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Debatte um die Jugend: „Sie können heute einfach andere Dinge als früher“

KONSTANZ. Ist die Jugend von heute faul, inkompetent und ignorant? Ein Beitrag von Zoologie-Professor Axel Meyer in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, in dem er sich über heutige Studenten bitter beklagt, legt diese Sicht nahe – und hat eine breite Debatte losgetreten. Aus Reihen seiner Hochschule, der Universität Konstanz, bekommt Meyer Gegenwind. Der Asta zeigt sich einem Bericht des „Südkuriers“ zufolge empört. Und Meyers-Dozentenkollege Klaus Schreiner, Professor für Maschinenbau an der Konstanzer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung, meint: Man könne nur ein guter (Hochschul-)Lehrer sein, wenn man seine Studenten auch möge.

Um die Bildung junger Menschen in Deutschland ist - mal wieder - eine Debatte entbrannt. Foto: orangeacid / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Um die Bildung junger Menschen in Deutschland ist – mal wieder – eine Debatte entbrannt. Foto: orangeacid / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Schreiner muss es wissen: 2008 hat er den Landes-Lehrpreis für besonders gute Lehre erhalten. Die Äußerungen seines Uni-Kollegen Meyer wolle er zwar nicht kommentieren. Dass die Studenten heute schlechter seien als vor Jahren, weist Schreiner aber zurück: „Sie können heute einfach andere Dinge als früher. Manches können sie besser, wie Präsentationen oder den Umgang mit digitalen Medien, manches schlechter wie Kopfrechnen oder Rechtschreibung.“ Aus seiner Sicht helfe es nichts, diesen Zustand ständig zu bejammern, sondern man müsse pragmatisch damit umgehen. Aktuell werde an seiner Hochschule beispielsweise an einem Modell gearbeitet, wie man Smartphones besser in Lehrveranstaltungen einbinden kann. „Bei der Wissensvermittlung muss man den Studenten heute stärker entgegen kommen“, meint Schreiner.

„Als ich das gelesen habe, wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll“, sagte Patrick Haiber, Vorsitzender des Allgemeinen Studierenden Auschusses (Asta), mit Blick auf den Beitrag Meyers in der FAZ. „Was uns vor allem stört ist, dass Professor Meyer pauschalierend über alle Studenten her zieht.“ Aus Sicht des Asta sollte sich Axel Meyer auch selbst hinterfragen. Es könne ja zum Beispiel auch sein, dass die schlechteren Leistungen der Studenten auf die mangelnde Fähigkeiten von  Professoren zurückzuführen seien, Wissen zu vermitteln.

Haiber stellt auch das persönliche Engagement in der Lehre von Axel Meyer infrage. „Von seinen Studenten wissen wir, dass er bei seiner eigenen Vorlesung oft nicht da ist und sich stattdessen von seinen Doktoranden vertreten lässt“, so Haiber. Statt der pauschalen Kritik an den Studenten fordert der Asta jetzt eine Debatte über Strukturen in der Lehre: „Der Druck ist für Studenten heute sehr hoch. Man kann sich beispielsweise schon mal fragen, ob es sinnvoll ist, dass, wie in einigen Fächern üblich, sieben Klausuren in wenigen Wochen angesetzt werden“, findet Haiber.

Maschinenbauprofessor und Didaktikexperte Schreiner erlebt in seinem Bereich grundsätzlich engagierte Studenten. „Sie sind konstruktiv und lassen sich auf Experimente ein. Wir pflegen einen intensiven Kontakt, hier an der Fachhochschule sind wir sehr nah dran an den Studierenden“, erklärt er. Wie gebildet ist die heutige Jugend in Deutschland? Auch auf News4teachers wird diese Frage hitzig diskutiert. Hier geht es zum aktuellen Forum dazu.

Meyer hatte in der FAZ – hier geht es zu dem Beitrag – seine Stundenten als faul, inkompetent und ignorant beschrieben. Er schrieb wörtlich: „Unsere Studenten sind auch sonst verwöhnt, denn sie zahlen nicht nur keine Studiengebühren, sondern bekommen auch leicht Bafög, Stipendien sowie andere Zuwendungen und Ermäßigungen. In jeder Hinsicht wird ihnen der Hintern gepudert und mit viel Fürsorge und Verständnis jede Faulheit und Inkompetenz vergeben.” Und: “Geld ist nicht wirklich ein Problem für die meisten Kinder von Helikoptereltern. Trotzdem kauft kaum einer von ihnen das Buch, anhand dessen ich meine Vorlesung plane. Irgendwie scheint es nicht mehr Teil unserer studentischen Kultur zu sein, Lehrbücher zu kaufen.“

Axel Meyer gilt als ausgewiesener Fachmann für Zoologie/Evolutionsbiologie. Er hat in den USA, unter anderem an der Harvard-University gelehrt, und veröffentlicht regelmäßig Beiträge in renommierten Zeitungen. Am 15. Juni erscheint sein Buch „Adams Apfel und Evas Erbe: Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer“.

