hilfe gesucht. Seitdem steht die Diagnose Depression.

Nach einer Studie der Leuphana Universität Lüneburg klagt knapp ein Drittel der Schüler zwischen elf und 18 über psychische Probleme in der Schule. Bei immer mehr Kindern und Jugendlichen wird mittlerweile eine Depression diagnostiziert, wie Statistiken zeigen. Danach leidet jeder 20. Jugendliche bundesweit an einer Depression. Schaut man auf die stationären Klinikaufenthalte, hat sich die Zahl sogar versechsfacht. Das Statistische Bundesamt zählte im Jahr 2000 noch 2145 Fälle in Deutschland. Zwölf Jahre später wurden 12 567 Jugendliche wegen einer Depression stationär behandelt. Auch Annabel war fünf Monate lang in einer Tagesklinik.

Der Kinder- und Jugendpsychologe Prof. Martin Holtmann vom Universitätsklinikum Hamm erklärt sich diesen Anstieg nicht allein mit einer verbesserten Diagnostik und größerer Bereitschaft, sich mit dieser Krankheit auseinanderzusetzen. «Auch höhere Leistungsanforderungen in der Schule sowie Veränderungen im Familienbild können eine Depression begünstigen», sagt Holtmann. Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) verweist auf das frühere Eintreten der Pubertät, das die Wahrscheinlichkeit einer Depression wiederum erhöht.

Eltern und Lehrer sollten rechtzeitig für die Probleme sensibilisiert werden, meinen Experten. Auch Gespräche mit betroffenen Eltern können dazu beitragen, die Symptome einer Depression rechtzeitig zu erkennen und einer Verfestigung der Probleme vorzubeugen. Was genau eine Depression auslöst, lässt sich aber selten herausfinden. Oftmals ist es ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Das könne von Stress in der Schule bis zur Trennung der Eltern reichen, so Holtmann. Auch Annabel kennt die Gründe für ihre Depression nicht genau. «Schulisch und persönlich» flüstert sie. Mehr verrät die Realschülerin nicht.

Ihre Mutter ist ratlos: «Ich sage ihr immer wieder, sie muss mir das erklären. Ich kann mich nicht in ihre Lage versetzen.» Doch Annabel schweigt. Sie vertraut sich anderen an. Auch zu ihrem Psychologen musste sie erstmal Vertrauen fassen. Heute geht sie einmal die Woche zu ihm, spricht über ihr Gefühlsleben, über das, was sie belastet. Ab und an ist auch ihre Mutter dabei. Denn die Psychotherapie von Kindern ist auch immer eine Familienbehandlung, weiß Holtmann. Annabels Mutter bleibt dennoch oft hilflos zurück. «Wenn ich denke, jetzt sind wir auf einem guten Weg, dann fällt Annabel wieder in ein Loch.»

Damit umzugehen, fällt beiden schwer, Mutter und Tochter. «Jedes Tief ist anders», sagt Annabel fast entschuldigend. Es fange bei ihr immer mit schlechter Laune an und dann setze es sich fest, versucht sie zu erklären. Manchmal würden schon Schlafstörungen reichen. Sie sind ein Symptom der Krankheit neben Konzentrationsproblemen, Antriebsarmut und vermindertem Selbstvertrauen. «Sie denkt, sie ist nichts wert und alle haben sich gegen sie verschworen», erzählt ihre Mutter fassungslos. Woher diese schweren Gedanken kommen, weiß sie nicht. Sie hat Angst um ihre Tochter, versteht nicht, was in Annabel vorgeht.

Vielleicht könne ihr der Austausch mit ebenfalls betroffenen Eltern helfen, sagt Julia Ebhardt, Projektleiterin von Fideo, einer Internetplattform zum Thema Depression. Auf Fideo (Fighting Depression Online) können Angehörige und Betroffene anonym diskutieren und sich über die Krankheit informieren. «Viele Jugendliche quälen sich mit Themen wie Mobbing, schlechten Schulnoten oder dem Umgang mit ihren Eltern», sagt Julia Ebhardt.

Annabel will sich nicht mit Fremden beraten. Es fällt ihr schwer. «Dafür redet sie mit anderen depressiven Jugendlichen, die sie aus der Therapie kennt. Das gefällt mir gar nicht!», sagt Annabels Mutter. «Ich weiß nicht, worüber sie reden und ob sie sich auf dumme Gedanken bringen», fügt sie hinzu. Dumme Gedanken sind Selbstmord-Gedanken. Nicht selten bei depressiven Jugendlichen, erklärt Kinder- und Jugendpsychologe Holtmann. Annabel ist verstummt. Schüttelt nur abwehrend den Kopf. Ein letztes Lächeln, ein Händedruck und sie huscht in ihr Zimmer. (Friederike Schicht, dpa, News4teachers)

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