Startseite ::: Titelthema ::: FDP-Umfrage: Großteil der Eltern an Inklusionsschulen sieht Probleme in der Praxis

FDP-Umfrage: Großteil der Eltern an Inklusionsschulen sieht Probleme in der Praxis

DÜSSELDORF. Das Projekt Inklusion an Schulen bekommt Zustimmung von Elternseite – grundsätzlich jedenfalls. Bei der Umsetzung jedoch, das sehen die Eltern auch, hapert es. Ein Großteil der Elternvertreter klagt über «erhebliche Probleme» in der Praxis, dies hat eine Umfrage in Nordrhein-Westfalen ergeben. Lehrerverbände fühlen sich bestätigt.

Nur nicht unterschätzen: Kind mit Down-Syndrom. Foto: Andreas-photography / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Nur nicht unterschätzen: Kind mit Down-Syndrom. Foto: Andreas-photography / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Die Elternvertreter an den Schulen mit Inklusion in Nordrhein-Westfalen sehen laut einer Umfrage Probleme in der Umsetzung des Projekts. «Die vorgefundenen Rahmenbedingungen werden in vielen Bereichen für unzureichend gehalten», sagte der Berliner Prof. Bernd Ahrbeck am Dienstag in Düsseldorf. Fast 90 Prozent der Befragten stellten erhebliche Probleme fest. Jedoch befürworteten 80 Prozent im Kern den Wandel hin zum gemeinsamen Lernen von Behinderten und Nichtbehinderten. Die FDP-Fraktion im Düsseldorfer Landtag hatte die Studie in Auftrag gegeben.

Das Team des Forschers am Institut für Rehabilitationswissenschaften an der Humboldt-Universität hatte die Elternvertreter aller 2746 Inklusionsschulen in NRW angeschrieben; ein knappes Viertel oder 645 antworteten. Teils werden an den Schulen seit Jahren behinderte und nichtbehinderte Kinder zusammen unterrichtet, teils erst seit dem Schuljahr 2014/15. Seitdem gilt ein Rechtsanspruch auf gemeinsamen Unterricht.

Insgesamt hätten die Elternvertreter eine positive Haltung zum «Gemeinsamen Lernen», sagte Ahrbeck. Nach Einschätzung von knapp drei Viertel der Befragten gelinge aber der Umsteuerungsprozess meist nicht zufriedenstellend und das eingeschlagene Tempo werde als unangemessen eingeschätzt. Die Eltern bemängelten unter anderem, dass keine oder nicht ausreichend zusätzliche Lehrer und Sonderpädagogen eingestellt wurden und dass Räume nicht umgebaut wurden.

Der stellvertretende Vorsitzende der FDP-Landtagsfraktion Joachim Stamp bemängelte, der Inklusionsprozess sei überstürzt worden. «Tempo war wichtiger als Qualität», sagte er. Die Verantwortung könne nicht auf die Schulen abgeschoben werden.

Die Lehrerverbände Lehrer nrw und Verband Bildung und Erziehung (VBE) erklärten, sie fühlten sich durch die Ergebnisse bestätigt in ihrer Kritik. «Die Umsetzung der Inklusion in den Schulen hängt noch immer weit hinter den von der Landesregierung geweckten Erwartungen hinterher», erklärte Udo Beckmann, der VBE-Vorsitzende in NRW. Die Sorgen der Eltern und der Lehrkräfte seien in vielen Punkten deckungsgleich.

Lehrer nrw teilte mit, es gebe immer wieder Berichte aus Schulen, wonach Unterrichtsstunden wegen auffälligen Verhaltens einzelner Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf komplett aus dem Ruder liefen. «Oft ist dann der zuständige Sonderpädagoge in einer anderen Klasse oder in einer anderen Schule unterwegs – oder schlicht nicht vorhanden», berichtete der Lehrerverband.

Die Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh stellt am morgigen Mittwoch eine Studie zum Thema Schule und Inklusion vor. Die Wissenschaftler haben dazu deutschlandweit repräsentativ über 4300 Eltern von schulpflichtigen Kindern nach ihrer Meinung zum gemeinsamen Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung befragt. 2009 hatte sich Deutschland mit der Ratifizierung einer UN-Konvention verpflichtet, Schüler mit und ohne Handicap gemeinsam zu unterrichten. Im Schuljahr 2013/2014 besuchten rund 30 Prozent der knapp 500 000 Förderschüler in Deutschland eine Regelschule. Vor sieben Jahren lag der Inklusionsanteil noch unter 20 Prozent. dpa

Zum Bericht: „Keine Lust auf Schüler mit Behinderung“: Inklusionsbefürworter gehen auf Lehrer los

 

4 Kommentare

  1. Überraschung !!!!

  2. mehrnachdenken

    „Das Team des Forschers am Institut für Rehabilitationswissenschaften an der Humboldt-Universität hatte die Elternvertreter aller 2746 Inklusionsschulen in NRW angeschrieben; ein knappes Viertel oder 645 antworteten. Teils werden an den Schulen seit Jahren behinderte und nichtbehinderte Kinder zusammen unterrichtet, teils erst seit dem Schuljahr 2014/15. Seitdem gilt ein Rechtsanspruch auf gemeinsamen Unterricht.“

    Knapp 25% haben geantwortet. Es gibt genug Eltern, die das Förderschulsystem befürworten? Haben die auch geantwortet?
    Wie aussagekräftig ist diese Umfrage überhaupt?

    Zumindest soll sie suggerieren: Stimmen die Rahmenbedingungen, klappt die Inklusion. Das zweifle ich ja ganz stark an.

    • Zumindest soll sie suggerieren: Stimmen die Rahmenbedingungen, klappt die Inklusion. Das zweifle ich ja ganz stark an.

      ich formuliere es anders: stimmen die Rahmenbedingungen, könnte die Inklusion klappen. wobei sich die optimalen Rahmenbedingungen vom aktuellen förderschulsystem aus meiner sicht nicht wirklich unterscheiden

      • Doch, der entscheidende Unterschied wäre, die regelschüler kämen in den Genuss der bedingungen, die an Förderschulen gegeben sind. Mir fallen da ein, bessere Ausstattung, kleinere Klassen, bessere Schüler-Lehrer-Relation etc.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*