Zum Kommentar: Das Abitur wird verschenkt? Das wüsste ich aber …

9 Kommentare

  1. Die Jugendlichen können in der Tat andere Dinge als früher, ob sie in der Summe und der Tiefe genausoviel können, kann ich nicht beurteilen. Bezüglich Schulbildung ist es angesichts der immer geringeren Anforderungen sicherlich weniger, zumindest aber weniger tief.

  2. Ich habe vor 30 Jahren Abitur gemacht. Da gab es eine Aufgabe: Analysiere die vorliegende Parabel von Kafka. 4 Stunden Zeit. Genauso kriterienlos dann die Bewertung. Kommentarlos 2-, hätte wohl auch 2+ oder 3- genannt werden können. In Biologie gabs Vererbungslehre, gesprächsweise zu entwickeln. Easy. In Mathematik Quadratische Funktionen (na ja, nicht nur), die heute in 10, teils in 9 auf dem Programm stehen. In Sport gabs für einen Tischtennisvereinsspieler wie mich eine sichere 1 (die rein gar nichts mit Schulunterricht zu tun hatte), denn auch die Basketballprüfungen waren absolut machbar. In meinen Abiturprüfungen heutzutage geht es so billig nicht zu- insofern halte ich die Rede von “geringeren Anforderungen” für ein Gerücht. Die radikale Kompetenzorientierung sorgt dafür, dass sehr, sehr kleinschrittig Leistung gemessen wird, auch vermeintlich banale Dinge werden da bepunktet. Das darf man aber nicht generell mit Niveaulosigkeit verwechseln. Die Anforderungsprofile im Zentralabitur NRW jedenfalls sind in der Summe kaum zu bewältigen. Eine 1 habe ich schriftlich im Abitur seit Einführung der zentralen Prüfungen noch niemals vergeben können, vorher wenigstens ab und zu.

    • ja? dann war das Abi in RP vor 30 Jahren sehr viel schwerer als bei euch – wo ? vielleicht Bremen? Quadratische Funktionen im Abitur? ahaaa?

      • Also, mein Abitur in Schleswig-Holstein ist 26 Jahre her. Es gab 2 Aufgaben. Die leichtere der beiden wäre heute eine schwere Abituraufgabe, die damals schwerere nur von den 1er-Schülern teilweise zu schaffen.
        Da kann ich mir kaum vorstellen, dass in NRW quadratische Gleichungen einen zentralen Teil des Abiturs ausgemacht haben.

        In Mathematik sind heute die zentralen Aufgaben aus NRW im Vergleich zu Schleswig-Holstein sicherlich nicht schwerer, aber auch nicht erheblich leichter. Sollte also NRW das Niveau angezogen haben, dann war das Niveau vor 30 Jahren dort einfach schwach.

    • es gab mal einen test, dass eine 9. klasse biologie-abiaufgaben aus dem zentralabitur nrw bestehen konnte ohne eine minute oberstufenunterricht gehabt zu haben. beim vergleich mit aufgaben von vorher haben alle Schüler (verständlicherweise) versagt.

  3. Milch der frommen Denkungsart

    Digitale Medien- und Präsentationskompetenz zeichne heute also das Gros unserer Schüler aus – wenn’s denn wahr wäre !
    Tatsächlich erschöpfen sich diese vorgeblichen
    Kenntnisse leider allzu oft im Konsum diverser
    Spiele und Videoclips bzw. in einem unstruk-
    turierten Ragout an dürrem Text versetzt mit kommentarlos an die Wand geworfenen Bildern,
    das sich als inhaltsschwaches Sumpfgebiet ent-
    puppt, sobald man in die Tiefe bohrt – wenn es zugegeben auch hier, wie stets, davon abstechen-
    de Perlen gibt.
    Also bitte keine relativierende Schönfärberei !

  4. Zur allgemeinen Debatte wiederhole ich mich gerne immer wieder: Eine generelle Kritik an den Abiturienten ist völlig unangebracht. Es gibt nur zu viele davon und zwar diejenigen (geschätzt 30%), die früher niemals Abitur gemacht hätten und heute nicht studierfähig sind.

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